Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach

Roman
 
 
Suhrkamp Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Februar 2011
  • |
  • 678 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-74610-3 (ISBN)
 
Izak, ein 50jähriger gutsituierter Kaufmann, ist mit seinem Leben, das ereignislos und in geregelten Bahnen verläuft, unzufrieden. So besinnt er sich auf seine revolutionäre Jugendzeit und macht sich auf die Suche nach seinen ehemaligen Freunden. Er plant, mit ihnen ein einst gemeinsam verfaßtes Theaterstück über die bunte Völkermischung Istanbuls in seiner alten Schule noch einmal auf die Bühne zu bringen.

Nach und nach findet er sie alle wieder: den Türken Necmi, den Griechen Yorgos, den Juden Niso, die Jüdin Seli und die Türkin Sebnem. Doch schon bald zeigt sich, wie sehr sich alle im Laufe der Zeit verändert haben. Keiner von ihnen hat mit seiner Jugendliebe das Glück gefunden, keiner hat seine 'linken' Vorstellungen von einer sozial gerechten Gesellschaft realisieren können. Sie haben schwere Schicksalsschläge erlitten, Gefangenschaft und Folter. Dennoch finden sie zu ihrer einst engen Freundschaft zurück. Die Ehrlichkeit, mit der sie sich ihren Gefühlen stellen, auch mit ihren dunklen Seiten, und der bittere Humor, mit der sie das Unausweichliche akzeptieren, hebt diese Begegnung weit über ein 'Klassentreffen' hinaus. Keiner von ihnen wird wieder in den gewohnten Alltag zurückkehren können .
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
Suhrkamp
  • 1,79 MB
978-3-518-74610-3 (9783518746103)
3518746103 (3518746103)
weitere Ausgaben werden ermittelt
<STRONG>Mario Levi</STRONG> wurde 1957 in Istanbul geboren und lehrt an der Yeditepe-Universität in Istanbul Kommunikationswissenschaften. Für <EM>Istanbul war ein Märchen</EM> erhielt er im Jahr 2000 den angesehenen Yunus-Nadi-Literaturpreis.

<div>Barbara Yurtdas wurde 1937 in Leipzig geboren. Sie studierte in Göttingen und München Germanistik, Slawistik und Geschichte. Mit ihrem türkischen Ehemann und den beiden Söhnen lebte sie zwölf Jahre lang in der Türkei, vorwiegend in Izmir. Seit 1993 wohnt sie wieder in München, wo sie bis Juli 2001 an einem Gymnasium als Studiendirektorin arbeitete. Barbara Yurtdas ist vor allem als Sachbuchautorin für Türkei-Themen bekannt. Sie hat auch mehrere Romane über deutsch-türkische Beziehungen geschrieben und zwei Lyrikbände herausgebracht. Mitgliedschaft im Verband Deutscher Schriftsteller (VS), in der Künstlerinnenvereinigung GEDOK und im Therese-Literaturverein.</div>

1 - Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach? [Seite 6]
2 - Der Gang in die Hölle [Seite 10]
3 - Worte, Farben, Schatten [Seite 24]
4 - Jetzt lachen jene Gesichter in mir [Seite 34]
5 - Meine Hände im Spiegel [Seite 51]
6 - Wir hatten so sehr an jenen Kampf geglaubt ... [Seite 64]
7 - Die Nacht, der Brunnen und stürmische Bilder [Seite 151]
8 - Ich erwachte aus einem langen Schlaf [Seite 182]
9 - Chansons und der Inhalt jener Schublade [Seite 197]
10 - Die Eindrücke wirken in uns nach [Seite 219]
11 - War die Stimme von Yorgos sehr weit entfernt? [Seite 253]
12 - Manche Briefe waren ein altes Bedauern [Seite 286]
13 - Noch einmal reden können, und zwar richtig [Seite 298]
14 - Meine Bilder von Izmir [Seite 311]
15 - Vorbereitungen für Nisos Auftritt [Seite 385]
16 - Das kleine Mädchen auf dem Gemälde [Seite 403]
17 - Letztlich sind Leben und Tod immer verschlungen [Seite 413]
18 - Wie klein war doch mein alter Garten [Seite 464]
19 - Ich hatte mich so nach Neveser Hanı [Seite 472]
20 - Steine ins Meer werfen können [Seite 502]
21 - Begegnung mit der Vergangenheit beim Essen [Seite 518]
22 - Es gab noch einen Ort [Seite 546]
23 - Um nicht mehr zu sterben und aufs neue geboren zu werden [Seite 569]
24 - Nach Jahren in denselben Korridoren [Seite 583]
25 - Umarmen, fliegen und sich einem Gefühl nicht entfremden [Seite 599]
26 - Der Koffer auf dem Bett und die Mosaiktorte [Seite 610]
27 - Unsere Kneipe in Büyükdere [Seite 625]
28 - Unser Lied [Seite 631]
29 - Wen hatten wir eigentlich gesucht? [Seite 647]
30 - Die Spuren des Erdbebens [Seite 661]
31 - Das Meer könnte erzählen [Seite 674]
32 - Anmerkungen [Seite 678]

