Die Lagune

oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand
 
 
wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 1. Oktober 2017
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  • 528 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8062-3694-1 (ISBN)
 
Vor mehr als 2000 Jahren ließ sich Aristoteles an den Ufern einer großen Lagune auf der Insel Lesbos nieder, um sich der Erforschung der Natur zu widmen. Aristoteles war nicht nur einer der größten Philosophen aller Zeiten, sondern er war auch der erste Biologe.
Mithilfe von Fischern, Jägern und Bauern sammelte, katalogisierte und sezierte er Tiere, studierte ihr Verhalten und ihre Lebensweise. In seiner großen Abhandlung >Historia animalium< beschrieb er die Paarung von Reihern, die Funktionsweise der Mägen von Schnecken und der Flossen von Robben oder die Struktur des menschlichen Herzens.
Der in Großbritannien mehrfach für seine Sachbücher ausgezeichnete Biologe Armand Marie Leroi reiste zu den Orten, an denen Aristoteles lebte, und macht uns in seinem hervorragend geschriebenen Buch die Ideen und Forschungen des großen Gelehrten wieder zugänglich. Anschaulich zeigt er, wie Aristoteles den Grundstein für die moderne Naturwissenschaft legte, die noch heute den Stempel ihres Erfinders trägt.
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978-3-8062-3694-1 (9783806236941)
3806236941 (3806236941)
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Armand Marie Leroi ist Professor für Evolutionäre Entwickungsbiologie in London und Autor mehrerer preisgekrönter Sachbücher. So hat er unter anderem den Guardian First Book Award gewonnen. In Großbritannien ist er zudem ein bekannter Wissenschaftskommentator im Fernsehen.

DIE INSEL


 

Kisthos - Zistrose - Cistus sp.

 

III


Ganz klar ist die Sache nicht. Wie kam Aristoteles zur Biologie? Wie erfindet man überhaupt eine Wissenschaft?

Als Erster erzählte D'Arcy Wentworth Thompson die Geschichte. Oder zumindest sorgte er für das chronologische und geografische Gerüst. Im hohen Alter wurde er mit Über Wachstum und Form berühmt, dem exzentrischen, wunderbaren Buch, das er über das Thema schrieb, warum Lebewesen die Form haben, die sie haben. Aber 1910 war Thompson ein dilettantischer Versager. In Cambridge hatte er brillante Leistungen erbracht und war mit nur 24 Jahren an den Lehrstuhl für Zoologie am University College Dundee berufen worden. Er war unermüdlich in seiner Arbeit, lehrte, hielt Vorträge für das einfache Volk, schrieb Leserbriefe an den Dundee Courier, sammelte Ausstellungsstücke für ein zoologisches Museum (ein Schnabeltier war sein besonderer Triumph), reiste an die Beringsee, um die Robbenfischerei zu erforschen, und reichte philologische Notizen in der Classical Review ein - doch er veröffentlichte kaum wissenschaftliche Forschungsarbeiten. Als er 28 war, riet ihm sein alter Tutor aus Cambridge eindringlich, endlich Wissenschaft zu betreiben, bevor es zu spät sei. Als er 38 war, schrieb ihm ein anderer Freund aus Cambridge: »Ich möchte dir nahelegen, von nun an mehr wissenschaftliche Arbeiten vorzulegen.« Thompson quälte sich und veröffentlichte 1895 seine Arbeit A Glossary of Greek Birds, in der er alle Vögel einordnete und identifizierte, die in den alten griechischen und ägyptischen Texten erwähnt wurden. Seine Kollegen waren wenig beeindruckt. Also brachte Thompson 1910 auch noch eine Übersetzung von Aristoteles' Historia animalium heraus.

In Thompsons Händen erlangt Aristoteles' gequälte Prosa eine zurückhaltende Erhabenheit: »Alle lebend gebärenden Vierfüßer sind sodann mit einer Speiseröhre und einer Luftröhre ausgestattet, an derselben Stelle wie im Menschen; dasselbe gilt für Eier legende Vierfüßer und Vögel, nur dass bei Letzteren eine Verschiedenartigkeit in der Form dieser Organe festzustellen ist.« Oder: »Bei den Eier legenden Fischen ist der Vorgang der Begattung der Beobachtung weniger zugänglich.« Oder: »An vielen Orten ist das Klima für bestimmte Besonderheiten verantwortlich; so ist der Esel in Illyrien, Thrakien und Epirus klein .«

Thompson wandte sein zoologisches Wissen an, um die Lebewesen zu identifizieren, die Aristoteles beschrieb. In Arabien, so Aristoteles, gibt es eine Maus, die viel größer ist als unsere Feldmaus, »die Hinterbeine eine Spanne lang und die Vorderbeine von der Länge des ersten Fingerglieds«. »Dies«, schreibt Thompson in einer Fußnote, »ist eine Springmaus, Dipus aegyptiacus, oder eine verwandte Art« - was die Ausführungen sofort klarer macht. Stellenweise drohen seine Anmerkungen den Text zu erdrücken: »Bei ????ßat?? handelt es sich vermutlich um die moderne Gattung Rhinobatus, die Squatinoriaia Willughbys und anderer älterer Autoren, darunter R. columnae, sowie andere Arten, die auf den griechischen Märkten häufig anzutreffen sind. ???? ist wahrscheinlich der Engelhai Rhina squatina (Squatina laevis, Cuv.), der selbst irgendwo zwischen den Haien und den Rochen steht.« (Jahre später sollte Thompson ein Pendant zu A Glossary of Greek Birds mit dem Titel A Glossary of Greek Fishes veröffentlichen.) Wie Thompson schreibt, und man liest hier eine Spur Verzweiflung heraus: »Aristoteles' Wissen der Naturkunde zu annotieren, zu illustrieren und zu kritisieren ist eine endlose Aufgabe .«

Die wichtigsten Zeilen in Thompsons Historia animalium stehen in der Einleitung. Sie kommen mit so wenig Brimborium aus, dass sie leicht zu überlesen sind:

Ich glaube, es lässt sich zeigen, dass Aristoteles sein Studium der Naturkunde wenigstens größtenteils im mittleren Lebensalter durchführte, zwischen seinen beiden Aufenthalten in Athen, und dass die von Land umgebene Lagune in Pyrrha zu seinen liebsten Jagdgebieten zählte.

Pyrrha, so Thompson weiter, befand sich auf der ägäischen Insel Lesbos.[*]

IV


Im Westen verströmt Lesbos die nüchterne Klarheit der Kykladen. Die Landschaft ist eine Komposition aus Rot, Ocker und Schwarz. Verantwortlich für die Farben ist vulkanisches Tuffgestein, erodierte Pyroklasten und Basalte, die vor 20 Millionen Jahren bei Vulkanausbrüchen entstanden. Die spärliche Pflanzendecke besteht aus der dornigen xerophytischen Fauna der ägäischen Phrygana, inmitten derer ein paar dürre Schafe zwischen Steinmauern zu grasen versuchen, die sich in geometrischen Gittern über die Berghänge ziehen. Im Osten jedoch ist die Insel üppig und grün. Über die Hänge des Olympos, einem Bergmassiv aus Schiefer, Quarzit und Marmor, ziehen sich Eichenwälder (Quercus ithaburiensis macrolepis und Q. pubescens) und in den größten Höhen finden sich dichte Bestände von Edelkastanien und harzreichen Kalabrischen Kiefern. Wasserschildkröten und Aale schwimmen in den Flüssen und Störche nisten in den Kaminen verlassener Ouzo-Fabriken. Im Frühling leuchtet in den Tälern die seltene asiatische Gelbe Azalee (Rhododendron luteum) und Teppiche aus Mohnblumen bedecken die Böden der Olivenhaine in den Ebenen. Dank ihrer Lage zwischen der europäischen und der asiatischen Landmasse mischt sich auf der Insel die Flora aus beiden Kontinenten und ist daher außergewöhnlich artenreich. 1899 beschrieb der griechische Botaniker Palaiologos C. Cantartzis 60 neue endemische Arten in seiner La végétation de l'île de Lesbos (Mytilène, Université de Paris, Sorbonne). Fast alle sind ungültig, aber selbst seine konservativeren Nachfolger zählen 1400 Pflanzenarten, darunter 75 Orchideen.

