Elsässer Erbschaften

Ein Fall für Major Jules Gabin
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. August 2015
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97142-3 (ISBN)
 
Major Jules Gabin ist gerade im Elsass angekommen, um seinen neuen Posten auf der Gendarmerie des beschaulichen Städtchens Rebenheim anzutreten, als sich plötzlich Unruhe in den verschlafenen Fachwerkgassen breitmacht. Nur wenige Kilometer vor der mittelalterlichen Stadtmauer wurde eine junge Frau erschlagen. Was wollte die Lokalreporterin auf dem brachliegenden Weinberg? Wurde sie zufällig zum Opfer, oder war sie einer brisanten Story auf der Spur? Während seine alteingesessene Herbergsmutter noch versucht, ihn an Flammkuchen und Silvaner zu gewöhnen, hat Gabin schon einen ersten Verdächtigen ausgemacht. Doch die Wurzeln des Verbrechens liegen tief in der Geschichte der Region verborgen ...
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  • 1,85 MB
978-3-492-97142-3 (9783492971423)
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LE DEUXIÈME JOUR

DER ZWEITE TAG

Noch vor seinem Antrittsbesuch in der Gendarmerie zog es Jules in die Redaktion der Les Nouvelles du Haut-Rhin, bei der Zoé Lefèvre gearbeitet hatte. Das kleine, nur aus zwei Räumen und einem winzigen Empfang bestehende Büro lag im ersten Stock eines schmalen Hauses in der Rue de Lipsheim, einer Seitengasse der Rue des Vosges.

Zuvor hatte Jules ein petit-déjeuner ganz nach seinem Geschmack zu sich genommen. Zum café au lait hatte Clotilde ihm ein ofenfrisches pain au chocolat gereicht, knusprig und luftig wie ein Croissant, versetzt mit schmelzwarmen Schokoladenstückchen. Eine Kalorienbombe, wie Jules sehr wohl wusste - aber eine, die ihm den Tag versüßte. Entsprechend gut gelaunt ging er zu Werke, als er sich bei einer ältlichen und leicht untersetzten Sekretärin nach dem Redaktionsleiter erkundigte.

»Für gewöhnlich ist Monsieur Le Claire um diese Zeit noch nicht im Haus«, belehrte sie ihn und ließ sich durch seine Uniform nicht im Mindesten beeindrucken. »Wir öffnen zwar um acht, doch nur um Inserate aufzunehmen. Die Redaktion ist erst ab zehn Uhr besetzt.«

Jules wusste nicht recht, woran er war. »Sie sagen >für gewöhnlich<. Heißt das, Monsieur Le Claire ist heute früher dran?«

Die Sekretärin schien mit sich zu hadern, was sie ihm darauf antworten sollte. »Monsieur Le Claire möchte ungestört sein.«

»Schon gut, Mathilde!«, rief ein Mann, der bis eben tief über eine Computertastatur gebeugt in der hinteren Ecke des rückwärtigen Büros gesessen hatte. »Ich komme ja.«

Jules sah sich dem Prototyp des in die Jahre gekommenen Lokalreporters gegenüber: schlaksig, ein wenig ungepflegtes Erscheinungsbild, die Lesebrille auf dem Nasenrücken. Der Lokalchef, dessen Alter schwer zu schätzen war, schien geradewegs den Siebzigerjahren entsprungen zu sein. Zumindest pflegte er eine Vorliebe für die Mode aus dieser Zeit, ließ sich Koteletten stehen und trug Schlaghosen.

»Vincent Le Claire«, stellte er sich vor. »Sie sind der neue Kommandant der Gendarmerie?«

Jules bestätigte dies, nannte ebenfalls seinen Namen sowie den Dienstrang und kam ohne Umschweife auf Zoé Lefèvre zu sprechen. Le Claire erwies sich sogleich kooperativ, bestätigte die Zusammenarbeit mit Zoé und zeigte sich betrübt über deren gewaltsamen Tod. Mehr aber auch nicht. Von Bestürzung konnte nicht die Rede sein. Jules schrieb das dem Umstand zu, dass ein langjähriger Journalist abgebrüht genug sein musste, um in der Lage zu sein, Nachrichten wie diese ohne großartige Emotionen wegstecken zu können. Doch womöglich gab es auch andere Gründe, weshalb ihn Zoés Tod augenscheinlich wenig rührte. Stellte er seine Coolness nur zur Schau, um seine wahren Emotionen zu verbergen?

