Es wird schon nicht das Ende der Welt sein

 
 
cbj (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. September 2011
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06140-1 (ISBN)
 
Eine warmherzige Geschichte über Liebe und Versöhnung

»Es wird schon nicht das Ende der Welt sein.« - Als die Backpackerin Liz als Haushaltshilfe nach Timber Creek kommt, auf eine Farm im australischen Outback, geht erstmal einiges schief. Doch verfärbte Wäsche und verbrannter Toast sind Nichtigkeiten gegen eine schwangere Teenagertochter und den tragischen Unfall, der die Dawson-Familie einfach nicht loslässt.

Der 13-jährige Danny Dawson wehrt sich zunächst mit Händen und Füßen gegen die Neue, die alles durcheinander bringt, doch am Ende ist es die unbekümmerte Liz, die seine Familie aus ihrer Schockstarre reißt ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 0,50 MB
978-3-641-06140-1 (9783641061401)
3641061407 (3641061407)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2


MANCHMAL, WENN MICH ALLE WÜTEND MACHEN, gehe ich in mein Zimmer und setze mich auf Jonnys Bett. Er war fünfzehn, als der Unfall passierte. Da hat alles irgendwie aufgehört. Na ja, nicht richtig aufgehört, aber es war ein bisschen so, wie wenn der Jeep drei platte Reifen hatte oder die Bank anrief oder was anderes schiefging. Immer wenn so was passierte, achteten wir darauf, nicht im Weg zu sein, bis Mum und Dad alles geregelt hatten. Wir machten uns irgendwie unsichtbar, damit sie sich nicht auch noch über uns ärgerten. Bei den meisten Sachen ging das ein paar Stunden so oder auch mal einen ganzen Tag, wenn es was Ernstes war, wie damals, als der Generator kaputtging. Nur bei Jonnys Unfall, da konnten sie es nicht wieder hinkriegen, deshalb blieben wir eine ganze Zeitlang unsichtbar.

Darum wollte ich unser Zimmer genau so behalten, wie Jonny es gern gehabt hatte - so wie er es hinterlassen hatte. Keiner durfte seine Sachen anfassen. Keiner. Mum hat es ein Mal versucht. Ein paar Wochen bevor wir rauskriegten, dass Sissy schwanger war, kam sie in unser Zimmer. Sie wollte sehen, ob ich schmutzige Wäsche hatte, und als sie ein paar Sachen vom Fußboden aufsammelte, sagte sie, sie würde es für eine gute Idee halten, wenn wir anfingen, ein paar von Jonnys Sachen auszusortieren. Keine Ahnung, was sie damit meinte. Da gab es nichts zu sortieren, seine Sachen blieben, wo sie waren, so wie er es gern gehabt hatte. Als ich ihr das erklärte, legte sie die Sachen hin, die sie vom Boden aufgehoben hatte, und sagte, sie meine ja nicht, dass wir irgendwas wegwerfen sollten, nur die Bettwäsche wechseln und ein bisschen aufräumen. Ich bin aufgestanden und hab sie angebrüllt: »Auf keinen Fall.« Mum guckte mich einen Moment lang an, dann hob sie die Hände hoch und ging aus dem Zimmer. Ich glaub, sie wusste, dass ich recht hatte.

Jonnys Unfall passierte etwa sechs Monate, ehe wir das mit Sissy und dem Baby rauskriegten. Dass sie schwanger geworden war, bedeutete, dass alle Jonny zu vergessen schienen, als ob es ihn nie gegeben hätte oder so. Als ob sie nun eine Entschuldigung dafür hätten, nicht mehr an ihn zu denken. Damit sie ihn nicht vermissten, vermute ich. Es ging dann nur noch um sie und dieses Baby. Ich konnte es nicht ertragen. Ich wollte nicht, dass Jonny unsichtbar war. Auf dem Klavier stand ein Foto von ihm, und das berührte ich gern, jeden Tag, wenn es ging. Ich glaube, ich habe damit angefangen, weil ich mich daran erinnern wollte, wie er ausgesehen hatte. Weiß auch nicht, irgendwie fühlte ich mich dann besser. Genauso wenn ich all seine Sachen so ließ, wie er sie hatte. Wenn ich sie mir ansah, legte ich sie immer wieder an ihren Platz zurück. Ich brachte sie nie mit meinen Sachen durcheinander. Das wäre falsch gewesen, wie stehlen.

