Tiergarten - In the Garden of Beasts

Ein amerikanischer Botschafter in Nazi-Deutschland
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Oktober 2013
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85107-6 (ISBN)
 
Berlin, 1933. William E. Dodd kommt als Botschafter nach Deutschland. Zunächst recht unkritisch, verkehren er und seine Tochter Martha mit hochrangigen Nazis und besuchen deren schillernde Partys. Doch die Schatten werden immer dunkler - bis zur blutigen »Nacht der langen Messer«, in der ein Ausbruch von Gewalt und Hass endgültig Hitlers skrupellose Ambitionen offenbart.

Er ist nicht Roosevelts erste Wahl, doch da sich kein anderer Kandidat findet, wird der gutmütige Geschichtsprofessor Dodd nach Berlin geschickt. Dieser muss sich nicht nur mit den merkwürdigen Entwicklungen in Deutschland auseinandersetzen, sondern auch einem intriganten, politisch gleichgültigen State Department entgegentreten. Unterdessen ist Martha verzückt von den Partys und dem Pomp - und den hübschen jungen Nazis. Doch als sich Attacken auf Juden häufen, die Presse der Zensur unterworfen wird, Entwürfe von beängstigenden Gesetzen in den Umlauf kommen und schließlich in der »Nacht der langen Messer« Hitlers wahre Absichten offenbar werden, müssen die Dodds die Gefahr erkennen. Atemberaubend temporeich erzählt, mit unvergesslichen Porträts der neuen Herren von Deutschland, zeigt das Buch aus der Perspektive von externen Augenzeugen die Machtergreifung der Nazis in einem neuen Licht - und gibt Einblick, warum die Welt die ernste Bedrohung durch Hitler erst wahrnahm, als Berlin und Europa von Blut und Terror überschwemmt wurden.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,12 MB
978-3-455-85107-6 (9783455851076)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Erik Larson war Reporter für das Wall Street Journal und Time, bevor ihm mit den Bestsellern Der Teufel von Chicago, Marconis magische Maschine und Isaacs Sturm der Durchbruch gelang. Er lebt mit seiner Frau, drei Töchtern und einem alten britischen Sportwagen namens Mrs. Peel in Seattle. Zuletzt erschien von ihm im Hoffmann und Campe Verlag Tiergarten. In the Garden of Beasts (2013).

Teil II Häusersuche im Dritten Reich


Botschafter Dodd an seinem Schreibtisch

Kapitel 6 Verführung


An diesen ersten Tagen in Berlin erkältete sich Martha. Wäh-  rend sie sich im Esplanade erholte, empfing sie eine Besucherin, die Amerikanerin Sigrid Schultz. Sie war vierzehn Jahre lang die Berlin-Korrespondentin der Chicago Tribune, Marthas ehemaligem Arbeitgeber, gewesen und nun deren leitende Korrespondentin für Zentraleuropa. Sigrid Schultz war vierzig Jahre alt, blond, ein Meter sechzig groß, genau wie Martha, und hatte blaue Augen. »Ein bisschen rundlich«, wie Martha es nannte, »und mit üppigem goldenen Haar.«[165] Trotz ihrer geringen Größe und ihres Puttenglanzes war Schultz unter Kollegen und Nazi-Größen als beharrlich, unverblümt und völlig furchtlos bekannt. Sie stand auf jeder Einladungsliste der diplomatischen Welt und war regelmäßiger Gast auf den Festen von Goebbels, Göring und anderen führenden Nazis. Göring fand eine Art von perversem Gefallen daran, sie den »Drachen aus Chicago« zu nennen.[166]

Schultz und Martha plauderten erst über harmlose Dinge, doch bald schon wandte sich die Unterhaltung dem raschen Wandel zu, den Berlin in den sechs Monaten seit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler durchgemacht hatte. Schultz erzählte von der Gewalt gegen Juden, Kommunisten und alle, die kein Verständnis für die »nationalsozialistische Revolution« hatten. In einigen Fällen waren die Opfer amerikanische Staatsbürger gewesen.

Martha entgegnete, dass sich Deutschland mitten in einer historischen Wiedergeburt befinde. Diese Vorfälle seien sicher nichts als unbeabsichtigte Nebeneffekte der stürmischen Begeisterung, die das Land erfasst habe. In den wenigen Tagen seit ihrer Ankunft hatte Martha nichts erlebt, was die Geschichten von Schultz untermauert hätte.

