Der Sündenfall von Wilmslow

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Dezember 2015
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97287-1 (ISBN)
 
England, 1954, der kalte Krieg hält die Welt in seinem eisernen Griff - und im kleinen Städtchen Wilmslow wird ein Mann tot aufgefunden. Es ist der Mathematiker Alan Turing, neben seinem Bett liegt ein mit Zyankali versetzter Apfel, alles deutet auf Selbstmord hin. Hat Turing die Repressionen nicht mehr ertragen, unter denen er als Homosexueller zu leiden hatte? Oder hat sein Tod doch etwas mit seiner Arbeit für den Geheimdienst während des 2. Weltkriegs zu tun? Der junge Detective Sergeant Leonard Corell, selbst einst ein vielversprechender Mathematiker, hegt den Verdacht, dass höhere Mächte ihre Finger im Spiel haben. Gegen Widerstände beginnt er, die Teile eines Puzzles zusammenzusetzen, das vielleicht eines der am besten gehüteten Geheimnisse des Kriegs offenbart.
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  • 1,16 MB
978-3-492-97287-1 (9783492972871)
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David Lagercrantz, geboren 1962, ist ein anerkannter schwedischer Autor und Journalist, der dokumentargeschichtliche Romane und Biografien über schwedische Erfinder und andere gesellschaftliche Größen verfasst hat, bevor er sich der Belletristik zugewandt hat. »Der Sündenfall von Wilmslow« wurde von der schwedischen Kritik überschwänglich aufgenommen worden. Deutschen Lesern ist Lagercrantz durch die Biografie "Ich bin Zlatan" ein Begriff. Lagercrantz macht zurzeit als Autor des vierten Teils von Stieg Larssons "Millenium"-Serie Furore.

3

Seit den Kriegsjahren hatte Corell die Vorstellung, dass man Irrsinn schon aus der Entfernung erahnen konnte, als eine Verdichtung in der Luft oder sogar als einen Geruch, wenn auch nicht gerade als den Gestank von Bittermandel, aber als er in den Regen hinaustrat, war er tatsächlich überzeugt, dass das, was er dadrinnen gespürt hatte, ein verkappter Wahnsinn sein musste. Das Gefühl, mit etwas Ungesundem in Berührung gekommen zu sein, verließ ihn nicht einmal, als die Sanitäter um zwanzig vor sieben den Leichnam forttrugen. Ein wärmerer Wind wehte inzwischen aus Osten, der Regen fiel nur noch leicht. Er sah zu der Haushälterin hinüber, die mit ihrem geliehenen Schirm im Licht unter der Laterne saß und so sonderbar klein wirkte wie ein sehr altes Kind, und, vorsichtig jetzt, begann er sie zu vernehmen.

Sie hieß Eliza Clayton und wohnte nicht weit entfernt am Mount Pleasant Lacey Green. Vier Tage in der Woche habe sie Doktor Turing geholfen, und es habe nie ein Problem gegeben, sagte sie, nur dass sie nicht immer gewusst habe, wohin mit all den Papieren und Büchern. Heute Nachmittag war sie mit ihrem eigenen Schlüssel hineingegangen. Im Schlafzimmer war Licht gewesen. Weder die Milchflaschen noch die Zeitung waren hereingeholt worden, und in der Küche lagen die Reste einer Portion Lammkoteletts. Doktor Turings Schuhe standen vor der Toilette, was sie seltsam gefunden habe, und im Schlafzimmer habe er genau so gelegen, »wie der Herr Inspektor es gesehen hat«, die Decke bis zur Brust hochgezogen. Sie habe seine Hände angefasst. Sie seien kalt gewesen, und sie habe sicher geschrien. »Es war ein solcher Schock, ein so furchtbarer Schock«, und weil Doktor Turing kein Telefon habe, habe sie von der Nachbarin Mrs Gibson aus angerufen, »und dann sind Sie gekommen, das ist alles, was ich weiß.«

»Das ist nicht so sicher.«

»Nicht?«

»Die Zeit davor ist interessant«, sagte er, und da nickte sie und erzählte, dass Alan Turing am vorherigen Wochenende Besuch von seinem Freund Doktor Gandy erhalten habe und dass sie es »sehr schön« gehabt hätten und »viel Spaß«, und am Dienstag habe er die Nachbarn Mr und Mrs Webb, die dann am Mittwoch oder Donnerstag umgezogen seien, zum Essen eingeladen, auch das sei »sehr gelungen« gewesen.

