Der Garten von Schloß Marigny

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2015
  • |
  • 688 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97274-1 (ISBN)
 
Frankreich, im 16. Jahrhundert: Joanna ist nicht nur eine geniale Künstlerin, sondern auch eine ungebändigte junge Frau aus dem Volk, die barfuß über die Hügel stürmt, um den Wind in den Haaren zu spüren. Genauso ist sie aber auch die Lady, die man sich in Samt und Seide am Königshof vorstellen kann. Immer aber ist sie unabhängig, will von niemandem besessen werden und hat nur einen Wunsch: den italienischen Garten des Schlosses Marigny zu entwerfen. Zwei Adlige begehren diese schöne Frau- und das Schloss Marigny, das sie in ihren Besitz bringen wollen. Joanna gerät in einen gefährlichen Machtkampf . Ein farbenprächtiges Bild einer Epoche und einer ungewöhnlichen Frau.
weitere Ausgaben werden ermittelt

Erstes Kapitel

IN KASTILIEN VERKAUFTEN sie bei einem Mysterienspiel, das fünfundzwanzig Tage dauerte, Antimonpulver und Quecksilbersalz. Unter den Zuschauern brach eine Schweißfieberepidemie aus. Donato murmelte lateinische Verse, Sanchia braute Heiltränke aus Mutterkraut. Das Kind Joanna schaute, sich fest in ihr zerfetztes Samtcape hüllend, zu, wie Der Tod und Die Schönheit, Die Fünf Sinne und Die Seele sich auf dem ockergelben Sand zur Schau stellten.

Das Jahrhundert näherte sich seinem Ende. Es regnete Blut aus den Wolken, und in Frankreich verfluchte ein dreifacher Mond den Nachthimmel. Ein Blitzstrahl fuhr durch den Vatikan und schleuderte den Papst von seinem Thron. Es gab Seuchen und Epidemien, aber sie waren notwendig fiir Donato Zulians Broterwerb.

In Navarra lehrte Sanchia Joanna das Schreiben und die Namen und charakteristischen Eigenschaften von Pflanzen. Donato stand auf dem Marktplatz auf einem Podium, brüllte in die Menschenmenge, schlug mit der Faust in die Handfläche, und sein beschwörend durch die Luft stechender Zeigefinger und sein wilder Blick zogen die Kranken magnetisch an. Ein Musiker spielte Geige, ein anderer Tamburin, und Joanna tanzte. Ihr kastanienbraunes Haar flog in der staubigen Hitze, ihre leuchtenden Röcke wirbelten um ihren Körper. Wenn der Tanz zu Ende war, klatschten die Leute und warfen ihr Münzen zu.

Im Sommer des Jahres 1502 führten sie in geflochtenen Weidenkörben zusammengerollt liegende Giftschlangen zur Heilung von Schlangenbissen mit sich. Donato verkaufte all seine Öle und Salben, und ein vornehmer Herr bezahlte mit Gold fiir ein Mittel gegen Syphilis. Sie speisten in der Küche des Palastes des feinen Herrn, und Joanna atmete den Duft des Schilfrohrs auf dem Fußboden ein und hörte aus der Ferne den Klang einer Laute. Von Dankbarkeit erfüllt, schenkte der Herr Sanchia ein Paar schwarze Samtärmel und Joanna ein pelzbesetztes Cape. Später an diesem Abend trank Donato Flasche auf Flasche guten Rotweins, und Sanchia kaufte ihrer Tochter einen Federkiel und ein Tintenfaß aus Horn. Sie hatten kein Papier, und so zeichneten sie Buchstaben und Gesichter auf die Rückseite von Donato Zulians Panier, und als Donato aus dem Gasthaus zurückkam, lachte er und nannte Joanna sein Schätzchen, sein Kätzchen.

In Lissabon kauften sie Ingwer und Rhabarber aus China und von der Malabar-Küste Zitwerwurzel zum Magenwärmen. Die Gewürze und Arzneien waren auf dem Seeweg aus Ostindien gekommen. Erneut eine Weinflasche öffnend, sagte Donato, die Reisen der portugiesischen Seeleute würden Venedig zum Verhängnis werden. Sanchia, die die Schiffe mit graugrünen, besorgten Augen betrachtete, hielt ihre Tochter bei der Hand und schwieg.