»Was war Zoé Lefèvre für ein Mensch?«, lautete Jules' Einstiegsfrage. »Eine nette Kollegin oder gab es Probleme mit ihr?«

»Probleme? Aber nein«, antwortete der Reporter eine Spur zu schnell. »Zoé hatte ein freundliches Wesen. Humorvoll, hilfsbereit, zuverlässig. Wir kamen alle gut mit ihr aus.«

»Wer ist wir?«

Le Claire zeigte auf die strenge Dame am Empfang. »Mathilde und ich. Aber auch Victor, der bei uns die Lokalpolitik abdeckt, und René, zuständig für Sport und Kultur, haben nichts auf sie kommen lassen.«

»Sport und Kultur? Eine gewagte Mischung«, meinte Jules.

»Bei uns muss mehr oder weniger jeder alle Ressorts beherrschen. Wir sind wie Schweizer Messer: vielseitig verwendbar. So läuft das nun mal in einer kleinen Redaktion.«

»Gibt es sonst etwas, das wir über die Verstorbene wissen sollten? Irgendwelche Auffälligkeiten?«

»Nein«, antwortete Le Claire. »Das heißt .«

Jules entging nicht, dass die Augen seines Gegenübers zu flimmern begannen. »Das heißt?«, hakte er nach.

»Na ja, Zoé an sich war auffällig.«

»Im Sinne von attraktiv?«

Le Claire vermied eine direkte Antwort. »Sie war eine natürliche Schönheit, doch kein bisschen affektiert.«

Womit er indirekt zugab, dass er für sie geschwärmt hatte, dachte Jules. »Was waren denn ihre Aufgaben?«, fragte er und setzte sich Le Claire gegenüber an einen abgenutzten Schreibtisch, der unter der Last mehrerer hoher Papierstapel ächzte. »Womit hat sich Zoé zuletzt beschäftigt?«

Vincent Le Claire kratzte sich am unrasierten Kinn. »Nun ja, ich kann mir denken, worauf Sie hinauswollen. Aber da muss ich Sie enttäuschen. Zoé war nicht gerade das, was man gemeinhin als Sensationsreporter bezeichnet. Mit Enthüllungsjournalismus à la Watergate hatte sie wenig zu schaffen. Ich glaube, sie hätte nicht einmal gewusst, worum es sich bei der Watergate-Affäre handelte.«

»Ich denke, mit Watergate hat dieser Fall nichts zu tun«, insistierte Jules.

»Nein, natürlich nicht. Ich wollte damit nur andeuten, dass Zoé eher ihren Hang zum Seichten pflegte.« Er merkte, wie abwertend sich seine Worte anhören mussten, und fügte schnell hinzu: »Sie besaß Potenzial, ohne Frage. Aber hier in Rebenheim beschränkt sich die Berichterstattung nun mal auf das Alltägliche.«

»Dann konkreter: Worum drehte es sich in der letzten Story, an der sie arbeitete?«

Le Claire musste nicht lange überlegen. »Sie hatte eine viel beachtete Serie über die örtliche Storchenpopulation verfasst. Wirklich gut geschrieben, Hut ab! Und zuletzt recherchierte sie über das Thema .«

»Über welches Thema?«, drängte Jules und hoffte auf einen Hinweis, der so etwas wie ein Motiv liefern könnte.

»Nun, sie wollte einen Bericht über die neue Straßenkehrmaschine schreiben, die der Bürgermeister hat anschaffen lassen und die einige hier im Ort für überteuert halten.«

»Straßenkehrmaschine .«, griff Jules den Begriff enttäuscht auf.