»Doktor Turing war in guter Laune. Er war fröhlich. Er hat mit mir gescherzt.«

Er widersprach nicht und machte sich nicht die Mühe zu fragen, was für Scherze Turing gemacht habe. Er ließ sie reden und machte sich sporadisch Notizen. Es klang mehr nach einer Verteidigungsrede als nach einer Zeugenaussage, und er verstand das sehr gut. Selbstmord war eine Straftat, und sicher fühlte sie eine gewisse Verantwortung. Sie war die Haushälterin. Eine andere Frau schien es im Haushalt nicht gegeben zu haben. Mehrmals erwähnte sie seine Mutter Ethel.

»Oh mein Gott, was soll ich ihr sagen?«

»Im Moment nichts. Wir nehmen mit den Angehörigen Kontakt auf. Haben Sie selbst jemanden, mit dem Sie reden können?«

»Ich bin Witwe, aber ich komme schon zurecht«, sagte sie, und nach einigen weiteren Fragen verabschiedete er sich. Er wanderte an den dicht belaubten Gartendickichten des Viertels vorbei zum Polizeirevier in der Green Lane, und bald danach hörte es auf zu regnen.

Wie schön es sich anfühlte ohne Niederschlag. Er konnte sich nicht erinnern, je einen solchen Regen erlebt zu haben, tagein und tagaus, ständig trat er in Wasserpfützen. Aus einem Fenster hörte er Doris Day: So I told a friendly star. The way that dreamers often do. Das Lied hatte im Frühjahr ganz oben auf den Hitlisten gestanden, und er summte mit - er hatte den Film Calamity Jane, aus dem das Lied stammte, gesehen. Während er weiterging, verklang die Musik, und er schaute zum Himmel auf; graue Schwaden zogen dahin. In Gedanken ging er noch einmal durch, was er im Haus gesehen hatte, und fragte sich, was abgesehen vom Fehlen eines Abschiedsbriefs darauf hindeutete, dass es sich nicht um Selbstmord handelte. Er fand nicht viel. Allerdings blieb er nicht besonders lange konzentriert. Er verirrte sich auf Nebengleise, und schon bald war von dem ganzen Fall in seinen Gedanken nichts weiter übrig als ein dunkles Gefühl von Unbehagen. Obwohl der Fall ihn ein wenig bei der Arbeit hätte stimulieren sollen, entglitt er ihm, verlor sich in einer diffusen Tristesse, lediglich die mathematischen Berechnungen flackerten in seinem Bewusstsein auf, wie irrlichternde Bilder aus einer besseren Welt.

Leonard Corell war achtundzwanzig Jahre alt, jung genug, um gerade eben dem Krieg entgangen zu sein, schon alt genug, um das Gefühl zu haben, dass das Leben an ihm vorbeilief. Ungewöhnlich früh hatte er die Uniform ablegen können und war zur Kriminalabteilung in Wilmslow versetzt worden, ein ziemlich schneller Aufstieg für einen Polizisten, trotzdem war es nicht das, was er von der Welt erwartet hatte, nicht allein wegen der Gesellschaftsschicht, in die er hineingeboren und aus der er herausgefallen war, sondern wegen seines klugen Kopfes. Auch er war ein Junge gewesen, dem die Zahlen leichtgefallen waren.

