Die Verzauberung der Welt

Eine Kulturgeschichte des Christentums
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 21. Oktober 2014
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  • 734 Seiten
 
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978-3-406-66665-0 (ISBN)
 
Das Christentum hat seit der Antike nicht nur die Künste, sondern auch das Zusammenleben, Wirtschaften und Herrschen vor allem in Europa zutiefst geprägt und so die Welt immer mehr mit seinem Ausblick auf eine göttliche Dimension "verzaubert", bis jeder Winkel der Kultur - und auch noch der Krieg - christianisiert war. Mit der Aufklärung setzte eine schrittweise Entzauberung ein, aber gerade mittels Kunst, Musik, Architektur und Literatur, die auch das Gefühl ansprechen, hat sich das Christentum seit der Romantik verwandelt und prägt die Kultur auch noch nach Nietzsches berühmtem Satz vom Tod Gottes.
Jörg Lauster öffnet in seiner Kulturgeschichte die Augen für die religiöse Dimension der abendländischen Kultur. Ein gregorianischer Choral kann wie eine Kantate Bachs etwas von der Harmonie des Universums zum Klingen bringen, eine gotische Kathedrale göttliche Erhabenheit einflößen, ein Bild oder eine Skulptur Michelangelos die Pracht der Welt als göttliche Schöpfung feiern, ein Gemälde Caspar David Friedrichs das unfassbare Geheimnis des Daseins versinnbildlichen und ein Roman Leo Tolstois die sittliche Kraft des Christentums deutlich machen. Jörg Lauster zeigt auf faszinierende Weise, wie wir gerade auch da, wo die Kunst nicht im Dienste einer Glaubensbotschaft steht, ihre religiöse Signatur erkennen können. Dabei gelingt es ihm meisterhaft, entlang klug ausgewählter Beispiele einen großen erzählerischen Bogen vom Urchristentum bis heute zu spannen.
  • Deutsch
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mit 89 Abbildungen
  • 19,59 MB
978-3-406-66665-0 (9783406666650)
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Jörg Lauster, geb. 1966, ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg und hat Gastprofessuren in Venedig und Rom inne. Er forscht seit mehr als zehn Jahren über die Kultur- und Sinngeschichte des Christentums.
  • Cover
  • Titel
  • Impressum
  • Widmung
  • Inhalt
  • Einleitung
  • Die Verzauberung der Welt
  • Erstes Kapitel
  • Das Geheimnis des Anfangs
  • 1. Das Rätsel der Person Jesu
  • 2. Der Jesus der Evangelien
  • Im Schatten der Weltgeschichte
  • Der nahe Gott
  • Der Wundertäter
  • Eine neue Ethik
  • Die Maßlosigkeit Jesu
  • Das Ende als Anfang
  • 3. Jesus und das Christentum
  • Zweites Kapitel
  • Eine neue Religion Entsteht
  • 1. Vom Werden des Christentums
  • Der Traum der Urgemeinde
  • Prototyp einer christlichen Existenz: Paulus
  • Die Krisen des frühen Christentums
  • 2. Die Säulen des Christentums
  • Das Werden einer Kirche
  • Glauben und Denken
  • Die Erfindung der Bibel
  • Gottesdienst und Sakrament
  • 3. Das frühe Christentum als Kulturrevolution
  • 4. Warum hat das Christentum in der Antike überlebt?
  • Drittes Kapitel
  • Die Macht der Sieger
  • 1. Die konstantinische Wende
  • 2. Eine neue Ordnung der Welt
  • Die Macht der Sinne: Kirchenbau
  • Die Macht der Augen: Das Christusporträt
  • Die Macht der Welt: Krieg, Geld und Sexualität
  • Die Intoleranz der Sieger: Bildungskriege gegen das Heidentum
  • 3. Glanz und Fluch des Dogmas: Streit um Christus
  • Dreieinigkeit: Die Grenzen des Verstandes
  • Zwei Naturen und viel Hass
  • 4. Weltuntergang in Rom, Weltübergang in Konstantinopel
  • Viertes Kapitel
  • Blühende Finsternis. Die Christianisierung Europas
  • 1. Die Rückkehr der Wälder und die blonde Bestie