In jenem Herbst wurde das Getreide von einer dunkelroten Trockenfäule befallen, die die Menschen um den Verstand brachte. Manchmal warfen hungrige Horden Steine auf die Juden, manchmal auf die Zigeuner, und andere Male schleuderten sie sie dem fahrenden Arzt mit seinen nutzlosen Arzneien und hohlen Versprechungen auf ewiges Leben hinterher. Donato versorgte fachkundig die Platzwunde auf Sanchias Stirn, und seine Hände zitterten kaum. Joanna, die nun fast elf Jahre alt war, machte Feuer, kochte das Essen und beschwerte die Ränder des Zeltes mit großen Steinen, damit ihre Mutter, die darin schlief, den kalten Wind nicht zu spüren bekäme. Joanna aß allein, weil Donato nicht hungrig war - nur durstig -, und Sanchia, durch einen der Zaubertränke ihres Mannes eingeschlafen, wachte nicht auf. Während ihrer einsamen Mahlzeit erinnerte sie sich an die Gesichter derer, die die Steine geworfen h?tten. »Quacksalber«, hatten sie gerufen. »Hanswurst«, schleuderte ein Junge ihr ins Gesicht, und sie hob selbst einen Stein auf. Er traf ihn an der Stirn, und er fiel auf das Pflaster und blieb reglos liegen.

Im Frühling, als Sanchias Husten sich gebessert hatte, zogen sie nordwärts nach Frankreich. Auf dem Jahrmarkt in Lyon baute Donato seinen Stand und seine Bude auf und verkaufte Mittel gegen Zahnschmerzen. Um die Würmer zu töten, die sich vom Kopf abwärts wanden und in die Zähne hineinfraßen, brannte Donato mit Bilsenkrautsamen bestreute Wachskerzen ab. Das Bilsenkraut hatte Sanchia am Meer gesammelt. Joanna nahm das Geld der Patienten entgegen, wenn sie aus der Bude taumelten. Einer von ihnen kniff sie im Bilsenkrautrausch ins Kinn und bat sie um einen Kuß. Sanchia, die in einer Ecke kauerte, beschimpfte ihn auf Spanisch und warf ihn hinaus.

In den sanften Loiretälern reiften die Trauben im dunstigen Sonnenlicht, und Eidechsen huschten zwischen den Steinen umher, die ihnen Schutz vor der Hitze gewährten. Abends schauten sie zu, wie die Flammen der Johannisfeuer gen Himmel loderten und leuchtende Farben auf die Leinwand aus Dunkelheit malten. Das Licht tauchte die Felder und Wiesen in Gold, vergoldete den Blumenteppich und bronzierte die Kornfelder und Weinberge. Vor Joannas halbgeschlossenen Augen vermischten sich Funken und Flammen mit den Sternen am Himmel. Bald, sagte Donato, wäre die Saturn-Jupiter-Konjunktion vorüber - dann fänden die schlimmen Zeiten ein Ende.

Am folgenden Tag wurden sie in das Schloß eines bekannten Adligen gerufen, dessen Tochter an der roten Ruhr erkrankt war. Donato stärkte sich mit Wein und erzählte von der Universität in Bologna und davon, wie er in den Hörsälen von Padua der Sezierung von Leichen beigewohnt hatte. Sanchia, die die schmuddeligen und zerknitterten Kleidungsstücke ausschüttelte und säuberte, lächelte und gab ihrem Mann einen Kuß.

Während sie allein in dem kalten Vestibül des Schlosses wartete, betrachtete Joanna den großen Gobelin an der Wand. Da waren ein Löwe und ein Einhorn und Kaninchen und Hermeline und Affen und Hunde und überall Blumen - im Gras, am Himmel und als Verzierung an den grazilen, filigranen Bäumen. Vor dem einzigen schmalen Fenster, das den Raum erhellte, leuchteten Tausende von Blumen der Täler: Klatschmohn und Konrade, Rittersporn, Butterblume und Apfelrose.

Die Tochter des Edelmannes starb, und Donato verließ eines Nachts in aller Stille mit Weib und Kind die Stadt. Um ihren Vater aufzuheitern, fertigte Joanna aus einem alten Unterrock ein neues Panier, beschriftete es mit dem Namen Zulian und schmückte es mit einem herrlichen Garten, den sie mit den Farben malte, die Sanchia aus den Blumen am Wegesrand gewann. Es gefiel Joanna, Blumen aus Blumen zu erschaffen, und Donato betrachtete ihr Werk und nahm sie lächelnd in den Arm.

Der Winter kam früh. Am Allerseelentag standen sie an der grauen Felsenküste der Bretagne und schauten auf eine rauhe See hinaus. Das Zelt hatte Löcher, und keiner von ihnen war der bretonischen Sprache mächtig. »Wir werden nach England segeln«, erklärte Donato und kniff die Augen zusammen, als könne er die Küstenlinie Englands am Horizont ausmachen. Ein neues Land - ein neuer Anfang .

Sanchia hatte Flecken auf den Wangen, rot wie zerdrückte Klatschmohnblütenblätter. Joanna beobachtete, wie ihre Mutter die Hand auf den Unterarm ihres Vaters legte und mit ihm über den weißen Sand bis dorthin ging, wo die Gischt Spitzenmuster auf das Ufer malte. Die Schreie der Möwen, die über ihren Köpfen kreisten, waren ebenso unverständlich wie das Geplapper der Bretonen. Sanchia lehnte sich an Donatos Schulter, während sie sprach. Ihre Worte wurden vom Wind fortgetragen, in Stücke gerissen, aber als ihre Eltern zurückkamen, bemerkte Joanna, daß die Augen ihres Vaters naß waren - als wäre er von der Gischt getroffen worden. »Wir gehen nach Spanien zurück«, sagte er.

Sanchia starb, als sie bis auf Sichtweite an Aragon herangekommen waren. Joanna, die neben dem Nachdager ihrer Mutter zusammengekauert eingeschlafen war, wurde von Donatos furchtbarem, von Zorn und Gram erfüllten Schrei aus ihren Träumen gerissen.

Am folgenden Tag gingen sie zu der nächstgelegenen Kirche. Donato trug Sanchia, in Joannas pelzbesetztes Cape gehüllt, auf den Armen, und Joanna führte das Muli, das mit dem Zelt, dem Panier, ihren Töpfen und Pfannen, Krügen und Salbentiegeln beladen war. Der scharfe Wind riß an den Haaren des Mädchens und zerrte an den zerlumpten Kleidungsstücken, die Sanchia Zulians Leichnam bedeckten. Donato sagte dem Priester, seiner Frau sei die Absolution erteilt worden. Hätte der Priester die Wahrheit gekannt, hätte er gesagt, daß Donato lüge - doch Donato hatte keine Bedenken: Er wußte, daß Sanchia nichts zu beichten gehabt hätte.

Donato trank sich durch den Frühling. Joanna verkaufte Heilkräuter und Salben, schrieb Briefe für die Ängstlichen und Analphabeten, lehnte Angebote, leichtes Geld zu verdienen, mit einer Verwünschung oder einem drohend gezückten, scharfen, schmalschneidigen Messer ab. Im Sommer zwang Donato seinen zitternden, durch Alkoholmißbrauch geschädigten Körper auf die Füße und teilte Joanna mit, sie würden nach Venedig zurückgehen und eine Weile bei seinem Bruder Taddeo bleiben. Sie kauften ein zweites Muli, und Joanna nähte Flicken auf die Löcher im Zelt. Für sie war Venedig ein ebenso unbekanntes Land wie England oder Amerika. Donatos alter Widerwillen, zu seiner Familie in seine Heimat zurückzukehren, wuchs beständig, während sie von Toulouse nach Avignon reisten, von Savoyen nach Genua. Donato ritt auf dem neuen Maultier, Joanna ging nebenher. Sie verabreichte ihm Mutterkraut, wenn sein Kopf schmerzte, Efeu und Tausendgüldenkraut, wenn sein Magen rebellierte. Als er sich besser fühlte, erzählte er von seinem Bruder Taddeo und seiner Schwägerin Isotta. Als er versuchte, über Sanchia zu sprechen, brach er in Tränen aus.

In...

»Ein farbenprächtiges Bild einer Epoche und einer ungewöhnlichen Frau, eine fesselnde Geschichte um Liebe und Besessenheit, um Macht und Geld.«, FRANKREICH Magazin

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen