Blumenberg

Roman
 
 
Suhrkamp Verlag AG
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. September 2011
  • |
  • 220 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76310-0 (ISBN)
 
Groß, gelb, gelassen: mit berückender Selbstverständlichkeit liegt eines Nachts ein Löwe im Arbeitszimmer des angesehenen Philosophen Blumenberg. Die Glieder bequem auf dem Bucharateppich ausgestreckt, die Augen ruhig auf den Hausherrn gerichtet. Der gerät, mit einiger Mühe, nicht aus der Fassung, auch nicht, als der Löwe am nächsten Tag in seiner Vorlesung den Mittelgang herabtrottet, sich hin und her wiegend nach Raubkatzenart. Die Bänke sind voll besetzt, aber keiner der Zuhörer scheint ihn zu sehen. Ein raffinierter Studentenulk? Oder nicht doch viel eher eine Auszeichnung von höchster Stelle - für den letzten Philosophen, der diesen Löwen zu würdigen versteht? Das Auftauchen des Tieres wirkt in mehrerlei Leben hinein, nicht nur in das Leben Blumenbergs. Ohne es zu merken, gerät auch eine Handvoll Studenten in seinen Bann, unter ihnen der fadendünne Gerhard Optatus Baur, ein glühender Blumenbergianer, und die zarte, hochfahrende Isa, die sich mit vollen Segeln in den Falschen verliebt. »Blumenberg« ist nur nebenbei eine Hommage an einen großen Philosophen, vor allem ist es ein Roman voll mitreißendem Sprachwitz, ein Roman über einen hochsympathischen Weltbenenner, dem das Unbenennbare in Gestalt eines umgänglichen Löwen begegnet.

Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie, nach längeren Aufenthalten in Buenos Aires und Paris, heute lebt. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Buchhalterin in einer Werbeagentur. Sie veröffentlichte Radiofeatures, Hörspiele und Essays. Für Pong erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Es folgten die Romane Der Höfliche Harald (1999), Montgomery (2003) und Consummatus (2006). Der Roman Apostoloff wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2013 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Blumenberg (2011) stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien der Band Vom Guten, Wahren und Schönen, der die 2011 in Frankfurt und in Zürich gehaltenen Poetikvorlesungen versammelt. 2009 gestaltete Sibylle Lewitscharoff eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach zum Thema »Der Dichter als Kind«; in ihren Papiertheater-Arbeiten befaßt sie sich mit Clemens Brentano, Johann Wolfgang Goethe, Gottfried Keller, Karl Philipp Moritz und Friedrich Schiller.

Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste. 2013/14 verbrachte sie ein Jahr als Stipendiatin in der Villa Massimo in Rom, danach war sie Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

  • Deutsch
  • 1,21 MB
978-3-518-76310-0 (9783518763100)
3518763105 (3518763105)
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Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie, nach längeren Aufenthalten in Buenos Aires und Paris, heute lebt. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Buchhalterin in einer Werbeagentur. Sie veröffentlichte Radiofeatures, Hörspiele und Essays. Für Pong erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Es folgten die Romane Der Höfliche Harald (1999), Montgomery (2003) und Consummatus (2006). Der Roman Apostoloff wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2013 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Blumenberg (2011) stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien der Band Vom Guten, Wahren und Schönen, der die 2011 in Frankfurt und in Zürich gehaltenen Poetikvorlesungen versammelt. 2009 gestaltete Sibylle Lewitscharoff eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach zum Thema »Der Dichter als Kind«; in ihren Papiertheater-Arbeiten befaßt sie sich mit Clemens Brentano, Johann Wolfgang Goethe, Gottfried Keller, Karl Philipp Moritz und Friedrich Schiller.

Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste. 2013/14 verbrachte sie ein Jahr als Stipendiatin in der Villa Massimo in Rom, danach war sie Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Der Löwe I

Blumenberg hatte gerade eine neue Kassette zur Hand genommen, um sie in das Aufnahmegerät zu stecken, da blickte er von seinem Schreibtisch auf und sah ihn. Groß, gelb, atmend; unzweifelhaft ein Löwe. Der Löwe sah zu ihm her, ruhig sah er zu ihm her aus dem Liegen, denn der Löwe lag auf dem Bucharateppich, in geringem Abstand zur Wand.

Es mußte ein älterer Löwe sein, vielleicht nicht mehr ganz bei Kräften, aber mit der einzigartigen Kraft begabt, da zu sein. Das erkannte Blumenberg zumindest auf den zweiten Blick, während er noch um Beherrschung rang. Nur nicht die Fassung verlieren, gerade in diesem Falle nicht, sagte sich Blumenberg, vielleicht geriet der Satz weniger korrekt, obwohl Blumenberg auch beim Finden von Sätzen im Kopf eine eiserne Disziplin zu wahren pflegte, weil er sich daran gewöhnt hatte, geordnet und nicht etwa überstürzt sich Sätze zurechtzulegen, und zwar fast so geordnet, wie er gemeinhin sprach, ob er nun ein empfangsbereites Aufnahmegerät vor sich hatte oder die Ohren eines Kindes.

