Die Legende der Wächter 4: Die Belagerung

 
 
Ravensburger Buchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Juli 2011
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-473-38442-6 (ISBN)
 
DIE LEGENDE LEBT!

Eisenschnabel - dieser Name lässt jeder Eule die Federn zu Berge stehen. Mit seinen Schleiereulen belagert er den magischen Baum, den Sturmflieger Soren und seine Freunde verteidigen. Hunger und Kälte machen den tapferen Eulen zu schaffen, aber am schlimmsten quält Soren die Frage: Gibt es einen Verräter in den eigenen Reihen? Er muss es herausfinden und greift zu einer gefährlichen List.
weitere Ausgaben werden ermittelt

Der braune Fischuhu legte verwundert den Kopf in den Nacken. Zuletzt hatte sich der Komet vor drei Monaten gezeigt. Was war das dann für ein rot glühender Punkt am Himmel? Der Punkt kam beängstigend schnell angesaust- großer Glaux!- und er stieß im Flug die übelsten Verwünschungen und Flüche aus.

Der Fischuhu trippelte ans Ende des Platanenastes, der über den See ragte. Wenn es sich nicht um einen Artgenossen handelte, würde der Unbekannte Hilfe brauchen. Mit Ausnahme von Fischuhus sind Eulen im Wasser völlig hilflos. Der Fischuhu breitete die Schwingen aus und machte sich startklar. Er hatte es noch nicht aufklatschen gehört, da war er schon von seinem Ast aufgeflogen.

Als Kludd ins Wasser eintauchte, zischte es vernehmlich und kleine Dampfwolken stiegen auf. So etwas hatte der Fischuhu, er hieß übrigens Simon, noch nie erlebt: eine Eule, die glühte wie ein Stück Holzkohle aus einem Waldbrand und sich ins Wasser stürzte. War der Fremde ein Glutsammler? Unwahrscheinlich, denn die Glutsammler waren so geschickt, dass sie sich bei ihrer gefährlichen Arbeit nicht eine einzige Feder versengten. Gerade noch rechtzeitig packte Simon den Fremden. Doch als er ihm ins Gesicht schaute, erstarrte sein Magen zu Eis, denn eine undefinierbare Masse aus geschmolzenem Metall und geschwärzten Federstummeln blickte ihn an. Was war dem fremden Eulerich zugestoßen?

Doch das war jetzt unwichtig. Hauptsache, der Fremde lebte noch. Simon gehörte der in den Nordlanden ansässigen Glaux-Bruderschaft an. Als Pilger war es nicht seine Aufgabe, Fragen zu stellen, jemandem Predigten zu halten oder ihn gar zu bekehren. Seine Aufgabe war es, anderen zu helfen und ihnen Trost und Zuneigung zu schenken. All dies schien der Unbekannte bitter nötig zu haben. Um anderen Eulen in der Not beizustehen, verließen die Glaux-Brüder regelmäßig ihre entlegene Insel, auf der sie sich sonst ihren Studien widmeten. Sie zogen in die Welt hinaus und erfüllten ihre heilige Pflicht an ihren Miteulen. Wie pflegte der Abt immer zu sagen: "Sich in Büchern zu vergraben, kann auch zu schädlichem Selbstzweck werden. Unsereiner ist verpflichtet, seine Erkenntnisse weiterzugeben und in tätige Liebe zu verwandeln."

Es war Bruder Simons erste Pilgerreise und der schlimm zugerichtete Unbekannte erschien ihm als erste große Herausforderung. Jemand musste ihn gesund pflegen, das war offensichtlich. Aus dem Nest gefallene Eulenküken wieder in ihre Baumhöhlen zu tragen, verfeindete Krähensippen miteinander zu versöhnen- die Glaux-Brüder gehörten nämlich zu den wenigen Eulen, die erboste Krähen zur Vernunft bringen konnten-, das war alles Kinderkram im Vergleich zu dieser Aufgabe. Simon würde sein ganzes heilkundliches Wissen aufbieten müssen, damit der Ärmste wieder zu Kräften kam.

"Ganz ruhig, mein Lieber, ganz ruhig", sprach er besänftigend auf den Verbrannten ein, als er ihn in die Baumhöhle in der Platane bugsierte. "Es wird alles gut, ganz bestimmt." Wieder einmal bedauerte Simon, dass er keine Nesthälterin hatte. Wie bequem hatte es sich doch auf der heimischen Insel gelebt! Doch die Pilger sollten das einfache Leben kennenlernen. Sie mussten ohne die Blindschlangen auskommen, die sonst das Ungeziefer von Eulennestern fernhielten. Ein Pilger beschäftigte keine Dienstboten, seine Aufgabe war es im Gegenteil, anderen zu dienen. Darum musste Simon jetzt auch selbst losziehen und Heilwürmer beschaffen. Blutegel waren für schwere Brandwunden am besten geeignet und als Fischuhu hatte er Übung im Blutegelsammeln.

Simon bettete Kludd auf ein weiches Lager aus Moos und Daunenfedern, die sich der junge Glaux-Bruder aus dem eigenen Brustgefieder zupfte. Dann flog er ans Seeufer hinunter. Er kannte eine Stelle, wo es von Blutegeln nur so wimmelte. Unterwegs dachte er über seinen Schützling nach. Bei dem fremden Eulerich schien es sich um ein Schleiereulenmännchen zu handeln. Er hatte sich gewehrt, als ihm Simon liebevoll das Gefieder glätten wollte. Merkwürdig. Simon hatte noch nie erlebt, dass eine Eule diesen Freundschaftsdienst zurückwies. Und dabei war das Gefieder des Fremden furchtbar schmutzig und struppig- ein wahres Wunder, dass er überhaupt noch fliegen konnte! Nur mit gepflegtem Gefieder konnte man lautlos und stetig fliegen. Die Flugfedern von Eulen haben sogenannte Federstrahlen mit winzigen Häkchen daran, die sich ineinander verzahnen. Auf diese Weise entsteht eine glatte Oberfläche, über die die Luft ungehindert hinwegstreichen kann. Die Federstrahlen des Unbekannten waren ganz zerzaust, sie mussten behutsam wieder ausgerichtet und geglättet werden. Doch der Fremde hatte sich unter Simons Schnabel weggeduckt. Merkwürdig, sehr merkwürdig, dachte der Glaux-Bruder.

Simon kehrte mit einem Schnabel voll Blutegel in die Höhle zurück und setzte die Würmer unter die aufgebogenen Ränder der sonderbaren, halb geschmolzenen Eisenmaske, die das Gesicht des Fremden verdeckte. Ihm die Maske abzunehmen, traute er sich nicht. Die nähere Betrachtung erwies, dass sein Schützling tatsächlich ein Schleiereulenmännchen war, allerdings handelte es sich um einen ungewöhnlich großen Vertreter dieser Eulenart. Der junge Pilger flößte seinem Patienten Wasser ein, indem er feuchtes Moos über dem halb offenen Schnabel ausdrückte. Hin und wieder flatterten die Lider des Unbekannten schwach, aber er fieberte eindeutig, denn seinem Schnabel entströmte ein unaufhörlicher Schwall von wüsten Beschimpfungen und Racheschwüren, die sich gegen einen gewissen Soren richteten.

Simon pflegte das fremde Eulenmännchen Tag und Nacht. Er wechselte die Blutegel aus und träufelte Wasser auf das verdrehte Metallstück, unter dem der Schnabel des Kranken gesessen haben musste. Der Fremde beruhigte sich zusehends und fluchte auch nicht mehr so oft, worüber Simon sehr froh war. Die Glaux-Brüder waren nämlich ein friedliebender Orden.

Zwei Tage lang hatte der kranke Schleiereulerich viel geschlafen, am dritten Tag öffnete er die Augen. Er war wieder bei klarem Verstand. Doch als er nun den eisernen Schnabel aufmachte und seinen Pfleger ansprach, erschrak Simon. Denn was der Fremde sagte, war fast so verstörend wie zuvor seine mordlustigen Verwünschungen. "Du gehörst nicht zu den Reinen."

Zu den Reinen? Was beim Glaux sollte das heißen? "Sei nicht böse, aber ich verstehe nicht, was du meinst", erwiderte Simon.

Kludd blinzelte. Hat der Bursche denn keine Angst vor mir?, wunderte er sich. Laut sagte er: "Macht nichts. Ich muss mich wohl bei dir bedanken."

"Du musst gar nichts. Ich bin ein Pilger. Ich erfülle nur meine heilige Pflicht."

"Was für eine Pflicht denn?"

"Meine Pflicht unserer Spezies gegenüber."

"Wir beide gehören nicht derselben Spezies an!", rief Kludd derart empört, dass der Fischuhu zusammenfuhr. "Ich bin eine Schleiereule, Tyto alba, und du.", er rümpfte den Schnabel, ".du bist ein Fischuhu. Jedenfalls stinkst du wie einer."

"Ich habe ganz allgemein gesprochen. Meine heilige Pflicht gilt der gesamten Eulenheit."

Ein dumpf grollendes Hu! war die Antwort und der Schleiereulerich schloss die Augen wieder.

"Ich lasse dich jetzt allein", verkündete Simon.

"Falls du zufällig auf die Jagd fliegst- ich ziehe rotes Fleisch weißem Fischfleisch vor. Wühlmäuse fresse ich besonders gern."

"Ich werde mein Möglichstes tun. Wenn du dich gestärkt hast, kommst du bald wieder zu Kräften, da bin ich sicher."

Kludd musterte den Fischuhu verächtlich. Sei dir lieber nicht zu sicher, was mich betrifft, du könntest eine böse Überraschung erleben, dachte er. Was für eine hässliche Eule, beim Glaux! Platter Kopf, schmutzfarbenes Gefieder, weder richtig braun noch richtig weiß oder grau, mickrige Federohren. Eine abstoßendere Eule als ein brauner Fischuhu dürfte schwer zu finden sein.

Kludd hatte zwar schon einmal von Pilgereulen gehört, aber Näheres wusste er nicht über sie. Darum nutzte er die Gelegenheit und fragte: "Du hast gesagt, du seist ein Pilger. Wo kommst du her?"

Simon freute sich, dass der Fremde Interesse an ihm bekundete. "Aus den Nordlanden."

Kludd horchte auf. Die Nordlande sagten ihm etwas. Von dort stammte der weise alte Kreischeulerich Ezylrb. Es war eigentlich Ezylrybs Schuld, dass Kludd in der Schlacht beinahe sein Leben gelassen hatte. "Ich dachte, in den Nordlanden lebten Krieger, nicht Pilger."

"Die Eulen aus den Nordlanden sind gefürchtete Krieger, das ist richtig, aber man kann auch für mehr Liebe und Frieden in der Welt kämpfen statt für Tod und Vernichtung."

Kludd hätte seinem Gegenüber am liebsten eine Salve Gewölle ins Gesicht gespuckt. Von dem Geschwätz des Burschen bekam man ja Federausfall! Doch er entgegnete nur knapp: "Verstehe." Dabei verstand er gar nichts. Aber manchmal ging man besser etwas diplomatischer vor, auch wenn sich einem von solchem Schwachsinn schier der Magen umdrehte.

"Na gut, dann sei doch so nett und...

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