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Der Cerro Torre, das Unmögliche und ich
 
 
Albrecht Knaus Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. Dezember 2013
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-05744-2 (ISBN)
 
David Lama bezwingt den mythischen Berg - »Eine Sensation.« Spiegel.de

"You haven't got a snowball's chance in hell" - Du hast nicht den Hauch einer Chance, sagte Kletterlegende Jim Bridwell, als er von David Lamas Plan erfuhr. Doch nichts konnte für den damals 19-jährigen Tiroler reizvoller sein, als etwas scheinbar Unmögliches zu schaffen. Spannend und brutal ehrlich erzählt David Lama, was er in den drei Wintern am legendären Gipfel Patagoniens erlebt hat. Wie seine hochfliegenden Träume von der Realität einer international geführten Debatte um "Show" und Regeln des modernen Alpinismus eingeholt wurden. Und wie ihm und seinem Kletterpartner am Ende gegen alle Zweifel die erste freie Besteigung des Cerro Torre gelang.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Knaus
1 Bildteil (32 S.)
  • 11,74 MB
978-3-641-05744-2 (9783641057442)
weitere Ausgaben werden ermittelt
David Lama, 1990 in Innsbruck als Sohn einer Österreicherin und eines nepalesischen Bergführers geboren, war der geborene Alpinist. Als Dreijähriger war er zum ersten Mal in Himalaya. Als Sechsjähriger machte er einen Kletterkurs bei Everest-Legende Peter Habeler. Mit 14 wurde Lama Jugendweltmeister, mit 15 jüngster Weltcupsieger, mit 16 der jüngste Doppeleuropameister in der Geschichte des Klettersports - von da an eroberte er die Gipfel der Welt: in Kirgisistan, Kalifornien, Patagonien... Am 16. April 2019 verunglückte David Lama am Howse Peak im Banff-Nationalpark tödlich.

1

Manchmal ereignen sich die wirklich wichtigen Dinge im Schlaf. Ich sitze in El Chaltén auf einem Campingstuhl und halte ein Nickerchen. Den Stuhl haben Peter und ich auf der Baustelle gegenüber gefunden, als wir uns das Plätzchen vor unserem Container ein bisschen gemütlich herrichten wollten. Der Stuhl ist super, er hat sogar eine Halterung für ein Getränk. Dazu haben wir eine Bank aus Brettern gebastelt, auf der liegt Peter jetzt in seinem dünnen Schlafsack und gönnt sich ebenfalls einen Mittagsschlaf.

Ich erwache, als ich Dirnis Stimme höre.

Dirni sagt: »David.«

Ich schlage die Augen auf und schaue durch meine Sonnenbrille ins Objektiv einer Kamera. Neben der Kamera ein Gesicht, eckig wie die Kamera, aber umgeben von blond glänzenden Barocklocken. Das ist Dirni, der Regisseur des Filmteams, das unser Projekt dokumentiert. In seinen Augen flackert es.

»Hmm?«, frage ich.

»Wir müssen euch leider aufwecken«, sagt Dirni.

»Weil?«

»Wir haben eine ziemlich neue Information für euch«, sagt Dirni.

Interessant. Ich setze mich auf und höre am Knurren neben mir, dass Peter Ortner, mein Kletterpartner und Freund, ebenfalls aufgewacht ist.

Dirni sagt: »Eine kanadisch-amerikanische Seilschaft ist vom Berg gekommen, die gestern die Kompressorroute ohne die Haken von Maestri geklettert ist. Beim Runterklettern haben sie alle Haken aus der Headwall und auch ein paar Seillängen drunter rausgeschlagen.«

Das ist jetzt aber wirklich eine Nachricht, auch wenn ich nicht verstehe, warum Dirni sich so darüber aufregt. Zur Sicherheit sage ich also: »Ist mir egal«, und Peter neben mir nickt, ihm ist es also auch egal, obwohl ich bezweifle, dass er zu diesem Zeitpunkt genau weiß, was ihm gerade egal ist.

»Warum machen die das?«, fragt Dirni.

»Weil sie meinen, dass sie’s machen müssen«, sage ich, schäle mich aus meinem Schlafsack und stehe auf. »So wie ich halt meine, dass ich die Kompressorroute frei klettern muss.«

Dirni hält die ganze Zeit mit seiner Kamera auf mich. Ihm ist klar, dass sich gerade ein historischer Moment unserer Expedition auf den Cerro Torre ereignet, und er will keine Entgleisung in meinem Gesicht verpassen. Aber mein Gesicht entgleist nicht. Ich denke nichts, außer: Wenn die Bohrhaken nicht mehr in der Headwall sind, dann werden wir uns eben anders zu helfen wissen.

