Milenas Versprechen

 
 
Salis Verlag ein Imprint der Elster & Salis AG
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 6. September 2021
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03930-003-7 (ISBN)
 
Das hochkarätige Roman-Debüt des US-Schweizer Autors und Anwalts Daniel Levin kombiniert ein raffiniertes Justizdrama mit einer Generationen und Kontinente übergreifenden Familiengeschichte - ein philosophischer Roman von intellektueller Schärfe, in dem das Denken selbst zum Ereignis wird.

Sie ist scharfsinnig, warmherzig und umschwärmt, und sie hütet beharrlich ein furchtbares Geheimnis.

Als die brillante Juradozentin Milena Frank trotz Mangel an Beweisen für den Mord an ihrem Ehemann verhaftet wird, hüllt sie sich zum Erstaunen aller in entschlossenes Schweigen.

Viele Jahre später führt die Suche nach den Umständen des Verbrechens zwei junge Menschen zusammen und schon bald in einen leidenschaftlichen Schlagabtausch über das Verhältnis von Wahrheit und Gerechtigkeit, Schuld und Verantwortung, Treue, Liebe und Verrat. Im Ringen um Antworten kommen sie der Lösung des Falles beständig näher, bis sie auf den mächtigen Pakt von einst stoßen, den Milena noch immer mit ihrem Schweigen schützt .
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,80 MB
978-3-03930-003-7 (9783039300037)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Der US-Schweizer Autor und Rechtsanwalt Daniel Levin, geboren 1963, verbrachte seine Kindheit als Sohn eines Diplomaten in Afrika und im Nahen Osten und studierte Jura in Zürich und New York. Neben seiner juristischen Karriere unterstützt Levin seit beinahe drei Jahrzehnten Regierungen und Institutionen bei politischen Reformen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Seit zwölf Jahren leitet er die Liechtenstein Foundation for State Governance. Levin ("Alles nur ein Zirkus", 2018, Elster) legt mit "Milenas Versprechen" seinen ersten Roman und gleichzeitig sein erstes Buch in deutscher Originalfassung vor.

ZWEI


Rachel: Nicht Milena? Wer sind Sie dann?

Thomas: Ich bin Thomas Frank, Milenas Sohn. Derjenige, der Deinem Vater vor all den Jahren die Wohnungstür geöffnet hat.

Rachel: Was? Das ist ja unglaublich. Wieso benutzt Du den Namen Deiner Mutter als E-Mail-Adresse?

Thomas: Welche Antwort hättest Du denn gerne? Dass ich an ihrer statt korrespondiere? Dass sie meine Identität ist?

Rachel: Komm schon, das ist schon sehr leicht dahingesagt für jemanden, der eben zugegeben hat, sich wochenlang als seine eigene Mutter ausgegeben zu haben, meinst Du nicht? Tja, dann sollte ich wohl fragen, ob all die Sachen, die Du geschrieben hast, von Dir kamen oder die Meinungen Deiner Mutter widerspiegeln.

Thomas: Spielt es eine Rolle?

Rachel: Das kannst nur Du beantworten. Ich bin allerdings verblüfft, dass Du eine Person finden konntest, die mit jemandem, der Deine Mutter kannte, verwandt ist.

Thomas: War es nicht eher so, dass wir uns gegenseitig gefunden haben? Wenn ich mich recht erinnere, warst Du diejenige, die auf eine Nachricht von einem unbekannten Absender geantwortet hat - ein Absender mit einer E-Mail-Adresse, die damals überhaupt keinen Bezug zu Deinem Leben hatte.

Rachel: Nicht ganz ohne Bezug. Der Name Milena hat eine starke Bedeutung in diesem Haus; allerdings ist er anscheinend noch bedeutungsvoller, als es mir bis vor wenigen Tagen bewusst war.

