Babbitt

Roman
 
 
Manesse Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. Oktober 2017
  • |
  • 784 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-21476-0 (ISBN)
 
«Packendes Porträt der Zwanzigerjahre voller legendärer Charaktere... eine überzeugende Satire auf die Konformität der amerikanischen Mittelschicht.» (The Guardian)

Sinclair Lewis ist der Chronist der US-amerikanischen Mittelschicht. Den Zwang zu Konsum und Konformismus, die Pervertierung des Amerikanischen Traums hat niemand so prägnant und dabei so amüsant beschrieben wie der Nobelpreisträger. Sein berühmter Roman "Babbitt" ergründet die Seele eines Mannes, dessen kapitalistische Überzeugungen Risse bekommen.

In seinem ereignislosen, durchschnittlichen Kleinstadtleben hat der Immobilienmakler George F. Babbitt sich recht bequem eingerichtet. Seine drei Kinder sind wohlgeraten, wenn sie auch meist nicht auf ihn hören; mit seiner Frau verbinden ihn liebgewonnene Gewohnheiten. Sein ganzes Streben ist auf gesellschaftliche Anerkennung und wirtschaftlichen Aufstieg gerichtet. Bis ihm eines Tages bewusst wird, dass er all dies so nie gewollt hat, und einen Ausbruchsversuch wagt. Mit feinem Spott, ironischem Witz und stets voller Sympathie für den charakterschwachen Protagonisten erzählt der Roman, wie Babbitt sein rebellisches Selbst wiederentdeckt.

  • Deutsch
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Manesse
  • 1
  • |
  • 1 s/w Abbildung
  • 1,44 MB
978-3-641-21476-0 (9783641214760)
3641214769 (3641214769)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sinclair Lewis (1885-1951), geboren in einer Kleinstadt in Minnesota, studierte in Yale und arbeitete als Journalist und Lektor in New York, San Francisco und Washington. Seit dem Erfolg seines Romans «Main Street» konnte er von der Schriftstellerei leben. 1926 erregte er großes Aufsehen mit seiner Ablehnung des Pulitzerpreises, der ihm für seinen Roman «Arrowsmith» zuerkannt worden war; 1930 erhielt er als erster US-Amerikaner den Literaturnobelpreis.

6. Kapitel

I

Ein Nachmittag voll keineswegs unersprießlicher Details ließ ihn Paul Riesling vergessen. Kaum zurückgekehrt ins Büro, das irgendwie auch ohne ihn zurechtgekommen zu sein schien, brach er gleich wieder auf und fuhr mit einem «Interessenten» nach Linton, um ein Vierfamilienhaus zu besichtigen. Wie der Kunde den neuen elektrischen Zigarrenanzünder bewunderte, war geradezu Balsam für Babbitts Seele. Dreimal machte er von seiner Neuanschaffung Gebrauch, und dreimal warf er die halb gerauchte Zigarre empört wieder aus dem Wagen: «Verdammt, ich wollte doch mit dem Rauchen aufhören!»

Ihre umfassende, detailversessene Erörterung des Zigarrenanzünders brachte sie auf elektrische Bügeleisen und Heizdecken. Babbitt entschuldigte sich dafür, so entsetzlich altmodisch zu sein, dass er noch mit einer Wärmflasche zu Bett ging, schwor sich aber, auf der Stelle ein Stromkabel zur Schlafveranda verlegen zu lassen. Er hegte eine maßlose, gleichsam lyrische Bewunderung für alles Mechanische, kannte sich aber kaum damit aus. Technische Geräte waren ihm Symbole der Schönheit und Wahrheit. Für jedes neue komplizierte Gerät - Drehbank, zweidüsiger Vergaser oder Autogenschweißgerät - machte er sich einen plausibel klingenden Spruch zu eigen, den er wieder und wieder mit dem herrlichen Gefühl vorbrachte, technisch versiert zu sein und sich auszukennen.

Der Kunde stimmte in sein Loblied für alles Maschinelle ein, sodass sie bester Laune beim Haus eintrafen und mit der Überprüfung der Kunststoffschindeln, der Brandschutztüren sowie der zweieinhalb Zentimeter dicken, blind verschraubten Bodendielen begannen, wobei sie zugleich jene diplomatischen Verhandlungen führten, in deren Verlauf sie sich abwechselnd beleidigt oder überrascht gaben, dann aber auch wieder ihre Bereitschaft signalisierten, sich zu etwas überreden zu lassen, zu dem sie ohnehin längst entschlossen waren und das eines Tages auf einen Verkauf hinauslaufen würde.