»Das ist nicht ohne«, meinte Le Claire. »Immerhin wurde sie durch Steuermittel finanziert. Eine kostenintensive Anschaffung, und manch ein genügsamer Rebenheimer vertritt die Auffassung, dass es die alte noch getan hätte. Die hat zwar fünfundzwanzig Jahre auf dem Buckel, aber keine hunderttausend Kilometer auf dem Tacho. Außerdem - und das ist wirklich ein Affront - stammt die neue Maschine von Mercedes-Benz, wohingegen die alte mit einem Renault-Motor fuhr.«

»Nicht wirklich ein Skandal, für den man mordet, oder?« Jules ließ sich zu dieser Frage hinreißen und bereute es sofort.

»Mord? Sie gehen also wirklich von einer vorsätzlichen Tat aus?« Le Claires Augen blitzten. »Nicht bloß ein gewöhnliches Sexualverbrechen? Kein Totschlag im Affekt, sondern ein motivierter Mord?«

Jules ruderte sogleich zurück. »Ich gehe von gar nichts aus, sondern sondiere vorläufig nur das Umfeld der Verstorbenen. Und dabei bin ich auf Ihre Hilfe angewiesen.« Er ließ seine gefalteten Hände auf der Tischplatte ruhen und sah den Redaktionsleiter forschend an.

Das machte diesen offenbar nervös, denn Le Claire fingerte in der Tasche seines blassblauen Hemds nach einer zerknautschten Packung Gauloises. Er nahm sich selbst eine heraus und hielt Jules die Schachtel hin. »Möchten Sie?«

Jules lehnte dankend ab. Das Rauchen hatte er sich längst abgewöhnt und seine letzte Selbstgedrehte mit Ende zwanzig genossen. Das war kurz, nachdem er Lilou kennengelernt hatte, die sich über den bitteren Tabakgeschmack beim Küssen beschwerte. Aus Zuneigung zu Lilou rührte er Zigaretten seitdem nicht mehr an.

»Halten Sie es für möglich, dass Zoé Lefèvre ohne Ihr Wissen an einer Story mit höherer Brisanz gearbeitet hat?«

Le Claire zündete sich seine Gauloises an, nahm einen tiefen Zug und dachte nach. »Sie meinen, Zoé ist jemandem auf die Füße getreten? Und derjenige hat sie auf das einsame Grundstück gelockt, um sie dort zu töten?«

Betont langsam schüttelte Jules den Kopf. »Um es noch einmal deutlich zu machen. Es geht nicht darum, was ich meine, sondern was Sie davon halten. Dies ist keines Ihrer Zeitungsinterviews. Ich bin es, der die Fragen stellt - und Sie werden mir antworten. So lauten die Spielregeln, verstanden?«

Le Claire senkte reumütig den Kopf. »Schon klar, Major. Aber mir ist nichts von einer heiklen Recherche bekannt. Wie gesagt, Zoé war nicht der Typ dafür, sie hatte nicht den Biss eines Skandalreporters. Ganz abgesehen davon, dass ich es wüsste, wenn in Rebenheim irgendeine große Sache laufen würde.«

»Ich wäre Ihnen trotzdem dankbar, wenn Sie das noch mal überprüfen. Vielleicht stoßen Sie auf einen Hinweis, der uns weiterbringen könnte.«

Le Claire willigte ein, auch wenn er nach eigenen Worten nicht viel Sinn darin sah. Als Nächstes kam Jules auf den jungen Mann zu sprechen, mit dem Zoé laut Linos Hinweis angeblich liiert gewesen sein sollte. Diesmal antwortete der Zeitungschef weitaus bereitwilliger. Robin sei ihm sehr wohl bekannt. Ein ungestümer Bursche, jähzornig und aufbrausend. Für Le Claire war es ein Rätsel, wie sich die besonnene Zoé auf einen solchen Rabauken einlassen konnte. Robin sei weit unter ihrem Niveau gewesen, meinte der Reporter. Einmal habe er ihn sogar eigenhändig aus der Redaktion werfen müssen,...

»Spannend erzählt«, GEO Saison

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