Geschichte des Fräuleins von Sternheim

Band 92
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. August 2020
  • |
  • 300 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7526-9291-4 (ISBN)
 
Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim gilt als erster deutschsprachiger Roman, der von einer Frau verfasst wurde.
Der Roman, erzählt in Form von Briefen, die hauptsächlich von Fräulein von Sternheim selbst stammen, wurde mit seinem Erscheinen im Jahr 1771 zu einem großen Erfolg und machte seine Autorin Sophie von La Roche mit einem Schlag zu einer bedeutenden Schriftstellerin.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,58 MB
978-3-7526-9291-4 (9783752692914)
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Marie Sophie von La Roche geb. Gutermann von Gutershofen wurde am 6. Dezember 1730 in Kaufbeuren geboren und verstarb am 18. Februar 1807 in Offenbach am Main, Sie war eine deutsche Schriftstellerin und gilt zudem als erste finanziell unabhängige Berufsschriftstellerin in Deutschland.

Erster Teil


Sie sollen mir nicht danken, meine Freundin, daß ich so viel für Sie abschreibe. Sie wissen, daß ich das Glück hatte, mit der vortrefflichen Dame erzogen zu werden, aus deren Lebensbeschreibung ich Ihnen Auszüge und Abschriften von den Briefen mitteile, welche Mylord Seymour von seinen englischen Freunden und meiner Emilia sammelte. Glauben Sie, es ist ein Vergnügen für mein Herz, wenn ich mich mit etwas beschäftigen kann, wodurch das geheiligte Andenken der Tugend und Güte einer Person, welche unserm Geschlechte und der Menschheit Ehre gemacht, in mir erneuert wird.

Der Vater meiner geliebten Lady Sidney war der Oberste von Sternheim, einziger Sohn eines Professors in W., von welchem er die sorgfältigste Erziehung genoß. Edelmut, Größe des Geistes, Güte des Herzens, waren die Grundzüge seines Charakters. Auf der Universität L. verband ihn die Freundschaft mit dem jüngern Baron von P. so sehr, daß er nicht nur alle Reisen mit ihm machte, sondern auch aus Liebe zu ihm mit in Kriegsdienste trat. Durch seinen Umgang und durch sein Beispiel wurde der vorher unbändige Geist des Barons so biegsam und wohldenkend, daß die ganze Familie dem jungen Mann dankte, der ihren geliebten Sohn auf die Wege des Guten gebracht hatte. Ein Zufall trennte sie. Der Baron mußte nach dem Tode seines ältern Bruders die Kriegsdienste verlassen und sich zu Übernehmung der Güter und Verwaltung derselben geschickt machen. Sternheim, der von Offizieren und Gemeinen auf das vollkommenste geehrt und geliebt wurde, blieb im Dienste und erhielt darin von dem Fürsten die Stelle eines Obersten und den Adelstand. »Ihr Verdienst, nicht das Glück hat Sie erhoben«, sagte der General, als er ihm im Namen des Fürsten in Gegenwart vieler Personen das Obersten-Patent und den Adelsbrief überreichte; und nach dem allgemeinen Zeugnisse waren alle Feldzüge Gelegenheiten, wo er Großmut, Menschenliebe und Tapferkeit in vollem Maß ausübte.

Bei Herstellung des Friedens war sein erster Wunsch, seinen Freund zu sehen, mit welchem er immer Briefe gewechselt hatte. Sein Herz kannte keine andere Verbindung. Schon lange hatte er seinen Vater verloren; und da dieser selbst ein Fremdling in W. gewesen war, so blieben seinem Sohne keine nahe Verwandte von ihm übrig. Der Oberste von Sternheim ging also nach P., um daselbst das ruhige Vergnügen der Freundschaft zu genießen. Der Baron P., sein Freund, war mit einer liebenswürdigen Dame vermählt und lebte mit seiner Mutter und zwoen Schwestern auf den schönen Gütern, die ihm sein Vater zurückgelassen, sehr glücklich. Die Familie von P., als eine der angesehensten in der Gegend, wurde von dem zahlreichen benachbarten Adel öfters besucht. Der Baron P. gab wechselsweise Gesellschaft und kleine Feste; die einsamen Tage wurden mit Lesung guter Bücher, mit Bemühungen für die gute Verwaltung der Herrschaft und mit edler anständiger Führung des Hauses zugebracht.

Zuweilen wurden auch kleine Konzerte gehalten, weil das jüngere Fräulein das Klavier, die ältere aber die Laute spielte und schön sang, wobei sie von ihrem Bruder mit etlichen von seinen Leuten akkompagniert wurde. Der Gemütszustand des ältern Fräuleins störte dieses ruhige Glück. Sie war das einzige Kind, welches der Baron P. mit seiner ersten Gemahlin, einer Lady Watson, die er auf einer Gesandtschaft in England geheuratet, erzeugt hatte. Dieses Fräulein schien zu aller sanften Liebenswürdigkeit einer Engländerin auch den melancholischen Charakter, der diese Nation bezeichnet, von ihrer Mutter geerbt zu haben. Ein stiller Gram war auf ihrem Gesichte verbreitet. Sie liebte die Einsamkeit, verwendete sie aber allein auf fleißiges Lesen der besten Bücher, ohne gleichwohl die Gelegenheiten zu versäumen, wo sie, ohne fremde Gesellschaft, mit den Personen ihrer Familie allein sein konnte.

Der Baron, ihr Bruder, der sie zärtlich liebte, machte sich Kummer für ihre Gesundheit, er gab sich alle Mühe, sie zu zerstreuen und die Ursache ihrer rührenden Traurigkeit zu erfahren.

