König der Dunkelheit

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. April 2013
  • |
  • 608 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11284-4 (ISBN)
 
Um zu wahrer Größe zu gelangen, muss man über Leichen gehen ...

Nach dem gewaltsamen Tod seiner Mutter und seines Bruders hatte Prinz Jorg von Ankrath blutige Rache geschworen. Nun ist er König, doch der Krieg ist für ihn noch lange nicht zu Ende, denn eine gewaltige Armee marschiert auf sein Reich zu - angeführt von einem scheinbar unbesiegbaren Krieger. Jeder gute König wäre wohlberaten, die Waffen zu strecken und das Knie vor diesem Krieger zu beugen, und sei es nur, um das Leben des eigenen Volkes zu schützen. Doch Jorg ist kein guter König ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,08 MB
978-3-641-11284-4 (9783641112844)
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2


Hochzeitstag


»Pater Gomst und die Schwestern Unserer Lieben Frau kümmern sich um Prinzessin Miana«, berichtete Coddin. Im Samt des Kämmerers schien er sich noch immer nicht wohl zu fühlen; die Uniform des Wachkommandeurs hatte ihm besser gestanden. »Es müssen gewisse Dinge überprüft werden.«

»Zum Glück muss niemand meine Reinheit kontrollieren.« Ich lehnte mich auf dem Thron zurück. Verdammt bequem: Schwanendaunen und Seide. Das Königsein ist auch ohne einen dieser harten Stühle schwer genug. »Wie sieht sie aus?«

Coddin zuckte die Schultern. »Ein Kurier hat dies gestern gebracht.« Er hob ein goldenes Medaillon von der Größe einer Münze.

»Wie also sieht sie aus?«

Er hob und senkte erneut die Schultern, öffnete das Medaillon mit dem Daumennagel und betrachtete das Bild mit zusammengekniffenen Augen. »Sie ist klein. Hier!«

Er warf mir das Medaillon zu, und ich sah mir das Bild selbst an. Künstler brauchen Wochen, um mit einem einzelnen Haar ein solches Porträt zu malen, und solche Mühe vergeuden sie nicht an ein hässliches Bild. Miana sah akzeptabel aus. Sie hatte nicht den durchdringenden Blick von Katherine, jenen Blick, der einem verrät, dass die betreffende Person wirklich lebendig ist und das Leben in jedem Moment verschlingt. Aber letztendlich finde ich alle Frauen attraktiv. Wie viele Männer sind mit achtzehn wählerisch?

»Und?«, fragte der neben dem Thron stehende Makin.

»Klein«, sagte ich und schob das Medaillon in eine Tasche meines Umhangs. »Ich frage mich, ob ich für die Ehe zu jung bin …«

Makin schürzte die Lippen. »Ich bin mit zwölf Jahren verheiratet worden.«

»Lügner!« Nicht einmal in all den Jahren hatte Sir Makin von Trent eine Ehefrau erwähnt. Dies überraschte mich, denn Geheimnisse sind auf der Straße, unter Brüdern, kaum zu hüten, wenn man nach einem harten Tag des Blutvergießens am Lagerfeuer sitzt und Bier trinkt.

»Es ist keine Lüge«, sagte er. »Aber zwölf ist zu jung. Achtzehn scheint mir ein gutes Alter fürs Heiraten zu sein, Jorg. Du hast lange genug gewartet.«

»Was ist mit deiner Frau passiert?«

»Sie starb. Es gab auch ein Kind.« Er presste die Lippen zusammen.

Es ist gut zu wissen, dass man nicht alles über einen Mann weiß. Es ist gut, dass es immer mehr zu entdecken gibt.

»Meine zukünftige Königin ist also fast bereit«, sagte ich. »Soll ich in diesen Klamotten zum Altar gehen?« Ich zog am dicken Seidenkragen, der überall am Hals kratzte. Mir war es völlig schnuppe, aber ich wusste auch, dass eine Hochzeit ein Spektakel ist, für den Adel ebenso wie für die einfachen Leute, eine Art Zauber, und es zahlt sich aus, alles richtig zu machen.

