Gespenster-Krimi 42 - Horror-Serie

Die Rache der steinernen Bestien
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Mai 2020
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-9633-1 (ISBN)
 
Auf Burg Yellow wurde Hochzeit gefeiert. "Ich kenne meinen Bruder", hatte Constantin mit kurzem Lachen gesagt. "Er wird die Nerven verlieren. Man kann darauf warten. Haltet die Hunde bereit." Constantin Lord Yellow wusste, dass sein Zwillingsbruder Salvator eine panische Angst vor Hunden hatte. Mit ihrer Hilfe würde er ihn von der Burg jagen. Und dann war er ihn hoffentlich für alle Zeiten los. Zufrieden beobachtete er, wie der Butler Johnson Smith die acht Bluthunde aus dem Zwinger ließ. Langsam schritt er in den Festsaal der alten Burg - und plötzlich standen sich die Zwillingsbrüder gegenüber. "Ich hoffe, du amüsierst dich gut", sagte Constantin mit eisig glitzernden Augen. Die kalte Höflichkeit seines Bruders Constantin versetzte Salvator in Wut. Sie waren Zwillingsbrüder, zugegeben. Aber er hasste Constantin aus tiefster Seele ...
1. Aufl. 2020
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 1,66 MB
978-3-7325-9633-1 (9783732596331)

Die Rache der steinernen Bestien

von Rebecca LaRoche

Auf Burg Yellow wurde Hochzeit gefeiert.

»Ich kenne meinen Bruder«, hatte Constantin mit kurzem Lachen gesagt. »Er wird die Nerven verlieren. Man kann darauf warten. Haltet die Hunde bereit.«

Constantin Lord Yellow wusste, dass sein Zwillingsbruder Salvator eine panische Angst vor Hunden hatte. Mit ihrer Hilfe würde er ihn von der Burg jagen. Und dann war er ihn hoffentlich für alle Zeiten los. Zufrieden beobachtete er, wie der Butler Johnson Smith die acht Bluthunde aus dem Zwinger ließ. Langsam schritt er in den Festsaal der alten Burg - und plötzlich standen sich die Zwillingsbrüder gegenüber.

»Ich hoffe, du amüsierst dich gut«, sagte Constantin mit eisig glitzernden Augen.

Die kalte Höflichkeit seines Bruders Constantin versetzte Salvator in Wut. Sie waren Zwillingsbrüder, zugegeben. Aber er hasste Constantin aus tiefster Seele .

»Ich wollte Charlot heiraten«, murmelte Salvator.

»Ich bin dir zuvorgekommen. Heute, zur Hochzeit, bist du noch eingeladen«, höhnte Constantin, »aber danach verschwindest du. Du kennst das Testament. Für zwei Lord Yellows ist auf der Burg kein Platz.«

Salvator spreizte die Finger und schloss sie wieder.

Ich bin stark, dachte er. Ich könnte Constantin erwürgen. Sein Widerstand wäre schwach. Aber alle wüssten dann, dass ich der Täter bin. Ich muss mir etwas anderes einfallen lassen.

Inzwischen war Lady Charlot zu den Brüdern getreten.

Salvator starrte Lady Charlot an, die ihm versprochen gewesen und seit heute mit Constantin verheiratet war.

Sie war das einzige adelige Fräulein weit und breit gewesen, das sich zur Burgherrin eignete. Salvator hatte die schöne Frau zuerst entdeckt. Constantin aber hatte sie geheiratet.

Ich werde mich furchtbar an beiden rächen, dachte Salvator.

»Wir können gute Freunde bleiben«, sagte die Lady und lächelte in falscher Freundlichkeit.

Constantin lachte. »Ich habe die Frau und bekomme die Burg. Salvator hat seine Steine.«

Fühl dich ruhig überlegen, Constantin, dachte Salvator. Ich bin ein genialer Bildhauer. Ich werde zuletzt triumphieren.

»Seine Steine?« Lady Charlot ließ ein perlendes Lachen hören. »Wie komisch .«

Um Salvators Selbstbeherrschung war es geschehen. Er stürzte auf die schöne Braut zu und legte ihr die langen, sehnigen Finger um den Hals.

»Hilfe!« Lady Charlot gurgelte.

»Smith!«, keuchte Lord Constantin. »Die Meute - schnell .«

Von überall her jagten sie heran.

Fürchterlich bleckten sie die Zähne mit kurzem, röchelndem Keuchen.

»Fasst ihn!«, schrie Lord Constantin.

Lord Salvator hatte Lady Charlot längst losgelassen. Er wich vor den blutrünstigen Bestien zurück.

Das Bellen der Hunde wurde zu einem geisterhaften schrillen Chor. Immer weiter taumelte Salvator zurück.

Wie Schemen nahm er die weißen Gesichter der Hochzeitsgäste wahr.

Und er hörte von ferne den Ruf seines Zwillingsbruders Constantin. »Das muss ich mir nicht bieten lassen. Er vergriff sich an Lady Charlot, meiner Braut .«

»Recht geschieht ihm«, flüsterten viele Stimmen.

Bleigraues Licht herrschte draußen. Dort winkte Salvator die Freiheit. Doch noch ehe er sich herumwerfen und fliehen konnte, stolperte er. Teuflisches Jaulen klang in seinem Ohr, als sich die Hunde über ihn drängten.

Wie eine Wildkatze wehrte sich Salvator Lord Yellow. Dann erlahmten seine Kräfte. Er spürte die scharfen Zähne der Bestien.

Doch er fiel nicht in Ohnmacht. Er spürte jeden Biss der rasenden Hunde mit vollem Bewusstsein, und es war, als ob die grausamen Tiere in immer größere Ekstase versetzt würden.

Über und über voll Blut wankte Salvator Lord Yellow schließlich aus der mittelalterlichen Burg, die heute zur Hochzeit mit Blumen und Fahnen geschmückt war.

Die Diener wichen vor ihm zurück.

»Fangt ihn!«, hörte er den Schrei seines Zwillingsbruders hinter sich.

Zwei der Diener, Vince Matthews und John Calbet, stürzten Salvator nach. Salvator Lord Yellow aber war verschwunden, ehe sie ihn vor Lord Constantin zerren konnten. Sie eilten durch das Burgtor und durchsuchten das Gelände hinter dem Gebüsch. Nein, Lord Salvator hatte sich in Luft aufgelöst. Es war wie ein Spuk.

Matthews und Calbet sahen sich entgeistert an. Als sie dem Bräutigam meldeten, was passiert war, winkte er ab. Er war gnädig gestimmt.

»Der lebt nicht mehr lange«, sagte er. »Und niemand wird seine Leiche identifizieren können. Die Hunde haben sein Gesicht zerfetzt.« Er lachte breit.

Die beiden Diener bekamen eine Gänsehaut.

»Man wird irgendwo einen unbekannten männlichen Leichnam beerdigen«, fuhr Lord Constantin fort. »Und nur ich werde wissen, dass er meinem Zwillingsbruder Salvator gehört.«

Seine Skulpturen waren weltberühmt. Er schuf aus Stein Menschen mit stumpfen, finsteren Gesichtern und tief in den Höhlen liegenden Augen. Meist hatten sie einen gedrungenen, kurzen Hals, hochgezogene Schultern, ein vorgerecktes eckiges Kinn. Es gab keinen Betrachter, den nicht ein unbehagliches Gefühl beschlichen hätte. Andererseits strömten diese Steinfiguren unnachahmliche Vitalität aus, eine akute Bedrohung, der sich keiner, der sie betrachtete, entziehen konnte.

Salvatore Bottis Figuren zierten Empfangshallen von Versicherungskonzernen, die Vorplätze von Sportanlagen und Verwaltungen. Ein echter Botti wurde hoch gehandelt. Die Auftragshonorare des Künstlers hatten schwindelnde Höhen erreicht.

Eigentlich ähnelten die Skulpturen einander sehr. Doch niemand hatte sie bisher nebeneinander gesehen. Dabei wäre nämlich erkennbar geworden, dass jede Figur ein eigenes Leben, einen ganz speziellen Charakter verkörperte.

Salvatore Botti blieb immer im Hintergrund. Seine zwei Manager erledigten alles Geschäftliche. Aber auch sie konnten sich nur telefonisch mit ihm in Verbindung setzen. Sie kannten Salvatore Botti nicht persönlich, doch sie wussten seine Geheimnummer. Ja, sie ahnten nicht einmal, wo er sein Atelier hatte. Sie fürchteten des großen Meisters Zorn, wenn sie versuchen würden, es herauszufinden. Deshalb ließen sie es bleiben.

Nie hatte jemand ein Foto des großen Salvatore Botti erblickt. Keine Zeitung brachte je ein Konterfei des großen Künstlers. Ein Heer von Journalisten bemühte sich rund um die Uhr, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln. Vergebens. Salvatore Botti liebte die absolute Anonymität. Und er war geschickt genug, um nicht aus seiner Versenkung aufzutauchen.

Man wusste nicht einmal, ob Salvatore Botti jung oder alt war. War er verheiratet? Hatte er Kinder? War er ein fröhlicher Mensch? Sprühte er vor Geist?

Allmählich erschien Salvatore Botti in der Vorstellungskraft seines Publikums wie eine seiner Figuren. Man stellte ihn sich vor mit stumpfem, finsterem Gesicht, tief in den Höhlen liegenden Augen in undefinierbarer Farbe, mit kurzem Hals, hochgezogenen Schultern und vorgerecktem Kinn.

Salvatore Botti . Keiner wünschte sich, ihm persönlich zu begegnen.

Dann aber hielt die Welt den Atem an.

Gerüchte schwirrten umher, wurden nicht dementiert, und sie hielten sich hartnäckig, ohne bestätigt worden zu sein.

Salvatore Botti sollte jetzt in Schottland leben!

Die Preise für Salvatore Bottis Arbeiten stiegen noch höher. Die Nachfrage nach den Skulpturen war größer denn je, aber sie wurde nicht befriedigt. Botti schien eine Pause eingelegt zu haben. Die Manager bemühten sich angestrengt, den Kontakt mit ihm aufrechtzuhalten. Vergebens. Die Verbindung zu dem großen Meister war abgerissen. Salvatore Bottis Schaffensfreude schien versiegt zu sein. Trotz vieler Bestellungen aus allen Teilen der Welt verließ keine Skulptur mehr Bottis Atelier.

Aber wo in dem großen Schottland sollte man den Meister suchen?

Die sieben Kapuzenmänner standen auf dem alten Ruinenhof beisammen. Schweigend und finster. In Holzkäfigen gackerten Hühner und Fasane.

Das leise Gemurmel der Männer klang zu Salvatore Botti. Es kümmerte ihn nicht. Er stand an der niedrigen Mauer und sah hinüber zur Burg Yellow. Das Fernglas hielt er fest an die Augen gepresst.

Unter dem schwarzen Gesichtstuch atmete er ruckartig. Es schien, als wäre die Zeit in den letzten zehn Jahren stehen geblieben.

Dort drüben im Burghof bot sich ihm das von früher vertraute Bild. Die Bediensteten eilten hin und her. Eine alte Magd fegte den Hof mit einem Strohbesen.

Zehn Jahre lang habe ich nur auf diese Heimkehr gewartet, dachte Salvatore Botti.

Und auf meine Rache!

Einmal vor Jahren in Spanien, bei dem wilden Hexentanz der Zigeuner hoch oben an den steilen Hängen der Plaza del Moro Almazor, habe ich erkannt, dass ich übersinnliche Fähigkeiten besitze.

Ich schnitzte aus...

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