Aber Schultz erzählte immer weiter von Schlägereien und willkürlichen Festnahmen. Viele Verhaftete wurden in »wilde« Lager und improvisierte Gefängnisse gebracht, die überall im Land von den paramilitärischen Verbänden der Nazis eingerichtet worden seien, aber auch in offizielle Lager, die mittlerweile als Konzentrationslager bekannt waren. Ein solches Lager war am 22. März 1933 eröffnet worden; auf einer Pressekonferenz hatte ein zweiunddreißigjähriger ehemaliger Hühnerzüchter, der zum Leiter der Münchener Polizei ernannt worden war, seine Existenz bekanntgegeben.[167] Der Mann hieß Heinrich Himmler, und das Lager befand sich in einer alten Munitionsfabrik, nur eine kurze Zugfahrt von München entfernt vor den Toren des hübschen Dorfes Dachau. Hunderte, womöglich Tausende Menschen wurden in ihm festgehalten, nicht wegen einer spezifischen Anklage, sondern weil sie in »Schutzhaft« genommen worden waren. Es waren größtenteils keine Juden – noch nicht –, sondern Kommunisten und Mitglieder der gemäßigten Sozialdemokratie, die alle unter strengen Haftbedingungen einsaßen.

Martha ärgerte es, dass Schultz ihr rosiges Bild zu zerstören versuchte, aber sie mochte sie und erkannte, dass sie mit ihren weitläufigen Kontakten zu Journalisten und Diplomaten eine wertvolle Freundin sein könnte. Die beiden trennten sich freundschaftlich, ohne dass Marthas Bild erschüttert worden wäre. Für sie war die Revolution um sie herum eine heroische Episode in der Geschichte, die ein neues, gesundes Deutschland gebären konnte.

»Ich glaubte nicht alle ihre Geschichten«, schrieb Martha später. »Ich dachte, sie übertreibe und sei leicht hysterisch.«[168]

Wenn Martha das Hotel verließ, sah sie keine Gewalt, sah keine verängstigten Gesichter, fühlte keine Unterdrückung. Die Stadt war eine Wonne. Was Goebbels verdammte, war genau das, was Martha liebte. Ein kurzer Gang nach rechts die Straße hinunter, weg vom kühlen Grün des Tiergartens, brachte sie zum Potsdamer Platz, einer der geschäftigsten Kreuzungen der Welt mit ihrem berühmten fünfeckigen Ampelturm und der ersten Lichtsignalanlage Europas. In Berlin gab es 120.000 Autos, die ständig hier zusammenzukommen schienen, wie Bienen, die in ihren Stock wollten. Von einem Tisch vor dem Café Josty hatte man das Gewühl von Autos und Menschen gut im Blick. Am Potsdamer Platz stand auch das Haus Vaterland, ein fünfstöckiger Vergnügungspalast, in dem Tausende Leute in zwölf Themen-Restaurants bewirtet werden konnten – darunter eine Wild-West-Bar, deren Kellner riesige Cowboyhüte trugen, und eine Rheinterrasse, wo die Gäste stündlich ein kurzes Zimmergewitter erlebten: komplett mit Blitz und Donner und (zum Kummer aller echte Seide tragenden Frauen) auch ein paar Tropfen Regen. »Was für ein junger, sorgloser, romantischer, wundervoller Geh-vor-morgen-früh-nicht-nach-Hause-Ort«, schrieb ein Besucher. »Es ist der fidelste Ort in Berlin.«[169]

Für eine vierundzwanzigjährige Frau, unbelastet von Arbeit und finanziellen Sorgen und bald auch von einer toten Ehe befreit, war Berlin ungeheuer verlockend. Innerhalb von Tagen hatte sie bereits eine Verabredung zum »Nachmittagstee« mit einem berühmten amerikanischen Korrespondenten: H. R. Knickerbocker, von seinen Freunden »Knick« genannt, der Geschichten für die New York Evening Post schrieb.[170] Er ging mit ihr ins Hotel Eden, das berüchtigte Eden, wo die leidenschaftliche Kommunistin Rosa Luxemburg 1919 beinahe zu Tode geprügelt worden war, bevor man sie in den angrenzenden Tiergarten gebracht und ermordet hatte.

Martha und Knick tanzten im Tearoom. Knick war klein und dürr, hatte rotes Haar und braune Augen und führte sie geschickt und anmutig über die Tanzfläche. Natürlich kamen sie auf die Lage in Deutschland zu sprechen, und wie schon Sigrid Schultz versuchte auch Knickerbocker Martha etwas über die Politik des Landes und den Charakter seiner neuen Führung zu vermitteln. Doch Martha war nicht interessiert, und die Unterhaltung trieb in eine andere Richtung. Was sie begeisterte, waren die deutschen Männer und Frauen um sie herum. Sie liebte »ihre steife Tanzweise, ihre unverständliche gutturale Sprache, ihre einfachen Gesten, ihre Natürlichkeit und kindliche Lust am Leben«.[171]

Sie mochte die Deutschen, die sie bisher kennengelernt hatte, ganz sicher mehr als die Franzosen, denen sie während ihres Studiums in Paris begegnet war. Im Gegensatz zu den Franzosen, schrieb sie, »waren die Deutschen keine Gauner, sie waren nicht egoistisch, nicht ungeduldig oder kalt und hart«.[172]

 

Marthas rosarote Sicht war unter Besuchern Deutschlands, besonders Berlins, weit verbreitet. Tatsache war, dass die Stadt an den meisten Tagen in fast allen Vierteln so aussah und funktionierte, wie sie immer ausgesehen und funktioniert hatte. Der Zigarrenverkäufer vorm Hotel Adlon, Unter den Linden 1, verkaufte auch weiterhin seine Zigarren (Hitler mied das Hotel und ging stattdessen in den nahen Kaiserhof); jeden Morgen kamen die Menschen in den Tiergarten, viele zu Pferde; Tausende andere nahmen Züge und Straßenbahnen, um ins Stadtzentrum zu gelangen, sie kamen aus Stadtvierteln wie dem Wedding oder der »Onkel Toms Hütte« genannten Siedlung in Zehlendorf. Hübsch gekleidete Männer und Frauen saßen im Romanischen Café, tranken Kaffee und Wein, rauchten Zigaretten und Zigarren und unterhielten sich mit dem scharfen Witz, für den die Berliner so berühmt waren, ihrer »Berliner Schnauze«.[173] Im Kabarett Die Katakombe machte sich Werner Finck trotz der Gefahr, verhaftet zu werden, auch weiter über die neue Regierung lustig. Als ihn während einer Vorstellung jemand aus dem Publikum einen »lausigen Juden« nannte, antwortete er: »Ich bin kein Jude. Ich sehe nur intelligent aus.« Das Publikum lachte begeistert.[174]

Schöne Tage waren immer noch schön. »Die Sonne scheint«, schrieb Christopher Isherwood in seinen Berlin Stories, »und Hitler ist der Herr dieser Stadt. Die Sonne scheint, und Dutzende meiner Freunde … sind im Gefängnis, womöglich tot.« Die vorherrschende Normalität war verführerisch. »Ich sehe mein Gesicht im Spiegel eines Geschäftes, und es schockiert mich zu sehen, dass ich lächle«, schrieb Isherwood. »Bei so schönem Wetter muss man einfach lächeln.« Die Straßenbahnen bewegten sich wie gewohnt voran, genau wie die Passanten, alles um ihn herum hatte »etwas merkwürdig Vertrautes, eine verblüffende Ähnlichkeit mit etwas, an das man sich als normal und angenehm erinnert – wie eine sehr gute Fotographie«.[175]

Unter der Oberfläche jedoch hatte Deutschland rasche, umfassende Umwälzungen erlebt, die tief ins Gewebe des Alltagslebens reichten. Sie hatten sich teilweise relativ unauffällig vollzogen, und zwar unter dem Begriff der »Gleichschaltung«, mit der die Regierung Bürger, Ministerien, Universitäten und kulturelle wie soziale Institutionen auf eine Linie mit den nationalsozialistischen Überzeugungen und Einstellungen brachte.[176]

Die Gleichschaltung vollzog sich mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit, selbst in Bereichen des Lebens, für die es gar keine speziellen Gesetze gab. Denn viele Deutsche unterwarfen sich der Nazi-Herrschaft in vorauseilendem Gehorsam, was als »Selbstgleichschaltung« bekannt wurde.[177] Der Wandel vollzog sich so rasch, dass Deutsche, die von geschäftlichen oder privaten Auslandsreisen zurückkamen, alles um sich herum...

»Zeitgeschichte aus ungewohnter
Perspektive. «
 
»Das beeindruckendste Buch des Herbstes.
«
 
»Diese Geschichte einer
Desillusionierung hat der amerikanische Wall Street Journal-Reporter Erik
Larsons in seinem ausgesprochen spannend zu lesenden Buch "Tiergarten. In the
Garden of Beasts" festgehalten.«
 
»Larson hat [.] ein höchst
unterhaltsames und interessantes Buch geschrieben.«
 
»Als Grundlage für sein
reportageartig geschriebenes Werk dienten ihm etwa das Tagebuch Dodds sowie die
Erinnerungen von dessen Tochter Martha.«
 
»Atemberaubend temporeich
erzählt, mit unvergesslichen Porträts der neuen Herren von Deutschland, zeigt
das Buch aus der Perspektive von externen Augenzeugen die Machtergreifung der
Nazis in einem neuen Licht.«

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