Bresnitz

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2015
  • |
  • 318 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98217-7 (ISBN)
 
Bei Jerusalem wird eine Leiche gefunden, der ein Ohr fehlt. keiner kennt den Toten, niemand vermißt ihn. Inspektor Bresnitz, selbst schwer vom Leben gebeutelt, übernimmt den Fall.
  • Deutsch
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  • 2,10 MB
978-3-492-98217-7 (9783492982177)
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Chaim Lapid wurde 1948 als Sohn von Shulamit Lapid in Tel Aviv geboren. Er ist Sozialpsychologe und lehrt dieses Fach an der Universität. Darüberhinaus schreibt er Filmkritiken und Drehbücher. Sein erster Krimi Bresnitz um den gleichnamigen Inspektor wurde in mehrere Sprachen übersetzt (in Englisch wird der Autor übrigens Haim Lapid geschrieben) und größtenteils begeistert von der Kritik aufgenommen.

 

Bresnitz zog sich in seinem Wagen aus. Mit fieberhafter Ungeduld versuchte er, in dem engen Innenraum seine Uniform abzustreifen, wobei seine Ellbogen immer wieder an die Türverkleidung stießen und sein Schweiß, von dem die heiße und feuchte Luft sich weigerte, auch nur einen Tropfen aufzunehmen, ihm in Strömen herablief. Wegen unbedeutender Nebensächlichkeiten in Rage zu geraten war ihm in letzter Zeit zu einer festen Angewohnheit geworden. Diese Unart eröffnete ihm eine Fülle von Möglichkeiten, zu schäumen und zu toben, ohne daß er sich selbst hätte eingestehen müssen, worüber genau und wozu. Dieses Mal jedoch war die Angelegenheit von vornherein zu lächerlich, als daß er sich seinem Unmut unbegrenzt hätte hingeben können. Der Wagen stand auf dem öffentlichen Parkplatz an der Kreuzung von Frischmann- und HaYarkon-Straße, gegen Bezahlung, wie es sich für einen anständigen Bürger gehörte. Er hatte also keine andere Wahl, als sich in der Intimität seines Wagens der Uniform zu entledigen, um dann in einer Badehose zu einem gewöhnlichen Sterblichen zu werden. Da aber das Fahrzeug in unmittelbarer Nähe des Gehwegs parkte, auf dem sich der stetige Strom von Strandbesuchern zum Meer wälzte oder von dort zurückkehrte, fand er sich beim Akt des Entkleidens ungeschützt wie in einem Glaskasten wieder. Wenn schon auf der natürlichen Bühne des Strands ein schwergewichtiger Mann, der sich aus der gestärkten Amtstracht eines Polizeioffiziers mit in der Sonne funkelnden Rangabzeichen schälte, mit ziemlicher Sicherheit ein Schauspiel abgegeben hätte, das man sich nicht entgehen ließ, so mußte sein unbeholfenes Sichwinden, eingeschnürt und gefesselt in seine Uniformteile, die sich nicht herunterschälen lassen wollten, noch weitaus stärkeres Interesse erregen. Bresnitz wäre nicht im geringsten überrascht gewesen, hätte ihn eine versammelte Menge mit Beifall begrüßt, als er nach dem erfolgreichen Abschluß dieser Entfesselungsübung in Badehose, mit hochrotem Kopf und käseweißem Körper aus dem Wagen gestürzt kam - dem Meer entgegen.

Zu guter Letzt ließ sich Bresnitz auf einem dem Wasser zugewandten Liegestuhl nieder. Das Meer war glatt und still wie eine riesige Badewanne und so unbewegt, daß die vereinzelten winzigen Wellen, die weiß schäumenden Fältchen, die von Zeit zu Zeit auf den Strand gespült wurden, eher dem zu ausgelassenen Planschen einiger Schwimmer angelastet werden mußten als einer etwaigen Brise, auf die jeder Hinweis fehlte. Große, sommerliche Ruhe hüllte den entblößten Polizeioffizier wie eine Zwangsjacke ein.

Nachdem er den Strand - soweit er blicken konnte - gründlich abgesucht hatte, um sicherzustellen, daß sich nicht Adi hier aufhielt, rieb Bresnitz seinen Körper mit Sonnencreme ein. Dabei wurde er das bedrückende Gefühl nicht los, die ganze Zeit über beobachtet zu werden - eine bei alleinstehenden Personen häufig auftretende Form von Einbildung. Tatsächlich waren um ihn herum fast alle zu Paaren oder Dreiergruppen angeordnet. Drei Soldaten, die sich auf dem heißen Sand wälzten, trennten sich eigentümlich hastig von ihren Kleidern, was ihn an das Ablegen der Fallschirmgurte erinnerte, nachdem man sicher in den Dünen gelandet war. Ein ältliches Touristenpärchen, Pensionäre mit nur noch wenig verbleibender Zeit, wetteiferte darum, möglichst hastig von einer gemeinsamen Traube die Früchte zu pflücken. Neben ihm ließen sich zwei junge Frauen nieder, die Bresnitz als leitende Sekretärinnen oder etwas Vergleichbares einschätzte. Außerdem gab es noch einige Paare von Beachballspielern und einen einzelnen jungen Burschen, nicht weit von ihm entfernt, der aussah, als schwänzte er die Schule, wofür sowohl das Hemd, das er achtlos neben sich abgelegt hatte, als auch sein angespannter Gesichtsausdruck sprachen. Eine ungewöhnliche Miene für einen Ort wie diesen, mein teurer Watson, sinnierte Bresnitz vor sich hin, offenbarte sich seiner alten Theorie zufolge doch gerade am Strand der echte Israeli - wohlgemerkt nicht Jude - in all seinen Eigenarten und Wesenszügen: ein Mensch, der nicht an der Last der Vergangenheit oder Zukunft trug, der keine Identitätsprobleme oder schicksalhaften Bestimmungen kannte und Meer, Sonne und Sand so unbefangen nutzte, als seien sie nur für ihn gemacht. Genau wie jener Franzose in Algier, von dem in Camus' Skizzen die Rede ist.