Die Geschichte der aus der Wand geschlagenen Bohrhaken ist der letzte Puzzlestein in der großen Historie des Cerro Torre, der mythenumwobenen Granitnadel im Süden Patagoniens, der wir gerade ein neues Kapitel hinzufügen wollen. Der Berg galt lange als unbezwingbar, bis der Italiener Cesare Maestri ihn mit seinem Bergkameraden Toni Egger im Jahr 1959 bestieg – oder, besser gesagt, zu besteigen vorgab. Denn Maestri kehrte von der vermeintlichen Erstbesteigung allein zurück, Toni Egger war abgestürzt, und mit ihm das Gipfelfoto, das sich in Eggers Rucksack befunden haben soll.

Als zusehends Zweifel an Maestris Geschichte aufkamen, entschloss sich dieser, den Berg erneut zu besteigen. 1970 rückte er mit schwerem Gerät an und bohrte sich mit Hilfe eines hundert Kilo schweren Kompressors eine Leiter aus hunderten Bohrhaken bis zum höchsten Punkt der Felswand unterhalb des Gipfel-Eispilzes. Den Eispilz, der wie ein blauweißer Pfropfen auf der Felsnadel sitzt, bewertete Maestri nicht mehr als Teil des Berges, er sei schließlich nur eine temporäre Verkleidung des Gipfels. Maestri hatte das Gefühl, es allen Zweiflern damit gezeigt zu haben.

Ich würde sagen: Er hat sein Ziel aus den Augen verloren und den Gipfel auf sehr eigenwillige Weise erreicht – und seine Spuren sowohl in der Alpingeschichte hinterlassen, in der er jetzt tatsächlich als erster Alpinist geführt wird, der sich die Gipfelwand, die Headwall des Cerro Torre, hinaufgearbeitet hat, als auch am Cerro Torre selbst: Der monumentale Kompressor, der Maestris Bohrmaschine betrieb, hängt auch 43 Jahre später noch immer in der Headwall – ich bin selbst schon darauf gestanden. Die über 350 Bohrhaken, die Maestri in den Granit schlug, stecken nicht nur die schnurgerade nach oben führende »Maestri-Route« ab. Sie nützen auch allen Alpinisten, die diese Route gehen, weil man sich ohne weiteres an ihnen sichern und hochziehen kann.

Maestris Vorgehen hat zu Diskussionen geführt, die seit mehr als vierzig Jahren andauern. Man ist sich unter Alpinisten ziemlich einig darüber, dass sein Vorgehen inakzeptabel war. Viele sprechen davon, dass er mit seinen Bohrhaken den Berg »entweiht« hat.

Aber die Nachricht, die uns gerade erreicht, sagt uns, dass diese Haken ab sofort nicht mehr da sind. Zwei Alpinisten, der Kanadier Jason Kruk und der Amerikaner Hayden Kennedy, haben sie aus der Wand geschlagen. Sie wollten den Cerro Torre von den »Fehlern der Vergangenheit« säubern und den Berg in einen Zustand versetzen, wie er vor der »Vergewaltigung« durch Maestri gewesen war.

Dirni hat offenbar das Gefühl, dass sich dadurch etwas an unserem Plan ändern könnte. Dieser Plan besteht darin, etwas zu vollenden, was von den meisten für unmöglich gehalten wird: Ich möchte den Cerro Torre im freien Kletterstil besteigen. Das heißt: Ich möchte einen Berg, dessen Besteigung bereits unter Verwendung aller technischen Hilfsmittel eine enorme Herausforderung ist, ohne jedes Hilfsmittel klettern. Nur mit der Kraft meiner Hände und Füße. Mit meiner ganzen alpinistischen Fantasie. Meiner Klettertechnik, die ich in vielen Jahren als erfolgreicher Wettkampfkletterer erworben habe.

Haken, Karabiner und Seil brauche ich nur, um mich abzusichern. Für diese Absicherung haben Maestris Bohrhaken in der Gipfelwand eine gewisse Rolle gespielt. Ich hatte vorgehabt, einige von ihnen im letzten Abschnitt meiner freien Begehung auf den Gipfel zu verwenden, aber jetzt sind sie nicht mehr da.