Der Gang in die Hölle


Jahrelang verfolgte mich ein Traum in seiner ganzen Unerbittlichkeit … Doch es dauerte sehr lange, ehe ich soweit war, zu erkennen, was der Traum mir sagen wollte. Auch jetzt bin ich mir noch nicht sicher, inwiefern mir das gelungen ist. Inzwischen hallen nur noch die Stimmen und das Gelächter in mir nach. Der unvergeßliche Bösewicht aus Cowboyfilmen, Lee Van Cleef, in seiner schwarzen Kleidung mit dem langen Jackett schaute mich mit seinen Adleraugen und einem unheilverkündenden Grinsen an, das eine seiner Bosheiten ankündigte; mit seiner langläufigen Pistole schoß er gerade meinem Vater, der ein wenig von mir entfernt stand, in die Stirn. Noch immer habe ich vor Augen, wie mein Vater schmerzhaft getroffen zusammenbricht und sich mitten auf seiner Stirn ein rotes Loch auftut. Wo befanden wir uns? … Warum waren wir dorthin gekommen? … Was wurde von mir verlangt oder erwartet? … Der Ort glich einem der Strände meiner Kindheit. Doch gleichzeitig war es totenstill wie in einem Horrorfilm. Womöglich war es ganz früh am Morgen. Die passende Zeit für eine Hinrichtung. Auf dem unendlich ausgedehnten Strand waren nur vereinzelt Menschen. Sie saßen weit voneinander entfernt. Ich erinnere mich, daß mich ein Mann quasi mißbilligend ansah, mich verächtlich, ja sogar lächerlich zu finden schien. Und auch an eine ältere Dame mit vom Sonnenbrand ziemlich gespannter Haut erinnere ich mich. Sie ähnelte einer Freundin meiner Großmutter mütterlicherseits, mit der sie sich an bestimmten Wochentagen zum Conquen-Spielen traf. Sie stand auf und sagte mit Blick auf meinen am Boden liegenden Vater bestürzt: »On l'a tué le pauvre.« (Man hat den Armen getötet.) Die Frau achtete nicht auf mich. Es war auch nicht klar, an wen in jener unendlichen Leere sie diese Worte richtete. Etwas weiter abseits saßen noch drei Männer und unterhielten sich lachend. Als hätten sie von dem Vorfall weder etwas gehört noch gesehen. Ich jedoch stand daneben. Ich schaute ängstlich, aber mit dem Versuch eines Lächelns den immer noch grinsenden Lee Van Cleef an, der den Rauch von der Mündung seiner Pistole wegpustete. Das war alles … Danach wachte ich auf …

