Vintage Love

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. Dezember 2013
  • |
  • 544 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-12151-8 (ISBN)
 
Vintage-Kleider, ein geheimnisvolles Tagebuch und die Suche nach der wahren Liebe

New York, am Astor Place: In einen Muff eingenäht findet Amanda, Besitzerin eines Vintage- Ladens, ein Tagebuch, das dort offensichtlich jemand sicher verwahren wollte. Amanda erzählt niemandem von ihrem Fund und macht sich daran, das Tagebuch zu lesen. Sie wird tief in das Jahr 1907 und die Lebensgeschichte der 20-jährigen Olive Westcott hineingezogen. Immer mehr Parallelen entdeckt sie zwischen sich und der jungen Frau, und viele Fragen kommen auf, deren Antworten Amanda in dem geheimen Tagebuch vermutet ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,08 MB
978-3-641-12151-8 (9783641121518)
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KAPITEL EINS

Amanda

Mein Termin führte mich zum Stewart House – einem hohen, weißen Backsteinbau in der Zehnten Straße, Nähe Broadway. Ich war schon oft an diesem Haus aus den Sechzigerjahren vorbeigelaufen, hatte es aber noch nie von innen gesehen. Angesichts der Eckbalkone, der kreisförmigen Einfahrt und des Foyers mit den prächtigen Lüstern erschien mir meine eigene Bleibe ein paar Straßen weiter geradezu vorsintflutlich. Nur die Miete war auf der Höhe der Zeit.

Am Ende eines langen Flurs, der mit gerahmten Museumsplakaten von Impressionismusausstellungen dekoriert war, stand ein Mann in Jeans und T-Shirt barfuß an der Tür. Er war um die vierzig, wollte aber wie Ende zwanzig wirken. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Zufällig hatte ich heute Geburtstag und war nicht begeistert davon, neununddreißig zu werden.

»Ich wollte zu Jane Kelly«, sagte ich. »Sie hat mich angerufen, es geht um einige Kleider.«

»Kommen Sie rein.«

Als ich eintrat, musterte er mich verstohlen. Ob ihm gefiel, was er sah, konnte ich nicht sagen. Es war mir auch egal. Ich fand ihn attraktiv, aber er war nicht mein Typ: gebräunt, schwarzes Haar und Bart. Ich stand nicht auf Bärte – zu kratzig.

Er führte mich in ein gepflegtes Wohnzimmer mit dänischen Teakmöbeln, einem Nierentisch vor dem Sofa und einem Sessel mit geschwungener Rückenlehne – möglicherweise ein echter Eames. Jedem Möbelhändler wäre das Wasser im Mund zusammengelaufen, doch ich kam nicht wegen der Tische und Stühle. In einer Ecke saß eine zierliche Frau mit schütterem, grauem Haar, sie beugte sich über einen Schreibtisch und starrte auf einen Computerbildschirm.

»Grandma? Hier ist Besuch wegen deiner Kleider.«

Irgendwie seltsam, wenn ein erwachsener Mann jemanden Grandma nannte, doch diese Dame war wirklich eine Greisin. Sie hätte einen Enkel im Rentneralter haben können. Wohnte er bei ihr? Vielleicht war er ein guter Junge, der für seine gebrechliche Angehörige sorgte – oder ein Schmarotzer.

»Vom Secondhandshop?« fragte sie, ohne den Blick vom Monitor zu heben.

Ich zog die Bezeichnung »Vintage-Boutique« vor, verkniff mir jedoch eine entsprechende Bemerkung. »Amanda Rosenbloom von Astor Place Vintage. Sie hatten mich angerufen?«

»Er wollte die Heilsarmee holen«, erwiderte sie, während sie die Homepage der New York Times herunterscrollte. »Ist das zu fassen?«

Der Enkel wünschte mir mit erhobenem Daumen viel Glück und verließ den Raum. Die ältere Dame drehte sich nicht um. Ich trat an die Fensterfront, die nach Norden hinausging und daher nicht im direkten Sonnenlicht lag, dafür allerdings in dieser Höhe einen umso spektakuläreren Blick auf den Union Square, das Flatiron und das Empire State Building bot.

»Tolle Aussicht«, sagte ich. Sie drehte sich immer noch nicht um. Ich ging auf sie zu und räusperte mich. Sie klickte auf die Seite mit den Todesanzeigen. Vielleicht hörte sie nicht mehr gut, also trat ich noch näher heran und sprach lauter. »Möchten Sie mir Ihre Sachen zeigen?«

»Ist mir schleierhaft, wie sich so ein Laden über Wasser hält.«

Gleichzeitig klickte sie die Nachricht vom Tod eines Mr. Wizard an, der in den Fünfzigerjahren eine Wissenschaftsshow im Fernsehen moderiert hatte. »Wie viele alte Kleider kann man pro Tag verkaufen?«

Ich ließ die Frage unbeantwortet. Schließlich wandte sie sich doch noch um und fixierte mich durch ihre Brille. Sie stand auf und hielt sich mit der knöchernen, von Altersflecken übersäten Hand an der Stuhllehne fest. So gebrechlich. So dürr. Zu schwach, um sich noch lange ans Leben zu klammern. Ich dachte unwillkürlich an ein Skelett.

»Ich trenne mich von allem«, sagte sie und griff nach einem Metallstock, der am Schreibtisch lehnte. »Krebs. Sie können nichts mehr für mich tun. Unheilbar.«

»Das tut mir leid.« Bedauerlicherweise gehörte es zu meinem Beruf, Kunden, deren Ende nahte, um ihre Habe zu erleichtern.

»Kein Drama«, sagte sie. »In meinem Alter. Achtundneunzig. Auch wenn ich gehofft hatte«, fügte sie in bitterem Ton hinzu, »es bis hundert zu schaffen.«

Auf jeden Fall half Mrs. Kellys Blickwinkel, meine eigenen Probleme mit dem Alter in einem milderen Licht zu sehen.

»Ich zeige Ihnen, was ich habe«, sagte sie. »Es sind ein paar Designerkleider dabei. Ein Rudi Gernreich. Wissen Sie, wie rar die sind? Zur Heilsarmee!«

»Ich müsste mir alles einmal anschauen, um einschätzen zu können, was sich noch verkaufen lässt.« Ich stellte meine Hobo-Bag auf dem Sofatisch ab. »Und dann können wir uns auf einen Preis verständigen.«

Im Schneckentempo folgte ich Mrs. Kelly aus dem Zimmer. »Mir ist aufgefallen, dass dieses Gebäude Stewart House heißt. Nach dem alten Warenhaus?«

»Ja, das Kaufhaus A. T. Stewart stand genau hier. Natürlich existierte die Firma schon nicht mehr, als ich zur Welt kam; da war schon Wanamaker’s eingezogen.«

»Aber Wanamaker’s lag doch gegenüber.« Da war ich mir ganz sicher. Die U-Bahn-Station am Astor Place hatte einen Ausgang direkt ins Geschäft. Heute führte er in ein Kmart-Kaufhaus.

»Das haben sie später dazugebaut«, erklärte sie. »Das ursprüngliche stand hier.«

»Ach so.« Es ärgerte mich ein bisschen, dass ich das durcheinandergebracht hatte. »Ich wusste nicht, dass es zwei Gebäude gab.« Als zwanghafter Googler war die Geschichte Manhattans eines meiner Lieblingsthemen, vor allem wenn es darum ging, was sich früher einmal wo befunden hatte.

»Die New Yorker nannten es den Iron Palace. Ist in den Fünfzigern abgebrannt. Ein wunderschönes Gebäude einfach ausgelöscht.«

Ich stellte mir vor, wie genau da, wo wir standen, die Flammen in den Himmel loderten. »Und heute weiß kaum noch jemand, dass es überhaupt mal ein Wanamaker’s gegeben hat, geschweige denn A. T. Stewart.«

»Wieso auch?« Sie öffnete die Faltschiebetür ihres Kleiderschranks, und ich blickte auf eine eindrucksvolle Reihe Kleider, die ordentlich auf Holzbügeln an einer Stange hingen. »Legen Sie alles, was sich gut verkaufen lässt, auf die Seite, und dann reden wir über den Preis«, sagte sie und humpelte ins Wohnzimmer zurück.

Ein makabrer Aspekt meiner Arbeit: »Vintage-Kleidung« war ein Euphemismus für »Kleider, deren ursprüngliche Besitzer wahrscheinlich tot sind«. Im Gegensatz zu Antiquitäten wurden Kleidungsstücke von den Menschen wie eine zweite Haut am Leib getragen; sie schwitzten oder kuschelten sich gegen die Kälte hinein. Wenn ich mir potenzielle Ware ansah, verdrängte ich diesen unbehaglichen Gedanken, denn sowie ich in den alten Sachen stöberte, erwachte in mir der Jagdinstinkt, und ich hoffte, ein ausgefallenes oder besonders wertvolles Stück zu finden.

Jane Kelly hatte sich in jungen Jahren ausgesprochen modisch gekleidet, so viel stand fest. Schwer vorzustellen, dass der gebrechlichen, zarten Frau einmal die Stücke im Schrank gepasst hatten. Ich legte ein paar Freizeitkleider aus den Vierzigern und Fünfzigern heraus, die sicher eine Liebhaberin finden würden. Eine umfangreiche Kollektion Cocktailkleider aus den Sechzigerjahren ließ vermuten, dass Janes Einkommen damals proportional zu ihren Einladungen zu gesellschaftlichen Ereignissen angewachsen war.

Das Rudi-Gernreich-Designerkleid war fantastisch: ein bodenlanges, unten ausgestelltes Strickkleid im Mod-Stil, noch dazu wie neu. Das figurbetonte Oberteil hatte einen tiefen U-Ausschnitt mit einem winzigen Schachbrettmuster in Schwarz auf violettem Grund. Von der hohen Taille bis zum Knie wurde dasselbe Muster größer, und vom Knie bis zum Saum waren die Farben getauscht. Ein Paradestück für Mod, für Op-Art. Das konnte locker für fünf- oder sechshundert Dollar weggehen.

Ein sexy Kleid mit Sanduhr-Silhouette sah so aus, als könnte es mir passen. Das Königsblau würde mir mit meiner hellen Haut und den dunklen Haaren gut stehen. Ich beschloss, mir etwas zu gönnen – vorausgesetzt, Mrs. Kelly und ich wurden uns handelseinig. Es wäre ideal für mein Geburtstags-Dinner. Weiße Peeptoes mit hohem Absatz, purpurroter Lippenstift und passender Nagellack würden den Look komplettieren.

Nachdem ich alles durchgesehen und meine Auswahl getroffen hatte, überlegte ich mir einen Preis und hoffte, dass er hoch genug war. Für alles zusammen setzte ich mir eintausenddreihundert Dollar als Obergrenze. Ich nahm ein paar Stapel mit ins Wohnzimmer, wo Mrs. Kelly mit geschlossenen Augen und offenem Mund auf dem Sofa saß. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich tun sollte, um sie zu wecken, doch dann benahm ich mich einfach so, als wäre sie wach. »Ich wäre bereit, Ihnen tausend Dollar zu zahlen.«

Sie riss die Augen auf. »Für welches Kleid?«

»Alles zusammen«, erwiderte ich und unterdrückte ein Schmunzeln.

»Soll das ein Witz sein?«

»Ich bin Geschäftsfrau.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust.

»Zweitausend Dollar«, sagte sie.

»Eintausendzweihundert, mehr ist leider nicht drin.«

Sie zog ein Sechziger-Etuikleid aus dem Stapel. Es war wirklich süß, mit einem Mod-Flowerpower-Muster in Schwarz-Weiß und einem schlimmen Fleck auf dem Oberteil, den ich möglicherweise herausbekommen würde.

»Damit können Sie nichts anfangen. War mal mein Lieblingskleid. Ich hab auf einer Party über einen albernen Witz gelacht und mir Rotwein drübergeschüttet … hab ich mir nie verziehen.«

»Ich könnte versuchen, den Fleck rauszukriegen.«

»Wenn Sie Ihre...

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