Alles okay

 
 
Hanser (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-26543-1 (ISBN)
 
Poetisch und einfühlsam schreibt Nina LaCour über Einsamkeit, Freundschaft und "über eine zerbrechliche, aber zutriefst menschliche Welt" (New York Times).

Ein Roman über das Erwachsenwerden, so berührend und großartig, dass man kaum atmen kann. Eine schmerzlich schöne Darstellung von Trauer und ein Lobgesang auf die Kraft der Wahrheit. Marin hat alles hinter sich zurückgelassen, ist Tausende Kilometer geflohen vor ihrem alten Leben, vor dem Verlust ihres geliebten Großvaters. Doch eines Tages steht plötzlich ihre beste Freundin Mabel vor der Tür. Und mit ihr all die Erinnerungen an zu Hause, an Sommernächte am Strand. Mit ihrer Beharrlichkeit gelingt es Mabel, Marin aus ihrem Kokon der Einsamkeit zu befreien. Und Marin begreift, dass sie eine Wahl hat: weiter im Verdrängen zu verharren oder zu ihren Freunden und ins Leben zurückzukehren.
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Nina LaCour lebt mit ihrer Familie in der Bay Area nahe San Francisco, wo sie auch aufgewachsen ist. Aus ihrer Abschlussarbeit am College entstand ihr erster Jugendroman. Ihre Bücher sind in den USA Bestseller und wurden vielfach ausgezeichnet. Alles okay gewann 2018 den Michael L. Printz Award und ist ihr erstes Jugendbuch bei Hanser (2019). Nina LaCour arbeitete als Buchhändlerin und Englischlehrerin, und unterrichtet heute u. a. an der Hamline University. In ihrer Freizeit kocht und gärtnert sie gern, außerdem liebt sie Ausflüge durch den Norden Kaliforniens.

Kapitel eins


Bevor Hannah ging, fragte sie noch einmal, ob wirklich alles okay sei. Sie hatte schon eine Stunde vertrödelt, seit das College über Weihnachten für vier Wochen seine Pforten schloss, und bis auf den Hausmeister waren längst alle weg. Sie hatte einen Stapel Wäsche gefaltet, eine E-Mail geschrieben, in ihrem dicken Psychologie-Buch die Antworten auf die letzten Prüfungsfragen nachgeschlagen. Irgendwann hatte sie keine Ausreden mehr, und als ich sagte: »Ja, es ist wirklich alles okay«, blieb ihr nichts anderes übrig, als mir zu glauben.

Ich half ihr, das Gepäck nach unten zu tragen. An der Tür umarmte sie mich kurz und förmlich und sagte: »Am 28. kommen wir von meiner Tante zurück. Steig doch in den Zug und besuch mich, dann gehen wir ins Theater.«

Ich sagte Ja, ohne zu wissen, ob ich es tatsächlich so meinte. Dann ging ich in unser Zimmer zurück und fand den Briefumschlag, den sie mir aufs Kissen gelegt hatte.

Und jetzt, allein im Wohnheim, starre ich meinen Namen in Hannahs hübscher Handschrift an und versuche, mich von so einer Kleinigkeit nicht aus der Fassung bringen zu lassen.

Ich schätze, mit Umschlägen habe ich ein Problem. Ich will ihn nicht öffnen. Nicht mal anfassen. Obwohl ich genau weiß, dass er etwas Nettes enthält. Eine Weihnachtskarte. Mit eingedrucktem Gruß oder mit einer persönlichen Nachricht. Auf jeden Fall völlig harmlos.

Eigentlich ist auch das Wohnheim vier Wochen geschlossen, aber meine Betreuerin hat mir geholfen, eine Sondererlaubnis zu bekommen, damit ich hierbleiben darf. Die College-Leitung war nicht sehr begeistert. Haben Sie keine Familie?, haben sie gefragt. Oder Freunde, bei denen Sie die Ferien verbringen können? - Ich wohne jetzt hier, habe ich geantwortet. Bis ich meinen Abschluss habe, ist das mein Zuhause. Irgendwann haben sie nachgegeben, und vor ein paar Tagen lag ein Brief der Hausverwaltung vor der Tür, in dem stand, dass der Hausmeister während der Ferien da sei, und seine Telefonnummer. Falls Sie irgendetwas brauchen, melden Sie sich bei ihm.

