Apfelstrudelküsse

 
 
Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. März 2017
  • |
  • 300 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1392-4 (ISBN)
 
Mit 35 ist Katharina immer noch Assistenzärztin. Als Alleinerziehende geht es halt nicht ganz so schnell wie bei den jüngeren Kollegen. Doch eigentlich hat Katharina von Hamburg eh die Nase voll. Sie will in die Berge und nimmt kurzerhand eine Stelle am Chiemsee an. Herrliche Landschaft, bessere Arbeitszeiten und wieder mehr Zeit für Tochter Nina. Aber auch im schönen Bayern ist nicht immer eitel Sonnenschein. Zum Glück ist da noch Kollege Felix, ein´wahrer Fels in der Brandung im Chaos aus Klinikalltag, intriganten Kollegen und einer pubertierenden Tochter. Katharina merkt, dass eine einzige Veränderung im Leben manchmal nicht genug ist.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 3,18 MB
978-3-8437-1392-4 (9783843713924)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Caroline Lenz, geboren 1981, hat Medizin studiert und arbeitet seit einigen Jahren als Kinderärztin. Wann immer ihr der Schichtdienst Zeit dazu lässt, widmet sie sich ihrer Leidenschaft, dem Schreiben.

Kapitel 1

»So, das war der Letzte«, stöhnte Katharina erleichtert und stellte den schweren Umzugskarton mitten im Wohnzimmer ab. Oder besser gesagt dort, wo sich das Wohnzimmer mal befinden würde, wenn es kein Kistenlager mehr war. Sie strich sich eine widerspenstige Locke aus der verschwitzten Stirn, streckte sich und ließ sich mit einem lauten Seufzer auf das ausladende, mit dunkelrotem Samt bezogene Sofa gegenüber dem offenen Kamin fallen.

»Das ist jetzt nicht dein Ernst«, schimpfte Nina, ihre dreizehnjährige Tochter, die bereits damit beschäftigt war, das Tongeschirr in die Vitrine im angrenzenden Esszimmer einzuräumen.

»Was denn? Jetzt mach mal nicht so 'nen Stress. Eine alte Frau ist kein D-Zug.« Katharina schlüpfte aus ihren bequemen Schuhen und legte die Füße hoch.

»Mama, du bist fünfunddreißig, von wegen alt! Jetzt hilf mir mal.« Wütend klapperte Nina mit den Tellern. »Hast du dir überhaupt mal überlegt, was wir heute essen?«

»Wir haben irgendwo noch Brot. Lass uns doch zum Einstand eine richtige Brotzeit machen.«

»Ja, irgendwo. Irgendwo ist immer alles.« Das Tellerklappern wurde lauter. »Oh Mann, was ist das denn?« Nina baute sich vor ihrer Mutter auf und hielt ihr mit spitzen Fingern einen hautfarbenen Tanga entgegen.

»Das, mein liebes Kind, ist Unterwäsche, Naturbaumwolle, Fair Trade.«

»Das sehe ich auch«, patzte Nina, »was bitte hat die im Geschirr zu suchen?«

»Die füllt da Platz aus. Damit die Kisten nicht so schwer sind. Du hast ja auf diesem Packsystem bestanden, von wegen Platz und Gewicht ausnutzen und so. Kein Wunder, dass ich nicht mehr weiß, was wo ist.«

»Das ist eklig.« Nina warf das Höschen auf das Sofa.

»Das ist frisch gewaschen, jetzt stell dich nicht so an.«

Katharina rollte mit den Augen. Womit hatte sie eigentlich so eine spießige Tochter verdient? Und seit wann war Nina eigentlich so zickig?

Träge richtete sie sich auf und zog die Beine an. »Komm, jetzt setz dich erst mal her und atme tief durch.«

»Ich werd jetzt keine dämlichen Entspannungsübungen machen.«

»Komm trotzdem mal runter, dann geht das Auspacken nachher wie von selbst.«

»Na wer's glaubt«, grummelte Nina und nahm widerwillig neben ihrer Mutter Platz.

»Wir haben noch so viel zu tun, und morgen geht die Schule los, und du hast doch bestimmt wieder überhaupt nichts organisiert«, Nina traten die Tränen in die Augen.