Blumenberg wußte sofort, daß hier viel falsch zu machen war und nur eines richtig: abwarten und die Fassung behalten. Er wußte auch, daß in Gestalt des Löwen eine außerordentliche Ehre ihm widerfuhr, gleichsam eine Ehrenmitteilung der hohen Art war überbracht worden, von langer Hand vorbereitet und nach eingehender Prüfung ihm gewährt. Man traute Blumenberg offenbar zu, daß er in seinem schon etwas höheren Alter leichterdings damit fertig würde.

Kurios war nur, daß vom Löwen gar nichts Undeutliches, Verschwebtes, Löwen- und Luftatomvermischtes ausging; seine Umrisse zitterten nicht im Her und Hin der wellendurchlaufenen Gedanken Blumenbergs; es blitzten keine löwenköpfigen Spiegelneuronen und bewimmelten das kristalline Geflirr einer Halluzination. Der Löwe war da. Habhaft, fellhaft, gelb.

Obwohl er sich selbst ermahnte, ein unerschütterliches Vorbild der Ruhe abzugeben, raste sein Herz. Ein Löwe! Ein Löwe! Ein Löwe!

Natürlich hatte er keine Angst vor ihm. Wie ein entsprungener Zirkuslöwe sah er nicht aus. Zum einen deckte Blumenberg der große schwere Schreibtisch, hinter dem er saß, zum anderen lag dieser Löwe vollkommen ruhig da und gebärdete sich keinesfalls wie ein beunruhigtes entlaufenes Tier oder gar wie ein nervöser Christenfresser. Blumenberg bekam Lust zu sagen: Ich bin katholisch, du kannst mich ruhig fressen, aber er behielt diese Frivolität lieber für sich und sah nun seinerseits mit einer Miene, die abwartende Höflichkeit signalisieren sollte, aber doch ein wenig zu neugierig geriet, auf den Löwen. Vielleicht wirkte es auf den Löwen aufstachelnd, wie er ihn ansah, dachte Blumenberg, denn er wußte um seinen brennenden Blick.

Die bierfarbenen Augen des Löwen musterten ihn unverwandt in versammelter Löwenruhe, das heißt, sie musterten ihn nicht wirklich, sie sahen eher durch Blumenberg hindurch auf etwas, was hinter ihm, vielleicht hinter der Bücherwand, vielleicht hinter der Mauer des Hauses, vielleicht hinter Altenberge und der Stadt Münster im Jahre 1982 in weiter Zeitenferne lag.

Sein Herz klopfte noch immer wie ein außer Kontrolle geratenes Apparätchen.

Mit einem Löwen zu konversieren, das hatte Blumenberg nicht geübt. Bisher hatte es ja keine Gelegenheit gegeben, solches zu tun. Mit seinem geliebten Axel zu sprechen, dem weißhaarigen Collie, war Blumenberg immer leichtgefallen. Axel war ihm auf Schritt und Tritt überall hin gefolgt, ihm in sein fülliges langes Brustfell zu fahren und ihm den Hals zu kraulen war für Blumenberg ein Vergnügen gewesen, während dessen er ganz ungezwungen, fast wie ein kindischer Liebhaber, wie narrisch mit dem Hund gesprochen hatte, wenn auch – gemessen an anderen Hundeliebhabern – bemerkenswert korrekt.

Blumenberg zweifelte, ob mit dem Löwen eine Konversation überhaupt möglich sein würde. Es ging ja nicht hin, daß er nun aufstand, um dem Löwen in die Mähne zu fahren und diese tüchtig zu walken. Der Löwe schien einer zärtlichen Handlung in keiner Weise bedürftig. Obwohl er keine Angst verspürte, war Blumenbergs Respekt vor dem Tier groß.

Der Löwe ist zu mir gekommen, weil ich der letzte Philosoph bin, der ihn zu würdigen versteht, dachte Blumenberg. Bei diesem Gedanken überkam ihn ein flaues Gefühl, er mußte für einen Moment die Augen schließen vor so viel Größe, die ihm von lässiger Hand auf den Teppich gelegt worden war, eine Herausforderung der Nacht, spät, um Viertel nach drei, wie ein Blick auf die Uhr ihm bewies, als er die Augen wieder öffnete.

Weder ein Ruch noch ein Ungeruch ging von dem Löwen aus, der Löwe roch dezent nach Löwe, für jemandes Nase, der Löwen liebte und nach einem Zoobesuch den Löwengeruch zurückzurufen sich mühte, vielleicht gerade noch spürbar. Blumenberg konnte zwar mit Fug von sich behaupten, ein Liebhaber der Löwen zu sein, aber der Löwengeruch hatte ihn bisher nicht gekümmert. Die verwegene und doch nurmehr wie obenhin verschwebende geruchliche Schärfe, die seine Klause zu füllen begann und die in einem Atemzug hereinwehte und beim nächsten sich wieder verlor, erregte Blumenbergs Sinne.