  • Auf bruch und Dezivilisierung
  • Gotische Träume in Ravenna und Toledo
  • 2. Die Geburt neuer Imperien
  • Die Anfänge des fränkischen Großreichs
  • Byzantiner, Assyrer und Muslime
  • 3. Das Kloster als Wiege des Abendlands
  • Von Ägypten in den Westen
  • Benedikt von Nursia
  • Die Geburt Europas aus dem Geist des Klosters
  • 4. Licht aus dem Westen
  • Die Mission der Angelsachsen
  • Vom Handwerk eines Missionars: Bonifatius
  • 5. Die karolingische Renaissance
  • Christianisierung und Gewalt
  • Das Heilige im Buch
  • Die Schönheit des Imperiums: Kulturpolitik als Auftrag Gottes
  • Fünftes Kapitel
  • Der Aufstieg des Abendlandes
  • 1. Christliche Weltherrschaft: Das Papsttum
  • Von Petrus zum Primatsanspruch des römischen Bischofs
  • Gregor der Große als Musterpapst und Seelenführer
  • Machtkampf zwischen Kaiser und Papst
  • Der elende Mensch und der Stellvertreter Christi
  • 2. Kultur der Gewalt I: Die Kreuzzüge
  • Natürliche, gerechte und heilige Kriege
  • Kleine Geschichte der Kreuzzüge
  • Warum gab es die Kreuzzüge?
  • 3. Kultur der Gewalt II: Ketzerverfolgung und Inquisition
  • Reinheit und Protest: Die Katharer
  • Verlorene Unschuld: Scheiterhaufen für die Ketzer
  • Grausame Vernunft: Die Inquisition
  • 4. Ein heiliger Mensch: Franziskus von Assisi
  • Die Vita eines Heiligen
  • Der franziskanische Geist
  • Die Welt als Schauplatz göttlicher Güte
  • 5. Die Ordnung des Wissens: Die Universität
  • Glaube, der nach Einsicht sucht
  • Aristoteles und das Morgenland
  • Die Ritter des Denkens
  • Kathedralen des Denkens
  • 6. Gottesdienst der Steine: Die Kathedralen
  • 7. Himmel und Hölle: Dantes Göttliche Komödie
  • «Nel mezzo del cammin di nostra vita»
  • Sinnuniversum und Vorstellungskraft
  • Sechstes Kapitel
  • Wiedergeburten: Das Christentum der Renaissance
  • 1. Neue Lebensgefühle
  • Petrarca und das nachdenkende Ich
  • Panoptikum der Renaissancekultur
  • Heidnisches und Christliches
  • Christlicher Kulturplatonismus in Florenz
  • 2. Die Macht der Bilder
  • Giotto und die sichtbare Präsenz der Heilsgeschichte
  • Botticelli und die Erlösung durch Schönheit
  • 3. Religion im Auge des Betrachters: Raffael
  • 4. Die Religion Michelangelos
  • Anfang und Ende: Pietà
  • Ruhm und Ehre: Die Sixtinische Kapelle
  • Kraft und Gnade: Christus, der Auferstandene und der Weltenrichter
  • Siebtes Kapitel
  • «Alles fließt»: Die Reformationen des Christentums
  • 1. Reformation und Reformationen
  • 2. Martin Luther: Ein Mönch wird zum Revolutionär
  • 3. «Die ich rief, die Geister»: Radikale Reformation
  • Von Unruhestiftern und Schwärmern
  • Von Täufern und Bauern
  • 4. Die humanistische Reformation
  • Fürst der Gelehrsamkeit: Erasmus von Rotterdam
  • Lehrer Deutschlands: Philipp Melanchthon
  • 5. Die Zweite Reformation: Zwingli und Calvin
  • Zwingli und die Reformation in Zürich
  • Calvin und die Reformation in Genf
  • 6. Die Fürstenreformation und Europa
  • Unterstützer der Reformation
  • Reformation als europäisches Ereignis
  • 7. Die katholische Reformation
  • 8. Ein depressiver Kaiser und gelehrte Pfarrer: Die Kulturfolgen der Reformation
  • Achtes Kapitel
  • Die Wucht des Barock
  • 1. Gott und die Welt: Europas Auf bruch
  • Christliche Seefahrt
  • Kolonialismus und Mission
  • Die Eroberung Lateinamerikas
  • Die Macht des Gewissens und edle Christen
  • Konquistadoren, Waldläufer und die Träume der Puritaner
  • 2. Entfesselte Christentümer
  • Der Dreißigjährige Krieg
  • Wie lässt sich Religion zähmen?
  • Theologie und Frömmigkeit im 17. Jahrhundert
  • 3. Von Teufeln und Hexen
