Sommer mit Nebenwirkungen

Roman
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. April 2013
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-08301-4 (ISBN)
 
Worum es geht, wenn Frauen aufs Ganze gehen

Sophie geht es gut. Toller Mann, cooler Job, und ziemlich gut sieht sie auch noch aus. Nur eines gelingt ihr nicht. Sie wird nicht schwanger. Wäre sie aber gern. Als sie von einem geheimnisvollen Ort in Südtirol hört, wo man ihr helfen kann, macht sie sich auf die Reise. Tatsächlich findet sie dort oben in den Bergen Hilfe - aber die verändert ihr Leben.

Unerwartet sitzt Sophie im Flugzeug nach Wien. Ihre Chefin hat ihr Zwangsurlaub verordnet. Sophie arbeitet in einem Berliner Assessment-Center, wo sie Manager auf Karrieretauglichkeit testet. Doch bei der letzten Gruppe lief alles aus dem Ruder. Nun soll sie in der Freizeit über ihr "unprofessionelles Verhalten" nachdenken. Schnell wird klar: Etwas ganz anderes macht ihr zu schaffen. Sophie wird nicht schwanger. Was für ein Zufall, dass im Flugzeug neben ihr eine alte Dame sitzt, die ihr weiterhelfen kann. Sie bringt Sophie auf eine Spur, die von den Wiener Kaffeehäusern hoch in die Berge Südtirols führt. Dort existiert eine Sommerfrische, zu der seit Generationen Frauen mit Kinderwunsch pilgern. Kam nicht schon Sigmund Freuds älteste Tochter Mathilde vor einhundert Jahren an diesen Ort, um hier ihr Glück zu versuchen? Es heißt, hier würden unfruchtbare Frauen fruchtbar. Aber warum? Neugierig begibt sich Sophie auf eine Reise, die ihr ganzes Leben verändert.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 0,82 MB
978-3-641-08301-4 (9783641083014)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1

Um 9.33 Uhr zog Heinlein die Waffe. Eine tschechische Luger mit einer Revolvertrommel aus Stahl. »Das wollte ich nur erwähnt haben«, teilte er der Gruppe mit, während er selbstzufrieden und breitbeinig, die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt, auf seinem Stuhl lümmelte. Ja, er fand sich gut. Supergut.

»Habe ich jetzt gewonnen? Klar habe ich gewonnen - ich überlebe, die anderen sind tot. Ganz einfach.«

»Sehr fair war das nicht«, murmelte Sophie und massierte sich dabei leicht die Schläfen. Manchmal machte der Job sie müde.

»Fair kommt nicht weit«, erklärte Heinlein und lachte dröhnend. »So ist es doch, Leute: Fair kommt nicht weit.«

Die anderen sieben Kandidaten im Raum schauten betreten auf den Boden.

Im C&O-Assessment-Center gehörten Rollenspiele zum Standard. Für heute Morgen hatte sich Sophie einen Klassiker ausgesucht, einen Stollen, der unerbittlich mit Wasser vollläuft. »Stellen Sie sich bitte vor, Sie als Gruppe sind dort tief unter der Erde gefangen, das Wasser steigt von Minute zu Minute. Sehr bald wird der Stollen komplett überflutet sein. Doch es gibt einen Fluchtweg, einen Rettungskorb, der wie ein Fahrstuhl in einem Schacht nach oben fährt. Allerdings passt in den Korb nur eine einzige Person. Und der Korb kann nur ein einziges Mal nach oben fahren. Nun die Frage: Wer von Ihrer Gruppe darf dort einsteigen? Und warum? Sie haben zehn Minuten Zeit, um sich auf eine Person festzulegen und Ihre Entscheidung zu begründen.«

Solche Spiele mit der Existenz waren in der Assessment-Szene äußerst beliebt. Leben oder Tod, um nicht weniger sollte es hier gehen. In den ersten Jahren, als Berufsanfängerin, hatte Sophie noch gegen diese Methoden protestiert. Niemand, argumentierte sie damals, wisse genau, wie man sich in so einem schrecklichen Moment verhalte. »Den Tod vor Augen - da entdecke ich mich doch selber neu.« Mancher, der sich für mutig hielt, merkte, wie er sich, voller Angst, nur noch ans Leben klammerte. Wohingegen scheinbar Ängstliche über sich selbst hinauswuchsen. Letztlich hatte sie diese Rollenspiele dann aber doch akzeptiert, weil sie merkte, dass sie tatsächlich aussagefähig waren. Denn sie wurden von den Teilnehmern ernst genommen. Die Assessment-Kandidaten zogen mit und offenbarten Seiten ihrer Persönlichkeit, die sonst verborgen geblieben wären.

Häufig stiegen sie sogar mit besonders großem Eifer auf solche Horrorszenarien ein, je bedrohlicher, desto besser. Das einfache Bild, das Sophie mit dem überfluteten Stollen entwarf, regte ihre Fantasie an und ließ Bilder in ihren Köpfen entstehen, die sich oft genug mit Hollywood-Filmszenen mischten. Es funktionierte. Also machte Sophie irgendwann ihren Frieden damit. Ihre Aufgabe als Psychologin war es, sich in sehr kurzer Zeit ein Bild über den Charakter, die Stärken und Schwächen der Kandidaten zu verschaffen. Und dann die Entscheidung zu treffen, wer für den Job infrage kam. Nicht irgendeinen Job. Beim C&O-Assessment-Center ging es um Top-Jobs in der globalen Wirtschaft. Mit Berufsanfängern arbeitete Sophie schon lange nicht mehr.

Bis Heinlein sich einmischte, war an diesem Morgen alles gut gelaufen. Die meisten Argumente, die in der zehnminütigen Diskussion fielen, hatte sie schon vorher in anderen Gruppen gehört. So meinte der Saarländer, dem jüngsten Kandidaten gehöre der Platz im Rettungskorb; der Jüngste war allerdings nicht er selbst. Sophie machte sich einen Vermerk. Warum ließ er sofort jemand anderem den Vortritt, kämpfte nicht um sein eigenes Überleben? »Kein gutes Selbstwertgefühl«, notierte sie. »Keine Führungskraft. Oder nimmt er die Übung nicht ernst?«

Die beiden Frauen in der Runde appellierten an die Ritterlichkeit der Männer und meinten, der einzige Platz stehe auf jeden Fall einer von ihnen zu. »Wie wollen Sie sich denn später, nach der Rettung, oben rechtfertigen - vor den Medien, vor der Öffentlichkeit? Ein einziger männlicher Überlebender, und unten in der Tiefe liegen zwei tote Frauen. Da werden Sie doch Ihres Lebens nicht mehr froh.« Das war gut argumentiert, logisch und doch emotional. Sophie gab beiden eine positive Beurteilung.

Einen ungewöhnlichen Vorschlag machte Paul Grotemeyer. Er war ihr schon gestern aufgefallen, weil er die Dinge fokussiert und dabei unangestrengt anging. Eine echte Ausnahme. Er suchte nach einer ganz anderen Lösung. »Haben wir dort unten im Schacht ein Seil? Dann verknoten wir das Seil mit dem Rettungskorb und machen eine Schlinge daraus, in die man sich einhängen kann. Wie eine Schaukel. So retten wir zwei.« Sophie war beeindruckt. Er machte auch keinen Hehl daraus, dass er in die Schaukel steigen wollte. »Das Risiko einer solchen Hängepartie kann ich einschätzen. Mit Höhe kenne ich mich aus.« Er war ein Teamarbeiter und doch nicht selbstlos. Sophie setzte ein Ausrufezeichen neben seinen Namen.

Natürlich brachte auch einer den Zufall ins Spiel, diesmal der Betriebswirt aus Flensburg. Betont abgeklärt sagte er: »Wir sollten das Los entscheiden lassen, nur der Zufall ist gerecht. Zwischen dem Jüngsten und dem Zweitjüngsten liegen nur zwei Jahre - wo ist also der Unterschied? Und für emanzipierte Frauen gilt kein Welpenschutz.« Sophie wusste aus Erfahrung, dass ein Kandidat immer das Los ins Spiel brachte. Das war kein sehr innovativer Gedanke. »Langweilig«, schrieb sie auf. Die Gruppe diskutierte noch ein wenig hin und her und einigte sich am Ende tatsächlich auf den Jüngsten, einen sechsundzwanzigjährigen Volkswirt aus Bergisch Gladbach, der nicht so recht verstand, wie ihm geschah. Auch das gab eine Notiz. Keine positive.

Heinlein hatte sich bis dahin auffällig zurückgehalten. Im Grunde genommen schrieb Sophie ihn schon ab. Er war der älteste Teilnehmer, ein farbloser Kerl aus der Provinz, der in der Geschäftsführung eines mittelständischen Elektro-Zulieferers bei Stuttgart arbeitete. Dieser Pitch um einen Manager-Job bei einem globalen Kosmetikunternehmen war einfach eine Nummer zu groß für ihn. Sophie wusste schon jetzt, dass der Headhunter sich bei Heinlein gründlich vergriffen hatte.

Doch dann überraschte Heinlein sie. Indem er die Waffe zog, die Luger. Damit zwang er den Jüngsten, aus dem Korb wieder auszusteigen, nahm dessen Platz ein und fuhr ungehindert nach oben. Allein. Erwachsene hielten sich nicht immer an die Spielregeln. Genau genommen gab es die beim Rollenspiel auch nicht.

»Gewonnen, gewonnen«, sang Heinlein, der sich vor Glück kaum einkriegte.

Sophie ärgerte sich maßlos über sich selbst. Sie hätte dieses blöde Szenario nicht wählen dürfen, es geisterte längst durch Internet-Foren wie »assessment-albtraum.com« oder »hate-jobgames.de«, wo ihre Kandidaten sich auf den letzten Stand brachten. Wahrscheinlich fand sich auch die Sache mit der Waffe im Netz. Heinlein musste davon gelesen haben. Von selbst wäre er nie auf diese radikale Idee gekommen. Ungeduldig ließ Sophie die Mine aus dem Kugelschreiber ein- und wieder ausfahren. Sie schaute Heinlein mit ihren grünen Augen kritisch an. Nicht einmal ihre blonden Locken, die sie sonst immer weicher und lustiger wirken ließen, milderten ihren Gesichtsausdruck ab. Plötzlich bemerkte jeder im Raum, dass ihre Nase ein wenig schief war, wie bei einem Boxer. Eine blond gelockte Frau mit einer gebrochenen Nase? Nur Heinlein fiel nichts auf.

»Wenn Sie oben angekommen sind, wird das Rettungsteam die Waffe in der Notkapsel finden«, sagte Sophie in einem scharfen Ton.

»Quatsch, die entsorge ich vorher«, konterte Heinlein.

»Sie können die Waffe nicht entsorgen, die Kapsel ist geschlossen und der Schacht so eng, dass nichts runterfallen kann. Die Waffe liegt bei Ihnen im Korb. Punkt. Jeder kann sich dann ausmalen, was unter der Erde geschehen ist. Es wird zum Prozess kommen.«

»Na und?«, sagte Heinlein großkotzig, »ich nehme mir einen guten Anwalt und plädiere auf Psychostress. Sie wissen schon - Todesangst, ich bin wie von Sinnen, weiß nicht, was ich tue, bin für den Kram nicht verantwortlich. Vermutlich komme ich mit einer Bewährungsstrafe davon. Ich meine, Ihre Branche bietet doch eine Menge verständnisvoller Psychogutachter, die dem Richter schon klarmachen werden, dass eigentlich ich die arme Sau bin.«

»Und was sagen Sie den Angehörigen der Toten, die Ihnen die Schuld geben werden?«

Heinlein winkte ab. »Die werden mit Geld abgefunden, von der, was weiß ich - Bergwerksfirma. Ich meine, irgendwer ist doch für diesen Stollen verantwortlich, nicht wahr? Der zahlt dann halt.«

Sophie schloss die Augen. Die Müdigkeit war wieder da. Diese tiefe, tiefe Müdigkeit. Heinlein hatte recht, wäre das Szenario real, er würde vermutlich wirklich nicht hart bestraft werden. Doch Sophie gefiel diese Richtung überhaupt nicht.

Seit einigen Jahren wurden die Kandidaten zunehmend aggressiver, egomanischer, hemmungsloser. Die Bereitschaft, die Gruppe zu opfern, nur damit man selbst bei der Präsentation eine gute Figur machte, nahm zu. Und leider neigten viele Verantwortliche im Assessment-Center dazu, so ein asoziales Verhalten als Durchsetzungsfähigkeit und Stärke zu belohnen. Dabei waren das nur Psychopathen. Brauchte die Top-Etage der deutschen Wirtschaft Psychopathen in ihren Vorstandsreihen? Kerle, die nur an ihren eigenen Vorteil dachten, daran, wie sie selbst bei einer Insolvenz noch fett absahnen konnten? Nein, fand Sophie. Aber sie stand mit ihrer Meinung ziemlich allein da.

Sie schielte zu Grotemeyer. Für sie war er der wahre Gewinner dieser Runde. Einer, der sich selbst retten wollte, aber nicht die Nerven verlor und versuchte, auch anderen zu helfen. Einer, der an...

"Kluger Stil, spannende Drehs"
 
"Für Freunde von Liebesromanen wird "Sommer mit Nebenwirkungen" eine Freude sein."

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