Die Ausnahme

Oktober 1943: Wie die dänischen Juden mithilfe ihrer Mitbürger der Vernichtung entkamen.
 
 
Blessing (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. September 2013
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  • 592 Seiten
 
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978-3-641-12132-7 (ISBN)
 
Ein Lehrstück über Zivilcourage und Widerstand im Dritten Reich

Was wäre gewesen, wenn? Wenn Beamte sich den Dienstanweisungen zur Durchführung der "Endlösung" verweigert hätten? Wenn politische und geistliche Verantwortungsträger die Verfolgten als Mitbürger und nicht als "die Juden" betrachtet hätten? Wenn Menschen im Haus nebenan und dem Nachbarland Zivilcourage ausnahmslos höher geschätzt hätten als ihre eigene Sicherheit?

In Dänemark - am 1. Oktober 1943 - war das Unmögliche für einen kurzen und in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs beispiellosen Moment möglich. Ein deutscher Diplomat verriet die Order zur Deportation der jüdischen Dänen und Flüchtlinge, kirchliche Gemeinden verbreiteten die Warnung wie ein Lauffeuer, im Nachbarland Schweden bereitete man sich - vom Ministerpräsidenten bis zum einfachen Ferienhausbesitzer - auf die Ankunft Tausender Flüchtlinge vor, unzählige Menschen halfen dabei, ihren Mitmenschen diese Flucht zu ermöglichen, und deutsche Wachsoldaten schauten weg. So konnten sich über neunzig Prozent der Juden in Dänemark in Sicherheit bringen.

Die Flucht der dänischen Juden, von Beobachtern, Historikern und Überlebenden als "Wunder", "Zeichen von Größe" und "einmaliger Vorgang in der Geschichte der 'Endlösung'" beschrieben, ist ein von der deutschen Öffentlichkeit kaum beachtetes Stück Zeitgeschichte. Und ein bewegendes Zeugnis davon, was hätte sein können.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Blessing
  • 5,08 MB
978-3-641-12132-7 (9783641121327)
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1

SONNTAG, 26. SEPTEMBER:

Der letzte Tag der Vergangenheit

Sonntagmorgen in Schloss Sorgenfri

Es regnete heftig an diesem Sonntagmorgen. Kein gutes Zeichen. König Christian hatte Geburtstag, deshalb pendelten sogar die Straßenbahnen mit kleinen aufgesteckten Fähnchen durch die Stadt. Doch der König ritt an diesem Tag nicht durch das besetzte Kopenhagen, trotzig, wie er es sich allmorgendlich zur Gewohnheit gemacht hatte, um zu zeigen, dass es noch so etwas wie Normalität gab. Seit einem Reitunfall im Vorjahr, und seit seiner mehr oder weniger freiwilligen Gefangenschaft in der königlichen Sommerresidenz Sorgenfri, hatte er an keinen traditionellen Festivitäten mehr teilgenommen. Für die Dänen war König Christian nicht nur die Personifizierung ihrer Hoffnung auf Freiheit, er war auch das Symbol von Würde - der Würde, die nach Ansicht so vieler Bürger mit Füßen getreten worden war, als die Regierung am 9. April 1940 beschlossen hatte, den Überfall der Deutschen kampflos hinzunehmen. Irgendwie war es dem König gelungen, erhaben zu bleiben über alle politischen Niederungen, obwohl er loyal jeden Schritt unterstützt hatte, den die Koalitionspolitiker gegangen waren, um das Land unter deutscher Besatzung weiterregieren zu können, und jede Aktion mitgetragen hatte, mit der das Volk von einem bewaffneten Widerstand und Sabotageakten abgehalten werden sollte. Er war zum Inbegriff der Einstellung seines Volkes geworden: Ja, wir haben uns der Besetzung gebeugt, aber wir haben uns nicht unterworfen. Hinter der formell gewahrten Höflichkeit zeigten König wie Volk den deutschen Besatzern in stiller Verachtung »die kalte Schulter«, wie sie sagten, und stellten sicher, dass niemand die Eindringlinge wie Gäste behandelt würde.

Mittlerweile konnte der König auf zehn schwierige Jahre zurückblicken, doch wenn er nach vorn blickte, war die Aussicht noch trüber. Für ihn gab es nur einen einzigen Trost: das Land war geeint geblieben. In seinen jüngeren Tagen, als der Erste Weltkrieg in Europa gewütet und Dänemark schwer darum zu kämpfen gehabt hatte, an seiner Neutralität festzuhalten und sich vom Vernichtungskrieg fernzuhalten, war die Lage eine ganz andere gewesen: Die politischen Parteien waren zutiefst gespalten gewesen, und das Land hatte seine fragile Neutralität nur wahren können, indem es Handel mit beiden Seiten trieb. Nach dem Krieg hatte König Christian mit ansehen müssen, wie Monarchien in ganz Europa stürzten, der russische Zar, der deutsche Kaiser, beide Freunde und Verwandte. Und wodurch wurden sie ersetzt? Durch Revolutionen und soziale Unruhen. Um die Osterzeit 1920 stand auch Dänemark am Rande einer Revolution. Nur dank der Intervention von Thorvald Stauning, dem Vorsitzenden der Sozialdemokraten, war es noch möglich gewesen, die Lage zu stabilisieren. Später wurde Stauning Ministerpräsident und sollte das Land mit starker Hand von 1929 bis zu seinem Tod 1942 regieren, somit auch in den kritischen Jahren, als die Weltwirtschaftskrise alles hinwegfegte und sich im Süden der dänischen Grenze ein Sturm zusammenbraute. Als Dänemark 1940 besetzt wurde, war er es, der die Reihen der politischen Parteien so eng geschlossen hielt, dass die Besatzungsmacht keine Chance auf ein »Teile und Herrsche« hatte. Im Mai 1942 starb Stauning erschöpft und depressiv im Alter von neunundsechzig Jahren. Aber die Politiker blieben geeint, auch nachdem das Kabinett am 29. August 1943 geschlossen seine Arbeit niedergelegt hatte.

Dänemark und der Nationalsozialismus

Die dänische Regierung hatte die nationalsozialistische Flutwelle im benachbarten Deutschland von Beginn an mit großer Sorge beobachtet. Und die hatte sich natürlich in Schrecken verwandelt, als Hitler 1933 an die Macht kam und sich lautstarker Antisemitismus in ganz Deutschland breitmachte. Die dänische Mitte-Links-Koalition verständigte sich schnell auf einen zurückhaltenden Kurs gegenüber dem Nachbarn und beschloss, jede Aktion zu vermeiden, mit der sich Hitlers zunehmend bedrohliches »Drittes Reich« zu Recht oder Unrecht provoziert fühlen konnte. Das heißt, die Regierung hielt weitmöglichst still und forderte die Bürger auf, es ihr gleichzutun: Lieber nicht provozieren, lieber verhindern, dass das Naziregime auch nur den kleinsten Vorwand für eine Aktion gegen das neutrale Dänemark finden würde. Gleichzeitig tat die Koalition aus der kleinen Liberalen und der großen Sozialdemokratischen Partei jedoch wild entschlossen alles nur Denkbare, um dem zuvorzukommen, was sie noch mehr fürchtete als Deutschland - dass Totalitarismus auch in der dänischen Gesellschaft Fuß fassen könnte. Weil man wie gesagt von Anfang an verstanden hatte, wie eng verwandt Nationalsozialismus, Kommunismus und Faschismus waren und wie sehr alle drei im Widerspruch standen zur Demokratie und den humanistischen Werten, die das Fundament einer demokratischen Gesellschaft sind, machte die Regierung auf beeindruckende Weise politisch und moralisch mobil. Sie wollte jeden einzelnen Dänen wachrütteln, wollte einem jeden klarmachen, was solche Ideologien nach sich ziehen, wollte das ganze Land geschlossen um die demokratischen und humanistischen Ideale zusammenscharen, die die Essenz der dänischen Volksgemeinschaft sind.

Und wie gesagt lag für die dänische Regierung auch klar auf der Hand, dass den Nationalsozialisten die Machtübernahme in Berlin nur gelungen war, weil sie es erfolgreich verstanden hatten, ihre Ideologien zu einem Synonym für die Genesung Deutschlands von den menschlichen und sozialen Katastrophen des Ersten Weltkriegs und von den erniedrigenden Bedingungen zu machen, die die Siegermächte dem Land auf der Friedenskonferenz von Versailles aufgezwungen hatten. Die NSDAP hatte den deutschen Patriotismus zu ihren Gunsten mobilisiert, und damit war es ihr gelungen, eine gewaltige Volksmacht vor den eigenen Karren zu spannen und ihre Kontrolle über die gesellschaftlichen Institutionen zu legitimieren. Die dänischen Politiker wollten um jeden Preis verhindern, dass etwas Ähnliches im eigenen Land geschehen würde. Deshalb kehrten sie den Mechanismus taktisch um, mobilisierten die patriotischen Kräfte Dänemarks zur Verteidigung der Demokratie und nahmen der Dänischen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei so zugleich die Möglichkeit, sich als die patriotische Alternative zu einer »schwachen« und »unentschlossenen« demokratischen Regierung darzustellen.