Auf dem Rückweg holte Babbitt seinen Geschäftspartner und Schwiegervater Henry T. Thompson bei dessen Küchenmöbelfabrik ab, und gemeinsam fuhren sie durchs südliche Zenith, eine bunte, lärmend-laute, aufregende Gegend: neue Fabriken aus Hohlziegeln mit riesigen Drahtglasfenstern, trübselige, alte, teerfleckige Ziegelfabriken mit hoch darüber schwebenden Wassertanks, riesige rote Laster, die wie Lokomotiven aussahen und, auf betriebsamen Nebengleisen, ziemlich herumgekommene Güterwaggons, mit Äpfeln beladene der New York Central, der Great Northern von Weizenfeldern, der Southern Pacific von Orangenplantagen kommend.

Sie sprachen mit dem Sekretär von Zeniths Hüttenwerk über ein interessantes Kunstprojekt - einen schmiedeeisernen Zaun für den Friedhof Linden Lane. Sie fuhren weiter zur Zeeco Motor Company und redeten mit dem Verkaufsleiter No?l Ryland über einen Preisnachlass auf einen Zeeco-Wagen für Thompson. Babbitt und Ryland waren beide Mitglied im Boosters' Club, und für keinen Booster war es akzeptabel, etwas ohne Preisnachlass von einem anderen Booster zu kaufen. Henry Thompson aber knurrte: «Ach, zur Hölle damit! Ich geh doch nicht vor ihm auf die Knie und bettle um einen Preisnachlass; so was mach ich nicht!» Das war einer der Unterschiede zwischen Thompson, diesem altmodischen, hageren Yankee, einem ungeschliffenen, redseligen Geschäftsmann alter Schule, und Babbitt, wohlgenährt, aalglatt und effizient, jemand, der stets auf der Höhe der Zeit und auch sonst ein durch und durch moderner Mensch war. Jedes Mal wenn Thompson in den Hörer näselte: «Hol mir diesen John Hancock an den Apparat», amüsierte sich Babbitt über diese antiquierte Ausdrucksweise genauso, wie jeder richtige Engländer sich über die Amerikaner amüsierte. Er wusste, er selbst war von einem anderen Schlag, ästhetischer, feinfühliger als Thompson, war College-Absolvent, spielte Golf, rauchte oft Zigaretten statt Zigarren, und wenn er nach Chicago fuhr, bestand er auf einem Zimmer mit angrenzendem Bad. «Im Grunde», erklärte er Paul Riesling, «fehlt es diesen alten Knackern ganz allgemein an der Spitzfindigkeit, die man heutzutage braucht.»

Man konnte es mit diesem zivilisatorischen Fortschritt auch übertreiben, fand Babbitt. No?l Ryland, Verkaufsleiter bei Zeeco, hatte seinen Abschluss frivolerweise in Princeton gemacht; Babbitt hingegen war ein solides Durchschnittsprodukt aus dem großen Warenhaus namens State University. Ryland trug Gamaschen, schrieb lange Briefe über Stadtplanung oder Stadtchöre, und obwohl er ein Booster war, hieß es, er trage in einer seiner Taschen gelegentlich einen kleinen Band fremdsprachiger Gedichte bei sich. All das ging zu weit. Henry Thompson stand für extreme Provinzialität, No?l Ryland für extreme Schaumschlägerei, Babbitt und seine Freunde hingegen hielten genau die Mitte, traten für den Staat ein und verteidigten die evangelischen Kirchen, das traute Heim und reelle Geschäfte.

Mit dieser gerechten Selbsteinschätzung - und einem in Aussicht gestellten Preisnachlass für Thompsons Auto - kehrte er im Triumph zu seinem Büro zurück.

Als er aber durch den Flur des Reeves Building schritt, seufzte er: «Armer alter Paul! Ich muss . ach, verflucht sei No?l Ryland! Verflucht sei Charley McKelvey! Nur weil sie mehr verdienen, halten sie sich für was Besseres. Dabei möchte ich nicht mal tot in deren miefigem Union Club gefunden werden! Ich . Irgendwie ist mir heute nicht nach Arbeit. Ach, was soll's .»

II

Er nahm Telefonanrufe entgegen, sah die Vier-Uhr-Post durch, unterzeichnete die Briefe vom Vormittag, redete mit einem Mieter über notwendige Reparaturen und stritt sich mit Stanley Graff.

