Und Harry?

Roman
 
 
Zytglogge (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Oktober 2017
  • |
  • 233 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-7296-2204-3 (ISBN)
 
Atmosphärisch dichter Roman um ein rätselhaftes Verbrechen

Atemlose Suche nach dem Seelenheil

Hintergründiges Spiel mit den Gattungskriterien des Detektivromans

Eine Siebenjährige erlebt, wie ihr Vater erschossen wird. Aufgeschreckt Weniger durch den Schuss selbst - es ist Jagdsaison im Tessin - als durch die anschliessende Stille, läuft sie in den Garten des Ferienhauses, wo er tot vor den Sträuchern liegt, die er eben noch geschnitten hat. In der Hand hält er ein eigenartiges Holzpferdchen, das sie reflexhaft einsteckt und der Polizei später
verheimlicht.
Der Mord bleibt ungeklärt, das Trauma ihrer Kindheit lässt sie nicht mehr los. Längst erwachsen geworden, nimmt sie von Basel aus die Ermittlungen wieder auf. Die Holzfigur sowie ein altes Foto, das ihren Vater in jungen Jahren mit einem ihr unbekannten Mann zeigt und auf der Rückseite den Vermerk «Mit Harry, Pentyrch/Cardiff 1949» trägt, weist schliesslich nach Wales. Liegt hier der Schlüssel für das Verbrechen? Wer ist Harry? Weiss er etwas und wo ist er zu finden?
  • Deutsch
  • Muttenz/Basel
  • |
  • Schweiz
  • Neue Ausgabe
  • 1,34 MB
978-3-7296-2204-3 (9783729622043)
3729622048 (3729622048)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Geb. 1953 in Basel, daselbst Studium der Ethnologie und Islamwissenschaft. Mutter von drei Kindern und als Diplomatengattin ständig ausser Land, von 1980-2008 u.a. in Kathmandu, Islamabad, Bangkok, Rom. Seit 2011 wohnhaft in England.
  • "Titel"
  • "Inhalt"
  • "Ã?ber das Buch"
  • "Ã?ber die Autorin"

Der 16. September 1960 war ein Freitag, Mutters Ausgehtag. An Freitagen fuhr sie jeweils mit dem Postauto nach Airolo hinunter, nahm den Zug nach Lugano und traf sich dort mit ihren Schulfreundinnen im Café Vanini, bevor sie sich von Marco frisieren liess, Schecks einzahlte und allerlei andern Kram erledigte und gegen fünf, beladen mit Zeitschriften und Marrons glacés - klebrige Dinger und nicht gerade mein Geschmack -, wieder nach Bigna zurückkehrte. Genau dies tat sie auch an jenem 16. September.

Vater hatte für den Nachmittag eine kleine Wanderung ins Hochmoor geplant, er wollte mir fleischfressende Pflanzen zeigen, die am Rande von Sümpfen gedeihen, und sich mit mir hinter bestimmten Bäumen verstecken, um seltene Vögel zu beobachten. Dazu hatte ich zwar nicht sonderlich Lust, schon einmal hatte er mir den Feuersalamander zeigen wollen, der sich just an jenem Tag nicht hatte blicken lassen, doch ich willigte ein unter der Bedingung, dass ich am Morgen in Ruhe mein weiterführen dürfe: ein Heft, in das ich alle Tiere der Welt hineinzeichnen wollte, irgendwann also auch den scheuen Feuersalamander. Katze, Hund, Kuh, Wolf und Schlange hatte ich bereits porträtiert, als Nächstes kam das Zebra an die Reihe.

Mutter hatte es an diesem Tag eilig und nahm ausnahmsweise den früheren Bus, warum, ist mir entfallen, jedenfalls verliess sie das Haus gegen halb zehn, ohne den Frühstückstisch abgeräumt zu haben, was sonst gar nicht ihre Art war, sie bildete sich auf ihre hausfraulichen Qualitäten mächtig was ein, doch an diesem Morgen musste ich Milch, Zucker, Cornflakes und Marmelade selbst wegräumen und dann noch das Wachstischtuch mit dem Schwamm abwischen, bevor ich mich an die Arbeit machen konnte.