Mein Vater führte früher ein Tagebuch, in dem jeder Eintrag mit »Liebe Milena« begann, so ähnlich, wie Anne Frank das in ihrem Tagebuch gemacht hat, bloß Milena statt Kitty (ich habe nicht geschnüffelt - er erzählte mir davon, als ich selbst vor vielen Jahren anfing, ein Tagebuch zu führen). Ich habe ihn nie gefragt, wer diese Milena sei; ich ging davon aus, dass es sich dabei um eine Art Huldigung an Franz Kafka und dessen Briefe an Milena handelte. Mein Vater liebt Kafka, obschon er ihn manchmal einen pimpeligen Hypochonder nennt, insbesondere in dessen Brief an den Vater. Ich hatte keine Ahnung, dass Anne Franks Familienname ebenso bedeutend war wie der Vorname Milena. Vor einigen Jahren erzählte er mir, wie sehr er es bedauere, Anne Frank nie getroffen zu haben. Er meinte, sie nach der Lektüre ihres Tagebuchs von innen zu kennen, und selbst wenn ihn manche Aspekte ihrer Persönlichkeit fremd anmuteten, hätte er alles für die Gelegenheit gegeben, ihr zu sagen, wie sehr ihr Buch ihn berührt habe. Vielleicht war dies seine eigene Art zu trauern.

Jedenfalls dachte ich immer, sein Tagebuch sei eine Art doppelter Tribut an Franz Kafka und Anne Frank gewesen. Nun erst wird mir klar, wie falsch ich lag: In seinem Tagebuch schrieb er Deine Mutter an, was für mich als seine Tochter nicht gerade leicht zu verdauen ist, auch weil ich mir nun vorstellen muss, was das für seine Beziehung mit meiner Mutter bedeutet.

Und noch was: Deine E-Mail-Adresse - Milena18 - war denkwürdig, weil die Zahl 18 in der hebräischen Zahlenmystik das Leben bedeutet. Obwohl Deine erste Nachricht ja nicht besonders freundlich war - bloß eine Zeile mit der Frage, ob ich chatten wolle - kann ich mich gut an mein Gefühl erinnern, dass der Name Milena zu ungewöhnlich ist, um rein zufällig in meinem Leben aufzutauchen, und dass irgendwie ein Zusammenhang zwischen dieser unerwarteten E-Mail und dem Tagebuch meines Vaters bestehen müsse. Als ich mich dann entschloss, das erste Mal eine Antwort an Milena18 zu schicken, war das der Beginn unseres Austausches. Aber Deine E-Mail-Adresse war wohl nicht ganz willkürlich gewählt, nicht wahr?

Rachel: Thomas? Keine Antwort? Es ist schon drei Tage her!

Thomas: Es ist nicht ganz unkompliziert.

Rachel: Dann gib Dir Mühe! Wieso hast Du mir jene erste Nachricht geschickt? Und wieso Milena18? Komm schon, muss ich Dir jedes Wort aus der Nase ziehen?

Thomas: Hoffentlich wird es im Laufe der Zeit klar werden, aus welchem Grund ich mir den Namen meiner Mutter für meine E-Mail-Adresse geliehen habe.

Was die Zahl 18 angeht, das war reiner Zufall. 18 war einfach die erste nicht vergebene Zahl für alle Personen, die Milena heißen und diesen E-Mail-Provider benutzen. Hätte ich jedoch um die verborgene Bedeutung dieser Zahl gewusst, hätte ich sie wohl bewusst als köstlichen Hinweis auf die lebenslange Freiheitsstrafe meiner Mutter gewählt.

Rachel: Lebenslange Freiheitsstrafe Deiner Mutter? Mehr hast Du dazu nicht zu sagen? Das lässt Du einfach so ohne weitere Erklärung im Raum stehen? Tut mir leid, aber das geht gar nicht. Nun bin ich wohl an der Reihe, einige Bedingungen zu stellen. Unsere Korrespondenz ist inzwischen viel zu kompliziert und zu voll von Altlasten geworden, um Dir allein die Entscheidung zu überlassen, in welche Richtung und Tiefe sie geführt werden soll. Von jetzt an werden wir alle Fragen so ehrlich wie möglich beantworten, oder wir lassen das Ganze. Und im Sinne dieser neuen Offenheit will ich auch gerne zugeben, wie enttäuscht ich wäre, wenn Du meine Entschlossenheit auf die Probe stellen und die ganze Sache abblasen würdest. Das wäre wirklich schade. Aber falls die lineare, mathematische Denkweise, die Du bisher an den Tag gelegt hast, nicht gespielt, sondern echt ist, würde dies bedeuten, dass Du nur dann unseren Kontakt abbrechen würdest, wenn die Bedingung eines ehrlichen Dialogs für Dich nicht akzeptabel wäre. Nicht besonders ehrenhaft.