Der junge Graff, Verkäufer im Außendienst, ließ ständig durchblicken, ihm stünde eine höhere Kommission zu, und auch heute klagte er: «Ich finde, ich habe eine Prämie verdient, wenn ich den Heiler-Verkauf zum Abschluss bringe. Ich bin deshalb schließlich fast jeden Abend unterwegs.»

Babbitt pflegte oft zu seiner Frau zu sagen, es sei viel besser, man «steuere seine Büroangestellten und sorge dafür, dass sie zufrieden sind, statt sie zu triezen und ihnen immerzu Dampf zu machen - so arbeiten sie auch besser», ein derart beispielloser Mangel an Dankbarkeit aber kränkte ihn, weshalb er sich an Graff wandte: «Hören Sie, Stan, damit das klar ist. Aus irgendeinem Grund bilden Sie sich ein, Sie brächten Ihre Verkäufe ganz allein zuwege. Wie kommen Sie bloß darauf? Was glauben Sie, wo Sie wären, wenn unser Kapital nicht hinter ihnen stünde, wenn wir Ihnen keine Liste mit Immobilien und potenziellen Kunden geben würden? Sie brauchen sich doch bloß an unsere Tipps zu halten und die Geschäfte unter Dach und Fach zu bringen. Selbst der Portier könnte mit der Babbitt-Thompson-Kundendatei Häuser verkaufen. Sie sagen, Sie sind verlobt, müssten sich abends aber um Käufer kümmern. Ja, warum zum Teufel auch nicht? Was wollen Sie denn sonst tun? Rumsitzen und Händchen halten? Lassen Sie mich Ihnen eines sagen, Stan, wenn Ihre Verlobte was taugt, dann freut es die Kleine, dass Sie sich in die Arbeit stürzen und ein bisschen Geld fürs Einrichten des eigenen Heims verdienen, statt ewig nur mit ihr rumzuturteln. Wer was gegen Überstunden hat, wer Schundromane liest, nur ans Fummeln denkt und jede Menge Unsinn und dummes Zeug mit seinem Mädchen reden will, der gehört nicht zu der Sorte aufrechter, dynamischer junger Männer mit Zukunft - mit Visionen! -, die wir hier bei uns haben wollen. Wie steht's damit? Was haben Sie für Ideale? Wollen Sie Geld verdienen und ein verantwortungsbewusstes Mitglied der Gesellschaft werden? Oder sind Sie ein Nichtsnutz ohne Inspiration und ohne jeden Pep?»

Graff war heute für Visionen und Ideale längst nicht so empfänglich wie sonst. «Natürlich will ich Geld verdienen! Deshalb will ich ja den Bonus haben! Mit Verlaub, Mr. Babbitt, ich will wirklich nicht respektlos werden, aber das Heiler-Haus ist die reinste Katastrophe. Darauf fällt kein Mensch rein. Der Boden fault, und die Wände sind voller Risse.»

«Genau das meine ich! Ein Verkäufer, der seinen Job liebt, wird durch schwierige Probleme erst richtig angespornt, sein Bestes zu geben. Außerdem, Stan: Thompson und ich sind aus Prinzip gegen Prämien. Wir haben Sie wirklich gern, und wir wollen Ihnen auch helfen, damit Sie heiraten können, aber wir dürfen den anderen Mitarbeitern gegenüber nicht unfair sein. Wenn wir anfangen, Prämien auszuzahlen, dann verletzen wir deren Gefühle und sind ungerecht zu Penniman und Laylock, meinen Sie nicht? Was Recht ist, muss Recht bleiben, und Diskriminierung ist unfair, deshalb wird es derlei in dieser Firma nicht geben! Und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, Stan, nur weil Verkäufer während des Krieges schwer aufzutreiben waren, fänden sich heute, da es Arbeit ohne Ende gibt, da draußen nicht genügend vielversprechende junge Leute, die froh wären, in Ihre Fußstapfen treten und Ihre Chancen bekommen zu können, und die auch nicht so tun, als wären Thompson und ich ihre Feinde, weshalb sie nur für Prämien arbeiten wollen. Also, wie hört sich das an? Was sagen Sie jetzt?»

«Ach . na ja, verdammt . schon klar», seufzte Graff im Rückwärts-Hinausgehen.

Babbitt stritt sich nicht oft mit seinen Angestellten. Er zog es vor, mit allen in seiner Umgebung gut auszukommen, und es bekümmerte ihn, wenn er nicht gemocht wurde. Nur wenn es an die heilige Geldbörse ging, geriet er vor Angst in Rage, doch da er ein Mann war, der zu großen Worten und hohen Idealen neigte, genoss er den Wohlklang der...

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