Ein Mann, der mit dem Rücken zum Meer saß, den Bauch von Falten zerpflügt und ein Buch in der Hand, ließ ihn in diesem Augenblick allerdings ein wenig an seiner eigenen Theorie zweifeln. »Die Sünde Zions« von Abraham Mapu6 konnte Bresnitz mit Mühe von seinem Platz aus entziffern, worauf er versuchte, nun selbst in einem Buch zu lesen, das er eigens zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Doch erneut zeigte er sich der Aufgabe nicht gewachsen. »Wenn du nicht weiter darüber nachdenkst, wird es von selbst geschehen«, tröstete er sich und verstummte sogleich erschrocken, aber keiner der anderen Strandbesucher schien sich für ihn zu interessieren oder etwas gehört zu haben.

Er überließ sich der Untätigkeit und dachte über Adi nach, der sich wie ein Tier in seinem Bau vor der Treibjagd des Oberinspektors verbarg. Letzterer hatte sich von dem Augenblick an höchstpersönlich in die Ermittlungen eingeschaltet, da der hinlänglich bekannte Name des Onkels ins Spiel kam. »Ich werde Ihnen den Kerl gefaltet und verschnürt bringen«, hatte er Bresnitz versprochen und dabei seinen Kaugummi wie ein Detektiv aus einer Vorabendserie bearbeitet. »Danach ist es dann Ihre Show.«

Die Bälle der Beachballspieler pfiffen wie Querschläger über seinen Kopf, doch die Kinder stürzten sich mit Todesverachtung auf sie. Wäre Beinstock jetzt hier gewesen, hätten sie auch zu den Schlägern gegriffen, obgleich Beinstock die Sonne nicht bekam, da seine Haut zu dünn war. Etwa so wie in dem Buch, dessen Titel er bereits vergessen hatte, die Haut des blassen englischen Gentlemans, der sich im Schatten seines Anwesens verkriecht, während seine Gattin sich bronzefarben und nackt wie ein Tier unter der Sonne Süditaliens räkelt. Für Bresnitz' Frau dagegen begann in dem Augenblick, da sich die großen Chamssine7 bleischwer herabsenkten, die Zeit der grausamen Migräneanfälle. Sie verkroch sich hinter heruntergelassenen Jalousien unter ihrer Plastikpyramide, um dort nicht nur mit ihren Tabletten und Tinkturen begraben zu liegen, sondern auch mit dem ihr zugeteilten Polizeioffizier.

Die zwei Sekretärinnen legten ihre Kleider ab, rieben sich gegenseitig mit Sonnenöl ein und packten ihre Habe anschließend sorgfältig in eine lange schmale Ledertasche, die wie eine schwarze Eidechse aussah und nun von ihren daneben postierten Sonnenbrillen bewacht wurde. Beide Frauen zogen die Köpfe ein, als sie unter der Flugbahn der Bälle hindurchschlüpften, stürzten sich dann aber nicht kopfüber in das kühlende Naß, sondern balancierten ängstlich auf Zehenspitzen und überließen ihre erhitzten Körper nur Handbreit für Handbreit dem Wasser. Obgleich Bresnitz sie die ganze Zeit über nicht aus den Augen ließ, meinte er plötzlich, wie von Zauberhand einen anderen Körper zu sehen - nackt, unbeteiligt und gleichzeitig aufreizend: seine Geliebte an glühendheißen Sommertagen im Halbdunkel ihrer Wohnung hinter verschlossenen Fensterläden.

Als sei er auf frischer Tat ertappt worden, beeilte er sich, die Augen fest zuzukneifen, und als er sie wieder öffnete, entdeckte er den die Schule schwänzenden Gymnasiasten, der vor den aufgehäuften Habseligkeiten der beiden Schwimmerinnen kauerte. Schnell schloß er die Augen wieder, bevor ihn der lauernde, argwöhnische Blick des Jungen treffen konnte, und hinter halbgeschlossenen Lidern verfolgte er, wie die noch kindlich schmal wirkende Hand in den Bauch der schwarzen Eidechse griff, die Finger dort tief im Innern umhertasteten und schließlich ein kleines rotes, aber prall gefülltes Portemonnaie hervorzogen, das wie ein pochendes Herz aussah. Dies alles geschah sehr behutsam und ohne Eile, um keinen Verdacht zu erregen, der etwa Bresnitz genötigt hätte, sich wie zufällig zu erheben, um dann aus heiterem Himmel über den Jungen herzufallen, ihn in flagranti zu erwischen und zu seiner Mutter zu schleppen . Aber Bresnitz fuhr lediglich fort, den Jungen verstohlen zu beobachten, als dieser zu seinem Platz zurückkehrte, das Portemonnaie in seinem Schulranzen verschwinden ließ und sich rasch davonmachte, in die Welt der Verbrecher, die nie gefaßt wurden.

Bresnitz, dem es in seiner langen und wechselvollen Polizistenkarriere noch nie passiert war, daß alle ihm antrainierten Alarmglocken so unheilvoll schwiegen, wischte wie nebenbei jedwede Möglichkeit beiseite, er könnte sich unwillkürlich mit dem langfingrigen Jungen identifiziert haben, könnte so etwas wie Nähe oder Sympathie verspürt haben. Nein, es war etwas anderes, das sich bei diesem unbeteiligten, eines gewöhnlichen Voyeurs würdigen Zuschauen gezeigt hatte: Aus einem verantwortungsvollen...

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