Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden

Reclam Taschenbuch
 
 
Reclam (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Mai 2020
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-15-961700-8 (ISBN)
 
Nils Holgersson ist faul, quält die Tiere auf dem elterlichen Hof und stiftet Unheil, wo er nur kann - bis er eines Tages von einem Kobold in einen Däumling verwandelt wird. Er versteht nun die Sprache der Tiere, schließt sich mit dem zahmen Gänserich Martin einer Gruppe Wildgänse an und begibt sich auf ein einzigartiges Abenteuer. Während er auf dem Rücken des Gänserichs durch Schweden getragen wird, erfährt er alles über die Tiere, sein Land und seine Kultur. Die Reise, an deren Ende Nils ein ganz anderer sein wird als zu Beginn, geht von den südlichen Landesteilen Schwedens hinauf in den äußersten Norden und wieder zurück. Eine wunderbare Geschichte über Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Die wunderbare Geschichte der Abenteuer des Nils Holgersson, ursprünglich von Selma Lagerlöf als Lesebuch für den Heimatkundeunterricht in Schweden verfasst, zählt zu den weltweit bekanntesten und beliebtesten Kinderbüchern. Der Klassiker erscheint hier in der von der Autorin selbst gekürzten und von ihr autorisierten Fassung (die weit mehr bietet als die verbreiteten Kinderbuchausgaben!) in der meisterhaften Übersetzung von Gisela Perlet. - Mit einer kompakten Biographie der Autorin.
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Der Junge


Der Kobold


Sonntag, den 20. März

Es war einmal ein Junge. Er war etwa vierzehn Jahre alt, lang, dünn und flachshaarig und ein rechter Taugenichts. Am liebsten schlief und aß er, und dann machte er gern dumme Streiche.

Eines Sonntagmorgens wollten seine Eltern den Gottesdienst besuchen und machten sich dazu bereit. Der Junge saß derweil in Hemdsärmeln auf der Tischkante und freute sich, dass sie nun bald das Haus verließen. »Da kann ich mir Vaters Flinte herunterholen und einen Schuss abfeuern, ohne dass mich jemand stört«, dachte er.

Doch es schien fast, als hätte der Vater die Gedanken seines Sohns erraten, denn gerade als er davongehen wollte, drehte er sich noch einmal um. »Wenn du schon nicht mit uns in die Kirche willst, könntest du wenigstens die Predigt zu Hause lesen, finde ich. Versprichst du mir das?«

»Ja«, sagte der Junge sofort. Doch natürlich nahm er sich vor, nur so viel zu lesen, wie er Lust hätte.

Noch nie hatte der Junge seine Mutter so schnell laufen sehen. Im Nu war sie am Bücherbord, nahm Luthers Postille heraus, legte sie auf den Tisch am Fenster und schlug die Predigt des Tages auf. Dann schob sie den großen Lehnstuhl heran, in dem sonst keiner als Vater sitzen durfte.

Der Junge hielt es für übertrieben, dass sich seine Mutter mit diesen Vorbereitungen so viel Mühe machte, denn mehr als ein oder zwei Seiten wollte er gar nicht lesen. Da aber schien ihn sein Vater ein zweites Mal zu durchschauen. »Dass du auch ja ordentlich liest!«, sagte er in strengem Ton. »Wenn wir zurückkommen, frage ich dich jede Seite ab, und wehe du hast eine übersprungen, dann soll es dir schlecht ergehen!«

»Die Predigt ist vierzehn und eine halbe Seite lang«, sagte die Mutter, wie um das Maß vollzumachen. »Wenn du das alles schaffen willst, musst du dich wohl sofort daransetzen.«

Dann brachen sie endlich auf, und als der Junge in der Tür stand und ihnen nachsah, war ihm zumute, als säße er in einer Falle. »Da gehen sie und beglückwünschen sich wohl dazu, dass ich die ganze Zeit, wo sie weg sind, über der Predigt hocken muss«, dachte er.

