Die Gang

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. September 2013
  • |
  • 640 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09912-1 (ISBN)
 
Menschen sind zum Jagen da

Das Küstenstädtchen Boleta Bay birgt ein finsteres Geheimnis. Immer wieder verschwinden Menschen. Eine Gang Jugendlicher macht die herumlungernden Stadtstreicher dafür verantwortlich. Sie wollen ihnen eine Lektion erteilen - und gehen dabei bis zum Äußersten. In einer finsteren Nacht treibt die Gang ihre drastischen Säuberungsaktionen auf die Spitze. Doch im alten Vergnügungspark des Ortes erleben die Jäger eine Überraschung. In der Finsternis lauert etwas Unaussprechliches, Grauenhaftes auf sie, das nur eines kennt: Blutrausch.

Bereits erschienen unter dem Titel Jahrmarkt des Grauens (Goldmann, 1992)

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,67 MB
978-3-641-09912-1 (9783641099121)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1

Er trat aus dem Schatten der geschlossenen Passage und schlurfte auf Tanya zu. Er sah aus, als wäre er geradewegs einer Gruft in einem Zombiefilm entstiegen - das Gesicht grau im Mondlicht, die Augen wie schwarze Höhlen. Sein Kopf war leicht zur Seite geneigt, sein Gang schleppend, die abgerissenen Kleider flatterten im Wind.

Tanya blieb stehen. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Obwohl vom Ozean her ein kalter Wind blies, war es ihr in ihrem Trainingsanzug bisher warm genug gewesen. Aber jetzt kribbelte ihre Haut, als hätte sie plötzlich ein Eigenleben entwickelt und würde schrumpfen. Ein festes Band schien sich um ihre Stirn zu legen. Sie konnte spüren, wie sich ihr die Haare im Nacken und auf den Armen sträubten.

Der Mann näherte sich mit unsicherem Schritt.

Tanya wusste, dass er kein Zombie war.

Es gibt keine Zombies. Zombies können dir nichts tun.

Sie existieren nicht.

Das hier war ein Troll.

Einer der verrückten obdachlosen Schmarotzer, die sich an jeden heranmachten - wirklich an jeden -, der sich in die Nähe der hölzernen Promenade oder an den Strand wagte. Es wurden immer mehr. Der dreckige, heruntergekommene Abschaum der Menschheit.

Der Troll, immer noch ein paar Schritte von Tanya entfernt, streckte seine Hand aus.

Sie trat rasch einen Schritt zurück, hatte plötzlich Angst, dass sich noch andere an sie heranschlichen, und sah sich um. Sie konnte niemanden entdecken.

Aber sie wusste, dass sie beobachtet wurde. Trolle. Zwei, drei oder zehn von ihnen. Sie starrten aus den schwarzen Schatten neben den Spielbuden und Karussellen heraus, spähten um Ecken herum und schielten sie vielleicht auch lüstern von unten an, durch Risse in den Planken der Promenade. Sie beobachteten, hielten sich aber versteckt.

»Haste 'n paar Mäuse übrig, Schatz?«

Schnell drehte sie sich wieder zu dem Troll um. Jetzt konnte sie seine Augen sehen, feucht und triefend im Mondlicht. Er bleckte die Zähne zu einem verschlagenen, anbiedernden Grinsen. Ein paar Vorderzähne fehlten. Der Wind war nicht stark genug, um den säuerlichen Geruch wegzublasen, der von ihm ausging.

»Okay«, sagte Tanya. »Klar.« Sie griff nach ihrer Schultertasche, drückte sie fest an den Körper, öffnete sie und nahm den Geldbeutel heraus.

»Haste vielleicht 'n Dollar, Schatz?« Er wackelte mit dem Kopf und kratzte sein unrasiertes Kinn. »Hab drei Tage keinen Bissen gehabt.«

»Ich seh mal, was ich habe«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte. Sie öffnete den Geldbeutel.

»Was machste bloß hier draußen?«, fragte er. »Is' gefährlich, weißte. 'n Haufen Spinner, verstehste?«

»Das hab ich gemerkt«, meinte Tanya.

»Bist 'n hübsches junges Ding. Die Spinner mögen hübsche junge Dinger.«

Statt Münzen nahm Tanya eine weiße Karte aus ihrem Geldbeutel. Sie legte sie mit einer ruckartigen Bewegung schnell in die ausgestreckte Hand des Trolls.

»Häh?« Er betrachtete die Karte stirnrunzelnd.

»Kannst du das lesen?«

»Was'n das für'n Mist?«

»Eine Botschaft für dich.«

Er zerriss die Karte und warf sie weg. Der Wind fegte die Stücke über die Planken. »Ich will 'n Dollar, drei, vier Dollar. Los.« Er bewegte auffordernd die ausgestreckte Hand. »LOS!«

Tanya schob die Schultertasche nach hinten auf ihren Rücken. Sie spürte, wie schwer die Tasche war. »Du mieser Analphabet, auf der Karte steht: >Lieber Troll, viele Grüße vom Großen Groben Griesgram Billy.<«

»Was'n das für'n SCHEISS

Tanya griff ihn an. Er stolperte jammernd nach hinten. Sie packte die Aufschläge seines dreckstarrenden Mantels, hakte ein Bein hinter seine Beine, zog sie nach vorn und warf ihn um. Er fiel rücklings auf die Promenade. Die Luft entwich pfeifend aus seiner Lunge, als sie ihm gegen den Brustkorb trat. Er rollte sich keuchend auf die Seite.