Der freie Kletterstil – wir Alpinisten sagen: frei klettern – ist meine bevorzugte Methode, einen Berg zu besteigen. Es ist eine Technik, den Berg mit seinen natürlichen Strukturen, seinen Rissen, Schuppen und Felsformationen als Herausforderung zu begreifen und ihn nur mit der Kraft und Geschicklichkeit der eigenen Arme und Beine zu besteigen. Selbst in den schwersten Passagen einer Wand darf man keinen Haken zu Hilfe nehmen, um sich daran hochzuziehen und die Passage auf diese Weise zu überwinden. Das Seil und die notwendigen Haken dienen nur dazu, um sich so abzusichern, dass ein möglicher Sturz nicht unweigerlich tödlich endet.

Ich bin bereits eine Reihe von schwierigen Wänden frei geklettert. Aber kein Projekt war annähernd so herausfordernd wie der Cerro Torre. Die Wände am Torre sind von einer ganz anderen Dimension als zu Hause in den Alpen. Zu den klettertechnischen Schwierigkeiten kommen jene des Wetters, der Bedingungen am Berg und der für mich anfangs noch völlig unbekannten Dimensionen. Nur an wenigen Tagen im patagonischen Sommer findet man überhaupt Voraussetzungen vor, um den Cerro Torre zu besteigen. Meist herrschen Sturm, Nebel, Schneefall, Kälte. Bedingungen, unter denen es völlig unmöglich ist, zu klettern, geschweige denn frei.

Aber auch das schöne Wetter hat seine Tücken. Der Cerro Torre ist die meiste Zeit von einem oft meterdicken Eispanzer überzogen, der sich bei Sonneneinstrahlung vom Fels lösen und in die Tiefe stürzen kann. Oft sind diese Eisbrocken so groß wie Fußbälle oder sogar wie ein Kleiderschrank, so dass man sich besser nicht in ihrer Falllinie befindet.

Dazu das ständige Gefühl, sehr weit von jeder Hilfe entfernt zu sein. Wenn man auf dem Cerro Torre stürzt und sich dabei nur ein Bein bricht, wird es bereits sehr schwierig, wieder zurück ins Tal zu kommen. Du brauchst einen Partner, der sehr fit ist und dich tragen kann, oder viel Glück: Wenn der Partner nach El Chaltén rennen muss, um Hilfe zu holen, kommt diese vielleicht erst nach drei Tagen bei dir an. Falls das Wetter es dann überhaupt noch zulässt.

Mein Team und ich sind schon zum dritten Mal hier. Beim ersten Versuch vor zwei Jahren kamen mein damaliger Partner Daniel Steuerer und ich nicht einmal bis auf den Gipfel des Torre, an freies Klettern war gar nicht zu denken. Beim zweiten Versuch schafften Peter und ich den Gipfel in technischer Kletterei, und ich gewann bei der Besteigung den Eindruck, dass mein Plan tatsächlich aufgehen könnte. Bis dahin hatte ich selbst, um ehrlich zu sein, noch immer Zweifel, ob mein groß angekündigtes Vorhaben, den Cerro Torre frei klettern zu wollen, nicht an der einen oder anderen Stelle in einer Sackgasse im Granit enden würde – ganz sind diese Zweifel auch jetzt noch nicht ausgeräumt.

Aber gerade die vielen Unmöglichkeiten des Projekts reizen mich. Reinhold Messner, der den Cerro Torre nie bestiegen, aber ein Buch über ihn geschrieben hat, hielt mein Projekt schlicht für »unmöglich«. Der amerikanische Kletterpionier Jim Bridwell, dem 1979 die Erstbesteigung des Cerro Torre über den Südostgrat gelang, sagte in seiner etwas blumigen Sprache sogar: »You haven’t got a snowball’s chance in hell« – frei übersetzt: nicht den Hauch einer Chance.

Irgendwann hört Dirni auf zu filmen, und ich gehe im Kopf die Stellen in der Wand durch, die jetzt von Maestris Haken befreit sind. Peter und ich haben im Vorjahr eine ziemlich genaue Vorstellung unserer Linie für meinen Freikletter-Versuch gewonnen. Maestris Bohrhaken-Traverse wollen wir sowieso nicht benützen. Sie ist meiner Meinung nach einfach nicht frei kletterbar, wir müssen die Stelle umgehen, indem wir der Südostkante bis in die Iced Towers folgen. Dort sind noch alle Bohrhaken Maestris...

Jung, frisch, anders
 
David Lama ist ein Gigant unter den Kletterern
 
"So jung und schon so gut"
 
Lässiger Lesespaß

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