Sommer offline

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. März 2013
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10381-1 (ISBN)
 
Früher war's echt auch nicht besser!

Libby als geschichtsbegeistert zu bezeichnen wäre eine Untertreibung: Die 16-Jährige hat schon immer davon geträumt, in einer vergangenen Zeit zu leben, in der die Frauen umwerfende Kleider trugen und sich von Gentlemen formvollendet umwerben ließen. Als sie die Chance erhält, die Ferien in Maines ältestem History Camp zu verbringen, ahnt Libby freilich nicht, dass man dort weder das Handy noch Schminkutensilien benutzen darf. Und das ist noch die harmloseste Überraschung, die sie erwartet. Ein unvergesslicher Sommer bricht an, in dessen Verlauf Libby eine Menge über Jungs, vermeintliche Geister und darüber lernt, dass Jane Austen wahrscheinlich auch überschätzt wird .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,72 MB
978-3-641-10381-1 (9783641103811)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Prolog

»Jetzt erklär mir doch bitte noch mal, warum du ausgerechnet in dieses Pilgercamp willst.«

»Okay, pass auf. Erstens handelt es sich gar nicht um ein richtiges Camp. Es ist eher ein Praktikum in einer Art Freilichtmuseum für lebendige Geschichte.« Ich klemmte mir das Handy zwischen Schulter und Ohr, während ich mich mit einer Hand damit abmühte, den Reißverschluss meines Koffers zuzuziehen. Das haute eindeutig nicht hin. »Und zweitens, ach verdammt«, grummelte ich. Der Reißverschluss war hoffnungslos verklemmt. »Wie ich schon mindestens eine Million Mal gesagt habe, ich bin keine Pilgerin.« Ich hockte mich auf den Koffer und versuchte ihn auf diese Weise zuzukriegen. »Ich bin eine Frau aus der Kolonialzeit im Neuengland des achtzehnten Jahrhunderts, und zwar in der Gegend, die heute als der Staat Maine bekannt ist. Das ist etwas vollkommen anderes. Das ist so, als würde man Pucci mit Gucci verwechseln.«

»Uuuuffffzz!«

»Das war jetzt aber schon ein Rauschen in der Leitung, Dev, und nicht etwa ein genervter Seufzer, oder?«, ermahnte ich ihn.

»Tut mir leid, Libbylein«, meinte er, »aber du weißt doch, dass mein Gehirn echt aussetzt, sobald du mal wieder daherredest wie die vom History Channel.«

»Grmpf.« Der verdammte Reißverschluss wollte sich immer noch nicht rühren. Bedeutete das, dass ich auf ein Paar Schuhe verzichten musste? Ich konnte doch schlecht ein Paar Schuhe rausnehmen! Ich hatte mich bei meinen beiden Schuhregalen sowieso schon auf das Mindeste beschränkt, was ein Mensch an Schuhen zum Überleben so brauchte. Ich hatte doch nur ein einziges Paar hochhackiger Schuhe eingepackt. Ein einziges!

»Das ergibt doch keinen Sinn«, fuhr Dev fort. »Lebendige Geschichte? Was soll das denn sein? Ist das nicht in sich schon ein Widerspruch, ein echtes Oxymoron? Ist Geschichte nicht immer irgendwie . tot? Weil sie ja in der Vergangenheit liegt?«

»Dev, wie oft hab ich dir das alles jetzt schon erklärt?«

»Ich hab blöderweise nicht zugehört.«

Ich stieß einen frustrierten Seufzer aus. »Ein Museum für lebendige Geschichte zeigt die Rekonstruktion eines Dorfes aus einem anderen historischen Zeitalter, und die ganzen Museumsangestellten stecken in Kostümen und tun Dinge wie damals, üben ihr Handwerk oder sonst was aus . Hast du noch nie was von der Plimoth Plantation gehört? Oder vom Old Sturbridge Village? Colonial Williamsburg?«

»Also so was wie Toontown in Disneyland, nur nicht so spaßig?«

»Ein bisschen . Nein, warte! Das ist total spaßig!«

»Klingt aber komplett langweilig, wenn du mich fragst. Du hast da gerade was von Handwerk gesagt.«

»Nein, das macht echt Spaß da, ich schwör's! Ich meine, ehrlich, es ist schon irgendwie wie Disneyland«, sagte ich, als ich noch einmal darüber nachdachte. »Ich lebe ja nicht wirklich wie im achtzehnten Jahrhundert. Immerhin gibt es richtige Klos mit Spülung und einen Souvenirladen. Sieht alles nur aus wie im achtzehnten Jahrhundert. Ein modernisiertes, touristenfreundliches achtzehntes Jahrhundert mit zeitgemäßen sanitären Anlagen. Ich werde so was sein wie eine Disneyprinzessin des achtzehnten Jahrhunderts! Eine koloniale Cinderella!« Oh, ich konnte es mir jetzt wunderbar ausmalen. Ich trug den perfekten Lipgloss in der perfekten Farbe, die perfekte Ergänzung zu meinem total natürlichen Make-up-Look, der nach gar keinem Make-up aussah.

»Libby, Libby, Libbylein, hör mir doch mal zuuuuuu«, jammerte er. »Wir hätten diesen Sommer so unheimlich viel Spaß haben können. Echten Spaß. Nicht irgendwelchen erzieherischen Disneyland-Spaß. In New York. New York! Nicht in Clamhole Harbor.«

»Camden Harbor heißt der Ort.«

»Wie auch immer, ist ja egal.« Fast konnte ich sein gleichgültiges Schulterzucken durch den Hörer sehen.

»Camden Harbor ist echt nett! Ein total süßes Örtchen - bestimmt der schönste Teil von Maine überhaupt. Außerdem wurde der Film Karussell da gedreht, musst du wissen.«

»Was haben sie da gedreht?«

»Karussell? Eine epische Liebesgeschichte über die Fabrikarbeiter und Schausteller in einem Fischerdorf in Neuengland in den 1870ern während der Industrialisierung.« Nichts finde ich toller, als wenn Romantik und Geschichte aufeinandertreffen. Das ist echt das Beste. »Kennst du denn nicht das Musical von Rodgers und Hammerstein?«

»Libby, nicht jeder Schwule ist automatisch ein wandelndes Lexikon zum amerikanischen Musical. Ist ja nicht so, als würde man uns schon bei der Geburt eine Promotasche mit Liza Minelli drauf überreichen, in der eine DVD-Box mit den gesammelten Werken von Rodgers und Hammerstein steckt.«

»Tja, dann sollten sie das besser mal tun. Wenn ich eine Liza-Minelli-Tasche bekommen würde, würde ich auch auf der Stelle schwul werden.«

»Ich verstehe bloß immer noch nicht, warum du dich nicht mit mir zusammen für das Ferienpraktikum bei der Teen Mode beworben hast!«

Jetzt ging das schon wieder los. Darüber hatten wir schon zigmal diskutiert. Dev hatte an einem Essaywettbewerb der Teen Mode teilgenommen und mit seinem Aufsatz »Voll von gestern: Polyester« ein Ferienpraktikum für Highschoolschüler gewonnen.

»Äh, Dev, ich hab rein zufällig Der Teufel trägt Prada gesehen. Auf gar keinen Fall würde ich freiwillig bei so was mitmachen. Ich bin doch nicht lebensmüde. Und selbst wenn ich mich beworben hätte, hätte ich das ja eh nicht bekommen! Nicht jeder kann sich damit brüsten, der vermutlich einzige schwule Schüler indianischer Abstammung in ganz Minnesota zu sein. Was denkst du, wie viele blonde Heteromädchen sich für das Praktikum beworben haben? Für die bist du doch eine willkommene Abwechslung.«

»Libby, Der Teufel trägt Prada ist keine Dokumentation. Wie oft müssen wir das denn noch durchkauen?«

Ich ächzte genervt. Doch er ging nicht weiter darauf ein.

»Außerdem hättest du das Praktikum jederzeit kriegen können. Du hast doch fast so viel Stil wie ich, und das ist nicht einfach so dahingesagt, das kannst du mir glauben.«

Tatsächlich war es genau unsere Stilsicherheit gewesen, die uns zusammengebracht hatte. Wie Dev an jenem Tag vor drei Jahren im Englischunterricht an der St. Paul Academy meinte, als wir beide gerade dort angefangen hatten, waren wir »eine farbige Insel in einem endlosen Meer von Grau«. Offensichtlich hatten wir beide als Einzige nicht mitbekommen, dass man als Schüler der SPA im grauen North-Face-Fleece herumlief. Wer hätte auch ahnen sollen, dass der Besuch einer Privatschule den sicheren Tod durch Langeweile mit sich brachte, wenn man zu den modisch Interessierten gehörte. Das war kein bisschen so wie in Gossip Girl.

»Und im Übrigen«, so fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu, »hätte der Teen Mode ein Mädchen, das nicht dem Size-Zero-Trend entspricht, bestimmt zur Abwechslung auch mal gutgetan! Du hättest mit deiner Kleidergröße zu ihrem neuen Markenzeichen werden können.«

»Danke, Dev. Ist ja echt süß von dir.«

»Stell dir das nur vor, Libby«, flüsterte er verführerisch. »In diesem Moment könnten wir in Lanvin-Loafers und Prada-Pumps durch den Big Apple streifen.«

»Das klingt schon verlockend, Dev«, gab ich zu, »aber das ist dein großer Traum, nicht meiner. Denk mal drüber nach. Wovon träumt insgeheim jeder Mensch, der auf Geschichte steht? Genau, von einer Zeitmaschine. Das ist es, was ich mir im Grunde immer gewünscht habe. Und weil es so etwas wie eine Zeitmaschine nicht gibt, ist das eben die nächstbeste Lösung. Ein echtes Museum für lebendige Geschichte. Zugegeben, Prada ist ja schön und gut, aber ich darf dafür den Sommer über in zeitgenössischen Kostümen rumlaufen und im Korsett Butter stampfen!«

Genau genommen gehörte der Begriff Korsett eher ins neunzehnte Jahrhundert, aber wenn ich jetzt pedantisch gewesen wäre und das korrekte Wort Schnürmieder verwendet hätte, dann wäre Dev das schon wieder zu viel der geschichtlichen Information gewesen.

»Und das findest du toll?«, fragte er skeptisch.

»Ja, Dev.« Ich seufzte.

»Gott, du bist echt ein solcher Nerd, keinen Schimmer, weshalb ich mit dir überhaupt befreundet bin, echt.«

»Weil kein anderer Mensch dich so gern hat, dass er dir als Snack für den Topmodel-Marathon Keksblondinen bäckt.« Ich verlagerte das Handy ans andere Ohr.

»Stimmt. Aber mal im Ernst«, meinte Dev wieder, »würdest du echt Hermès gegen Reifröcke eintauschen?«

»Deine geschichtlichen Kenntnisse in Sachen Mode sind wirklich erschreckend. Der erste patentierte Reifrock tauchte erst im Jahr 1846 in den USA auf.«

»Irgendwie werd ich das Gefühl nicht los, dass es denen von der Teen Mode herzlich egal ist, ob ich weiß, was eine Steißrolle...

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