Der Gefürchtete

 
 
Uksak E-Books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. April 2020
  • |
  • 161 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7389-3929-3 (ISBN)
 
Schüsse zerreißen die Mittagsstille. Im grellen Sonnenlicht der Fahrbahn liegt ein Toter. Am Ende der Straße verklingt Hufschlag; eine Staubwolke verweht ... Die Siedler wissen: Der heimtückische Schuss bedeutet Krieg! Eine neue Weidefehde, der sie hilflos ausgeliefert sind. Da taucht ein Fremder auf, dunkel, hart, mit tief geschnalltem Colt. Beim Anblick des Toten zügelt er seinen Rappen und gleitet aus dem Sattel. Wem wird der Langreiter seinen Colt leihen, den Siedlern oder den Ranchern?
  • Deutsch
  • 0,34 MB
978-3-7389-3929-3 (9783738939293)

1.


Als der Schuss dröhnte, fuhr Ted Harris erschreckt vom Stuhl hoch, und sein altes, verrunzeltes Gesicht wurde aschgrau.

"Jetzt geht's wieder los!", kam es heiser über seine dünnen Lippen. Er schaute seine Tochter an, die aufgesprungen und zum Fenster gelaufen war. Doch sie wagte nicht, auf die Straße der Heimstättensiedlung hinauszusehen. Die Angst stand in den dunklen Augen des Mädchens. Ihr hübsches Gesicht war vor Entsetzen angespannt. Judith Harris strich mit einer nervösen Bewegung über ihr schwarzes, welliges Haar, das zu einem dicken Knoten im Nacken zusammengefasst war. Wortlos lief sie durch den Raum und verschwand im Nebenzimmer. Ted Harris hörte sie mit ihrer kranken Mutter sprechen.

"Beruhige dich, Mutter, es ist nichts. Bleib still liegen."

Ted Harris gab sich einen Ruck. Seine Beine zitterten, als er zum Fenster schritt. Die unheimliche Stille, die der scharfen Schussdetonation gefolgt war, wollte ihm ganz und gar nicht gefallen.

Alles Leben schien in der Siedlung erstorben zu sein. Das war kein gutes Zeichen. Ted Harris' Herz schlug so langsam, als wollte es stehenbleiben. By Gosh, Ted war nicht mehr der Jüngste, sein Rücken war von schwerer Arbeit gebeugt und die Hände schwielig. Seine beste Zeit war längst vorbei. Ein Mann in seinem Alter kämpfte nicht mehr, sondern genoss die Früchte seiner Arbeit. In seiner Situation war das Alter eine Last. Das zeigte sich auch an seiner Frau, die todkrank war und sich schon seit Wochen quälte, ohne dass es für sie eine Erlösung gab.

Mit aufopfernder Liebe pflegte Judith die kranke Mutter, an der sie sehr hing. Vor Jahren waren Mutter und Tochter noch oft zum Stiefelhügel gegangen und hatten die Gräber von Samuel und Abraham besucht und gepflegt. Die Rancher hatten die beiden Jungen auf dem Gewissen, die im Kampf um ihr Siedlerrecht gefallen waren.

Seltsam, dass Ted Harris jetzt daran denken musste, als er ans Fenster trat und auf die Straße

hinausblickte, dorthin, wo im knöcheltiefen Staub der Fahrbahn eine regungslose Gestalt lag. Im hellen Licht der Mittagssonne wirkte dieser Anblick besonders niederschmetternd. Weit hinten, wo die Straße im hügeligen Gelände verlief, hing eine dünne Staubwolke in der Luft. Ein Mann ritt dort eilig davon, ohne sich um den Toten auf der Straße zu kümmern.

Ted Harris atmete schwer. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er bemerkte zwei Siedler, die langsam aus einer Toreinfahrt traten und zögernd auf den Toten zugingen. Sie blieben stehen und beugten sich über ihn.

"Ted, wen hat der Tod diesmal geholt?", hörte er die schwache Stimme seiner Frau aus dem Nebenzimmer.

"Ich weiß es nicht", erwiderte Ted.

"Es ist wie vor zwei Jahren, als ein Dutzend Schüsse fielen und man uns unsere beiden Söhne tot ins Haus trug", fuhr sie fort.

Ja, seine Frau dachte wie er an das Geschehen vor zwei Jahren. Der alte Schmerz brannte wieder in Ted. Er hatte das Gefühl, als lägen nur Stunden zwischen den Ereignissen vor zwei Jahren. Die Zeit hatte die Wunden nicht geheilt. Ted Harris trat vom Fenster weg. Es trieb ihn hinaus. Er wollte mit eigenen Augen sehen, wer der Tote war. Judiths Bitte zu bleiben überhörte er. Die Tochter konnte ihn nicht zurückhalten.

Viele Leute hatten sich inzwischen eingefunden. Alle standen bedrückt da. Sie steckten die Köpfe zusammen und tuschelten, statt ihren Zorn laut werden zu lassen. Aber die vielen Niederlagen, die sie im Kampf gegen die Rancher hatten hinnehmen müssen, hatten sie klein gemacht. Fast drei Jahre dauerte schon der Kampf. Über ein Dutzend Männer hatten ins Gras beißen müssen. Manchmal flaute der Kampf ab, so dass die Leute glaubten, endlich in Frieden leben zu können. Dann aber ging es plötzlich wieder los, und der Tod schlug zu. Diesmal war es sehr deutlich, wer unterlegen war. Seit drei Jahren trieb der Kleinrancher Jim Morton die Siedler immer wieder zum Kampf gegen die Großrancher.

"Holt Jim Morton!", rief Jack Sounders, der neben dem Toten kniete. "Es hat einen seiner Cowboys erwischt, den neu angeworbenen Revolvermann Stuart Laurent."

Es hat also den großsprecherischen, wilden Revolvermann erwischt, dachte Ted Harris. Jim Morton hatte erwartet, dass Laurent den Großranchern Furcht einjagen würde. Laurent hatte die in ihn gesetzte Hoffnung nicht erfüllt. Was hatte Jim Morton geprahlt! Was hatte er für Wunderdinge über diesen Mann erzählt! Er sollte der schnellste Mann mit dem Eisen sein. - Und nun war Laurent nicht einmal zum Zuge gekommen.

Ted Harris nahm seinen Stetson ab, und der Mittagswind wehte durch sein weißgraues Haar. Die Männer, die neben dem Toten standen, sahen Harris an.

Ted stellte keine Frage. Er blieb neben dem Toten stehen. Jack Sounders und sein Sohn Jim erhoben sich. Beide hatten neben Laurent gekniet. Ein Mann schwang sich auf sein Pferd und ritt los, um Jim Morton zu benachrichtigen.

"Ted, er bleibt so lange liegen, bis Jim Morton kommt", sagte Jack Sounders. "Wir rühren ihn nicht an."

Ted Harris antwortete nicht. Er war eigenartig berührt, als er in das junge Gesicht des Toten blickte.

"Ist das wirklich Laurent?", fragte er.

"Ja, Ted, dieser Bursche ist Stuart Laurent, Jim Mortons Revolvermann - der große Laurent, der den Kampf gegen die Großrancher zu unseren Gunsten entscheiden sollte."

"Jack, er ist doch noch ein Junge!"

"Er ist immerhin einundzwanzig Jahre alt."

"Wahrscheinlich gerade erst geworden, Jack." Ted Harris war erschüttert. Er blickte in das Gesicht des jungen Toten, in dem weder Hass noch Erbitterung zu sehen waren. Stuart Laurent war in demselben Alter, in dem auch Ted Harris' Söhne Abraham und Samuel der Tod ereilte.

Wie ist das nur geschahen, überlegte Ted Harris. Der junge Laurent hatte doch bestimmt keine Chance. Das konnte jeder Laie an der Art der Verwundung erkennen.

Jack Sounders erklärte: "Ja, das ist schlimm und gemein, Ted. Laurent wurde in dem Augenblick in den Rücken geschossen, als er unsere Siedlung erreichte. Eine Winchesterkugel schlug glatt durch ihn hindurch und dort in meine Hütte hinein. Gewiss wollte Laurent mit uns sprechen. Er muss auf der Stelle tot gewesen sein. Sein Pferd ist dort drüben. Es brach nicht aus, sondern blieb am Gehsteig stehen."

Das Pferd war nur ein paar Meter weiter gelaufen und stand mit gesenktem Kopf am Gehsteig. Es war ein ganz gewöhnliches Rinderpferd, rau und drahtig. Es trug Jim Mortons Dreieckbrandzeichen auf der Flanke. Sicher hatte Stuart Laurent sein eigenes Pferd schonen wollen und hatte es auf der Ranch zurückgelassen.

"Vierzig Dollar zahlte ihm Jim Morton", sagte Jack Sounders. Echte Anerkennung klang in seiner Stimme. "Er hätte sechzig Dollar fordern können, Und Morton hätte auch die gezahlt."

"Und wenn er tausend und mehr bekommen hätte, kein Geld der Welt nützt ihm jetzt noch etwas", murmelte Ted Harris. "Was liegt schon am Geld?"

"Die ganze Welt hängt am Geld, Ted", sagte Sounders rau. "Ohne Geld können wir den

Kampf nicht gewinnen. Wir sind bald am Ende und schon jetzt nicht mehr in der Lage, unsere Felder zu schützen. Die Cowboys treiben ihre Rinder einfach über unser Land. Uns bleibt nichts anderes übrig, als aufzugeben. Dann wird hier wieder Rinderland. Alle Opfer waren vergebens." Tiefe Resignation lag in Sounders' Worten. Seine Augen verdunkelten sich. Er trat dicht an Ted Harris heran. "Unsere Männer gingen umsonst in den Tod", fuhr er fort. "Wir haben uns nicht durchsetzen können."

"Das heißt also aufgeben, jetzt vor der Ernte? Das kann doch nicht dein Ernst sein, Jack!"

"Mit dem Tod dieses Revolvermannes ist auch unser Schicksal besiegelt, Ted", erwiderte Jack Sounders. "Bisher hat man auf der anderen Seite Jim Morton gefürchtet. Damit ist es jetzt vorbei."

"Jim Morton ist ein Rancher, wenn auch nur ein Smallrancher."

"Was willst du damit sagen, Ted?"

"Dass er trotz allem ein Rindermann ist, Jack. Er wird nie ein Mann, der den Acker bestellt. Obwohl er nie davon sprach, glaube ich doch, dass er auf die Großrancher neidisch ist und gerne so groß sein möchte wie sie."

"Himmel, Ted, wie kannst du so etwas sagen? Wie kannst du so über einen Mann sprechen, der auf unserer Seite steht?"

"Er braucht uns, Jack", erwiderte der alte Ted Harris rau. "Allein kann er gegen seine Konkurrenten nicht angehen. Er ist im Kampf gegen die Großrancher skrupellos genug, uns gegen sie aufzuhetzen. By Gosh, bisher habe ich das nicht auszusprechen gewagt, aber ich habe lange und gründlich über Jim Morton nachgedacht. Die ganzen Jahre über habe ich ihn beobachtet und ihn nicht aus den Augen gelassen. Ja, er steht auf unserer Seite, weil er ohne uns seine Absichten nicht verwirklichen kann. Hat er sie erreicht, lässt er uns fallen. Morton ist nicht der Mann, für den wir ihn halten, er ist nicht der Mann, für den er sich ausgibt."

"Ted, du sprichst da eine furchtbare Anklage aus! Mal den Teufel nicht an die Wand, und lass niemand etwas von dem hören, was du mir gerade gesagt hast."

"Ich kann nicht mehr kämpfen, Jack, sonst würde ich Morton auffordern, sich von uns zu trennen und würde Verhandlungen mit den Großranchern aufnehmen. Es muss einen Weg geben, um mit den Ranchern auszukommen."

"Jim Morton würde das nie zulassen!"

"Du sprichst genau das aus, was ich befürchte. Er wird alles versuchen, um in unserem Lager die Oberhand zu behalten. Ja, er ist freundlich und zuvorkommend, er versorgt uns mit Fleisch, er hält uns den Weg über seine Weide offen ." Ted Harris brach plötzlich ab. Dann rief er aus: "Das ist doch nicht...

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