Doch seine Eltern beglückwünschten sich ganz gewiss nicht, im Gegenteil, sie hatten großen Kummer. Sie waren arme Kätner, und ihr Besitz war nicht viel größer als ein kleiner Garten. Als sie hierhergezogen waren, hatten sie zuerst nicht mehr als ein Schwein und ein paar Hühner füttern können. Doch weil sie ungewöhnlich fleißige und tüchtige Leute waren, hielten sie jetzt auch Kühe und Gänse. Sie waren gewaltig vorangekommen, und sie wären an diesem schönen Morgen froh und zufrieden zur Kirche gewandert, hätten sie nicht an ihren Sohn denken müssen.

Der Vater klagte, der Junge habe in der Schule nichts lernen wollen und sei ein solcher Nichtsnutz, dass man ihn höchstens zum Gänsehüten gebrauchen könne. Die Mutter bestritt die Wahrheit seiner Worte nicht, doch sie bekümmerte am meisten, dass der Junge wild und ungezogen war, grausam zu Tieren und gemein zu Menschen. »Möge ihm Gott die Bosheit austreiben und einen anderen Sinn geben!«, sagte sie. »Sonst wird er sich und uns ins Unglück stürzen.«

Der Junge überlegte eine lange Zeit, ob er die Predigt nun lesen sollte oder nicht. Dann aber sagte er sich, dass es diesmal wohl am besten sei, den Eltern zu gehorchen. Er setzte sich in den Lehnstuhl und fing an zu lesen. Doch als er das eine Weile getan hatte, merkte er, dass ihm der Kopf schwer wurde.

Draußen war das allerschönste Frühlingswetter. Zwar war das Jahr nicht weiter als zum 20. März gekommen, aber der Junge wohnte in der Gemeinde West-Vämmenhög, tief unten im südlichen Schonen, und dort war der Frühling schon voll im Gang. Grün war es draußen noch nicht, doch es war frisch, und die Knospen sprießten. Alle Gräben waren voller Wasser, und der Huflattich am Grabenrand stand in Blüte. Alle Sträucher auf der Steineinfriedung des Hofes waren braun und blank geworden. Durch die angelehnte Haustür war das Tirilieren der Lerchen bis in die Stube zu hören. Hühner und Gänse liefen draußen herum, und hin und wieder muhten die Kühe, denn sie spürten die Frühlingsluft bis in ihre Verschläge.

Und der Junge las und nickte und kämpfte gegen die Müdigkeit. Doch es ging, wie es ging, er wurde vom Schlaf übermannt.

Er hatte noch nicht lange geschlafen, da erwachte er von einem leisen Geräusch im Hintergrund. Auf dem Fensterbrett vor ihm stand ein kleiner Spiegel, in dem fast das ganze Zimmer zu sehen war. Als der Junge nun den Kopf hob und sein Blick auf den Spiegel fiel, entdeckte er, dass jemand den Deckel von Mutters Truhe aufgeschlagen hatte.

Seine Mutter besaß eine große Truhe aus Eichenholz mit eisernen Beschlägen, die niemand als sie selbst öffnen durfte. Darin verwahrte sie alte Bauerntrachten und schwere Silberspangen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte und die sie besonders sorgfältig hütete.

Jetzt sah der Junge im Spiegel ganz deutlich, dass der Deckel der Truhe offen stand. Das war ihm unbegreiflich, denn Mutter hatte die Truhe geschlossen, bevor sie gegangen war. Es wäre ihr ganz gewiss nicht passiert, die Truhe offen zu lassen, wenn er sich allein im Haus aufhielt.

Ihm wurde richtig unheimlich zumute. Vielleicht hatte sich ein Dieb ins Haus geschlichen?

Während er vor dem Spiegel saß und hineinstarrte, bemerkte er mit Verwunderung, dass über den Rand der Truhe ein schwarzer Schatten fiel. Er guckte und guckte und wollte seinen Augen nicht trauen. Doch was er anfangs für einen Schatten gehalten hatte, wurde immer deutlicher, und bald erkannte er, dass es etwas Wirkliches war. Tatsächlich, es war ein Kobold, der rittlings auf dem Rand der Truhe saß.

Von Kobolden hatte der Junge zwar schon gehört, doch niemals hätte er sich vorgestellt, dass sie so klein sein könnten. Der da auf dem Truhenrand saß, war höchstens eine Handbreit groß. Er hatte ein altes, runzliges, bartloses Gesicht, trug einen langen schwarzen Rock, Kniehosen, einen schwarzen Hut mit breiter Krempe und, um richtig geputzt und fein zu sein, weiße Spitzen um Hals und Handgelenke, Schnallen an den Schuhen und Strumpfbänder mit Schleifen. Er war so in den Anblick der Truhe vertieft, dass er das Erwachen des Jungen nicht bemerkte.