Vater und ich waren guter Dinge. Immer, wenn Mutter aus dem Haus ging, und zwar schon vom Augenblick an, in dem sie hinter der Wegbiegung verschwand, bildete sich zwischen uns eine Kumpelfreundschaft, die bis zu ihrer Rückkehr andauerte und ohne grosse Worte eine Insel der Zufriedenheit bildete in unserem an Tumult und Drama reichen Alltag zu dritt. Er zeigte mir, wie man einen Gartenzaun streicht und Figuren aus Ästen schnitzt, und wenn ich kleckerte oder mich am Finger verletzte, beruhigte er mich, dass es nicht das Ende der Welt sei, auch ihm passiere das manchmal: Seine Unbekümmertheit empfand ich als wohltuend, denn Mutter reagierte auf solche Missgeschicke ganz anders und bestimmt hätte sie auch unsere geheime Gewohnheit missbilligt, mitten am Nachmittag Westernfilme zu schauen, egal ob die Sonne schien oder nicht. An jenem 16. September aber stand, trotz Kühle und grauem Himmel, das Hochmoor auf dem Programm, wie gesagt, kein sonderlicher Spass für mich, ich hasste es, in Gummistiefeln durch den Sumpf zu waten, wobei ich an jenem Morgen nicht ausschloss, dass Vater seinen Plan aufgeben würde, als wir, kaum sass Mutter im Postauto, die ersten bedrohlichen Wolken vom Gebirge übers Tal ziehen sahen.

Eine Weile schnippelte und klebte ich zufrieden vor mich hin, während Vater im Wohnzimmer weiss Gott was tat und dazu sang. Sie ziehen die Augenbrauen hoch, denken, dass ich meinem Vater frivolen Musikgeschmack andichte? Tue ich nicht! Sie dürfen mir glauben, das habe ich nicht erfunden, darauf käme ich beim besten Willen nicht, so hiess nun einmal der Ohrwurm der Saison, wir alle sangen ihn in jenem Sommer, sogar Mutter, wenn sie gut drauf war. Heute finde ich es schade, und, ja, zugegeben, auch irgendwie idiotisch, dass das letzte Wort sein musste, das ich von meinem Vater hörte. Ich hätte mir ein anderes, gehaltvolleres gewünscht und könnte ihm nun irgendwas in den Mund legen. oder , solche Sachen sagte er manchmal. Sie würden gar nicht merken, wenn ich löge, doch das will ich nicht. war das letzte Wort, ich kann es nicht ändern. Als er durch die Küche in den Garten ging, um die Haselnusssträucher zu stutzen, er hatte es zuvor am Frühstückstisch angekündigt, lächelte er mir beim Vorbeigehen wirklich nur zu, und ich sagte auch nichts, weil ich so beschäftigt war, die Streifen des Zebras richtig hinzukriegen. Es bleibt also bei .

Wenige Minuten später fiel der Schuss. Niemand achtete darauf, selbst ich nicht, obwohl er nur wenige Meter von unserem Haus abgefeuert wurde, ein Schuss wie alle Schüsse während der Jagdsaison, laut, aber unauffällig, es war an ihm nichts Besonderes, das mich hätte hellhörig machen müssen. Ich dachte mir entsprechend wenig dabei, malte einfach weiter in der Annahme, dass Vater seine Sträucher schnitt und der Jäger im nahen Wald nach seiner Beute Ausschau hielt. Ich arbeitete langsam und mit angespanntem Körper, bedacht, die Streifen nicht zu gerade, aber auch nicht zu gewellt entlang der Flanke meines Zebras verlaufen zu lassen, und hatte wohl den Mund wieder mal halb offen, diese Tendenz habe ich eben, wenn ich mich konzentriere, doch da Mutter nicht da war, um zu nörgeln, und Vater nie nörgelte, war es mir egal, wie ich aussah.

Was mich schliesslich aufhorchen liess, war die Stille. Plötzlich war es zu still. Kennen Sie dieses Gefühl, wenn alles um einen mit einem Mal erstarrt und man vor lauter Stille das Rauschen des eigenen Blutes im Körper spürt und das Herz gegen die Rippen schlägt, als wollte es sein Gefängnis sprengen, und man meint, jetzt, jetzt gleich zerschlägt es, ich sterbe, nein, noch ein Schlag, also lebe ich noch, Gott, ich halte das nicht aus, warum höre ich nichts ausserhalb meines Körpers, wo ist die Welt geblieben? Ja, kennen Sie das auch? Dann wissen Sie, dass der Bruchteil einer Sekunde zur Ewigkeit wird und man einfach nur blöde dahocken und warten kann, dass es vorbeigeht. Es ging auch vorbei, irgendwie, dann legte ich den Stift nieder und spitzte die Ohren; anfangs hörte ich nichts, keine Fliege, die surrte, keinen Rasenmäher, kein Rauschen der Haselnusssträucher, kein Gezwitscher, rein gar nichts. Ich dachte zuerst, die Welt sei untergegangen und unser Ferienhaus stünde in einem grossen Trümmerfeld und dass ich das einzige Lebewesen sei, das von Gott oder dem Teufel, oder beiden, übersehen worden sei, eine schreckliche Vorstellung, die mich am Tisch festnagelte.