  • 4. Rausch der Sinne: Die Barockkultur des Auges
  • Symbol der Kirche: Die Peterskirche
  • Weltwiderstand durch Bilder: Barockkunst
  • Der protestantische Barock und Rembrandt
  • 5. Harmonie des Universums: Die Barockkultur des Ohres
  • Wege zur Vollkommenheit
  • Das evangelische Kirchenlied und die Kirchenmusik
  • Kleine Geschichte der Barockmusik
  • Soli Deo Gloria: Johann Sebastian Bach
  • Neuntes Kapitel
  • Das Licht der Aufklärung und das Christentum
  • 1. Fromme Modernisierer: Die Pietisten
  • 2. Die Kraft der Vernunft
  • Bücher, Blitzableiter und Kapitalisten
  • Vom Nutzen und Nachteil desChristentums: Rousseau und Kant
  • Bibelkritiker und Pelzmützen: Christliche Aufklärer
  • Religionskritik und Atheismus
  • Christentum zwischen Absolutismus und Staatsauf klärung
  • 3. Die Erfindung des Romans aus dem Geist der Puritaner
  • Pilgrim's Progress
  • Robinson Crusoe
  • Zehntes Kapitel
  • Die Metamorphose des Christentums in der Sattelzeit
  • 1. Gott in Frankreich: Der große Umbruch
  • Das Christentum und die Französische Revolution
  • Der Blitzeinschlag: Entchristianisierung
  • Im Dienst des Staates: Napoleons Neuordnung
  • 2. Säkularisation: Eine alte Welt stirbt
  • 3. Das Christentum der Dichter und Denker
  • Gottes Plan begreifen: Der deutsche Idealismus
  • «Dem Gemeinen einenhohen Sinn geben»: Romantik als geistige Tat
  • Wiederverzauberung der Welt: Novalis
  • Sinn und Geschmack für das Universum: Schleiermacher
  • Religion als Kunst und Musik: Wackenroder
  • 4. Romantische Transformationen
  • Mondnacht: Die poetische Verwandlung des Christentums
  • Das Geheimnis der Welt im Bild: Caspar David Friedrich
  • 5. Goethes Weltfrömmigkeit
  • Elftes Kapitel
  • Das Vervielfältigte Christentum im 19. und 20. Jahrhundert
  • 1. Säkularisierung als Vervielfältigung religiöser Haltungen
  • 2. Konterrevolution: Erweckung, Konfessionalismus und Fundamentalismus
  • 3. Katholische Abwehrkämpfe
  • Volksfrömmigkeit und Maria
  • Kulturkämpfe: Die katholische Kirche und der Staat
  • Unfehlbarbarkeit und Antimodernismus
  • 4. Kulturprotestantismus
  • Religion und Wissenschaft: «Religiöses Interesse und wissenschaftlicher Geist»
  • Gottvertrauen und Fortschritt
  • 5. Bürgerliche Religion ohne Gott
  • Erlösung durch Weltverneinung: Arthur Schopenhauer
  • Fortschritt durch Tat und Kultur: David Friedrich Strauß
  • 6. Kampf gegen den Gott des Christentums
  • Atheismus und Traurigkeit: Jean Pauls «Rede des toten Christus»
  • Religion als Projektion und Selbsttäuschung: Feuerbach und Marx
  • Hass, Spott und Analyse: Nietzsche und Freud
  • 7. Das Glück auf Erden
  • Landnahme, Imperialismus und Mission
  • Little Lady and Big War: Die Antisklavereibewegung
  • Soziale Fragen
  • 8. Gott und die Natur
  • Weltbilder ohne Gott
  • Charles Darwins Suche nach dem Plan der Natur
  • Die Physiker und die letzten großen Fragen
  • Gott in der Natur begegnen
  • 9. Die religiöse Verwandlung der Kultur
  • Mozarts Geheimnis und die Erlösung durch Musik
  • Vom Unendlichenzum Banalen: Kunst
  • Stillose Moderne? Die Schwierigkeit, Kirchen zu bauen
  • Die Suche nach Gott in der Literatur des 19. Jahrhunderts
  • 10. Die Misere des kurzen 20. Jahrhunderts
  • Der gefühlte Untergang des Abendlands und die Hoffnung auf das Neue
  • Christenverfolgung und der Pfahl im Fleische des Christentums
  • Radikalisierung und Entkolonialisierung: Signaturen des Nachkriegschristentums
  • Ausblick
  • Nothing is Ever Lost
  • Anhang
  • Dank
  • Anmerkungen
  • Literatur
  • Bildnachweis
  • Personenregister
  • Farbtafeln
  • Zum Buch
  • Über den Autor

Einleitung


Die Verzauberung der Welt


«Was wir sind und haben - im höheren Sinn -, haben wir aus der Geschichte und an der Geschichte.»[1] Mit den Worten Adolf von Harnacks, des großen deutschen Kulturprotestanten, ist ein Leitmotiv dieses Buches benannt. Die Kulturgeschichte des Christentums ist die Erzählung unserer Herkunft.

Seit Max Weber sind wir damit vertraut, die Geschichte unserer Kultur und auch unserer religiösen Herkunft als das Resultat einer voranschreitenden Rationalisierung und Abkühlung zu begreifen, als eine fortgesetzte Entzauberung, die der Welt und dem Leben alle Geheimnisse nimmt. Daran ist vieles, aber nicht alles richtig. Webers Zeitgenosse Oswald Spengler bezeichnete die Kultur als «geheime Sprache des Weltgefühls».[2] Kultur verarbeitet und artikuliert über ihr zivilisatorisches Fundament hinaus einen mit keiner Funktion verrechenbaren Überschuss im Welterleben, sie repräsentiert ein Weltgefühl, das mehr ist als das Sich-Einrichten in dieser Welt. Das Christentum ist die Sprache eines Weltgefühls, das den Überschuss als das Aufleuchten göttlicher Gegenwart in der Welt versteht, es ist daher die Sprache einer kontinuierlichen Verzauberung der Welt. Diese Verzauberung endet in der Moderne nicht, sie nimmt andere Formen an.

Das Buch will erstens einen Beitrag dazu leisten, die Erscheinungsformen, Triebkräfte und Erfahrungen zu verstehen, die unsere Kultur geprägt haben, es hilft zu begreifen, woher wir kommen. Friedrich Nietzsche, ein anderer Großer des 19. Jahrhunderts, hat in einem seiner Erstlingswerke unüberbietbar Schönes nicht nur über die Nachteile, sondern - man vergisst das meist - auch über den Nutzen der Historie für das Leben gesagt. Wer dahin blickt, «woher er kommt, worin er geworden ist [.], trägt [.] gleichsam den Dank für sein Dasein ab».[3] Die Dankbarkeit gegenüber unserer Herkunft ist nicht gleichzusetzen mit einer Apologie der Christentumsgeschichte. Es gibt Erscheinungsformen des Christentums, die aus heutiger Sicht nur schwer zu begreifen sind. Beim Blick auf Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgung und viele andere Gewaltexzesse zeigt sich das Düstere und Irrationale, das zu jeder Religion und daher auch zum Christentum bis in unsere Tage hinein gehört. Das Finstere kann jedoch nur vertrieben werden, wenn eine Religion das Licht der Aufklärung auf ihre eigene Geschichte wirft.