Gedanken bestürmten ihn mit Macht, in nie gekannter Plastizität; es war, als wären alle Laden seines Panzerschranks aufgefahren und die darin verwahrten sechsunddreißigtausendsechshundertsechzig maschinenbeschriebenen Karteikarten flögen daraus wie sprühend hervor, aber nicht in ihrer kartonierten Form, sondern als von den Buchstaben und Vermerken abgelöste und in seinen Kopf hineindrängende Bildhäutchen.

Ruhe bitte. Besonnenheit. An den Nerv eines Bildes, an den Nerv eines Problems kommt man nur heran, wenn man das einzelne Bild, das einzelne Problem geruhsam sich vorlegt und prüft. Wer war der Löwe? Infolge der Abwehr, die er gegen die Bilderflut sich aufzubauen mühte, verspürte Blumenberg eine leichte Überreiztheit.

Agaues falscher Löwe. Die Fabel vom Hoftag des Löwen. Der Löwe des Psalmisten, brüllend. Der aus dem Lande Kanaan für immer verschwundene Löwe. Das Symboltier des Evangelisten Markus. Maria Aegyptiaca und ihr Begleitlöwe. Das fromme Tier des Hieronymus im Gehäus. Wer war der Löwe?

Sein Gedächtnis sollte die Bibel im Schnellauf durchforsten, da doch der Löwe darin seine aufgepflanzten und wieder abgebrochenen Merkzeichen hat; den Befehl dazu gab sich Blumenberg. Aber er mußte sich eingestehen, daß sein Gedächtnis, das normalerweise tadellos funktionierte, besser als bei jedem ihm bekannten Menschen, ausgerechnet jetzt zu einer gründlichen Sichtung des Löwenproblems nicht in der Lage war.

Obwohl erst wenige Augenblicke seit dem Auftauchen des Tieres verstrichen waren, hatte Blumenberg schon Vertrauen zu dem Löwen gefaßt; dabei war noch gar nicht abzusehen, was sich für eine Beziehung zwischen ihnen entwickeln würde, ob von Dauer oder nicht. Erstaunlich, daß ich schon die Hoffnung in mir keimen sehe, unsere Beziehung könnte währen, dachte Blumenberg. Für einen Moment bildete er sich ein, der Löwe, dessen Maul ein wenig nur geöffnet war, lächle.

Sein Alter? Der Löwe war alt, uralt sogar, bestimmt älter, als ein Löwe in der freien Wildbahn je wurde. Blumenberg stellte es mit Bedauern fest. Die Mähne des Tieres, in jungen und mittleren Jahren mochte sie stattlich gewesen sein, jetzt wirkte sie zerrupft. Das Rückgrat trat hervor und sackte ein wenig durch, lange dunkle Tränenrinnen führten von den Augen des Löwen seitlich nach unten; allein, wie er atmete und dabei jedesmal sein Bauch sich verzog, als befiele ihn ein kleiner Krampf, war besorgniserregend.

Der Löwe wird doch nicht gekommen sein, um auf meinem Teppich zu verenden? dachte Blumenberg bestürzt. Höhererseits wollte man ihn foppen und hatte ihm deshalb diesen Rohrkrepierer von einem Löwen geschickt. Rasch, wie er aufgezuckt war, verschwand der Gedanke wieder. Nein, Blumenberg empfand Sympathie für den Löwen, und als er sich dies eingestand, vertraute er sogleich auf die erkenntnisfördernde Kraft der Sympathie. Urplötzlich fühlte er sich in eine anheimelnde Selbstwärme gehüllt, ein Gefühl, das von Selbstüberhebung nur geringfügig sich unterschied. Er war der exemplarische Asket, der seinen Löwen verdient hatte. Nacht für Nacht für Nacht gearbeitet, sagte sich Blumenberg voller Stolz, und der Dank, der ihm jetzt blühte, war der Löwe.

Wie Maria Aegyptiaca sich zu fühlen war ihm unmöglich. Es fehlte die Wüste, es fehlten die Ausschweifungen und Gelage, denen sich diese sehr spezielle Maria früher hingegeben hatte, und natürlich die Umkehr. Blumenberg hatte sich solchen Leibextremismen nie hingegeben, er hatte nicht umkehren müssen, und er war keine Frau. Auch war ihm die Vorstellung unsympathisch, mit ausgedörrten Gebeinen in der Wüste zu liegen, über sich einen Löwen als Grabwächter.

Agaue? Unsinn! Den eigenen Sohn als Löwen mißkennen und ihn zerreißen im bacchantischen Wahn, zu so etwas konnte sich nur eine im wilden Griechenland...

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