Stadtgespräch

Hamburger Ausgabe Bd. 6
 
 
Atlantik (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 19. September 2018
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-00021-4 (ISBN)
 
Eine kleine Stadt an einem Fjord, eine rechtschaffene Stadt. Nur einmal war es anders: Ein Ereignis riss sie aus ihrer Ordnung heraus und wurde zum Stadtgespräch. Tobis, der Erzähler, erinnert sich an die Zeit der Besetzung. Nach einem Attentat wurden 44 Geiseln festgenommen. Daniel, der Anführer der Widerstandsgruppe, sollte gezwungen werden, sich zu stellen. Er muss sich entscheiden: Folgt er der Aufforderung, wird der Widerstand gebrochen, stellt er sich nicht, sterben 44 Männer.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
Hoffmann und Campe
  • 0,73 MB
978-3-455-00021-4 (9783455000214)
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Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, gestorben am 2014 in Hamburg, zählt zu den bedeutendsten und meistgelesenen Schriftstellern der Nachkriegsliteratur. Seit 1951 veröffentlichte er alle seine Romane, Erzählungen, Essays und Bühnenwerke im Hoffmann und Campe Verlag. Mit den masurischen Geschichten So zärtlich war Suleyken hatte er seinen ersten großen Erfolg, der sich 1968 mit der Deutschstunde zum Welterfolg ausweitete. Mit seiner Novelle Schweigeminute gelang ihm 2008 im hohen Alter abermals ein fulminanter Presse- und Publikumserfolg. Für seine Bücher wurde er mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009.

Und wenn Daniel sich gestellt hätte? Und wenn die ganze Stadt, unsere Stadt ihn mit allen Stimmen darin bestärkt hätte, sich um ihretwillen nicht zu stellen? Wäre seine Geschichte dann vielleicht zuende gegangen? Hätte sie aufgehört, wenn Daniel weder gewählt noch geirrt hätte? Aber warum zwingt er uns, seine Geschichte immer neu und immer anders zu erzählen - ohne Aussicht, sie entscheiden zu können mit Hilfe von Genauigkeit? Und was sollte, was kann noch entschieden werden?

Es hilft nichts: immer führt da die helle, sandfarbene Straße am Fjord entlang, staubgepuderte Telegraphendrähte summen über den Klippen, zerschneiden das Ufer in dünne Scheiben; ein steinübersäter Hang fällt zur Straße ab; über dem Boden liegt ein bitterer Geruch von zähem Gewächs. Die Luft ist windlos. Und immer und jedesmal liegen drei Männer flach auf dem Hang mit ihren Waffen, und ein anderer kauert auf dem Felsvorsprung, von dem aus er die gezackten, scharfkantigen Wände des Tunnels erkennen kann.

Erinnere dich doch mit mir: wir lagen auf dem harten Hang, wir lagen hoch über dem Fjord vier Stunden schon, in den Felsen knackte die Hitze, vom Geröll traf ein glühender Hauch das Gesicht: kein Zeichen von Nicolas. Die eingesprengte Straße mit den schrägen Schatten der Sprenglöcher lag unter einem Schleier von Hitze und Staub, die Augen brannten, die Sonne bearbeitete die Stirn, durchbohrte die Lider, und die Detonationen im Steinbruch zerstörten das Gleichgewicht des Nachmittags. Nicolas gab nicht das Zeichen.

Auf den fleckigen Klippen stritten und beratschlagten sich die Möwen, ein auslaufender Kutter schnitt eine weiße Linie in den Fjord, der Fluß drängte die treibenden Stämme zur Mündung. Daniel beobachtete unter geröteten, halbgeschlossenen Lidern den Felsvorsprung, auf dem Nicolas kauerte, schwarz und reglos, nur ein Punkt am Saum unseres Blickfelds; er beobachtete ihn unablässig, auch wenn er mit uns sprach: Nicolas rührte sich nicht. Die Straße, die er bis zum Tunnel übersehen konnte, blieb leer.