Später soll ich zu Protokoll gegeben haben, dass ich weinend in den Garten hinausgerannt sei. Aber so trug es sich nicht zu. Ich trippelte erst auf Zehenspitzen bis zur Tür, öffnete sie einen Spaltbreit und spähte mit einem Auge hinaus. Was ich sah, ist Ihnen inzwischen bekannt, Vater stand nicht bei den Haselnusssträuchern, er döste auch nicht in seinem alten Korbstuhl, sondern lag bäuchlings im Gras. Tod durch einen Schuss in den Hinterkopf, so lautete dann der lakonische Obduktionsbefund.

Und jetzt das haarige Ding. Erinnern Sie sich daran? Ich erwähnte es gleich am Anfang in einem Nebensatz, aber vielleicht geschah es zu nebensätzlich, so dass ich es Ihnen wieder ins Gedächtnis rufen muss, obwohl ich am liebsten darüber schweigen würde. Aber es geht nicht, ohne diese seltsame Ingredienz funktioniert meine Geschichte nicht, ich muss es an diesem Punkt beschreiben und auch beichten, was ich damit getan habe. Eine unglückliche Geste war das, die, wie ich hier mal ganz ohne weinerlichen Unterton vermerken möchte, einen langen Schatten auf mein Leben geworfen hat. Ich rede von , weil mir kein besseres Wort einfällt, um zu erklären, welcher Art die dumpfe Bedrückung ist, die mich seit jenem Tag begleitet, nie von mir weicht und mich in ein paar Tagen - sage und schreibe fast ein halbes Jahrhundert später - zur Tat treiben wird. Nicht dass ich selbst mich einer Waffe bedienen werde, glauben Sie das bitte nicht, dazu wäre ich viel zu feige, aber ich werde . doch nein, greifen wir nicht vor, bleiben wir beim Kind, das ich war und das, nachdem es eine Weile gegafft und vergeblich gehofft hat, es könnte Vater aus seinem Schlaf rütteln, plötzlich etwas Ungewöhnliches in dessen linker Hand bemerkte.

Wie kann ich Ihnen beschreiben, was diese Entdeckung in mir auslöste? Ich verstehe meine damalige Reaktion selbst auch nicht und schäme mich ihrer noch heute. Statt Vater beizustehen oder Hilfe zu holen, was von jedem einigermassen normalen Kind zu erwarten gewesen wäre, hatte ich mit einem Mal nur noch Augen für das seltsame Ding. Zuerst dachte ich an Menschenhaar. Stellte mir vor, Vater habe im Stürzen einer Frau die Haare ausgerissen, der alten Tina vom Dorfladen zum Beispiel, die hatte so grau gelbliche Haare wie jene, die ich nun zaghaft berührte, wenn auch nicht so drahtige. Aber warum Tina? Was hätte die plötzlich hier zu tun gehabt? Ausserdem gab es da mehr als Haare, etwas Weisses lugte zwischen Vaters Fingern hervor, grober Stoff mit loser Franse, der meine Neugier nur weiter schürte. Kurzum: Was ich damit sagen will, ist, dass ich überhaupt nicht mehr an Vater dachte, die Faszination hatte alles andere ausgeblendet ausser diesem Ding, von dem ich vermutete, dass es besonders und kostbar sei und obendrein ein grosses Geheimnis. (Ganz falsch sollte ich damit nicht liegen, doch darüber später mehr.) Als ich Vaters Finger löste, der hatte noch nicht eingesetzt, kamen weder ein Schmuckkästchen noch irgendwelche zusammengerollten Geheimdokumente zum Vorschein, sondern, Wunder aller Wunder: ein Spielzeug, und zwar, wie ich präzisieren muss, nicht eines, das mir gehörte. Sind Sie enttäuscht? Begreiflich, ich war es auch, umso mehr als dieses Spielzeug, ein...

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