Tage der Wütenden

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Juli 2020
  • |
  • 492 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-8664-9 (ISBN)
 
Eine frühzeitig explodierte Bombe zerfetzt Jayjay, einen jungen Radikalen. Seine Gefährtin Claudia überlebt und flüchtet sich zu Lisa. Die hilft, kann aber Claudias Verhaftung nicht verhindern.

Es ist Mitte der 1980er Jahre. Westdeutschland. Trotz zweier von Deutschland initiierter Weltkriege, Massenmord und Holocaust peitscht die herrschende westdeutsche Elite ab Ende 1982 den US-NATO-Doppelbeschluss, die Remilitarisierung des Landes gewaltsam durch: Von hier aus sollen wieder Angriffskriege geführt werden. Ein traumatisierender und re-traumatisierender
Umbruch für gleich zwei Generationen. Die verbünden und radikalisieren sich schnell, erheben sich zu Hunderttausenden, bilden die zweite Massenbewegung nach den 1968ern. Demonstrationen, Petitionen, Mahnwachen, der Bau von Hüttendörfern gegen die Abholzung von Wäldern und den Bau von Start- und Landebahnen für Kriegsflieger, Blockaden gegen die Stationierung der Pershing 2 und wachsende Militanz, aber alles prallt ab an der Macht der Herrschenden.

Untertauchen! Jetzt! Lisa, Nora und Pan, der vom Schulterschluss mit der RAF träumt, haben es miterlebt und die Nase voll von Niederlagen, der kalten Arroganz der Politiker und Kriegen in aller Welt! Im »wirklichen Land«, wie Gramsci die Illegalität nannte, nach den Sternen greifen, Teil werden der neuen Front, die schaffen kann, woran alle bislang scheiterten: die Kriegsmaschinerie der Eliten zerstören! Sich einreihen in die internationale Revolution aller, die sich gegen Kapital und
Ungerechtigkeit erheben. Und bald schon basteln sie an der nächsten Bombe ...
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,61 MB
978-3-7519-8664-9 (9783751986649)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Geboren 1960, aufgewachsen in Frankfurt am Main, Stockholm
und London, wurde Anfang der 1980er Jahre in der westdeutschen,
linksradikalen Anti-Kriegsbewegung aktiv, bestritt ihren Lebensunterhalt als Lageristin, Datentypistin, Flohmarkthändlerin, Putzfrau, Busfahrerin und Handwerkerin.
Ihr Debütroman »Brut der Ratten« erschien im Oktober 2018.

TEIL EINS


Trixi


Lisa. Schon der Klang ihres Namens tat fürchterlich weh. Und machte mir schlagartig klar, dass nichts vergessen war. Gar nichts. Über fünfunddreißig Jahre hatte ich geschwiegen, Familie und Freunde verlassen, mehrmals die Stadt gewechselt, zweimal das Bundesland, auch ins Ausland war ich, aber vergessen? Wenn da eine Wunde in dir ist, die größer ist, als du erträgst, dann verschwindet sie nie, egal wie weit du flüchtest. Aber du selbst tust es. Denn diese Wunde, das bist du. Und die Kilometer, die Städte, die immer neuen, fremden Menschen, die du zwischen die Wunde und dich zu schieben versuchst, verhärten nur die Maske, die aus deinem wahren Gesicht wird. So war es bei mir. Auch wenn ich das nicht merkte.

Bis Sabine mich fand und ihre Geschichte erzählte. Als sie Lisas Namen das erste Mal nannte, war sofort klar, dass das ganze verdammte Leben, das ich nach ihr geführt hatte, für die Tonne gewesen war. Denn schon ihr Name genügte, um mich zum Bluten zu bringen, geradeso, als sei das Damals eben erst passiert.

