Zwei ritten nach Westen

 
 
Uksak E-Books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. April 2020
  • |
  • 162 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7389-3928-6 (ISBN)
 
"Verdammter Narr!", flucht Cass und packt Duff, der schwankend an der Stalltür lehnt. Mit einem Ruck schiebt er ihn in den Sattel. Dann reißt er seinem Gaul die Sporen über die Flanken. "Los, vorwärts!", schreit er. Das Aufbrüllen von Schüssen lässt ihn verstummen. Duff hebt sich in den Steigbügeln. Sein vom Alkohol aufgedunsenes Gesicht zeigt einen erstaunten Ausdruck. Dann bricht er vornüber und kippt aus dem Sattel ...
  • Deutsch
  • 0,37 MB
978-3-7389-3928-6 (9783738939286)

1.


»Heben Sie die Hände, Stranger!"

Sid Fanning erstarrte. Kalt rann es ihm über den Rücken. Niemand wusste besser als Sid Fanning, in was für einer verfänglichen Situation er sich befand. Niemand konnte die Stimme eines Mannes besser beurteilen als er.

Er hatte bisher durch diese Fähigkeit manchen Vorteil für sich verbuchen können. Jetzt allerdings sah es nicht danach aus, als sollte es ihm noch einmal gelingen. Eine tiefe Bitterkeit überfiel ihn. Er wusste, dass er hätte vorsichtiger sein müssen.

Sid Fannings dunkle, fast schwarze Augen waren auf den Toten gerichtet, vor dem er gerade kniete. Einige Habseligkeiten hatte er ihm bereits abgenommen, aber er hatte nichts gefunden, was ihn identifiziert hätte. Das würde dem Mann in seinem Rücken gleichgültig sein, für den sich der Eindruck der Leichenfledderei geradezu aufdrängte. Sid Fanning wusste das nur zu gut.

By gosh, es war immer das Gleiche. Jeder Mann konnte ohne Verschulden in eine Situation geraten, die scheinbar gegen ihn sprach.

"Sie haben sicherlich nicht viel gefunden, Stranger?", sagte der Mann mit einem so spöttisch kalten Ton, dass der heiße Zorn in Sid aufstieg. "Sie hätten sich nicht einen Satteltramp vornehmen sollen. Aber Sie sind wohl so schlecht dran, dass Sie sogar arme Schweine abknallen?"

Das war eine höllische Anklage, die deutlich zeigte, dass Sid die Situation richtig eingeschätzt hatte. Man hielt ihn für einen Wegelagerer und Strauchdieb, für einen hinterhältigen Killer.

"Der Mann ist bereits seit Stunden tot", sagte Sid Fanning und zwang seine Stimme zur Ruhe. "Er liegt schon lange hier, und die Geier haben ihn so zugerichtet, dass sein Gesicht kaum zu erkennen ist. Ich konnte die Raubvögel vertreiben, aber es gelang mir nicht, diesen Toten zu identifizieren. Ich habe ihn weder ermordet noch war ich dabei, ihn auszurauben. Das ist die reine Wahrheit!" Sid hielt seine Hände in die Höhe.

Der Mann hinter ihm befahl: "Aufstehen!"

Sid befolgte den Befehl. Er würde aufatmen, wenn sich der Fremde den Toten ansehen würde und dann Sids Darstellung anerkennen musste. Doch war die Gefahr damit gebannt? Sid hatte wenig Hoffnung. In dieser Gegend hier, nahe der mexikanischen Grenze, misstraute einer dem anderen. Zu viel übles Gelichter trieb sich herum. Nein, hier vertraute man niemandem.

Aus der Mulde hörte Sid Pferdeschnauben. Sein magerer brauner Wallach meldete sich. Warum hatte das Tier nicht früher warnend geschnaubt?

"Zur Seite treten!", forderte der Mann.

Sid kam auch diesem Befehl nach. Dabei schossen ihm eine Menge Gedanken durch den Kopf. Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg, um sich aus der brenzligen Situation herauszuwinden. So sehr er sich auch anstrengte, er fand keine Lösung und kam schließlich zu der Überzeugung, dass es sinnlos sein würde, etwas zu unternehmen. Der andere hatte alle Trümpfe in der Hand und würde keinen Augenblick zögern, auf Sid zu feuern.