Thomas: Nicht unbedingt. Ich könnte den Kontakt auch abbrechen, weil ich inzwischen jegliches Interesse an Dir verloren hätte, oder aus anderen Gründen, die nichts mit Deiner Bedingung, von nun an mit offenen Karten zu spielen, zu tun haben. Aber all das trifft nicht zu. Ich habe es mir gründlich überlegt, und ich bin dabei, unter Deinen neuen Bedingungen (die übrigens so neu nicht sind), obwohl ich keinen Schimmer habe, wohin uns das Ganze führen wird. Lass uns loslegen.

Rachel: Sehr gut. Irgendwann hätte ich gerne mehr Details zur lebenslangen Freiheitsstrafe Deiner Mutter, aber ich will Dich da nicht drängen. Du kannst mir das erklären, wenn Du so weit bist, ebenso wie ich gerne den Grund wüsste, wieso Du mir jene erste E-Mail geschickt hast.

Lass uns zuerst bitte zur Episode mit dem Studenten von Milena zurückkehren, oder war das Dein Student? Wie passt Du in diese Geschichte hinein?

Thomas: Wie schon gesagt, ich bin Milena Franks Sohn Thomas. Ich war zehn Jahre alt, als mein Vater starb, fast auf den Tag genau vor 25 Jahren. Ich bin Strafverteidiger in New York, und daneben unterrichte ich Strafrecht und Kriminologie an der Columbia University.

Der Dialog, den ich Dir geschildert habe, hat tatsächlich stattgefunden, und zwar während eines akademischen Symposiums, jedoch mit einer kleinen Abweichung: Die Worte dieses Studenten waren in Wirklichkeit meine Worte (ich habe in der Tat einen leichten deutschen Akzent, der sich offenbar - so wird's mir jedenfalls berichtet - wie ein Chamäleon an meinen jeweiligen Gesprächspartner anpasst). Ich antwortete da gerade auf einen mit Plattitüden gefüllten Monolog eines sklerotischen Fakultätsmitglieds, das nichts anderes tat, als das Rechtssystem mit abgedroschenen Phrasen zu rechtfertigen. Die Hälfte seiner Ausführungen bestanden aus »einerseits, andererseits« und ähnlich leeren Floskeln. Die Krönung kam zuletzt, als er großartig verkündete, im Laufe seiner illustren Karriere eine gelungene Formel für den barmherzigen Strafrechtsvollzug gefunden zu haben, angetrieben von der Maxime der Resozialisierung in den Fällen, die es verdienten. Dann kamen noch ein paar verschwommene Thesen zur wirtschaftlichen Theorie der Kriminologie hinzu, womit er eigentlich sagen wollte, dass Täter, die nicht resozialisiert werden könnten, abgeschrieben werden sollten. Aber so richtig aussprechen wollte er das nicht; es hätte zu hässlich geklungen und nicht zu seinem feinen Image gepasst, das er mit seiner Fliege und der randlosen Brille so beflissen kultivierte.

Ich wäre Dir dankbar, wenn Du an dieser Stelle irgendwelche Theorien für meine Beweggründe, Kriminologe zu werden, für Dich behalten könntest, insbesondere solche, die mit einem Kindheitstrauma zu tun haben könnten.

Rachel: Dann erkläre mir doch bitte, weshalb die Aussagen dieses älteren Herrn Deine heftige Reaktion provozieren konnten und weshalb Du sie mir im Namen Deiner Mutter berichtet und einer anderen Person zugeordnet hast.

Thomas: Lass mich Dir den Tag beschreiben. Am...

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