Es war Mitte Juli 1983, als Lisa mich von der Straße holte. Ich war gerade sechszehn geworden und als Registrierte hätte neben meinem Namen das Kürzel gestanden: »ofW« (ohne festen Wohnsitz). Aber noch hatte mich niemand auf dem Radar. Ich hatte schnell gelernt da draußen. War kurz nach meinem vierzehnten Geburtstag abgehauen aus einem Zuhause, das nie wirklich eins gewesen war. Bis auf die sechs Monate, nachdem mein Alkoholiker-Vater abgetaucht war und ich mit Mutter allein zurückblieb. Sie jammerte, dass er »uns sitzen gelassen« habe, aber ich war dreizehn und heilfroh, dass er weg war. Aber das hielt nur kurz, weil dann der Neue kam. Der hat mir gleich am zweiten Tag eine gescheuert, um klarzumachen, wer jetzt das Sagen hatte. Als Mutter von der Arbeit kam, hat er es abgestritten, und sie glaubte ihm. Na klar. Ich blieb dann nicht, um mir auch noch den ganzen Rest abzuholen, das kannte ich ja alles schon. Außerdem war es Frühsommer und warm genug, um nichts auf die lange Bank zu schieben. Am nächsten Tag nach der Schule wartete ich, bis Mister Schweinsgesicht in seine Eckkneipe am Ende der Straße verschwand, packte meine Sporttasche, leerte die Teedose mit dem mickrigen Rest Haushaltsgeld, die er übrig gelassen hatte, krallte mir den Schmuck meiner Mutter aus der leeren Schuhputzdose im Schlafzimmerschrank und machte die Fliege. In der nächsten Großstadt verscherbelte ich am Bahnhof die Halskette und zwei Ringe und zog weiter. Ich genoss den Platz, den ich mit einem Mal hatte, unter diesem Himmel, der allen genug Luft bietet, um zu atmen. Und Licht, um zu leuchten oder einfach nur zu sein, je nach Stimmung. Bis mir das Geld ausging. Aber bis dahin hatte ich die notwendigsten Dinge aufgesaugt von denen, die schon länger auf Trebe waren. Das Allerwichtigste hatte ich eh schon drauf, verinnerlicht, bevor ich laufen lernte: mich unsichtbar zu machen. Das half beim Vermeiden von Bullen, Personenkontrollen und Sozialarbeitern, geriet man nämlich auf ihren Schirm, war man schneller in einen der Ersatzknäste diverser Betreuungseinrichtungen verschubt, als man gucken konnte. Und Minderjährige wurden ratzfatz dahin zurückgeschoben, wo sie herkamen.

Als ich Lisa begegnete, war ich noch nicht lange in Frankfurt aufgeschlagen und seit knapp zwei Monaten mit einem Typ zusammen, der mein Opa hätte sein können. Er war der Dritte, den ich mir geangelt hatte, seit ich auf Trebe war, und Frankfurt am Main meine dritte Stadt. Einen Typen hier draußen wieder loszuwerden, das war kein Zuckerschlecken. Und schlimmer. Es war immer besser, dann auch die Stadt zu wechseln. Das war nicht toll. Aber trotzdem besser einen dieser Typen zu haben, statt ständig Freiwild für alle zu sein.

Als Lisa mich anquatschte, auf diesem Open Air Konzert im Günthersburgpark, hatte ich vor meinem aktuellen Typen schon mehr Angst als davor, Freiwild zu sein. Auch er hatte sich - wie alle - als Mogelpackung gezeigt, machte auf nett und Beschützer, bis er mich rumgekriegt hatte. Danach war er wieder der geworden, der er wirklich war, ein runzeliger Drecksack, der an der Flasche hing. Wie die meisten, die ich bis dahin draußen kennengelernt hatte.

Ein paar Tage vor dem Open Air hatte er eine Menge Fusel aufgetan, schleppte morgens um halb drei kistenweise feinen Wodka von einer Lieferpalette aus dem Hinterhof eines neu eröffneten Restaurants. Seitdem trank er das Zeug, wie andere Leute atmeten. Natürlich trank ich mit, aus Gewohnheit und um meine Angst vor seinen Tobsuchtsanfällen in Watte zu packen, für die schon ein Blick von mir reichte, wenn der mal zwei Sekunden nicht auf ihn gerichtet war.

Ohne Lisa wäre ich bald vor die Hunde gegangen, da bin ich sicher. Hätte endlos gesoffen und immer so weitergemacht, mich an diese Typen gehängt, die mein Anker sein sollten, auch wenn sie Schweine waren.

Der Abend im Günthersburgpark war schon fortgeschritten, die letzten Wodkaflaschen leer, er schrie mich gerade mal wieder zusammen, als ihn ein unverhoffter Lichtblick ablenkte: ein halb voller Kasten Bier, vorn neben der Bühne, zwischen zwei seiner Kumpels. Er eilte rüber zu ihnen, und kaum war er weg, kam Lisa mit energischen Schritten auf mich zu. Ihre mausbraunen, halblangen, dünnen Haare flirrten im Wind ihrer Entschlossenheit, dann blieb sie vor mir stehen und rammte ihre Hände in die nicht vorhandene Taille.