Etlichemal bat er sie, ihr Herz einem treuen zärtlichen Bruder zu entdecken. Sie sah ihn bedenklich an, dankte ihm für seine Sorge und bat ihn mit tränenden Augen, ihr ihr Geheimnis zu lassen und sie zu lieben. Dieses machte ihn unruhig. Er besorgte, irgendein begangener Fehler möchte die Grundlage dieser Betrübnis sein, beobachtete sie in allem auf das genaueste, konnte aber keine Spur entdecken, die ihn zu der geringsten Bestärkung einer solchen Besorgnis hätte leiten können.

Immer war sie unter seinen oder ihrer Mutter Augen, redete mit niemand im Hause und vermied alle Arten von Umgang. Einige Zeit überwand sie sich und blieb in Gesellschaft; und eine ruhige Munterkeit machte Hoffnung, daß der melancholische Anfall vorüber wäre.

Zu diesem Vergnügen der Familie kam die unvermutete Ankunft des Obersten von Sternheim, von welchem diese ganze Familie so viel reden gehört und in seinen Briefen die Vortrefflichkeit seines Geistes und Herzens bewundert hatte. Er überraschte sie abends in ihrem Garten; die Entzückung des Barons, und die neugierige Aufmerksamkeit der übrigen, ist nicht zu beschreiben. Es währte auch nicht lange, so flößte sein edles liebreiches Betragen dem ganzen Hause eine gleiche Freude ein.

Der Oberste wurde als ein besonderer Freund des Hauses bei allen Bekannten vom Adel aufgeführt und kam in alle ihre Gesellschaften.

In dem Hause des Barons machte er die Erzählung seines Lebens, worin er ohne Weitläuftigkeit das Merkwürdige und Nützliche, was er gesehen, mit vieler Anmut und mit dem männlichen Tone, der den weisen Mann und den Menschenfreund bezeichnet, vortrug. Ihm wurde hingegen das Gemälde vom Landleben gemacht, wobei bald der Baron von den Vorteilen, welche die Gegenwart des Herrn den Untertanen verschafft, bald die alte Dame von demjenigen Teil der ländlichen Wirtschaft, der die Familienmutter angeht, bald die beiden Fräulein von den angenehmen Ergötzlichkeiten sprachen, die das Landleben in jeder Jahrszeit anbietet. Auf diese Abschilderung folgte diese Frage:

»Mein Freund, wollten Sie nicht die übrigen Tage Ihres Lebens auf dem Lande zubringen?«

»Ja, lieber Baron! aber es müßte auf meinen eignen Gütern und in der Nachbarschaft der Ihrigen sein.«

»Das kann leicht geschehen, denn es ist eine kleine Meile von hier ein artiges Gut zu kaufen; ich habe die Erlaubnis hinzugehen, wenn ich will; wir wollen es morgen besehen.«

Den Tag darauf ritten die beiden Herren dahin, in Begleitung des Pfarrers von P., eines sehr würdigen Mannes, von welchem die Damen die Beschreibung des rührenden Auftritts erhielten, der zwischen den beiden Freunden vorgefallen war.

Der Baron hatte dem Obersten das ganze Gut gewiesen und führte ihn auch in das Haus, welches gleich an dem Garten und sehr artig gelegen war. Hier nahmen sie das Frühstück ein.

Der Oberste bezeugte seine Zufriedenheit über alles, was er gesehen, und fragte den Baron: ob es war sei, daß man dieses Gut kaufen könne?

»Ja, mein Freund; gefällt es Ihnen?«

»Vollkommen; es würde mich von nichts entfernen, was ich liebe.«

»O wie glücklich bin ich, teurer Freund«, sagte der Baron, da er ihn umarmte; »ich habe das Gut schon vor drei Jahren gekauft, um es Ihnen anzubieten; ich habe das Haus ausgebessert und oft in diesem Kabinette für Ihre Erhaltung gebetet. Nun werde ich den Führer meiner Jugend zum Zeugen meines Lebens haben.«

Der Oberste wurde außerordentlich gerührt; er konnte seinen Dank und seine Freude über das edle Herz seines Freundes nicht genug ausdrücken; er versicherte ihn, daß er sein Leben in diesem Hause zubringen würde; aber zugleich verlangte er zu wissen, was das Gut gekostet habe. Der Baron mußte es sagen und es auch durch die Kaufbriefe beweisen. Der Ertrag belief sich höher, als es nach dem Ankaufsschilling sein sollte. Der Baron versicherte aber, daß er nichts als seine eigne Auslage annehmen würde.

»Mein Freund (sagte er) ich habe nichts getan, als seit drei Jahren alle Einkünfte des Guts auf die Verbesserung und Verschönerung desselben verwendet. Das Vergnügen des Gedanken: du arbeitest für die Ruhetage des Besten der Menschen; hier wirst du ihn sehen und in seiner Gesellschaft die glücklichen Zeiten deiner Jugend erneuern; sein Rat, sein Beispiel, wird zu der Zufriedenheit deiner Seele und dem Besten deiner Angehörigen beitragen. - Diese Gedanken haben mich belohnt.«

Wie sie nach Hause kamen, stellte der Baron den Obersten als einen neuen Nachbar seiner Frau Mutter und seinen Schwestern vor. Alle wurden sehr froh über die Versicherung, seinen angenehmen Umgang auf immer zu genießen.

Er bezog sein Haus sogleich, als er Besitz von der kleinen Herrschaft genommen hatte, die nur aus zweien Dörfern bestund. Er gab auch ein Festin für die kleine Nachbarschaft, fing gleich darauf an zu bauen, setzte noch zween schöne Flügel an beide Seiten des Hauses, pflanzte Alleen und einen artigen Lustwald, alles in...

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