Obwohl der ganz schön über den Kobold staunte, erschrak er doch nicht so heftig. Vor einem solchen Wicht konnte man sich gar nicht fürchten. Und weil der Kobold ganz mit sich selbst beschäftigt war und weder zu hören noch zu sehen schien, bekam der Junge Lust, ihm einen Streich zu spielen: ihn in die Truhe schubsen und den Deckel über ihm zuschlagen oder so etwas Ähnliches.

Er sah sich in der Stube nach einem Gegenstand um, mit dem er ihn anstoßen könnte. Er ließ seine Augen von der Schlafbank zum Klapptisch und vom Klapptisch zum Herd wandern, musterte die Töpfe und den Kaffeekessel auf dem Bord neben dem Herd, den Wassereimer an der Tür und Kochlöffel und Messer und Gabeln und Schüsseln und Teller, die in der halboffenen Schranktür sichtbar waren. Er sah hinauf zu Vaters Flinte, die an der Wand hing, und zu den Pelargonien und Fuchsien, die auf dem Fensterbrett blühten. Zuletzt fiel sein Blick auf einen alten Fliegenkescher am Fensterrahmen.

Kaum hatte er den entdeckt, da riss er ihn an sich, sprang auf und schwenkte ihn über den Rand der Truhe. Und er staunte selbst, was für ein Glück er hatte, denn es gelang ihm, den Kobold zu fangen. Das arme Kerlchen lag, den Kopf nach unten, auf dem Boden des langen Keschers und konnte nicht heraus.

Im ersten Augenblick wusste der Junge gar nicht, was er mit seiner Beute anstellen sollte. Er schwenkte den Kescher nur hin und her, damit ihm der Kobold ja nicht entwischen könnte.

Da begann der Kobold zu sprechen und bat ganz inständig um seine Freiheit. Er habe den Leuten des Hauses viele Jahre Gutes getan, sagte er, und verdiene wohl eine bessere Behandlung. Wenn der Junge ihn freilasse, wolle er ihm einen alten Speziestaler, einen silbernen Löffel und ein Goldstück geben.

Das hielt der Junge für ein gutes Angebot. Er ging sogleich darauf ein und hielt den Kescher an, damit der Kobold hinausklettern konnte. Doch als dieser fast draußen war, kam dem Jungen der Gedanke, er hätte sich ganz andere Reichtümer und alle möglichen Vorteile ausbedingen sollen. »Wie dumm von mir, dass ich ihn freigegeben habe!«, dachte er und begann den Kescher von neuem zu schütteln, um den Kobold wieder hineinfallen zu lassen.

Doch im selben Moment bekam er eine so entsetzliche Ohrfeige, dass er glaubte, sein Kopf würde in Stücke springen. Er flog erst gegen die eine, dann gegen die andere Wand, schlug schließlich hin und blieb bewusstlos liegen.

Als er zu sich kam, war er allein in der Kate. Vom Kobold entdeckte er keine Spur. Der Deckel der Truhe war geschlossen, und der Fliegenkescher hing wie immer am Fenster. Hätte der Junge nicht gespürt, wie seine rechte Wange von der Ohrfeige brannte, er hätte das Ganze beinah für einen Traum gehalten.

Doch als er nun zum Tisch gehen wollte, bemerkte er etwas Sonderbares. Die Stube konnte ja unmöglich gewachsen sein. Aber wie kam es dann, dass er so viele Schritte mehr als sonst machen musste, um den Tisch zu erreichen? Und was war mit dem Stuhl los? Der sah nicht größer aus, als er eben noch gewesen war, doch der Junge musste erst die Leiste zwischen den Stuhlbeinen erklimmen und dann auf den Sitz klettern. Und mit dem Tisch war es dasselbe. Um die Tischplatte zu überblicken, musste er auf die Armlehne des Stuhls steigen.

»Um Himmels willen, was ist denn das?«, sagte der Junge. »Ich glaube, der Kobold hat den...

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