Tanya griff in den Ausschnitt ihres Sweatshirts, zog die Trillerpfeife heraus, wandte sich von dem sich krümmenden Troll ab und pfiff kurz und schrill. Die Eintrittskarten-Bude war ein ganzes Stück weiter entfernt, als sie angenommen hatte.

Wenn es Schwierigkeiten gegeben hätte .

Aber es war nichts passiert.

Sie kamen aus ihrem Versteck neben der Bude und liefen auf sie zu. Nate, Samson, Randy, Shiner, Cowboy, Karen, Heather und Liz.

Das Team.

Tanyas Trolljäger.

Sie beobachtete, wie sie näher kamen, und war auf einmal stolz auf sie. Sie lächelte und hob grüßend die Faust. Auch die anderen hoben die Fäuste. Einer - das musste Cowboy sein - stieß einen Schlachtruf aus. Nate knuffte ihn, damit er still war.

Tanya wandte sich wieder dem Troll zu. Er versuchte, auf allen vieren davonzukriechen, aber sie drückte ihn mit dem Fuß zu Boden, drehte sein Fußgelenk um und presste es nach unten auf das Holz. Er schrie auf und ließ sich fallen. Sie hielt seinen Fuß weiter auf die Planken gedrückt und wartete. Zuerst konnte sie nur das Rauschen des Windes und der weit entfernten Brandung hören. Dann wurden die Schritte des herannahenden Teams lauter. Sekunden später standen alle um sie und den Troll herum. Nate tätschelte ihren Rücken. »Wie war's?«

»Kein Problem.« Sie nahm ihren Fuß vom Gelenk des Trolls.

Die anderen beugten sich über ihn.

Tanya trat zurück, um es sich anzusehen, und Nate schloss sich den anderen an.

»Lasst mich los«, winselte der Troll. »Loooslassen!«

Er keuchte und grunzte und schnappte nach Luft, als ihn die Schläge trafen.

Tanya drehte sich um und ließ den Blick über die Promenade schweifen. Es war niemand zu sehen. Falls andere Trolle zusahen - und davon war sie überzeugt, sie hoffte es sogar -, dann hatten sie kein Interesse, diesem hier zu helfen.

»Nein! Nich!«

Tanya blickte hinab auf den Troll. Karen hatte ein Bein seiner ausgebeulten Hose, Heather das andere gepackt. Sie zogen, und die Hose rutschte an seinen blassen knochigen Beinen herunter.

»Uuuh!«, sagte Cowboy. »Der alte Knabe hat 'n Ding wie 'n Maulesel!«

»Da wirst du neidisch, oder?«, witzelte Liz.

»Leck mich!«

»Seid still, ihr zwei«, sagte Nate. »Los, hoch mit ihm!«

Sie hoben den nackten Troll an Armen und Beinen auf. Er wand und krümmte sich. Er jammerte und drehte seinen Kopf von einer Seite zur anderen. »Loslassen!«, schrie er.

»Loslassen!«

Tanya breitete den Mantel des Trolls aus. Mit angehaltenem Atem warf sie seine Schuhe und Kleider darauf. Sein Hemd und die Unterhosen fühlten sich feucht an, glatt und fadenscheinig. Einmal musste sie würgen, aber sie machte weiter und wickelte schließlich den Mantel um das übrige Zeug. Dann hob sie das Bündel auf und folgte den anderen, die den zappelnden Troll an Armen und Beinen zu einem Laternenpfahl trugen.

Die Laterne war - wie alle Lampen in Funland - nach dem Schließen der Tore ausgeschaltet worden.

Cowboy nahm ein zusammengerolltes Seil von der Schulter. Ein Ende hielt er fest, den Rest warf er nach oben. Die Rolle wickelte sich ab, stieg nach oben und fiel über den schmiedeeisernen Arm des Laternenpfahls. Das Ende war zu einer Henkersschlinge geknüpft. Er hielt die Schlinge fest.

»Nein!«, schrie der Troll, als Cowboy ihm die Schlinge über den Kopf zog. »Bitte! Hab doch nix getan!«

»Er hat doch nix getan«, äffte Liz ihn nach.

»Los, knüpfen wir ihn auf«, sagte Samson.

»Hoch mit ihm«, fügte Heather hinzu.

»Nein!« Er warf den Kopf hin und her, aber die Schlinge blieb fest.

»Wir werden dir den Hals lang ziehen«, sagte Cowboy und beugte sich über ihn. »Wir wollen sehen, wie du in der Luft tanzt.«

»Hört auf rumzuschwätzen und tut's endlich«, sagte Tanya. Sie ließ das Kleiderbündel fallen, packte sich das lose Ende des Seils und zog daran. Sie zerrte das Seil nach hinten. Der Troll kreischte. Die anderen ließen ihn los. Tanya sah, wie seine Beine herunterfielen. Er schaukelte, sein Rumpf hing über den Planken der Promenade, die Füße zappelten, als er versuchte, den Boden zu berühren. Das plötzliche Gewicht zerrte am Seil. Es lief ein paar Zentimeter brennend heiß durch ihre Hände, dann griffen Samson, Heather und Cowboy zu. »Okay. Genug«, rief Nate.

Sie hörten auf zu ziehen. »Festhalten«, sagte Tanya. Sie trat zur Seite und ließ die anderen das Seil festbinden. Der nackte Troll tanzte auf Zehenspitzen und zerrte an der Schlinge um seinen Hals.

Tanya ging zu ihm hinüber.

»Willst du...

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