»Hoheit …«, sagte Coddin und ging verärgert vor dem Podium auf und ab. »Der Zeitpunkt für diese … Ablenkung … ist denkbar ungeeignet. Wir haben ein Heer vor unseren Toren.«

»Und um ehrlich zu sein, Jorg: Wir erfuhren erst von ihrem Kommen, als der Reiter eintraf«, sagte Makin.

Ich hob die Hände. »Ich habe nicht gewusst, dass sie gestern Abend eintreffen würde. Schließlich bin ich kein Magier, wie ihr wisst.« Für einen Moment sah ich das tote Kind, wie es in einer fernen Ecke hockte. »Ich hatte gehofft, dass sie vor Ende des Sommers kommen würde. Jedenfalls, das Heer muss gut drei Meilen marschieren, um an diese Tore zu gelangen.«

»Vielleicht sollte die Hochzeit verschoben werden.« Coddin hasste es von ganzem Herzen, Kämmerer zu sein. Das war vielleicht der Grund, warum ich ihn für den einzigen hielt, der für dieses Amt infrage kam. »Bis die Umstände … freundlicher sind.«

»Zwanzigtausend vor unserer Tür, Coddin. Und tausend innerhalb dieser Mauern. Das heißt, die meisten außerhalb von ihnen, weil die verdammte Burg zu klein ist, um sie alle aufzunehmen.« Ich lächelte. »Ich glaube kaum, dass sich die Situation verbessern wird. Also sollten wir unseren Soldaten nicht nur einen König, sondern auch eine Königin geben, für die sie sterben können, nicht wahr?«

»Und was ist mit dem Heer des Fürsten von Pfeil?«, fragte Coddin.

»Ist dies eine der Gelegenheiten, bei denen du bis zum letzten Moment vorgibst, keinen Plan zu haben?«, fragte Makin. »Wobei sich dann herausstellt, dass du tatsächlich keinen hast?«

Er wirkte grimmig, trotz der Worte. Vielleicht sah er noch sein eigenes totes Kind. Er war oft mit mir dem Tod gegenübergetreten und hatte dabei gelächelt.

»Du, Mädchen!«, rief ich einem der Dienstmädchen zu, die auf der anderen Seite des Thronraums warteten. »Geh und sag jener Frau, dass sie mir Kleidung bringen soll, wie sie sich für eine Hochzeit geziemt. Aber nichts mit Spitzen.« Ich erhob mich und legte die Hand auf den Knauf meines Schwerts. »Die Nachtpatrouillen sollten inzwischen zurück sein. Wir gehen zum Osthof und stellen fest, was sie zu berichten haben. Der Rote Kent und der Kleine Rikey sind mit einer der Patrouillen unterwegs gewesen. Lasst uns hören, was sie von den Pfeil-Männern denken.«

Makin ging voraus, denn Coddin fürchtete Meuchelmörder. Ich wusste, was in den Schatten meiner Burg lauerte, und es waren keine Attentäter, wegen denen ich mir Sorgen machte. Makin ging um eine Ecke, und Coddin hielt mich an der Schulter zurück.

»Der Fürst von Pfeil will mich nicht hinterrücks von einem Schwarzmantel niederstechen lassen, Coddin. Ihm liegt auch nichts daran, das Brot zu vergiften, das ich morgens esse. Er will uns mit zwanzigtausend Mann überrollen und in den Dreck stampfen. Er denkt bereits an den Reichsthron. Vermutlich glaubt er das Goldene Tor schon einen Spaltbreit für sich offen. Er schafft jetzt die Grundlagen einer Legende, und für Messer im Dunkeln ist in ihr kein Platz.«

»Wenn du mehr Soldaten hättest, wärst du es natürlich wert, erstochen zu werden.« Makin drehte den Kopf und grinste.