Eine Kulturgeschichte des Christentums ist zweitens der Versuch, seine kulturelle Erscheinungsvielfalt besser zu verstehen. Die christliche Religion setzt sich aus einer Vielfalt von Motiven, Themen und kulturellen Erscheinungsformen zusammen, deren Sinn es zu verstehen gilt. Daher ist die kulturgeschichtliche Perspektive auch kein theologisches Sakrileg, sondern ein Gewinn. Den Anhängern des Christentums kann sie nützlich sein, den Grund ihrer eigenen Welt- und Lebensorientierung besser einzusehen. Den Gegnern des Christentums könnte sie helfen, mit größerer Klarheit zu wissen, was sie kritisieren.

Das dritte und wichtigste Ziel dieser Kulturgeschichte ist es, das Verständnis des Christentums auf eine kontinuierliche Geschichte der Verzauberung der Welt hin zu erweitern. Von Anbeginn nahm das Christentum Kulturformen aus seiner Umwelt auf und prägte sie in seinem Interesse. Dazu gehören die Bibel als heiliges Buch, die gottesdienstliche Feier, die institutionelle Gestalt einer Kirche, feste Lehren als Dogmen und die praktizierte Nächstenliebe gegenüber Armen, Kranken und Ausgegrenzten. Das alles diente dem Aufbau einer Religionskultur, die wir heute für genuin christlich halten. Aber die Tiefe seiner Überzeugung und die Größe seiner Botschaft trieb das Christentum stets zur Weiterentwicklung der vorhandenen Formen. Als gelebte Religion reicht das Christentum weiter, es ragt hinein in die Kultur und drückt sich in Werken der Kunst, der Architektur und der Musik aus, in der Literatur, in inneren Haltungen von Menschen, ihren Gestimmtheiten, ihrem Umgang mit der Natur und ihrem Verhalten gegenüber anderen Menschen, schließlich in ihren Plänen und Hoffnungen. Es ist eine allzu schlichte Vereinfachung, das Christentum auf die traditionellen Kulturformen seiner ersten Jahrhunderte zu reduzieren und allein an diesen zu messen, was als christlich zu gelten hat. Schon im Bau einer Kathedrale und in dem Bild eines Renaissancekünstlers bricht etwas von dem christlichen Welterleben durch, das die traditionellen Formen übersteigt. Seit der Neuzeit erprobt das Christentum viele Kulturformen, um seine Botschaft zu vermitteln. Romane, Bilder, Musik, der politische Kampf für die Freiheit und der Gang in die Natur, das alles sind Ausdrucksformen, und in manchen dieser Erscheinungsformen erfährt man besser und tiefer als in den traditionellen Gestalten des Christentums, was die Menschen im Innersten bewegte. Das Christentum ist der Ozean einer Religion, und die Kulturgeschichte der Versuch, ihn in seiner Weite zu bereisen.

Es gibt in der protestantischen Theologie eine bedeutende Traditionslinie, die dem inneren Zusammenhang von Religion und Kultur nachgegangen ist. Sie reicht von Friedrich Schleiermacher über Ernst Troeltsch bis zu Paul Tillich. Ihrem Grundanliegen weiß sich eine Kulturgeschichte des Christentums dankbar verpflichtet, wenn sie seine Kulturformen auf ihre religiöse Bedeutung hin zu lesen versucht. In dieser Tradition ist das vorliegende Programm einer Kulturgeschichte der Versuch einer Sinngeschichte des Christentums.