»Schhh, meine Kleine, ist ja gut. Wir haben noch den ganzen Tag Zeit, alles zu regeln.« Katharina legte einen Arm um ihre Tochter und zog sie an sich. Doch im Gegensatz zu früher lehnte ihre Kleine sich nicht mehr vertrauensvoll an sie, sondern versteifte sich unter ihrer Berührung.

Bekümmert strich Katharina ihrer Tochter über den Kopf. Sie hatte sich verändert in der letzten Zeit. War sie bislang mit ihren kastanienbraunen Kringellocken, den vorwitzigen Sommersprossen und den goldbraunen Augen eine kleine Miniaturausgabe ihrer selbst gewesen, so glättete sie ihre Haare jetzt und trug seit einigen Wochen perfekt gebügelte Blusen, die sie akkurat in ihren Jeanshosenbund steckte. Fehlte nur noch, dass sie den Blusenkragen hochstellte. Katharina schauderte bei dem Gedanken. Spießigkeit und Konventionen waren ihr ein Graus. Die hatte sie ihre ganze Kindheit lang ertragen müssen und wollte sie ihrer Tochter ersparen.

Nina schniefte hörbar. Katharina fischte ein verkrumpeltes Stofftaschentuch aus ihrer weiten Leinenhose und reichte es ihr.

»Das ist doch bestimmt schon benutzt.« Nina schob ihre Hand weg. »Mama, das ist echt eklig.«

»Mensch bist du etepetete geworden. Wenn du so weitermachst, wirst du noch mal so 'n Sauertopf wie Oma.« Katharina zog eine Grimasse und versuchte ein sehr verbittertes Gesicht zu imitieren.

Wider Willen musste Nina lachen. »Oma muss wenigstens nicht in dieses Kaff nach Bayern ziehen.« Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht.

»Na, Lübeck ist auch nicht der Nabel der Welt.«

Nina lächelte schief. »Ich mach mal lieber weiter. Sonst werden wir nie fertig.« Sie stand auf, ging ins Esszimmer und klapperte weiter eifrig mit den Tellern.

»So kaffig ist das hier gar nicht. Das ist ein Eins-a-Urlaubsort, pass auf .« Katharina griff nach ihrer großen ausgeblichenen Stoffhandtasche, die auf einer Umzugskiste neben dem Sofa lag, und wühlte eine Weile darin herum. Schließlich hielt sie das Gesuchte in den Händen. »Hier, ich hab uns letzte Woche auf dem Flohmarkt extra einen Reiseführer besorgt.«

Schweigen und Tellerklappern.

Katharina ließ sich davon nicht beirren. Sie blätterte in dem Buch und las begeistert vor: »Seebruck, am Nordufer des Chiemsees gelegen, bietet Ihnen verschiedenste Möglichkeiten für einen spannenden Urlaub.«

Schweigen.

»Lass uns nachher mal an den See gehen. Der ist phantastisch. Mit einer Fläche von neunundsiebzig Komma neun Quadratkilometern der größte See in Bayern. Das bayerische Meer!«

»Wasser hatten wir in Hamburg auch.«

»Ach Mensch, Nina! Jetzt sei nicht so negativ. Du wirst sehen, es wird uns hier gut gefallen.«

»Klar.« Tellerklappern.

»Das ruhige Landleben tut dir bestimmt gut. So ohne Großstadtstress und so. Entschleunigung! Ohne den ganzen Medien- und Internetscheiß.«

»Sicher.«

»Der Ort ist zauberhaft. Und schau dich doch mal um. Wir haben so eine schöne Wohnung gefunden.«

»Hier herrscht nur Chaos! Kisten. Kisten. Kisten! Und Du hast natürlich wieder die Ruhe weg«, blaffte Nina sie an, stürmte durch den Raum in den Flur und knallte die Tür hinter sich zu.

Seufzend ließ Katharina das speckige, an den Ecken ausgefranste Buch sinken. Sie war die ganze Nacht gefahren. Mit ihrem völlig überladenen alten VW-Bus waren sie nicht so schnell vorangekommen. Jetzt war sie müde und hatte keine Kraft, sich weiter mit ihrer Tochter auseinanderzusetzen. Die würde sich schon wieder beruhigen.