Den Traum habe ich vor zehn Jahren geträumt. Damals war mein Vater schon lange gestorben. Anfangs konnte ich keinen Sinn darin erkennen, warum ich ihn zum ersten Mal nach all den Jahren in einer solchen Situation sah. Dann habe ich verstanden. Eigentlich war ich es selbst, der den Mord verübte. Aber weil ich das selbst natürlich nicht fertigbrachte, habe ich diesen Menschen, dessen Anwesenheit ich noch in späteren Jahren bei jedem Schritt, den ich tat oder unterließ, spürte, durch den ärgsten Bösewicht töten lassen, den ich mir vorstellen konnte. Dieser Bösewicht war einer von den Filmhelden, die uns in weit zurückliegenden Zeiten in den gemeinsam angeschauten Filmen am meisten beeindruckt hatten. Wieviel Zeit lag dazwischen, wie viele Menschen … Wie viele Gefühle, wie viele Worte, wie viele Bilder … Ich hatte Angst, wieder einmal Angst. Ich fürchtete mich aufzufallen, ›allzusehr‹ wahrgenommen zu werden … Ich kam ja aus einer Geschichte voll tiefgehender Bedrohungen, die mich diese Angst spüren ließen und mein Schweigen erwarteten und nährten … Diese Geschichte, die mich ohne mein Zutun umfing, war gleichzeitig die Geschichte meiner Einsamkeit, die ich zwangsläufig durch meine eigenen Schritte gestaltet hatte. Es war die Geschichte, die mich an meine ganz privaten Dunkelheiten erinnerte, an meine Sexualität, an mein Gesicht, das ich jahrelang nicht im Spiegel sehen mochte, und es war außerdem die Geschichte meiner Sprachen, durch die ich mich selbst kennengelernt hatte, die Geschichte meines Landes und meiner alten Stadt … Warum waren jene weiter entfernten Männer wohl dem Mord gegenüber derart unbeteiligt geblieben? … Wieso hatte die Dame auf diese ›fremdartige‹ Weise reagiert? … Und was war mit dem Mann, der mich geradezu verurteilend angeblickt hatte? … Wer war dieser Mann? … War er eine der Gestalten aus meiner Hölle, die ich mir durch meine Isolierung geschaffen hatte, eine der Personen, die ich mir in verschiedenen Abschnitten meines Lebens in unterschiedlichem Gewand vorgestellt hatte, die mich mit ihren Drohungen stets irgendwie zurückhielten und die ich unausweichlich wie Feinde wahrnahm, erlebte? … War ich vielleicht selbst dieser Mann? … Diese Fragen hätten mich wiederum zu ganz anderen, unerwarteten Fragen und Möglichkeiten führen können. Doch ich konnte sie nicht weiterverfolgen. Dieser Mord reichte mir. Endlich war es mir gelungen, meinen Vater zu töten …

Am Morgen nach dem Traum erinnerte ich mich nicht nur an bestimmte Momente mit Vater in manchen Szenen in seinem Laden, der für ihn fast so etwas wie ein Tempel gewesen war, sondern auch an seine Worte, die sich im Laufe der Jahre tief in mir eingegraben hatten: »Du wirst mal ein Nichtsnutz werden!« … Wenn ich über die Werte nachdachte, auf die er sein Leben gegründet hatte, sollte es mir eigentlich nicht viel ausmachen, von ihm als Nichtsnutz angesehen zu werden. Vielmehr rechtfertigte es sogar noch meine Protesthaltung, wenigstens in meinen Augen, wenn eine derartige Lebensweise für mich als passend angesehen wurde. Um den Geschmack dieses Protests bis zuletzt auszukosten, brauchte ich neben diesen Worten auch das Gefühl des Abgelehntwerdens, um noch mehr an mich zu glauben … Doch wenn ich die Sache unter einem anderen Aspekt betrachtete, war ich unweigerlich aufs neue konfrontiert mit der Wunde, die mir das Gefühl meiner Bedeutungslosigkeit geschlagen hatte. Das war es, womit ich nicht fertig wurde: für bedeutungslos zu gelten … Wahrscheinlich war es das, was mich lange Zeit am meisten geschmerzt hat. Wer möchte nicht auf irgendeine Weise Gehör finden?