Ein paar Tage nachdem wir das mit Sissy raushatten, schlich ich mich in die Küche, ich hoffte, mir ein paar Kekse holen zu können, ohne dass Mum mich erwischte. Aber ich kam nicht weit, weil sie nämlich da drinnen am Telefon saß. Sie war voll dabei, Tante Ve in Alice Springs ein Ohr abzukauen. Ich wusste, dass sie es war, denn sie ist die Einzige, die bei uns anruft. Ich drückte mich herum und überlegte, ob ich mich wohl in die Speisekammer schleichen könnte, ohne dass Mum es merkte. Und da erzählte sie Tante Veronica dann, dass Sissy schon im dritten Monat war, es müsse also irgendwann um Weihnachten passiert sein.

Ich ging gerade auf den Boden runter und wollte zur Speisekammer robben, damit sie mich nicht sah. Da sagte Mum: »Keine Ahnung, wir können uns nicht vorstellen, dass es Elliot oder Lloyd waren - also wirklich? Das sind anständige Jungs, besonders Elliot.« Ich nehm mal an, Tante Ve kannte Elliot und Lloyd nicht so gut, denn auf keinen Fall konnten die es mit Sissy gemacht haben. Ging gar nicht. Schon weil die ein ganzes Stück älter sind als sie. Und dann wurde Mum wütend auf Tante Ve, ich blieb also, wo ich war, auf dem Bauch liegen und lauschte. Mum wurde nie wütend auf Tante Ve. Sie sagte so was wie: »Nur über meine Leiche, das könnten wir nicht, das können wir einfach nicht! Nach allem, was wir wegen Jonny durchgemacht haben. Ich kann nicht fassen, dass du so etwas vorschlägst - und das gilt auch für eine Adoption des Babys.« Das Baby adoptieren zu lassen, hielt ich für gar keine so schlechte Idee: Ich meine, schließlich machte es jetzt schon allen einen Haufen Stress und es war noch nicht mal geboren. Ich fand, schon lange hatte keiner mehr eine bessere Idee gehabt, aber ich glaub, Tante Ve muss sich entschuldigt haben für das, was sie da gesagt hatte, denn Mum beruhigte sich wieder und sagte, es tue ihr leid, dass ihr der Kragen geplatzt sei. Ihre Stimme wurde ganz leise, als sie sagte, sie würde nicht wissen, wie wir zurechtkommen sollten, wenn das Baby da war. Sie meinte, sie würde schauen, ob sie nicht weniger Stunden arbeiten könnte.

Eine Zeit lang lauschte ich nicht weiter, ich überlegte noch immer, wie ich über den Boden bis zur Speisekammer rutschen konnte, wo die Kekse waren, ohne dass Mum mich entdeckte. Ich dachte daran, einfach draufloszustürmen, als Mum das Schlimmste sagte. Sie sagte, Sissy hätte sich keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können, das Baby zu bekommen. »Der Viehauftrieb ist im selben Monat, in dem es kommen soll«, sagte sie.

Der Viehauftrieb ist das Beste, wenn man eine Rinderzuchtstation hat. Da treibt man das gesamte Vieh zusammen und entscheidet, welche Rinder zum Schlachten gehen und welche noch ein Jahr auf der Station bleiben. Das passiert nur ein Mal im Jahr, und dieses war mein letztes, ehe ich wegging aufs Internat in Alice. Ich wollte nicht, dass Sissy und ihr Baby das kaputt machten. Ich konnte nicht anders, ich war so wütend, dass ich die Kekse ganz vergaß und aufsprang und Mum anbrüllte. Ich brüllte, es sei ungerecht, Sissy und dieses Baby machten alles kaputt. Ich brüllte, dass ich Sissy und ihr blödes Baby hasste. Mum schüttelte den Kopf über mich und sagte Tante Ve, sie solle mal kurz dranbleiben. Dann legte sie die Hand über den Hörer und sagte, ich solle aufhören, mich wie ein Baby aufzuführen, und in mein Zimmer gehen, dann drehte sie mir den Rücken zu und redete weiter mit Tante Ve. Ich hörte, wie sie sagte: »Ach, nichts - Danny hatte nur wegen nichts einen Anfall, wie üblich.« Das machte mich noch wütender. Ich stürmte los zu meinem Zimmer, knallte die Tür zu und riss ein paar Seiten aus Jonnys Rinderlogbuch. Weiß auch nicht, warum. Hinterher tat es mir leid, also hab ich sie wieder eingeklebt. Keiner hat was gemerkt.