Dieser Logik gemäß hatte die Regierungskoalition bereits 1933 ganz bewusst begonnen, ihrerseits nun »das Dänische« und »das Demokratische« rhetorisch zu verschmelzen: Ein guter patriotischer Däne war, wer totalitären Ideologien Widerstand leistete und den parlamentarischen Staat, die Demokratie und den Humanismus verteidigte. Mit dieser Taktik, und mit der Erklärung, dass die nationalpolitische Plattform viel zu stark sei, um der extremen Rechten überlassen werden zu können, gelang es den Sozialdemokraten peu à peu sogar, ihre beiden innenpolitischen Hauptgegner, die Konservativen und die Bauernpartei, zu überzeugen. Beide schlossen sich ihren Argumenten schließlich an.

Auch die »Judenfrage« war ein Glied in dieser Argumentationskette. Ungeachtet ihrer bedächtigen Beschwichtigungspolitik gegenüber dem »Dritten Reich« war der dänischen Regierung schnell klar geworden, dass es eine Grenze gab, die sie nicht überschreiten konnte und würde. Würde Dänemark sich auf eine Abgrenzung seiner jüdischen von »dänischen« Bürgern einlassen, geriete sie sofort auf die schiefe Bahn und brächte eine tragende Säule der Demokratie des Landes und somit von allem, was »dänisch« war, zum Einsturz. Aus Sicht der Regierung gab es wie gesagt überhaupt keine »Judenfrage«. Solches Gerede wurde von Leuten geschürt, die bewusst und zu einem ganz bestimmten Zweck Zwietracht schüren wollten. Gewiss, auch in Dänemark wurden hie und da unverblümte antisemitische Vorurteile laut, doch je endemischer die Diskriminierung und Verfolgung der Juden in Deutschland wurde, umso entschlossener versuchten die dänischen Regierungspolitiker zu verhindern, dass der Rassismus auch in ihrem Land Einzug halten konnte.

Die Koalitionsregierung und die parlamentarische Opposition wehrten jeden Versuch ab, dem Antisemitismus Eingang in die Politik zu verschaffen oder auch nur den Begriff »Judenfrage« zu etwas allgemein Akzeptablem zu machen. Als der konservative Abgeordnete Victor Pürschel, der offene Sympathien für die Nazis hegte, im März 1938 während einer Parlamentsdebatte erklärte, »Dänemark ist immerhin das Vaterland der Dänen, und wir sind es, denen als einzigen das Recht gebührt, hier zu leben«, löste er heftigste Reaktionen aus. Der Sprecher der Sozialdemokraten zerpflückte Pürschels Rhetorik erbarmungslos, malte deren Folgen aus und verdeutlichte, weshalb Pürschel hier nicht etwa gute alte dänische Werte verteidigte, sondern die Bösartigkeiten von Antisemitismus und Nazismus in die politische Debatte einzubringen versuchte. Victor Pürschel war geschlagen, die Reihen der vereinigten Front gegen den Nazismus waren noch fester geschlossen.

Nach der »Reichskristallnacht« am 9. November 1938, als die Gewalt gegen Juden in Deutschland systematisiert wurde, legte der dänische Justizminister Steincke dem Parlament neue Bestimmungen vor, die sich gegen jeden richteten, »der durch die Verbreitung falscher Gerüchte oder Anschuldigungen Hass gegen eine dänische Bevölkerungsgruppe aufgrund von deren Glauben, Abstammung oder Volkstum schürt«. Als die Opposition die Notwendigkeit eines solchen »Judengesetzes« daraufhin infrage stellte, zitierte...

"Es ist ein Sachbuch gewiss, doch spannend wie ein Thriller."
 
"In seinem Buch wird Geschichte lebendig ... Lidegaard hat ein lesenswertes Buch vorgelegt."

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