Kolpos Kalloni trennt die beiden Welten. Der 22 Kilometer lange und zehn Kilometer breite Wasserkörper liegt durch eine schmale, gewundene Meerenge geschützt vor dem offenen Meer und teilt die Insel fast in zwei Hälften. Er wird häufig als Lagune bezeichnet, tatsächlich handelt es sich aber um ein Binnenmeer der Art, die von den Ozeanografen als bahira bezeichnet wird. Er gehört zu den nährstoffreichsten Wasserkörpern in der östlichen Ägäis. Die Flüsse aus den umgebenden Hügeln tragen die Nährstoffe ein und versorgen so das Phytoplankton mit Nahrung, das im Vorfrühling das Wasser grün färbt. Die Seegraswiesen in den flachen Teilen dienen Brachsen, Barschen und Schwimmkrabben als Kinderstube. Die sanften Hänge seines schlammigen Bettes werden nur von uralten Austernriffen unterbrochen - erwähnt man jedoch Kalloni im Gespräch mit einem Griechen, wird er von seinen Sardinen schwärmen, die am besten gesalzen schmecken und mit Ouzo Plomari hinuntergespült werden.

Das Salz stammt aus der Fabrik am nördlichen Ende der Lagune. Ein Labyrinth aus Kanälen leitet das Salzwasser in immer höheren Konzentrationen von Pfanne zu Pfanne. In den gesättigten Lösungen bilden sich große Kristalle auf Ästen und Steinen, die unter Teppichen von Europäischem Queller und Strandflieder glitzern. In den innersten Pfannen wird das Salz zu einer rauen, öden Decke, die dann aufgebrochen und zu gewaltigen weißen Pyramiden angehäuft wird. Rostige Geräte stehen überall herum, sind jedoch selten im Einsatz zu sehen - die Salzernte ist ein ruhiges Geschäft. Die Ökologie der Salzpfannen ist sehr einfach. Salzliebende Algen werden von Salinenkrebsen und Salzfliegenlarven gefressen, die ihrerseits von Schwärmen von Rosaflamingos, Stelzenläufern und einer Vielzahl von Schnepfenvögeln und Regenpfeifern aus dem Wasser gesiebt und gepickt werden. Nur ein Fisch, der Zebrakärpfling Aphanius fasciatus, kann in der bitteren, heißen Salzbrühe leben und wird von den Schwarzstörchen und Braunen Sichlern gefressen, die durch die Kanäle waten, sowie von mehreren Seeschwalbenarten, die vom Himmel herabstoßen. Im Frühling und im Herbst sind die Salzpfannen und die umliegenden Sümpfe ein Ruheplatz für Tausende von Zugvögeln auf der Reise zwischen Afrika und dem Norden.

V


Aristoteles ist weder Geograf noch Reiseschriftsteller, aber erstaunlich viele Passagen in seinen Arbeiten beziehen sich auf Kalloni, das er als Pyrrha kannte, nach einer Stadt an seinem östlichen Ufer. Die Häufigkeit dieser Passagen brachten D'Arcy Thompson auf seine Vermutung, dass Aristoteles hier einen großen Teil seiner biologischen Forschungen betrieb. Viele davon finden sich in seiner großen Abhandlung zur komparativen Zoologie, Historia animalium. Sie erzählen von den Tieren, die die Lagune bewohnen. Eine Zusammenfassung dieser Passagen zu einem biologischen Baedeker würde sich etwa so lesen:

Die Fische von Lesbos...

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