Ich lag hinter euch, hinter dir, Daniel, und hinter Christoph, ich sah die Spannung in euren Nacken, sah die bläulich glänzenden Gewehrläufe, die seitlich unter den Körpern herausragten; keine Kühle erreichte uns dort, nicht die Kühle des Schmelzwassersturzes, den wir ständig hinter uns hörten, nicht die Kühle der Schneefelder auf den baumlosen Kuppen. Mein Hemd war naß über der Brust, ich schwitzte an den Schläfen und am Gesäß, ein warmes, rinnendes Gefühl im Unterleib warnte mich, beunruhigte mich immer wieder: besorgt betastete ich meine Hose, schob mich zurück und erleichterte mich schon wieder.

Wir rauchten nicht, wir tranken und aßen nicht während der Stunden am verbrannten Hang, ich hatte Schmerzen in meinem Körper, ich spürte vielleicht die Wunden, die er erhalten könnte, sobald Nicolas sein Zeichen gegeben hätte . Daniel und Christoph flüsterten, ihre Gesichter näherten sich einander, verdeckten die Wurfgranate, die in einer Mulde vor ihnen lag, mit Steinen umstellt. Das Schmelzwasser strömte ohne Stauung, fiel dem Fjord entgegen, schäumte in unserm Rücken über ausgewaschene Felsen. Der Schaft meines Gewehrs war dunkel von Schweiß, dort, wo ich ihn gepackt hielt. Weiße Muscheln und die Scherben einer gesprungenen Flasche gaben vom steinigen Ufer her blendende Signale. Die Möwen einigten sich nicht über den höchsten Platz auf den Klippen. Nicolas kauerte fern von uns, regungslos über der Straße, als ob er das ausgemachte Zeichen vergessen hätte .

Sie hatten mich zum ersten Mal mitgenommen, Daniel und Nicolas, nicht Christoph; sie hatten erfahren, daß einer in die Stadt kommen sollte, der noch mächtiger war als der Kommandant - du weißt, Daniel, wen ich meine: den alten eigensinnigen General mit den künstlichen, silbernen Kniescheiben -, und wir waren früh genug am Hang über der Straße, um ihn zu empfangen. Von den Schneefeldern waren wir herabgekommen, am Rand des Steinbruchs entlang, wir hatten die Stadt umgangen, unsere Stadt - die wir nicht mehr besaßen, die jedoch uns besaß -, waren zu den Dreifingerfelsen abgestiegen, wo Daniel uns einweihte . ich lag hinter ihnen in der Sonne, unsere Körper schmiegten sich an warmes Geröll, unsere Blicke suchten Nicolas, den Maschinisten: er bewegte sich nicht.

Vor der Flußmündung arbeitete der Bagger, senkte die rostige Eimerkette fauchend ins Wasser, zog sie scharfzahnig rüttelnd über den Boden und trug ihn ab. Die fremden Posten auf der Brücke waren einmal abgelöst worden, eine neue Ablösung stand bevor. Auf dem Lagerplatz des Sägewerks manövrierten Lastwagen und fuhren zu einem Karree zusammen. Der Kommandant kehrte von einem Ritt zurück. Der Bus zur Küste fuhr ab, wendete vor den Schuppen, fuhr Rathausplatz-Schule-Wasserturm, ohne daß jemand dazustieg, hielt zum letzten Mal an der Brücke, bevor er unter uns vorbeikam mit wehender Staubfahne, die sich träge auf den Fjord senkte und die Klippen puderte.

Eine Trauergesellschaft stieg den steinigen Pfad zum Friedhof empor, die Träger setzten auf halber Höhe den Sarg ab, ruhten sich aus, einer wurde ausgewechselt .

Christoph stöhnte, er öffnete das Hemd bis zum Gürtel, drehte sich auf die Seite; er war klein und rosig, er mißbilligte immer noch, daß ich dabei war, obwohl ich ihm keinen Anlaß gegeben hatte - es sei denn, daß er in mir den Neuen sah, dem zu vertrauen er sich nicht entschließen konnte. Seinen Einwand hatte Daniel zurückgewiesen mit einer einzigen Bewegung seiner zarten Hände.

Auf einmal gab Nicolas ein Zeichen, doch er berichtigte sich sofort: es waren lediglich zwei Motorräder mit Beiwagen; die Soldaten trugen Staubbrillen, sie saßen steif, mit lippenlosen Gesichtern auf den Maschinen, sie kehrten von einer Patrouille in die Stadt zurück. Langsam fuhren sie vorüber, und ich hielt das Gewehr im Anschlag, zielte auf Mund, Augen, Mund, drehte mit .

Was gehört noch zum Anfang, Daniel, damit du ihn nicht bestreitest? Der Entwurf des gestaffelten Blickfelds: der verbrannte Hang, die sandgraue Küstenstraße mit den dreieckigen Schatten, die fleckigen, unterwaschenen Klippen, der reglose Fjord mit seinem dunklen Wasser, das Spiegelbild der Schneefelder auf den kahlen Kuppen; sodann die Bestimmung der Geräusche innerhalb des Blickfelds: das Rütteln der Eimerkette, die Dampfstöße des Baggers, die Detonationen im Steinbruch, das gellende Streitgespräch der Möwen, das Murmeln und der unaufhörliche Sturz des Schmelzwassers; schließlich gilt es die Anwesenheit von drei Männern auf dem Hang und eines Mannes auf dem Felsvorsprung anzuerkennen: ihre Erschöpfung, ihren Plan, ihre Erwartung .

Auf einmal winkte mir Daniel, ich schob mich neben ihn, und er deutete mit den Augen auf ein Bild, das er aus einer Zeitung ausgeschnitten und vor sich auf den Boden gelegt hatte, eine Photographie des Generals, den wir erwarteten; behutsam strich Daniel mit dem Handrücken über das Bild, glättete es, beschwerte es mit kleinen Steinbrocken an den Rändern, blickte schweigend auf das Gesicht hinab, das ein grober Raster entstellte: es war ein fleischloses, zerknittertes Schildkrötengesicht, das List verriet, Verdrossenheit, eine alte Enttäuschung und beharrlichen Eigensinn. Das Gesicht des Generals ließ auf Unbeliebtheit an höheren Stellen schließen, auf eigenmächtig geänderte Befehle, auf mürrischen Widerspruch; es machte seine häufigen Versetzungen von Kommando zu Kommando glaubhaft. Die Photographie war auf einer Inspektionsfahrt aufgenommen worden: mißmutig blickte der General auf ein ausgefahrenes Geschützrohr, das die Abendröte über der Küste bedrohte, er trug keine Auszeichnung . Christoph hob den trockenen Farnstengel, mit dem er im Boden gekratzt hatte, ließ ihn langsam über der Photographie kreisen, stieß plötzlich zu und durchbohrte den langen, faltigen Schildkrötenhals des Generals, worauf Daniel das Bild wegriß, es sorgfältig zusammenkniff und in seine Brusttasche schob.

Gleichzeitig hoben wir die Gesichter, spähten zu Nicolas hinüber, doch Nicolas gab nicht das Zeichen. Ich dachte daran, daß ich auf die Reifen schießen mußte, so, wie Daniel es vorgesehen hatte in seinem Plan; ich versuchte an nichts anderes zu denken, wollte nichts anderes wahrnehmen: tief wollte ich den Lauf senken, die grauen, lehmverkrusteten Reifen bis zu der gedachten Linie heranrollen lassen, feuern und im Feuern nach links und rechts schwenken, doch je länger ich daran dachte, desto unsicherer wurde ich, ob ich es auch noch tun würde im entscheidenden Augenblick. Ich spürte, daß ich meinen Blick nicht würde zwingen können, nur die Reifen wahrzunehmen, ich wußte, daß ich die Gesichter suchen würde, die vagen Gesichter hinter staubbedeckten Scheiben, der Lauf würde sich unwillkürlich heben, hin und her schwenken, auswählen, sich für eins der fremden Gesichter hinter Glas und Staub entscheiden, und ich würde vielleicht nur noch erstaunt bemerken, wie die Geschosse das halbblinde Glas zerschlugen, quer über die Windschutzscheibe sprangen und die Körper zurückwarfen.

Ich verstand nicht, warum Daniel mich, ausgerechnet mich dazu ausersehen hatte, ihn und die anderen zu begleiten; er hatte mich angesehen mit einem Blick voll knapper, schweigender Aufforderung, genau so wie Christoph, wie Nicolas; er hatte weder die Hand gehoben noch seine Entscheidung begründet, und daran hatten wir uns gewöhnt. Es war nie anders gewesen: wenn er einen von uns brauchte, trat er neben ihn oder vor ihn, wartete geduldig, bescheiden fast, bis der Ausgesuchte ihn ansah, nickte nur stumm und trat zum nächsten -...

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