Sissy konnte nicht zurück ins Internat in Alice Springs und musste stattdessen mit Emily und mir ins Schulzimmer auf der Station gehen. Da lernen wir Mathe und schreiben und so Sachen. Das Schulzimmer ist ein alter Schuppen, den Dad hergerichtet hat, als Jonny und Sissy klein waren. Er ist ziemlich einfach, aus Holz mit einem Blechdach, wenn es also regnet, wird es so laut, dass man vom Unterricht nichts mehr hören kann. Geregnet hatte es aber schon ziemlich lange nicht mehr, jedenfalls nicht so richtig. Wenn wirklich Regen fällt, dann füllen sich die Flüsse und treten ein bisschen über die Ufer - aber das war schon Jahre nicht mehr vorgekommen. Wir hatten nicht mal so viel Regen gehabt, dass der Boden nass wurde, nicht so richtig - schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Einen kleinen Schauer hatten wir mal, aber Dad meinte, wenn er ausspuckte, würde das mehr bringen.

Na egal, jeden Morgen um sieben gingen wir in das Schulzimmer bis um die Mittagszeit, wo es dann so heiß wurde, dass man sich nicht mehr konzentrieren konnte. Aber ins Schulzimmer gingen wir nur, bis wir dreizehn waren. Deshalb würde ich nach Weihnachten auf das Internat kommen, auf das Jonny und Sissy gegangen waren. Ich vermute, deshalb war Sissy so unglücklich darüber, wieder im Schulzimmer zu sein. Sie muss sich irgendwie blöd vorgekommen sein, weil sie mit uns da sitzen musste, obwohl sie ihre eigenen Schulsachen zu erledigen hatte. Jeden Tag, wenn wir vom Haus rübergingen, machte sie ein Gesicht, als hätte ihr jemand eine runtergehauen. Ich redete nicht mit ihr, aber Emily, immer von dem Baby und welchen Namen sie ihm geben würde. Sie waren beide echt blöde.

Bobbie war schon über ein Jahr unsere Hauslehrerin. Mit diesem Radioprogramm, das sich »Funkschule« nennt, half sie uns, Sachen zu lernen. Das ist speziell für Kinder, die wie wir an Orten wie Timber Creek wohnen, zu weit weg von einer normalen Schule. Timber Creek Station liegt zweihundert Meilen westlich von Alice Springs mitten in der Tanami Wüste im Northern Territory. Die nächstgelegenen Städte sind Warlawurru, dreißig Meilen südlich der Farm, und Marlu Hill, fünfundzwanzig Meilen weiter nördlich. Aber das sind Städte für die Blackfellas. Mum arbeitet im Büro der Gesundheitsstation in Marlu Hill, sie fährt also jeden Tag rüber, da gibt es zwar eine Schule, aber die ist nur für die Kinder der Blackfellas. Manchmal nennen wir sie Gins, wie in Abori-GIN-es.

Bobbie war zweiundzwanzig, sie kam von einer Farm in Victoria und wohnte in einem der alten Nebengebäude auf unserer Farm. Die Hälfte davon hatte Dad zu einem Zimmer für sie umgebaut und sie hatte ihre eigene Dusche und alles. Wir durften da nicht rein. Betreten verboten. Bobbie meinte, sie brauche ein bisschen Freiraum und Privatsphäre. Keine Ahnung, wozu. Nachmittags tat sie da nichts anderes als lesen oder fernsehen. Morgens war sie mit uns im Schulzimmer.

Wir hatten ein paar Leute, die für uns auf Timber Creek arbeiteten. Das waren immerhin sechzehnhundert Quadratmeilen Wüste und wir hatten mehrere Tausend Stück Vieh, Dad konnte das nicht alles allein machen. Deshalb hatten wir Elliot und Lloyd. Elliot war am...

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