Er war im Londoner West End geboren. Doch schon die Weltwirtschaftskrise 1929 versetzte der Familie den ersten fatalen Stoß. Der Vater, ein Intellektueller, der der Bloomsburygruppe nahestand, hielt lange den Schein des Wohlstands aufrecht und bewirkte dadurch einen doppelten Schaden. Nicht nur, dass das Geld noch rascher aus dem Haus floss, weil der Vater die Katastrophe nicht zur Kenntnis nehmen wollte. Mit seiner Beredsamkeit und der grandiosen Fassade gelang es ihm außerdem, seinen Sohn davon zu überzeugen, dass die Familie zu etwas Besonderem auserwählt sei und Leonard werden könne, was immer er wolle. Aber das waren eitle Versprechen. Die Welt und die Möglichkeiten schrumpften, und das Einzige, was am Ende zurückblieb, war das Gefühl, getäuscht worden zu sein. Manchmal sah Corell seine Jugend als ein Land, das ihm Stück für Stück genommen worden war. Seine Kindheit erschien ihm wie eine Reise in die Einsamkeit: Die Dienstboten mussten gehen, einer nach dem anderen, und als sie schließlich nach Southport zogen, waren nur noch er und seine Eltern übrig. Aber auch der Vater und die Mutter sollten verschwinden, jeder auf seine Weise. Alles wurde ihm entrissen. Natürlich wäre es eine Vereinfachung, die Schuld für seine gesamte Situation bei den äußeren Umständen zu suchen. Das wäre gerade die Art von Romantisierung, der er sich viel zu oft hingab, die allzu sentimentale und selbstmitleidige Sicht auf ein Leben, in dem es trotz allem viele Chancen gegeben hatte. Es stimmte aber wohl, dass die Welt ihm seinen Anteil an Schlägen und Tragödien beschert hatte und ein Teil seiner Persönlichkeit, wie er meinte, mit den Jahren im Keim erstickt oder verkümmert war. Wenn er sein Leben wie aus der Distanz betrachtete, dann bekam er es nicht zusammen mit der Vorstellung, die er noch von sich selbst hatte. Zuweilen konnte er nicht verstehen, dass die Person, die in den Straßen von Wilmslow umherging, wirklich er selbst war.

Die Eile in der Ermittlung verwunderte ihn. Jemand in der Polizeiführung in Chester entschied, dass noch am gleichen Abend eine vorläufige Obduktion vorgenommen werden und Corell dabei anwesend sein sollte. Hinterher hatte er nur diffuse Erinnerungen daran. Er verabscheute Obduktionen; die meiste Zeit hielt er den Blick abgewandt. Was leider nicht viel half. Das Geräusch des Skalpells, die Dämmerung draußen und der Gestank von Bittermandel, der auch aus den Eingeweiden aufstieg, waren deutlich genug. Mein Gott, was für eine grässliche Arbeit! Doktor Charles Bird murmelte: »Vergiftung, ganz klar Vergiftung«, und Corell träumte von Farbe, von schöner blauer Farbe, mit der er die blanke Angst dadrinnen übermalen wollte. Er hörte kaum noch auf die Fragen des Gerichtsmediziners, er antwortete Ja oder Nein, wo ausführliche Erklärungen am Platz gewesen wären, und vielleicht war das der Grund dafür, dass der Obduzent sich das Haus mit eigenen Augen ansehen wollte. Corell sollte ihm als Führer dienen, und zuerst dachte er: Nein, nie im Leben, von dem Ort habe ich genug gesehen. Dann änderte er seine Meinung. Er mochte Bird nicht. Der Arzt war ein hochnäsiger Typ. Er betrieb zwar auf liebenswürdige Weise Konversation, doch mit leisen Untertönen und bedeutungsvollen Seitenblicken signalisierte er, dass er derjenige war, der über Bildung und Status verfügte. Er sah abstoßend aus. Über seinen Pupillen lag eine Art Dunstschleier oder Schmutz. Corell wäre jede andere Gesellschaft lieber gewesen. Anderseits hatte er keine Lust, zu sich nach Hause zu gehen, und es war bestimmt gut, das Haus noch einmal zu sehen, so viele Dämonen es auch wachrief. Und so wanderte er erneut über den schmalen Bürgersteig zu dem Haus in der Adlington Road. Der Doktor redete die ganze Zeit, als hätte es seine Lebensgeister erfrischt, in seiner freien Zeit noch eine weitere Leiche obduzieren zu können.