Die Patrouille wartete auf uns, müde Männer, die in der Kälte vom einen Bein aufs andere traten. Mehrere Frauen aus der Burg kümmerten sich um die Verletzten, nähten hier und dort eine Wunde. Ich überließ es dem Anführer, Coddin Bericht zu erstatten, während ich den Roten Kent zu mir rief. Rike ragte ungebeten hinter ihm auf. Vier Jahre in der Burg hatten beim Kleinen Rikey keine der vielen scharfen Kanten geglättet. Er war noch immer fast zwei Meter zehn große Verdrießlichkeit, mit einem Gesicht, das gut zur ungehobelten, gemeinen und brutalen Seele passte, die dahinter wohnte.

»Kleiner Rikey«, sagte ich. Es war eine Weile her, seit ich zum letzten Mal mit ihm gesprochen hatte. Jahre. »Und wie geht es deiner entzückenden Frau?« Die Wahrheit lautete: Ich hatte sie nie gesehen. Aber es musste eine formidable Frau gewesen sein, fürwahr.

»Sie ist hin.« Er zuckte mit den Schultern.

Ich wandte mich kommentarlos ab. Etwas an Rike lässt mich sofort an Angriff denken. Etwas Elementares, rot wie Blut und scharf wie Krallen. Oder vielleicht liegt es daran, dass er einfach so groß ist. »Nun, Kent«, sagte ich. »Gib mir die guten Nachrichten.«

»Es sind zu viele.« Er spuckte in den Schlamm. »Ich gehe.«

»Immer mit der Ruhe.« Ich legte ihm den Arm um die Schultern. Kent sieht nicht besonders eindrucksvoll aus, aber er ist massiv, besteht nur aus Muskeln und Knochen, und er kann verdammt schnell sein. Was ihn zu etwas Besonderem macht, ist sein Killer-Denken. Chaos, Gefahr, Zeter und Mordio, nichts davon bringt ihn aus der Ruhe. Selbst wenn es um ihn herum drunter und drüber geht, er berechnet immer die Flugbahnen von Pfeilen und Speeren, beobachtet die Truppenbewegungen des Feindes, hält nach Blößen Ausschau und nutzt sie.

»Immer mit der Ruhe.« Mit der Hand unter seinem Nacken zog ich ihn näher. Er zuckte zusammen, hatte sich aber gut genug unter Kontrolle, nicht nach seiner Klinge zu greifen. »Das ist alles schön und gut.« Ich steuerte ihn fort von der Patrouille. »Aber angenommen, du gehst nicht. Nehmen wir einfach mal an, du bleibst. Nehmen wir weiter an, es gibt nur dich hier drin und zwanzig dort draußen. Ungefähr mit einer solchen Übermacht bist du fertiggeworden, als wir dich in Rutton fanden, nicht wahr?« Für einen Moment lächelte er, als er diese Worte hörte. »Wie würdest du siegen, Roter Kent?« Ich nannte ihn Roter, um ihn an den Tag zu erinnern, an dem er zitternd dagestanden hatte, sein Wolfsgrinsen weiß im Rot des Blutes anderer Männer.

Er biss sich auf die Lippe und starrte an mir vorbei ins Leere. »Sie sind dicht zusammengedrängt, Jorg. In den Tälern. Dicht an dicht. Ein Mann gegen viele. Er muss schnell sein, angreifen, immer in Bewegung. Jeder Mann ist ein Schild dem nächsten gegenüber.« Er schüttelte den Kopf und sah mich wieder. »Aber ein Heer kann sich nicht wie ein Mann bewegen.«

Da hatte der Rote Kent nicht ganz unrecht. Coddin hatte die Soldaten gut ausgebildet, insbesondere die Waldwache meines Vaters, aber im Kampf geht der Zusammenhalt immer verloren. Befehle werden nicht empfangen, überhört oder nicht beachtet, und früher oder später wird alles zu einem blutigen Gemetzel, in dem jeder allein zurechtkommen muss, und dann macht sich eine Überzahl schnell bemerkbar.

»Hoheit?« Es war die Frau von der königlichen Garderobe, und sie kam mit einer Art Mantel.

»Mabel!« Ich breitete die Arme aus und schenkte ihr mein gefährliches Lächeln.

»Ich bin Maud, Sire.«

Die alte Schachtel hatte durchaus Biss, das musste ich zugeben. »Also gut, Maud«, sagte ich....

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