Die Rache der Träumerin

Kriminalroman
 
 
Lübbe (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 11. November 2011 | 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1030-3 (ISBN)
 
Paquito war eine wahrhaft gute Seele. Immer voller Mitleid für die Benachteiligten, half er einem orientierungslosen Rollstuhlfahrer weiter: erst über die Straße, dann in ein abgelegenes Viertel, schließlich zum Straßenstrich. Dann war Paquito tot. Nur den Ring mit dem Rubin hatte der Mörder ihm gelassen. Auch die alte Dame aus der abbruchreifen Stadtvilla war nicht mehr recht am Leben, als der ehrgeizige Makler sie im wunderschönen Erkerzimmer ihrer Villa fand. Ricardo Méndez, der abgehalfterte Kriminalbeamte auf dem Abstellgleis, gerät nur zufällig in die Ermittlungen - und ist doch wieder mit ganzer Seele dabei, wenn die gebrochenen Herzen eine Spur des Todes hinterlassen ... Ausgezeichnet mit dem Prix Mystère für den besten Kriminalroman in Frankreich
Luebbe Digital Ebook
1. Aufl. 2011.
Sabine Giersberg
Deutsch
1,46 MB
978-3-8387-1030-3 (9783838710303)
3838710304 (3838710304)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1 PAQUITOS TOD


Nun, Paquitos Tod kam mehr oder weniger überraschend, zumindest waren die Umstände außergewöhnlich. Mit dem Rollstuhl hatte alles angefangen, dem Fortbewegungsmittel für einen Behinderten, der eigentlich noch ganz gut in Form war; er hatte kräftige Arme und einen Stiernacken, nur die Beine versagten ihm den Dienst, gelobt sei der Herr, was soll man da machen. Der Rollstuhl stand nachts unter kahlen Bäumen im sanften Nieselregen auf dem einsamen Bürgersteig, inmitten der Gleichgültigkeit der Stadt. Verrammelte Balkone, leere Straßen, tote Uhren, die Welt einer vergangenen Zeit. Paquito sah den einsamen Bürgersteig und den reglosen Rollstuhl mit dem seltsamen Mann darin, der vielleicht von einer Welt träumte, die nach seinem Maß geschneidert war (die vierundzwanzig Minuten von Le Mans, die fünfhundert Meter von Indianapolis, die Sofa-Olympiade), einer Welt, die seine Kraft und seine Räder zu tragen vermochten: Mit ein wenig Glück wirst du den »Was-hätte-sein-können-Pokal« gewinnen, Junge, und damit du ihn dir ins Regal stellen kannst, wirst du die Stadtverwaltung dazu bringen, dir eine Rampe zu bauen. Doch der Mann, der vielleicht gerade diesem Traum nachhing, verharrte dort, ohne sich zu rühren, und wartete auf etwas so Einfaches wie eine helfende Hand. Oder vielleicht auf etwas so Schwieriges wie darauf, dass seine Träume, einer nach dem anderen, in der Dunkelheit starben.

Paquito spürte seine Einsamkeit, den ersten Übergang zur Leere, die versteinerte Traurigkeit.

»Was machen Sie denn hier? Geht es Ihnen nicht gut?«

»Verzeihung. Wenn Sie mir vielleicht helfen könnten . Ich habe mich nicht getraut, die Straße zu überqueren, nachher springt auf halbem Weg die Ampel auf Rot. Das ist mir schon mal passiert, und wenn die Autos angerast kommen, können sie nicht rechtzeitig bremsen, wissen Sie, es geht zu schnell.«

»Wie recht Sie haben. Im Dunkeln merken die Leute es erst, wenn man schon unter dem Auto liegt«, sagte Paquito lächelnd.

»Wenn Sie mich hinüberbringen könnten . Zu zweit sieht man uns besser, und im Notfall könnten Sie mich rasch weiterschieben.«

»Aber natürlich. Wollen Sie direkt hier auf die andere Seite? Sollen wir die Straße an der Ampel überqueren?«

»Ja. Sehen Sie, jetzt ist gerade Grün.«

Der Asphalt, der seiner eigenen Einsamkeit Glanz abgerungen hat, die Ampel, die blinzelnd auf das drängende Gelb umschaltet, das Aufblitzen der Lichter eines bremsenden Wagens in den Schaufenstern eines Ladens für Kellnerbedarf, einer Perücken- und Kunsthaarwerkstatt und eines Dessousgeschäfts, das schon im nächsten Jahr Korsetts für Herren wie für Damen anbieten wird. Die auf dem anderen Bürgersteig aufsetzenden Räder des Rollstuhls, klack, klack, das davonfahrende Auto, und wieder eine einsame Windbö, ein wimmerndes Kind in einem vergessenen Zwischenstock, Herbstblätter, die durch eine namenlose Straße wehen. Schön, Paquito, hier spielst du die barmherzige Schwester, den Lieblingsjünger von San Juan de Dios, indem du die Bürde der Nacht vor dir herschiebst, die deine eigene ist, und die Bürde des Rollstuhls, die zum Glück die des anderen ist. Den Bürgersteig hast du erreicht, klack, klack: weiter geht's.

»Schlechtes Wetter, was?«

»Ja, Herbst eben.«

»Wie konnte man Sie nur um diese Zeit hier so allein im Rollstuhl stehen lassen?«

»Wissen Sie, ich brauche niemanden. Manchmal gehe ich abends in die Kneipe und später wieder nach Hause. Das ist kein Problem. Aber heute macht mir die Straße Angst, denn bei dem Regen können die Autos nicht bremsen. Man riskiert Kopf und Kragen.«

»Ah, ich verstehe.«

»Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich noch ein Stück zu schieben? Ich bin schon fast zu Hause.«

»Aber nein, überhaupt nicht. Wo wohnen Sie?«

»In dieser kleinen Gasse. Hinter dem Gitter, gleich am Anfang. Vorsicht, da vorn ist der Boden uneben, da bleibe ich immer mit den Rädern hängen.«

Los, geh weiter, Lieblingsjünger von San Juan de Dios, schieb den Rollstuhl durch das tiefe Schlagloch voller abgestorbener Blätter und Papierfetzen, auf die jemand eine Partitur, ein Manifest für die Unabhängigkeit oder eine Geschenkliste für eine Hochzeit gekritzelt hat; ein Loch, in dem du die Haare eines Vollweibs, feine Katzenspuren und städtische Feuchtgebiete findest. Die Gasse ist ein langer industrieller Darm, der zu einem Stapel leerer Kisten, vergitterten Fenstern und einer Werkstatt in der Krise führt, in der nur noch Hoffnungen produziert werden. Dort parkt ein Auto mit einem Pärchen, das zu allem bereit ist, rien ne va plus, und der Fahrer wird nach dem Orgasmus bestimmt das Zeitliche segnen. An den Wänden hängen Stücke von Nacht, auf den Balkonen des ersten Stocks Fetzen von Stille und auf einem Flachdach Damenwäsche auf einer Leine. Abrupt springt der Motor des Autos an, wir fahren woandershin, Kleine, irgendwohin, wo es ruhiger ist: Wer weiß, ob der Kerl im Rollstuhl nicht einer von der neuen Mobilen Brigade ist, die sind mit den neuesten technischen Errungenschaften ausgestattet. Der ist mir nicht geheuer.

»An allen dunklen Plätzen stehen Autos mit Pärchen«, murmelte Paquito. »Am Ende erfinden sie noch Modelle mit Bidet.«

»Ja. Die Gasse ist bei den Transvestiten beliebt. Sie bringen ihre Freier hierher.«

»Machen sie viel Lärm?«

»Nein, überhaupt nicht, das wäre schlecht fürs Geschäft.«

Der Rollstuhlfahrer deutete auf eine Tür im finstersten Teil der Gasse. Er murmelte: »Dort ist es.«

»Gut, dann sind Sie ja jetzt zu Hause. Viel Glück.«

»Danke, mein Freund.«

Auf einmal stand der Rollstuhlfahrer auf. Von wegen Rollstuhl! Keine nachgebenden Beine, kein Körper, der einem das letzte Mitleid abrang, weil er zusammensackte oder vornüberfiel. Nur die kräftigen Arme, der Stiernacken, der bösartige Blick über Einsamkeit und Nacht hinaus. Instinktiv wich Paquito einen Schritt zurück.

»Aber . was hat das zu bedeuten?«

»Rück sofort alles raus, was du hast, du Idiot. Mach schon: deine Brieftasche, die Uhr, die Ringe, alles .«

»Hören Sie, das ist wirklich eine . eine .«

Die Klinge des Messers drängte Paquito sanft gegen die Wand. Ein träger Blitz flammte auf, als ein Regentropfen auf der Klinge zerplatzte.

»Eine Sauerei? Nun ja, Pech für dich. Beschwer dich bei deinem Vater. Und jetzt her mit den Sachen, oder ich stech dich ab.«

Paquito begriff, dass der andere im Gegensatz zu ihm bewaffnet war und dass ihm niemand helfen würde; die Nacht, die Einsamkeit, die leeren Kisten und irgendeine Katze ohne Erinnerung wären die einzigen Zeugen seines Widerstands. Er sank in sich zusammen. Sein Mund wurde trocken, er bekam weiche Knie, er spürte einen Stich ins Herz, als hätte sich ein Köder darin verfangen. Es hatte keinen Zweck zu kämpfen.

»Gut .«, presste er mit dünner Stimme hervor, »Sie brauchen mir das Messer nicht so unter die Nase zu halten. Ich gebe Ihnen alles, was ich bei mir habe .«

»Dann beweg dich, Beeilung . Beeilung

Paquito zog seine Brieftasche heraus (drei brandneue Fünftausenderscheine, sämtliche Papiere, eine Todesanzeige, die Überbleibsel einer vertrockneten Herbstblume). Er legte die Uhr ab (eine goldene Longines, die viele Stunden vergangener Zeiten - also erprobte, vertrauenswürdige Stunden - angezeigt hatte). Behutsam zog er die Krawattennadel heraus (am oberen Ende eine einzelne, kalte, ferne Perle, wie das Auge eines Fischs aus gutem Hause). Er streifte den Siegelring ab (verschlungene Initialen, ein Datum, ein Versprechen, die Erinnerung an eine Hochzeit, kurz: eine schöne Erinnerung voller Vergessen) und übergab alles dem neuen Vertreter des sozialen Friedens, dem Apostel des Messers.

»Hier, bitte. Das ist alles.«

»Das soll alles sein? Von wegen. Du trägst doch noch einen Ring. Her damit, du Idiot, oder ich schneide dir den Finger ab.«

Er hatte die Stahlklinge sinken lassen. Neben ihr schimmerte, wie die letzte Träne Christi, ein großer, roter Rubin an Paquitos linker Hand; ein Ring ohne Datum, ohne jedes Versprechen und damit auch ohne jedes Vergessen. Paquito krümmte sich.

»Nein, nicht den«, sagte er.

»Her mit dem Ring, du Wichser!«

»Ich flehe Sie an . Das ist das Einzige, worum ich Sie bitte. Was bedeutet er Ihnen schon? Ich kann ihn nicht ablegen. Er ist mir heilig, es ist ein Familienerbstück.«

»Ein waaaas

»Ein Familienerbstück.«

Wütend schlug der Räuber mit der linken Hand auf ihn ein und drängte ihn an die Wand. Mit der rechten drückte er ihm das Messer spürbar an den Hals. Er zischte leise: »Zieh ihn aus .«

»Ich kann nicht. Tun Sie es doch.«

Paquito wusste nur zu gut, dass der andere dazu beide Hände benötigen würde und somit das Messer wegstecken müsste. Aber wenn er glaubte, sich durch diesen Schachzug besser verteidigen zu können, irrte er. Ein weiterer Schlag traf sein Gesicht. Das Messer drang noch ein wenig tiefer in seinen Hals und hinterließ eine Blutspur.

»Ich hab gesagt, du sollst ihn ausziehen, du Missgeburt. Ich sag's nicht noch mal.«

Paquito schloss für einen Moment die Augen.

Aus seinem Mund kam ein gurgelndes Geräusch, dann wimmerte er: »Bitte .«

»Gib mir die Hand.«

Das...

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