»Habe ich erzählt, dass mein Sohn ein Medizinstudium beginnen wird?«

»Nein.«

»Sie scheinen heute nicht sehr gesprächig zu sein.«

»Schon möglich.«

»Aber Sie interessieren sich für Himmelsphänomene, nicht wahr? Sie haben sicher gehört, dass eine totale Sonnenfinsternis bevorsteht?«

»Ich glaube schon.«

»Das wird richtig spannend, oder?«

»Ich weiß nicht genau. Geht so eine Finsternis nicht schnell vorüber?«

»Der Orgasmus geht auch schnell vorüber, aber die Menschheit scheint ihn dennoch zu schätzen«, sagte der Arzt und gab ein grässliches Lachen von sich, das Corell ignorierte; er zog sich in sich selbst zurück, während der Arzt eine Art Theorie über...

»Der schwedische Autor und Journalist David Lagercrantz hat historische Fakten und Figuren um Alan Turing, den Erfinder des Computers, in einen dichten Kriminalroman verwandelt.«, Süddeutsche Zeitung, 09.05.2017
 
»Neben überzeugender Krimi-Kost bekommt der Leser auch ein Porträt eines außergewöhnlichen Mannes serviert, dessen Werk unseren Alltag noch heute beeinflusst.«, FAZ Literaturkalender, 31.03.2016
 
»Lagercrantz verdichtet Geschichte rasant in hohe Kriminalerzählkunst.«, Berner Zeitung, 23.02.2016
 
»Das Buch ist atmosphärisch sehr dicht, die 50er Jahre-Stimmung gut nachzuempfinden. Seinen Figuren verleiht Lagercrantz Tiefe und Persönlichkeit und er schreibt mitreißend (...) Besser kann man Zeitgeschichte und Fiktion nicht in einem Roman zusammenbringen.«, WDR2, 15.02.2016
 
»Wo eine Biografie Alan Turings Leben referieren würde, macht Lagercrantz' Idee rundherum einen Thriller zu stricken, die Sache spannend.«, Mitteldeutsche Zeitung, 13.02.2016
 
»Ein komplexer Gesellschaftsroman über das Leben eines Außenseiters.«, Bild Online, 30.01.2016
 
»Sein Roman ist eine gelungene Symbiose aus gründlicher Recherche und fiktionaler Erzählung - vor allem aber eine posthume Würdigung dieses genialen Geistes.«, Deutschlandradio Kultur, 26.01.2016
 
»Eine Geschichte, die so spannend und unterhaltsam verpackt ist, verdient es unbedingt, gelesen zu werden.«, Radio Bremen, 22.01.2016
 
»David Lagercrantz kann schreiben, das wissen seine Fans längst. >Der Sündenfall von Wilmslow< ist eine perfekte Mischung aus Kriminalroman und Zeitgeschichte«, NÖN Brucker (A), 20.01.2016
 
»ein Porträt der britischen Gesellschaft der 50er-Jahre«, sda (CH), 19.01.2016
 
»spannende Mischung von Fakten und Fiktion«, Hellweger Anzeiger, 16.01.2016
 
»>Der Sündenfall von Wilmslow< ist eine gekonnte Mischung aus Krimi und Wissenschaft.«, Kurier Wien (A), 16.01.2016
 
»vielschichtiger, atemberaubend spannender Roman«, Buch-Magazin
 
»>Der Sündenfall von Wilmslow< mischt auf intelligente, subtile Weise Fakt und Fiktion, unterfüttert mit solider Recherche, und erweist einem Unangepassten, der für seinen Lebensstil mit dem Tod bezahlte, seine Referenz.«, Buchkultur

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