Sid Fanning war nicht lebensmüde, er wollte nicht tot hier im heißen Sand liegen. Man sah ihm seine fünfunddreißig Jahre an, und die Spuren eines harten Lebens waren nicht mehr aus seinem Gesicht zu wuschen. Das Schicksal hatte ihm nichts geschenkt. Schon früh hatte er auf eigenen Beinen stehen und sich allein behaupten müssen. Er dachte nicht gern an die Vergangenheit zurück.

"Nun?", fragte Sid, als er einige Minuten schweigend dagestanden hatte.

"Sie scheinen mir die Wahrheit gesagt zu haben", antwortete der Mann im Hintergrund. "Was glauben Sie wohl, wer der Mann war, vor dem Sie gekniet haben?"

"Ich habe keine Ahnung."

"Er war ein Vertreter des Gesetzes. An der Stelle, an der der Stern saß, sieht man die Nadelstiche. Der Stern ist allerdings fort. Der Tote hat den Stern aus irgendeinem Grunde abgelegt. Jemand hat aus dem Hinterhalt geschossen und den Mann in den Kopf getroffen. Er muss auf der Stelle tot gewesen sein. Die Spur seines durch gehenden Pferdes zeigt an, dass der Mord schon vor Stunden geschehen sein muss. Die Ränder der Hufspur sind eingefallen. Deshalb glaube ich Ihren Worten und nehme an, dass Sie nicht der Mörder dieses Mannes sind. Ein Mörder bleibt nicht stundenlang bei seinem Opfer. Nehmen Sie die Hände herunter und drehen Sie sich zu mir um, Stranger!"

Sid Fanning war erleichtert. Er drehte sich um und sah sein Gegenüber scharf an. Im gleichen Augenblick wusste er, dass er einen Langreiter vor sich hatte, einen Mann, der wie er selbst schon viele Meilen geritten war. Der Wüstenstaub auf der Kleidung verriet es.

Der Fremde war etwa so groß wie Sid. Er hatte blondes Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte. Die hellblauen Augen strahlten ein kristallenes Feuer aus. Seine Kleidung bestand aus der Ledertracht eines Waldläufers, die mit Fransen verziert war. Dazu trug er eine bunte Weste, die nicht zu der übrigen Kleidung passte. Interessanter jedoch war die Art, wie er den Colt trug. Der Fremde musste ein Revolvermann sein. Der 45er Colt steckte nicht in einem Holster, sondern in einer Lederschlinge. Das Erstaunliche war, dass der Revolver nicht in der Hand des Mannes lag, wie Sid angenommen hatte.

In dem breitflächigen Gesicht des Fremden zeigte sich etwas, was ihn Sid sympathisch machte.

"Wie soll es weitergehen?", fragte Sid.

Der andere grinste, zuckte die Schultern und erwiderte: "Ich will Sie nicht aufhalten, Freund. Sie können reiten, wohin Sie wollen. Sie können aber auch bleiben und mir helfen, diesen Mann unter die Erde zu bringen. Für was entscheiden Sie sich?"

"Ich bleibe natürlich. Der Tote ist übel zugerichtet. Ich wäre ein Schuft, wenn ich davonreiten würde."

Die Blicke der beiden Männer kreuzten sich. Der Fremde nickte.

"All right", sagte er, "ich habe es mir gedacht."

Nach diesen Worten wandte er sich ab und verschwand hinter einer Bodenwelle. Es dauerte nicht lange, als aufklingender Hufschlag seine Rückkehr verriet.

Sid Fanning holte sein Pferd aus der Mulde. Der Braune war mehr die Karikatur eines Pferdes. Im Fell des Tieres schienen die Motten gewütet und große Stellen kahlgefressen zu haben. Die Rippen zeichneten sich so deutlich ab, dass man einen Stetson an ihnen hätte aufhängen können. Das Aussehen des Pferdes aber täuschte; niemand wusste das besser als Sid. Sein Brauner konnte, wenn es sein musste, sich von Disteln und Kakteen ernähren. Er war ein richtiges Wüstenpferd, nicht sehr schnell auf kurzen Strecken, doch ausdauernd, wenn es über längere Distanz ging.

Sid dachte daran, dass der Fremde beim Anblick seines Braunen sicherlich lachen würde, doch er täuschte sich.

Der blonde Fremde tauchte mit einem Rappen auf, dessen Anblick das Herz eines Pferdekenners schneller schlagen ließ. Nicht alle Tage bekam man ein so prächtiges Tier zu sehen. Der Rappe war nicht sehr groß, aber die Proportionen waren herrlich abgestimmt. Unter dem glänzenden Fell erkannte man deutlich die unter der Haut liegenden Muskeln.

"Der nächste Bandit, bestimmt aber die nächste Bande, wird versuchen, Ihnen das Pferd abzunehmen", sagte Sid.

"Das hat man schon versucht", erwiderte der Blonde leichthin. "Noch vor drei Tagen. Danach musste ich mit diesem kleinen Spaten Gräber schaufeln. Blacky hat mir gegen die Bande geholfen. Einen der Kerle warf er ab und beförderte ihn mit den Hufen ins Jenseits."

Nach diesen Worten betrachtete er Sids unscheinbaren braunen Wallach und nickte dann anerkennend.

"Ein gutes Pferd", sagte er. "Mit so einem Pferd kann man es im Notfall schaffen. Man kann sich darauf verlassen."

Sid zeigte sein Erstaunen nicht, doch er wusste jetzt, dass der Fremde ein Pferdekenner war. Der Mann ließ sich nicht vom äußeren Schein täuschen.

"Es ist ein ausgesprochenes Wüstenpferd", fuhr der Fremde fort. "Woher haben Sie es?"

"Von Cochise, dem Häuptling der Chiricahua Apachen", antwortete Sid.

Die Augen des Fremden weiteten sich. Er schwang sich aus dem Sattel und winkte Sid dann zu der Stelle, die er als Grabplatz ausgesucht hatte. Der Platz lag vor einem Kakteenfeld.

"Hier ist etwas Schatten", sagte der Fremde und blickte zur Sonne, die mit unbarmherziger Glut auf die Erde brannte.

Der Wind kam aus Süden. Er wehte Fahnen von Sand hoch, die ihnen in die Gesichter peitschten.

"In vier Stunden bekommen wir einen Sandsturm", stellte der Fremde fest und begann mit dem Ausheben des Grabes. "Ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich mich vorstelle. Ich heiße Wharton, Bob Wharton."

"Ich bin Sid Fanning und stamme aus Texas, aus dem Panhandle."

"Ihre gedehnte Sprechweise verriet es bereits", erwiderte Bob Wharton. "Ich komme aus Montana, doch ich habe das Land seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Ich habe bei der Eisenbahn gearbeitet, bei der Pacific Union. Nach dem Krieg wurde ich heimatlos. Zu der Zeit scheinen Sie Cowboy gewesen zu sein, nach den Lassonarben an Ihren Händen zu urteilen."

"Das ist schon Jahre her", sagte Sid, der sich immer mehr zu dem Fremden hingezogen fühlte. "Damals hatten die Apachen das Land meines Vaters noch nicht verwüstet. Als er starb und die Ranch niedergebrannt war, versuchte ich ihn zu rächen. Dabei drang ich ins Chiricahua-Lager ein, doch dann war ich am Ende. Man stellte mich, doch ich bekam eine Chance. Ich musste gegen einen Krieger kämpfen, den Cochise aussuchte. Ich hatte Glück, ich erhielt meine Freiheit wieder und den Braunen dazu."

Sie beerdigten den Toten.

"Möge er seinen Frieden finden", sagte Bob Wharton. "Irgendwann ist für jeden von uns der Trail zu Ende. Niemand kennt den Zeitpunkt, und das ist gut so. Vielleicht war der Tote ein...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: ohne DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "glatten" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Ein Kopierschutz bzw. Digital Rights Management wird bei diesem E-Book nicht eingesetzt.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

2,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB ohne DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen