Die Tierärztin - Große Träume

Roman
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. April 2021
  • |
  • 652 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7517-0379-6 (ISBN)
 

Um 1912 als Tierärztin arbeiten zu können, heiratet Nellie ihren Jugendfreund Philipp, der die väterliche Praxis übernimmt. Sie verspricht jedoch, ihn freizugeben, sobald er eine Chance sieht, seinen eigenen Berufswunsch als Musiker zu verwirklichen. Als sich ihm diese nach dem Ersten Weltkrieg bietet, verschwindet er plötzlich aus ihrem Leben. Mit ihrer Kollegin Maria versucht Nellie nun, eine Tierarztpraxis in Berlin aufzubauen. Doch die Vergangenheit und die Liebe holen Nellie schnell wieder ein ...

weitere Ausgaben werden ermittelt
Sarah Lark, geboren 1958, ist eine Bestsellerautorin, deren Bücher in über 20 Ländern erscheinen. Neben ihren Generationensagas überzeugt sie mit Romanen über Liebe und Familiengeheimnisse im Neuseeland der Gegenwart. Die Tierärztin - Grosse Träume ist der Auftakt zu einer mitreißenden Saga. Sarah Lark ist das Pseudonym einer deutschen Schriftstellerin, die in Spanien lebt. Dort führt sie einen Schutzhof für Pferde und engagiert sich sich für Tiere.

KAPITEL 2


»Ich weiß immer noch nicht, wie das gehen soll«, maulte Phipps.

Er saß gemeinsam mit Nellie im Zug nach Utrecht, und sie hatte ihn erneut darauf eingeschworen, sie gemeinsam mit ihm studieren zu lassen. »Wir müssten uns dazu regelmäßig sehen - mindestens einmal die Woche. Du kannst keine Vorlesungen besuchen, nur meine Mitschriften lesen, und da macht man sich doch oft nur Stichworte .«

»Dann gehst du die Stichworte eben mit mir durch und wiederholst damit noch mal, was du gelernt hast«, erläuterte Nellie zum zwanzigsten Mal. »Das kann dir nicht schaden. Außerdem gibt es Bücher .«

Sie war gereizt. Hinter ihr lag eine anstrengende Zeit, sie hätte sich jetzt gern zurückgelehnt und noch etwas ausgeruht, bevor sie sich den Herausforderungen der St. Elisabeth School für Mädchen stellen musste. Phipps' Bedenken wollte sie nicht mehr diskutieren. Schließlich lagen schon genug Gespräche hinter ihr, die ihre Überredungskünste bis zum Äußersten gefordert hatten. Es war nicht einfach gewesen, Menschen zu finden, die bereit waren, sich um ihre vierbeinigen Schützlinge zu kümmern - obwohl die nun alle gut aussahen und zahm waren. Wer wollte schon einäugige Kater und Katzen ohne Schwanz? Am leichtesten vermittelbar war noch der Hund gewesen, der inzwischen nicht mehr struppig war, sondern ein glänzendes Fell hatte und sogar als Wachhund dienen konnte. Letztlich hatte sie alle untergebracht und hätte beruhigt sein können, wenn nur Phipps nicht querschießen würde .

»Du wirst da auch gar nicht leicht rauskommen«, führte Phipps weiter aus. »Die Nonnen passen doch auf ihre Zöglinge auf .«

»Da sind keine Nonnen«, meinte Nellie. »St. Elisabeth ist eine säkulare Privatschule. Natürlich ein besseres Gefängnis, da hast du schon recht. Ich weiß noch nicht, wie ich rauskomme. Aber mir wird etwas einfallen. Bestimmt.« Phipps nickte trübsinnig. Eigentlich konnte er kaum Zweifel haben. So lange er sie kannte, war ihr immer etwas eingefallen. »Du musst mir nur deine Adresse aufschreiben.« Nellie kramte nach einem Block.

»Wozu? Mevrouw De Winter erlaubt keinen Damenbesuch.«

Phipps' Vater hatte seinen Sohn bei einer Witwe eingemietet, die Zimmer an Studenten vergab und dabei wahrscheinlich genauso streng auf die Tugend der jungen Männer achtete wie Mevrouw Verhoeven auf die der Mädchen im Pensionat.

»Damit ich dich finde, wenn ich weiß, wie es weitergeht«, fuhr Nellie ihn an. »Mensch, Phipps, nun sei doch nicht so begriffsstutzig! Ich weiß, dass du schlechte Laune hast und keine Lust zu studieren und was nicht alles. Du würdest lieber im Konservatorium vorspielen und Geiger werden. Aber vielleicht hättest du das besser deinem Vater endlos vorgebetet statt mir. Dann hätte der womöglich irgendwann nachgegeben und es dich wenigstens versuchen lassen. Ich an deiner Stelle würde es auch jetzt noch versuchen. Vorspielen kostet nichts, und du wüsstest wenigstens mal, wie andere deine Geigerei einschätzen.«

»Ich spiele sicher nicht so gut, wie ich spielen könnte .« Phipps seufzte.

Dem konnte Nellie nichts entgegenhalten. Dafür, dass Phipps sich praktisch alles selbst beigebracht hatte, spielte er virtuos. Aber andere Musikstudenten mochten seit ihrer Kindheit Unterricht gehabt haben.

»Du könntest es trotzdem probieren«, beharrte Nellie. »Wie auch immer: Nur, weil deine Träume nicht wahr werden, muss ich nicht ebenso auf jeden Versuch verzichten, das zu lernen, was ich wirklich will. Also stell dich nicht an, sondern nimm dich zusammen und hilf mir. Vielleicht kann ich dir ja auch mal helfen. Wir müssen einfach versuchen, das Beste aus Utrecht zu machen.«

Phipps hatte die St. Elisabeth School ganz richtig eingeschätzt. Mevrouw Verhoeven nahm ihre Zöglinge sofort unter ihre Fittiche, sobald sie in Utrecht ankamen. Bereits am Bahnsteig wartete eine junge Frau auf Nellie, die sich als Doortje vorstellte, eine Schülerin der Abschlussklasse und offenbar zuverlässig genug, die Neuen anvertraut zu bekommen. Doortje war achtzehn Jahre alt und bereits verlobt, wie sie Nellie auf dem Weg zur Schule mitteilte, den sie in der pensionatseigenen geschlossenen Kutsche zurücklegten. Die dunkelhaarige junge Frau sprach in höchsten Tönen sowohl von der Lehranstalt als auch von ihrem Zukünftigen. Er war Notar, und sie würde eines Tages einen großen Haushalt führen, wie sie Nellie stolz mitteilte. Nach ihrer Zeit an der St. Elisabeth School fühlte sie sich dem jedoch vollständig gewachsen.

Die Schule lag in einem Vorort von Utrecht, in einem großen, eleganten Haus. Klassizistisch nannte Doortje das Gebäude, sie konnte auch einiges über seine Geschichte erzählen. Nellie konzentrierte sich eher auf den von einem hohen Zaun umgebenen kleinen Park. Sicher gab es Stellen, die vom Haus aus nicht einzusehen waren, aber der mit Pieken bewehrte Zaun war ganz sicher nicht kletternd zu überwinden. Außerdem würde man Nellie vermissen, wenn sie tagsüber einfach ein paar Stunden verschwand. Sie würde also eine Ausrede brauchen, die es ihr erlaubte, die Schule ganz legal durch den Haupteingang zu verlassen.

Doortje begleitete Nellie bis zum Büro der Direktorin, Mevrouw Verhoeven hieß neue Zöglinge persönlich willkommen. Die Schulleiterin war eine große, magere Frau mit harten Gesichtszügen, die dunkle Kleidung trug - sie war Witwe, wie sich Nellie jetzt erinnerte. Ihr Haar war streng zurückgekämmt und zu einem Knoten gewunden. Immerhin lächelte sie verhalten, als sie Nellie begrüßte.

»Ich erinnere mich immer noch gern an deine liebe Mutter, Kind«, erklärte sie Nellie nach wenigen Begrüßungsworten. »Josefine gehörte zu meinen liebsten Schülerinnen. Ich hoffe, du wirst ihr nacheifern. Deine bisherigen Noten .«, sie warf einen Blick auf das Zeugnis, das Nellies Mutter ihr mitgeschickt hatte und das bereits in einer Akte lag, ». weisen dich ja als recht aufgeweckte junge Frau aus .« Nellie fragte sich, wie sie das meinte. »Allerdings gibt es wohl noch einige Lücken in deiner Ausbildung, wie deine liebe Mutter mir mitteilte. Du . spielst kein Musikinstrument?«

Nellie schüttelte den Kopf. Im Salon der Van der Heydens stand zwar ein Klavier, aber auch ihre Mutter spielte nur selten - und dazu nach Nellies Einschätzung ziemlich schlecht. Niemand in ihrer Familie war sonderlich musikalisch. Phipps jedenfalls hatte gequält geblickt, wenn jemand das Klavier anschlug. Seiner Einschätzung nach war es völlig verstimmt, was Nellies Mutter nie aufgefallen war.

»Das ist sehr schade, Cornelia. Wir versuchen hier, die künstlerischen Interessen unserer Zöglinge zu fördern. Es ist doch schön, wenn eine Frau ihren Gatten allabendlich mit einem kleinen Klaviervortrag erfreuen kann oder eine Gesellschaft mit einem Lied.«

Sie blickte noch einmal auf Nellies Zeugnis. Neben der für Nadelarbeit war auch die Note im Fach Singen eher mittelmäßig ausgefallen.

Plötzlich hatte Nellie einen Einfall. »Ich würde das sehr gern lernen«, sagte sie. »Also Klavier . oder Geige . Unterrichten Sie es hier?«

Die Rektorin nickte. »Ich weiß allerdings nicht, wie unsere Mevrouw Van Doorn zu Anfängerstunden steht. Die meisten Mädchen in deinem Alter beherrschen ihre Instrumente schon recht gut. Wir haben sogar ein kleines Orchester . Aber das wird sich finden. Ich werde dir jetzt erst einmal den Stundenplan aushändigen, dann wird dich die Hausmutter in dein Zimmer führen. Du wohnst im Westflügel im Van-Dyck-Zimmer. Du weißt, wer Anthonis Van Dyck war?«

»Ein Maler«, sagte Nellie.

Das immerhin hatte sie schon einmal gehört, obwohl sie dem Künstler kein Werk hätte zuordnen können.

Mevrouw Verhoeven nickte wohlgefällig. »Ein Vertreter des flämischen Barocks, Weggefährte von Peter Paul Rubens. Es ist schön, dass du dich für Kunstgeschichte interessierst, Cornelia. Du kannst nun gehen. Sicher möchtest du deine Mitbewohnerinnen kennenlernen. Nore und Elsa sind seit der ersten Klasse bei uns und werden dir helfen können, dich zurechtzufinden.«

Nellie knickste brav und verließ den Raum, gleich darauf wurde sie von der Hausmutter in Empfang genommen. Allein ließ man die Mädchen hier wohl gar nicht. Nellie folgte der freundlichen, rundlichen Frau durch dunkle Korridore, an deren Wänden ebenso dunkle Gemälde hingen. Mevrouw Bakker informierte sie derweil über die Hausordnung, die Rufen, lautes Sprechen und Rennen in den Fluren sowie Essen auf dem Zimmer verbot. Die Mahlzeiten seien reichhaltig, erklärte sie Nellie, dazu gesundheitsfördernd. Es wurde nicht gern gesehen, wenn die Zöglinge darüber hinaus Süßigkeiten einschmuggelten. Überhaupt legte die Schule Wert auf ein gesundes Leben der Zöglinge. So begann jeder Tag mit Gymnastik zur Leibesertüchtigung, und ein Spaziergang im Garten zwecks Bewegung an der frischen Luft war Teil der Tagesroutine.

»Uns ist daran gelegen, körperlich und geistig reife und gesunde Frauen ins Leben zu entlassen«, erklärte Mevrouw Bakker.

Nellie konnte nicht anders, als an Zuchtstuten zu denken. Artgerechte Aufzucht im Herdenverband, gutes Futter und regelmäßige leichte Bewegung machten es wahrscheinlich, dass die Stute leicht aufnahm und gesunde Fohlen zur Welt brachte. Obwohl sie das Ganze frustrierte, hätte sie beinahe gelacht.

Das Zimmer, in das die Hausmutter sie führte, war zum Glück heller als die Flure. Es wies große Fenster auf, die Wände waren mit Reproduktionen der wichtigsten Gemälde Van Dycks geschmückt. Nellie registrierte das Porträt eines blond gelockten...

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