Was ich brauche: die Sonne Kaliforniens. Ein glaubwürdigeres Lächeln.

Ohne die Geräuschkulisse wirkt das Wohnheim seltsam und fremd - ohne die Stimmen der anderen, die laufenden Fernseher und Wasserhähne, die rauschenden Toiletten, die summenden und piependen Mikrowellen, das Poltern von Schritten und das Schlagen von Türen. Ich bin seit drei Monaten hier, und zum ersten Mal nehme ich das Geräusch der Heizung wahr.

Es klickt: ein Schwall Wärme.

Heute Nacht bin ich allein. Morgen kommt Mabel für drei Tage, und danach bin ich wieder allein, bis Mitte Januar.

»Wenn ich einen Monat lang allein wäre«, hat Hannah gestern gesagt, »würde ich Meditieren üben. Es ist klinisch erwiesen, dass Meditieren den Blutdruck senkt und die Hirnaktivität erhöht. Meditieren stärkt sogar die Abwehrkräfte.« Ein paar Minuten später hatte sie ein Buch aus dem Rucksack gezogen. »Das habe ich neulich in der Buchhandlung entdeckt. Wenn du willst, kannst du es zuerst lesen.« Sie warf es auf mein Bett. Es war eine Essay-Sammlung über die Einsamkeit.

Ich weiß, warum Hannah sich Sorgen macht. Als ich hier auftauchte, war mein Großvater erst seit zwei Wochen tot. Ich trat durch die Tür - eine verstörte, verwahrloste Fremde -, und jetzt bin ich jemand, den sie kennt, und das soll auch so bleiben. Ihretwegen und meinetwegen.

Erst eine Stunde vergangen, und schon ist die erste Versuchung da: Das Bett lockt mit der warmen Decke, den Kissen und der Kunstpelzstola, die Hannahs Mutter nach einem Wochenendbesuch hier vergessen hat. Sie flüstern: Komm rein. Keiner merkt, wenn du den ganzen Tag im Bett bleibst. Keiner merkt, wenn du den ganzen Monat dieselbe Jogginghose anhast, vor dem Fernseher isst und das T-Shirt als Serviette benutzt. Wenn du denselben Song auf Repeat hörst, bis der Klang sich auflöst, und du den Winter verschläfst.

Ich muss nur noch Mabels Besuch hinter mich bringen, dann kann ich genau das tun. Twitter durchscrollen, bis alles vor meinen Augen verschwimmt, ins Bett fallen wie eine schwindsüchtige Romanheldin. Ich kann mir eine Flasche Whiskey besorgen (auch wenn ich Gramps versprochen habe, dass ich die Finger davon lasse), mich von innen aufwärmen, die Grenzen des Zimmers aufweichen und die Erinnerungen von der Leine lassen.

Vielleicht höre ich ihn wieder singen, wenn alles andere still ist.

Genau davor wollte Hannah mich retten.

Die Essay-Sammlung ist ein Taschenbuch mit indigoblauem Umschlag. Ich schlage das Motto auf, ein Zitat von Wendell Berry: Im Kreise des Menschlichen erschöpft uns das ewige Streben und lässt uns nie zur Ruhe kommen. Mein persönlicher Kreis des Menschlichen hat vor der beißenden Kälte Reißaus genommen, hat sich in Elternhäuser, vor prasselnde Kamine und an tropische Ziele geflüchtet, von wo sie in Bikini und Nikolausmütze Weihnachtsgrüße verschicken. Ich bemühe mich, Mr Berry beim Wort zu nehmen und in ihrer Abwesenheit eine Chance zu sehen.

Im ersten Essay geht es um die Natur, von einem Autor, den ich nicht kenne und der seitenlang über einen See schreibt. Zum ersten Mal seit langer Zeit vertiefe ich mich in eine Landschaftsbeschreibung. Er beschreibt die Wellen, das Glitzern auf dem Wasser, die Kiesel am Strand. Dann spricht er von Auftrieb und Schwerelosigkeit; damit kenne ich mich aus. Wenn ich den Schlüssel zum Schwimmbad hätte, würde ich der eisigen Kälte trotzen. Der einsame Monat wäre viel leichter zu überstehen, wenn ich morgens und abends ein paar Bahnen ziehen könnte. Aber das Schwimmbad ist geschlossen. Also lese ich weiter. Der Autor schlägt vor, dass wir die Natur als einen Weg verstehen, allein zu sein. Er sagt, die Seen und Wälder liegen in unserem Kopf. Wir müssen nur die Augen schließen, um zu ihnen zu gelangen. 

Ich schließe die Augen. Die Heizung klickt und schaltet sich aus. Ich warte ab, was mir in den Sinn kommt.

Langsam taucht etwas auf: Sand. Strandgras und Strandglas. Möwen und Sanderlinge. Das Rauschen und dann - schneller - der Anblick der Wellen, die brechen, sich zurückziehen, sich im Meer und im Himmel auflösen. Ich schlage die Augen auf. Es ist zu viel.

Vor dem Fenster scheint silbern der Mond. Die Schreibtischlampe, die mein Blatt beleuchtet, ist das einzige Licht in den hundert Zimmern dieses Gebäudes. Ich mache eine Liste für die Zeit nach Mabels Besuch.

Jeden Morgen New York Times online lesen

Lebensmittel einkaufen

Suppe kochen

Mit dem Bus ins Einkaufszentrum / zur Bibliothek / zum Café fahren

Über Einsamkeit lesen

Meditieren

Dokumentarfilme im Internet sehen

Podcasts hören

Neue Musik finden .

Ich fülle den Wasserkocher im Bad, um mir eine japanische Tütensuppe zu machen. Beim Essen lade ich ein Hörbuch über Meditieren für Anfänger herunter. Ich drücke auf Play. Meine Gedanken schweifen ab.

Später versuche ich zu schlafen, aber ich kann meine Gedanken nicht abstellen. Alles vermischt sich: Hannah, die über Meditieren und Broadway-Shows spricht. Der Hausmeister, und ob ich etwas brauche. Mabel, die plötzlich hier auftaucht und irgendwie wieder Teil meines Lebens wird. Ich weiß nicht einmal, wie ich das Wort Hallo über die Lippen bringen soll. Ich weiß nicht, was ich mit meinem Gesicht machen soll: ob ich ein Lächeln hinkriege, ob ein Lächeln überhaupt angebracht ist. Und die ganze Zeit klickt die Heizung, geht an und aus, immer lauter, je müder ich werde.

Ich mache die Nachttischlampe wieder an und greife nach dem Buch.

Vielleicht versuche ich es noch einmal mit der Übung und bleibe diesmal auf festem Boden. Ich denke an die Redwood-Bäume, die so riesig sind, dass wir es kaum zu fünft mit ausgestreckten Armen geschafft haben, einen Stamm zu umfassen. Unter den Bäumen wuchsen Blumen und Farne, und die Erde war feucht und schwarz. Aber ich kann mich nicht darauf verlassen, dass meine Gedanken bei den Redwoods bleiben. Die Bäume hier, draußen unter dem Schnee, habe ich noch nie umarmt. Hier ist meine Geschichte erst drei Monate alt. Besser, ich bleibe in der Gegenwart.

Also stehe ich auf und ziehe mir eine Jogginghose über die Leggings und einen dicken Pullover über den Rollkragenpulli. Dann nehme ich den Schreibtischstuhl, trage ihn zum Aufzug und drücke den obersten Knopf. Oben im Turm ist es immer still, selbst ...

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