»Du siehst verdammt nett aus«, ihre grünen Augen durchbohrten mich, »und ich frage mich schon die ganze Zeit, wieso du deinem ätzenden Alten keine scheuerst, der dich wie den letzten Dreck behandelt.«

»Das ist nicht mein Alter«, brummelte ich, schlagartig nur noch halb benebelt.

»Ach so, na dann .« Sie sah ostentativ rüber zur Bühne zu den beiden Typen, vor denen meiner sich grad aufpumpte und den Dicken machte, um ein paar Flaschen abzustauben.

»Ich bin Lisa und hab auch mal draußen gelebt«, fuhr sie fort, als läse sie das ofW von meinen zusammengepressten Lippen, kritzelte ihre Adresse auf ein Stück Papier und steckte es mir zu, »gar nicht so lange her. Das fand ich besser, als zu bleiben, wo ich war, und weiter die Abtretematte für alle möglichen Arschlöcher zu sein. Ich wohne in der Nähe, falls du mal einen Ortswechsel brauchst, ich hab ein Zimmer frei, winzig, aber umsonst. Es gibt nur eine Bedingung.« Sie spähte rüber zur Brüllerei, die sich eben um den Bierkasten erhob. »Arschlochtypen dürfen weder von mir noch von meiner Bude was mitkriegen.«

Drei Nächte später klingelte ich sie raus, morgens um halb drei. Ich hatte sie offensichtlich aus dem Tiefschlaf geweckt, aber sie winkte mich rein, als habe sie mich erwartet. »Schön, dass du da bist. Das Bett ist gemacht, ich bring dich rüber und geh wieder pennen, okay? Bin hundemüde. Morgen können wir reden. Wenn du willst.« Sie öffnete die Tür zu einem 7-Quadratmeter-Zimmerchen und knipste das Licht an. Vom Bettzeug auf der Matratze, die auf Paletten thronte, stieg Lenor-Duft auf, und durchströmte mein neues Reich, das von der ersten Sekunde an mein Paradies wurde.

Am späten Morgen beim Frühstück drückte sie mir die Schlüssel für ihre Wohnung in die Hand, machte sich über die frischen Brötchen her, die sie geholt hatte, schenkte mir Kaffee ein, schob mir Milch und Zucker rüber und warf mir hin und wieder diesen ganz speziellen Blick zu. Sie fing nicht an, mich zu löchern, was mir Schlimmes passiert oder warum ich so jung weg war von zuhause oder so. Sie ließ es sich schmecken, las ihre Zeitung, war ganz da mit mir und doch ganz bei sich, wie immer dann, wenn wir beisammensaßen. Ich blieb, weil ich sie mochte, und spürte, dass ich willkommen und sicher war, dass ich in einer Weise, die ich weder kannte noch verstand, dorthin gehörte, an diesen Ort, mit ihr. Ohne das ständige Gefühl, falsch und fehl am Platz zu sein und liefern zu müssen, was auch immer. Zufrieden igelte ich mich also ein, in diesem Wunderland, das einfach so meins geworden war, mit Schlüsseln und allem. Nur ganz am Anfang und ein einziges Mal fragte ich Lisa nach Alk, am Abend des zweiten Tages, nachdem ich, während sie weg gewesen war, trotz akribischer Suche keinen Tropfen fand, nicht mal einen ordentlichen Hustensaft.

Lisa war gerade reingekommen, stellte zwei volle Einkaufstüten auf den Boden und räumte die Sachen in ihr Holzkistenregal im Flur. Sie habe keinen Alk, antwortete sie, sie habe diesen elenden Dreck jahrelang selbst in sich reingeschüttet und die Schnauze voll davon. Dabei hielt sie mir lächelnd leckere Quarkstückchen vor die Nase, und das Thema war erledigt. Sie konnte nicht kochen, brachte aber supergutes Essen mit: Schinken, Käse, Körnerbrot, Butter und gefrorene Fertiggerichte. Vieles ließ sie mitgehen, alles andere bezahlte sie vom Geld ihres Hehlers, dem sie regelmäßig geklaute Kunstbände und Luxuslederaccessoires brachte. Aber das kapierte ich erst später und auch, dass sie Sozialhilfeempfängerin war und sich mein Durchfüttern eigentlich nicht leisten konnte. Keinen Ton hat sie darüber verloren....

Schweitzer Klassifikation
BISAC Classifikation

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

3,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen