Als wir den Himmel berührten

Roman
 
 
Blanvalet (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 560 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-22618-3 (ISBN)
 
Ein Maler mit einem Herz aus Eis. Eine Frau, die es zum Schmelzen bringt. Und ein Geheimnis, das sie beide das Leben kosten könnte .

Marseille im Sommer 1940. Der Maler Nicolas Guyot sitzt zeichnend am Hafen. Ein verliebtes Paar fällt ihm auf, das so gar nichts mit den Scharen von Flüchtlingen gemein zu haben scheint, die verzweifelt versuchen, Europa zu verlassen. Als die Frau auf seine Bilder aufmerksam wird, bittet sie ihn überraschend, ein Porträt von ihr anzufertigen. Seit dem Tod seiner Ehefrau hat Nicolas sein Herz nie wieder für jemanden geöffnet, doch die attraktive Juline fasziniert ihn. Zunächst widerwillig, lässt er sich auf den Auftrag ein. Er ahnt nichts von den gefährlichen Geheimnissen, die Juline und ihr Mann verbergen - und dass diese auch ihm bald eine folgenschwere Entscheidung abverlangen werden ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blanvalet
  • 1,11 MB
978-3-641-22618-3 (9783641226183)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Marie Leander ist das Pseudonym einer deutschen Autorin und Journalistin. Geboren 1964, studierte sie Germanistik und Kommunikationswissenschaften und arbeitet heute beim Bayerischen Rundfunk. In ihrer Freizeit bereist Marie Leander gern andere Länder, vor allem nach Frankreich und Griechenland zieht es sie immer wieder. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in München.

Kapitel 1


Marseille, Juli 1940


»Ich glaube, wir haben es geschafft.« Nachdem sie das Bahnhofsgebäude verlassen hatten, blieb Juline für einen Moment stehen und blickte sich um. »Jedenfalls folgen sie uns nicht. Oh, Gott sei Dank. Ich bin so froh. Ich könnte hüpfen vor Glück!«

Der Mann an ihrer Seite nickte. Er stellte den schweren Koffer ab und ließ den Rucksack von seinen Schultern zu Boden gleiten. Sodann zog er ein Tuch aus seiner Manteltasche, schob den hellen Sommerhut ein Stück höher und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. Er sah ein wenig erschöpft, aber erleichtert aus.

»Ja, es hat den Anschein, als hätten die Polizisten keinen Verdacht geschöpft. Wahrscheinlich waren sie abgelenkt, weil du so charmant und so schön bist!«

»Ich liebe dich, Georg Hasler.« Sie lächelte ihn an, als spräche sie seinen Namen zum ersten Mal aus. Er klang hart und fremd in ihrem Mund. »Findest du, dass ich noch immer einen sehr schlimmen Akzent habe, wenn ich deinen Namen sage?«

Er schüttelte den Kopf.

»Du bist Französin, Juline. Du hast den schönsten Akzent der Welt, wenn du versuchst, Deutsch zu reden. Es tut mir leid, dass ich dir keinen Namen bieten kann, der für dich etwas einfacher auszusprechen wäre. Im Übrigen ist es unser beider Name .«

»Ich weiß.« Juline stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss. »Es ist schon fast vier Monate her, und ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, verheiratet zu sein .«

Die beiden standen vor dem Bahnhof Saint-Charles, am oberen Absatz der breiten weißen Treppe, die hinunter zum Boulevard d'Athenes führte. Die schier unendlichen Marmorstufen leuchteten in der gleißenden Sonne. Treppauf, treppab hasteten Menschen oder schleppten sich mit schwerem Gepäck am Geländer entlang. Gedämpft schallte der Stadtlärm aus den Straßenschluchten herauf: das Quietschen und Rattern einer Trambahn, das Dröhnen und Hupen der Autos, das Geschrei des Zeitungsjungen, der unten am Treppenaufgang stand und die neuesten Schlagzeilen ausrief.

Der Mann streckte die Hand aus und wies über die Mauern, Dächer, Fenster, Türen und Türme der Stadt in die Ferne.

»Sieh mal, da hinten, die Kirche Notre-Dame de la Garde, wie sie auf dem Hügel thront. Darunter muss irgendwo der Hafen liegen. Und von dort fahren die Schiffe nach Amerika.«

Es klang sehnsüchtig. Juline hörte, wie er einen Seufzer unterdrückte.

»Dahin möchtest du am liebsten, nicht wahr? Auf einen Dampfer, der uns ganz weit wegbringt, bis nach Amerika.«

Er nickte.

»Ja. Und zwar zusammen mit dir. Fort von allem, fort von diesem irren, kranken Kontinent. Irgendwohin, wo wir in Ruhe und Frieden leben können.«

Sie schmiegte sich an ihn.

»Es ist nicht der Kontinent, der irre und krank ist. Es sind die Menschen. Und es sind noch nicht einmal alle schlecht. Es sind viele, das stimmt, aber es gibt noch immer ein paar gute Menschen.«

»Ich weiß.« Er lächelte. »Und der beste Mensch von allen bist du.«

»Ich möchte nicht nach Amerika«, sagte sie leise. »Das ist so weit weg und so fremd. Ich spreche kein Englisch.«

»Du würdest es schnell lernen. Es ist nicht schwer, und du bist doch klug. Oder wir gehen nach Kanada, da sprechen sie Französisch .«

»Ich möchte lieber hierbleiben, Georg, zu Hause in meinem Land. Wenn es schon nicht Paris sein kann, dann wenigstens Marseille. Hier sind wir in Sicherheit, weit weg von den hässlichen Deutschen, hier sind wir im freien Frankreich.« Sie flüsterte jetzt, um sicherzugehen, dass niemand außer Georg ihre Worte hören konnte. »Es wird alles gut werden. Ganz gewiss. Irgendwann. Es kann doch nicht ewig so weitergehen. Du wirst sehen: Nächstes Jahr hat auch dieser Krieg ein Ende, und die Menschen werden sich vertragen. Wir können wieder in Paris leben, und alles wird wie früher sein. Wir sind doch nicht die Einzigen, die die Nazis verabscheuen. Wenn sich nur genug von uns zusammentun, können wir dagegen angehen. Wir müssen die Menschen aufrütteln, ihnen Mut machen. Gemeinsam können wir etwas bewirken. Zusammen sind wir stark.«

»Ach, Juline.« Er zog sie fester an sich und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel. »Ich liebe dich für deinen Optimismus. Für deine Gabe, in allem noch immer den Funken Gutes zu erkennen. Ich wünschte, ich wäre so zuversichtlich wie du.«

»Irgendwann werden wir in Ruhe und Frieden zusammenleben können. Und wenn es hier tatsächlich nicht klappen sollte«, fügte Juline hinzu, während sie zu ihm aufsah, »dann besteigen wir den nächsten Dampfer und fahren nach Amerika. Versprochen.«

Sie strich mit der Hand über seine Wange, die rau war von einer schnellen Rasur mit einer schlechten Klinge, als könnte sie damit seinen bekümmerten Gesichtsausdruck wegwischen.

Er löste sich von ihr, nahm ihre Hände in seine, öffnete sie und küsste ihre Handflächen.

»Wir werden sehen, wie alles wird. Aber jetzt lass uns losgehen und eine Unterkunft suchen. Da unten ist gleich ein Hotel, das sieht doch gut aus. Hotel Terminus. Dort haben sie bestimmt ein Zimmer für uns. Komm!«

Juline zögerte. »Welch ein Prachtbau! Ist das Hotel nicht ein bisschen zu vornehm für uns? Am Ende geht uns das Geld aus.«

»Aber nein, für ein paar Tage können wir uns durchaus noch ein schönes Zimmer leisten. Und währenddessen sehen wir uns in Ruhe nach einer günstigeren Bleibe um. Ich werde hier Arbeit finden. In so einer großen Stadt gibt es immer viele Stellenangebote für fleißige Leute.«

Georg nahm das Gepäck wieder auf, und sie gingen nebeneinander die Stufen hinunter.

Das Hotel Terminus lag gleich gegenüber dem Treppenaufgang an einer Straßenecke. Am Gebäude waren die meisten der hellbauen Fensterläden zum Schutz gegen die Sonne geschlossen, heruntergerollte dunkelrote Markisen spendeten vor den breiten Fensterfronten im Erdgeschoss Schatten. An kleinen, runden Rattantischen saßen Leute auf dem Gehweg vor dem Haus und tranken ihren Nachmittagskaffee. Kein Stuhl war unbesetzt. Hier und da lehnten ein Koffer oder ein Rucksack an der Hausmauer.

Juline und Georg betraten die Eingangshalle. Der weitläufige Raum mit der kunstvoll verzierten Stuckdecke war voller Menschen und erfüllt von lautem Stimmengewirr. Überall auf dem hellen Marmorboden standen Gepäckstücke herum.

»Nur für eine Nacht!«, rief jemand auf Deutsch. Der Mann klang verzweifelt. »Es muss doch möglich sein, wenigstens für eine Nacht .«

Und ein anderer klagte: »Was hilft es mir, bis morgen zu warten, weil dann vielleicht ein Zimmer frei wird, wenn ich heute ein Bett brauche!«

Irgendwo im Raum begann ein Baby zu weinen. Eine Frau, die zwei große gescheckte Hunde an einer Leine führte, bahnte sich fluchend einen Weg durch die Menge und stürmte aus dem Hotel.

»Ein Irrenhaus ist das!«, rief sie Juline und Georg im Vorbeigehen zu. »Pagaille. Das totale Chaos. Und es ist in jedem Hotel so.« Ihr Blick fiel auf das Gepäck der beiden. »Am besten sehen Sie zu, dass Sie diese Stadt ganz schnell wieder verlassen.«

Georg nahm Juline an der Hand, und sie schoben sich vor bis zur Rezeption.

»Pardon, Monsieur!«, rief er einem der Hotelangestellten zu. Juline sah, wie er einen Francschein aus seiner Hosentasche nestelte und diskret über den Tisch reichte. »Wir brauchen ein Zimmer.«

»Tut mir leid«, sagte der Rezeptionist. »Ich habe nichts frei. Wir sind komplett ausgebucht.«

»Eine kleine Kammer genügt uns«, fuhr Georg freundlich fort. »Notfalls reicht uns auch ein einzelnes Bett. Wir sind ja beide recht schlank.«

Der Angesprochene schüttelte bedauernd den Kopf.

»Sosehr ich es auch wünschte, ich kann Ihnen nicht helfen, Monsieur. Sie sehen doch, was hier los ist. Es ist keine Pritsche mehr zu haben. Die Leute campieren bereits auf den Fluren. Vielleicht möchten Sie es morgen noch einmal versuchen? Es ist gut möglich, dass bis dahin ein paar Leute abreisen. Man sagt, es geht ein Schiff heute Abend. Nach Marokko oder Venezuela, wie ich hörte. Aber sicher ist das natürlich nicht.«

Neben Juline und Georg lehnte ein kleiner alter Mann an der Theke. Er trug einen abgewetzten Frack, doch trotz eines fehlenden Knopfes und eingerissener Taschen wirkte er würdevoll. Sein schütteres weißes Haar war gescheitelt und gekämmt, die Fingernägel sauber und ordentlich geschnitten, die Haltung aufrecht. Als einziges Gepäck führte er einen Geigenkasten mit sich.

»Man muss das Warten lernen«, erklärte er mit fester Stimme. »In diesen Zeiten lernt man Geduld und Langmut.«

»Wie meinen Sie das? Sind Sie schon länger in Marseille?«, erkundigte sich Juline.

Der Alte wiegte den Kopf.

»Länger? Was ist lang, und was ist länger! Ein paar Wochen, ein paar Monate, wer weiß. Es ist unerheblich. Die Frage ist nicht, wann man angekommen ist, sondern wann man wieder wegfährt. Ich beispielsweise habe ein Visum für Argentinien. Und Sie? Wohin wollen Sie?«

»Wir? Wir wollen nirgendwohin«, antwortete Juline verwundert. »Wir sind gerade erst angekommen. Und wir wollen hierbleiben.«

»In Marseille? Aber niemand kommt nach Marseille, um zu bleiben!«

»Warum nicht? Wir schon. Wir sind auf Hochzeitsreise. Zumindest waren wir das bis vor Kurzem. Und jetzt suchen wir ein Zimmer in der Stadt.«

Der Mann hob erstaunt die Augenbrauen.

»Eine Hochzeitsreise hier und jetzt? Welch eine erstaunliche Idee. Nun, jedenfalls sind Sie auf Ihrer Reise nicht allein. Sie...

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