Gut, dass die Wohnung fast vollständig möbliert war. Katharina legte sich wieder hin und sah sich im Raum um. Nun ja, überall standen Kisten und Seesäcke herum, aber sie konnte schon sehen, wie hübsch es werden würde. Vom rechteckig geschnittenen Wohnzimmer mit den großen Panoramafenstern ging L-förmig das Esszimmer ab. Es war mit einer Buchenholzvitrine, dem dazu passenden großen Esstisch für acht Personen und den alten Holzstühlen vollständig eingerichtet. Katharina liebte warme Holz- und Naturtöne. Deshalb hatte sie die Wohnung auf Anhieb gemocht. Neben dem Kamin im Wohnzimmer waren rechts und links in einer Nische Bücherregale eingebaut. Der Couchtisch war aus altem Wurzelholz. Am besten gefiel ihr das rote Samtsofa mit den beiden dazu passenden Sesseln. Vom Esszimmer aus sah man gleich in die offene kleine Küche. Katharina kochte nicht besonders gern, aber die Einbauschränke aus Buchenholz waren sehr hübsch.

Die ganze Wohnung war mit hellen Holzdielen ausgelegt. Katharina atmete tief ein. Ach, dieser altmodische Geruch von Bohnerwachs, herrlich, dachte sie.

In Gedanken durchschritt sie weiter ihr neues Reich. Über den Flur mit der eingebauten Garderobe gelangte man entweder hinaus auf den Hof oder zum Gäste-WC oder über die knarzende Holztreppe hinauf zu den Schlafzimmern. Genau zwei gab es, eins für Nina, mit Blick auf den Garten, und eines für sie selbst, mit Blick auf das Haupthaus.

Katharina hatte immer schon mal auf einem Bauernhof wohnen wollen. Auch deshalb war sie überglücklich, die Wohnung, die die größte in einem im letzten Jahr komplett neu ausgebauten Kuhstall war, ergattert zu haben. Es gab noch zwei kleinere Apartments, die die Hofbesitzer Gerta und Toni Wagner an Urlauber vermieteten. Oh ja, Katharina hatte ein gutes Gefühl mit diesem märchenhaft wirkenden Ort. Die freie Natur, die saubere Luft, die Berge zum Skilaufen im Winter, der See im Sommer . Allmählich fielen ihr die Augen zu, und sie glitt in einen tiefen ruhigen Schlaf.

Am frühen Nachmittag hatte Katharina tatsächlich schon einen Großteil der Kisten und Säcke ausgepackt und ihre Habseligkeiten verstaut. Zwei braune Sitzkissen standen jetzt zwischen den roten Sesseln und dem Sofa. Auf dem Esstisch hatte sie einen schilffarbenen Filztischläufer platziert und die dazugehörigen Sets in der Vitrine verstaut. Über die Rückenlehne des Sofas hatte sie ihre schlammfarbene Lieblingskuscheldecke geworfen. Die grellen Glühbirnen hatte sie gegen solche, die ein wohlig warmes Licht verströmten, ausgetauscht. Sie zündete gerade ein Teelicht an und stellte es in die tönerne Duftlampe auf dem Couchtisch, als Nina wieder hereinkam.

»Musstest du die alten fiesen Dinger mitnehmen?«, raunzte sie ihre Mutter an und zeigte vorwurfsvoll auf die Sitzkissen, deren Cordbezug an den Rändern deutlich abgewetzt war.

Katharina holte tief Luft. Offenbar eignete sich Orangenduft nicht dazu, schlagartig pubertierende und gestern doch noch so niedlich gewesene Töchter zu beruhigen. Sie beschloss, Ninas Gemecker zu ignorieren.

»Wie weit bist du mit deinem Zimmer gekommen? Hier, ich hab noch die Traumfänger gefunden«, sie zeigte auf einen Haufen Federn, Schnüre und Strohkreise auf dem Tisch.

»Ich bin fertig . und nein danke.« Nina bedachte ihre Mutter mit einem eisigen Blick.

»Du machst den Eindruck, als könntest du dringend etwas Stimmungsaufhellendes gebrauchen.«

»Ja, ein Zugticket nach Hamburg und Geld fürs Internat.«

Offenbar würde sich Nina nicht so schnell...

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