Ich hatte die Universität gerade abgeschlossen und tat alles in meiner Macht Stehende, das Leben zurückzuweisen, das man mir bieten oder besser gesagt aufzwingen wollte. Nachgeben bedeutete ungefähr soviel wie in den Tod einwilligen. Es bedeutete, besiegt zu werden, klein beizugeben und – am schlimmsten – sich auszusöhnen … Das erlaubten damals weder meine Gefühle noch meine politischen Überzeugungen … Denn unsere Zeit damals bezog ihre Kraft aus dem Geist des Wandels, ja des Umsturzes … So verkaufte ich zum Beispiel als Zeichen des Widerstands die Goldstücke, die ich zu meiner Bar-Mitzwa geschenkt bekommen hatte und die zu Hause in einer Schublade in einem schwarzen Samtbeutel sorgfältig für ›bedeutsame Tage‹ aufbewahrt wurden. Mit diesem Geld in der Tasche ging ich, unter dem Vorwand, mein Studium fortzusetzen, nach London, wo ich mich herumtrieb, wie es mein Vater von mir erwartete, mich mit irgendwelchen Phantasien selbst betrügend. Meine Eltern hatten sich sehr dagegen gewehrt, das Gold zu verkaufen. Doch gerade dieser Widerstand reizte mich. Einerseits wollte ich ihnen weh tun, andererseits das Gefühl erleben, mich ohne die Unterstützung meines Vaters auf und davon zu machen. Und ich wollte ihnen sagen, daß jene Tage für mich ›bedeutsamst‹ waren, mit anderen Worten, daß ich sehr glaubwürdige Motive hatte, an deren Berechtigung ich glaubte. So fanden sie kaum noch Einwände dagegen. Außerdem kam sowieso nicht viel Geld zusammen; nach meinen Berechnungen konnte ich damit in dieser Stadt, wo nicht nur Fakten, sondern auch Illusionen sehr teuer gehandelt wurden, lediglich sechs Monate auskommen. Danach … Von dem, was danach kam, konnte man lediglich träumen und die Erregung genießen, die aus diesem Traum erwuchs. Wenn mein Geld fast verbraucht wäre, würde ich mich einem unbekannten Abenteuer überlassen, und in der Hoffnung, irgendwie durchzukommen, würde ich diverse Jobs annehmen als Kellner, Tellerwäscher, Putzkraft im Hotel oder als Kassierer in Supermärkten, die nachts geöffnet hatten, ohne darauf zu schauen, ob sie in arabischer Hand waren oder nicht. So würde ich mein Auskommen sichern und beweisen, daß ich in der Fremde auf eigenen Füßen stehen konnte, und wenn es soweit war, würde ich zurückkehren mit dem Gefühl des Sieges, das ich so nötig hatte … Wann das soweit sein sollte, wußte ich nicht. Vielleicht würde ich auch gar nicht zurückkehren. Schließlich war ich ja wie viele meiner ›Nächsten‹ von dem brennenden Wunsch beseelt, viele Werte abzulehnen, und ich liebte aus ganzer Seele den Kampf, in den mich dieser Wunsch verstrickte … Doch nach einigen Monaten merkte ich, daß ich eine falsche Entscheidung getroffen hatte. Die Tatsachen waren ziemlich entmutigend. An der London School of Economics, wo ich an einem Zertifizierungskurs teilnahm, gab es so viele Lehrkräfte, die sich selbst und ihre Kenntnisse wichtig nahmen, daß ich unter Druck geriet. Mit dem wenigen Geld, das ich in den von Zyperntürken geführten Restaurants verdienen konnte, würde es mir nicht möglich sein, aus dem Leben meines Vaters zu verschwinden. Zudem erlebte ich noch andere Enttäuschungen. Das England, das ich erleben mußte, war nicht nur das Land jener schönen Häuser mit Gärten. Außerdem sprach in diesem Land nicht jeder ein gutes Englisch, und unglückliche, frustrierte Menschen gab es mehr, als ich erwartet hatte. Das konnte man in der Londoner Metro leicht beobachten. Der Westen, den ich dort sah, war erschöpft und mitleidlos, ein hinter seinen Lichtern verborgener, sehr finsterer Westen. Ein Westen, der seine Fremden zermalmte und auf unterschiedliche Weise umbrachte … Das war eine der größten Krisen meines Lebens. Gleichzeitig erkannte ich plötzlich, daß ich nicht ohne Istanbul würde leben können … Nun gut … Auch diese tiefe Enttäuschung, die mir zugleich eine radikale Selbsterkenntnis bescherte, liegt inzwischen lange zurück. Damals bin ich heimgekehrt. Oder bin ich ein weiteres Mal geflohen? Es schien, als...

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