Die Hoffnung, durch die Suche nach Sinn und Bedeutung zu einem umfassenderen Verständnis kultureller Phänomene zu gelangen, hat eine lange Vorgeschichte. Von dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel stammt der berühmte Satz, die Philosophie sei «ihre Zeit in Gedanken gefaßt».[4] Aus dem philosophischen Denken einer Zeit heraus erschließen sich die Fragen, die die Menschen jener Epoche umtreiben. Damit lieferte Hegel einen wichtigen Impuls für die große Zeit der Kulturgeschichtsschreibung. Deren Protagonisten sind von ihrer philosophischen Berufung her kaum als Hegelianer zu bezeichnen, jedenfalls teilen sie nicht Hegels Geschichtsbild, nach dem die Weltgeschichte allen Wirren zum Trotz letztlich einer planvollen Entwicklung des Weltgeistes folgt. Dennoch ist Hegels Philosophie der Geschichte ein wichtiges Gründungsdokument, da sie universalgeschichtlich den Geist einer Zeit aus ihren kulturellen Phänomenen herauszulesen beabsichtigt.

Das goldene Zeitalter der Kulturgeschichtsschreibung beginnt um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit Jacob Burckhardts Meisterwerk über die Kultur der Renaissance.[5] Burckhardt will Kulturphänomene auf ihre Bedeutung und auf ihren Sinn hin lesen, um so ein Zeitalter besser verstehen zu können. Seine Idee, den Geist einer Zeit aus der Bedeutungsanalyse ihrer kulturellen Erscheinungsformen herauszuarbeiten, erweist ihn als Erben Hegels. Denn was er darin unternimmt, ist die kulturgeschichtliche Ausweitung von Hegels Motto, die Philosophie sei «ihre Zeit in Gedanken gefaßt». Burckhardt geht über Hegel hinaus - nicht allein die Analyse der Philosophie, sondern die Gesamtschau der kulturellen Phänomene ist nötig, um den Geist einer Zeit zu erheben und ihr Porträt malen zu können. «Besser zu verstehen»[6] ist auch das ausdrückliche Motto, das Johan Huizinga, ein anderer Großer der klassischen Kulturgeschichtsschreibung, seinem Buch Herbst des Mittelalters voranstellt. Für ihn zielt die Kulturgeschichte auf das Lebensgefühl einer Epoche.[7]

Ihren Ausklang findet diese glanzvolle Tradition in den populären Werken von Egon Friedell und Oswald Spengler. Von Seiten der historischen Wissenschaften begegnet man Friedell im günstigsten Falle mit höflichem Schweigen, Spengler üblicherweise mit vernichtender Kritik. Das Lesepublikum hat hingegen Spenglers Untergang des Abendlandes und Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit begeistert aufgenommen. In den beiden erfolgreichen kulturgeschichtlichen Büchern des 20. Jahrhunderts treten Größe und Grenze der Kulturgeschichtsschreibung alter Schule deutlich zu Tage. Die Kulturgeschichtsschreiber des goldenen Zeitalters ihrer Zunft sind glänzende Erzähler, die das Leben vergangener Epochen in seiner ganzen Fülle und Vielfalt nahe an die Leserinnen und Leser heranrücken, den tieferen Sinn aufspüren und große Linien ziehen können. Im Bann der imposanten Deutungsleistung gerät jedoch die Frage ins Hintertreffen, wie die Urteile zustande kommen. Das Methodenproblem aller hermeneutischen Versuche, vergangene Lebensäußerungen auf ihren Sinn hin zu lesen, wird hier virulent.

Bücher sind Kinder ihrer Zeit, und so verdankt sich die Idee zu einer Kulturgeschichte des Christentums heute dem, was der Wissenschaftsbetrieb cultural turn nennt. Damit wird ein Phänomen bezeichnet, das in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einsetzte und eine beträchtliche Erweiterung der Perspektiven im Umgang mit der Vergangenheit einfordert. Eine Grundintention ist trotz verschiedener Zugangsweisen klar zu erkennen. Die neue Wende zur Kulturgeschichte ist von dem Interesse geleitet, herauszufinden, wie sich Menschen durch Kultur in der Welt orientieren und einrichten. Der kulturgeschichtliche Ansatz «befragt vergangene Zeiten daraufhin, wie...

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