Der Riss im Raum

 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-99237-4 (ISBN)
 

Kaum sind Meg, ihr Bruder Charles Wallace und Calvin von ihrer Reise durchs Universum zurückgekehrt, wartet auch schon das nächste Abenteuer. Charles ist davon überzeugt, dass im Gemüsebeet Drachen hausen. Meg glaubt, dass Charles' Fantasie nach den Strapazen in der Schule etwas mit ihm durchgeht. Charles' Mitschüler können nämlich nichts mit seinem Genie anfangen und mobben ihn. Als im Garten aber tatsächlich ein Cherub und sein Lehrmeister auftauchen, wird klar, dass nicht nur Charles' Leben sondern auch das Gleichgewicht des Universums gerettet werden muss: Meg und Calvin kämpfen erneut gegen die Dunkelheit und stellen fest, dass selbst ein Kampf auf der kleinsten Ebene den Ausschlag gibt, ob das Universum noch gerettet werden kann ...

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978-3-492-99237-4 (9783492992374)
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Madeleine L'Engle, geboren 1918 in New York, zählt zu den berühmtesten und erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen der Welt. Ihr magischer Abenteuerroman »Das Zeiträtsel« erschien erstmals 1962 unter dem Titel »Die Zeitfalte«, wurde weltweit millionenfach verkauft und ist ein Klassiker, der bis heute Generationen von Kindern und Eltern fasziniert. Madeleine L'Engle starb 2007 in ihrer amerikanischen Heimat.

 

Charles Wallace und die Drachen


»Im Gemüsegarten der Zwillinge sind Drachen.«

Meg Murry war soeben aus der Schule gekommen; ihr Kopf steckte im Kühlschrank, wo sie nach Essbarem forschte. Überrascht blickte sie ihren sechsjährigen Bruder an. »Was sagst du da?«

»Im Gemüsegarten der Zwillinge sind Drachen. Besser gesagt: Dort waren sie. Jetzt dürften sie auf der oberen Wiese sein.«

Meg erwiderte nichts darauf. Es war nie ratsam, auf eine ungewöhnliche Bemerkung von Charles Wallace mit einer vorschnellen Antwort zu reagieren. Sie wandte sich wieder dem Kühlschrank zu. »Ach ja, Tomaten und Kopfsalat. Und ich hatte schon gehofft, es gibt zur Abwechslung einmal etwas atemberaubend Neues.«

»Meg, hörst du mir überhaupt zu?«

»Natürlich höre ich dir zu. Hm, ich nehme doch lieber Leberwurst und Streichkäse.«

Sie holte außerdem eine frische Milchpackung aus dem Kühlschrank und stellte alles auf den Tisch.

Charles Wallace wartete geduldig.

Bei seinem Anblick wurde sie wider Willen ärgerlich: Der Riss in den Jeans, gleich über dem Knie, war brandneu. Das Hemd hatte satte Schmutzspuren und die Beule unter dem linken Auge nahm allmählich eine dunkle Färbung an.

»Also, wann haben die großen Jungs dich denn heute erwischt?«, schnaubte Meg. »Erst auf dem Schulhof oder gleich, als du aus dem Bus kamst?«

»Meg, du hörst mir nicht zu.«

»Tut mir leid, aber ich mache mir wirklich Sorgen um dich. Jetzt bist du knapp zwei Monate in der Schule, und keine einzige Woche vergeht, ohne dass dich jemand windelweich prügelt. Kein Wunder, wenn du zum Beispiel überall erzählst, dass in unserem Garten angeblich Drachen herumspazieren.«

»Tu ich doch gar nicht. Hältst du mich denn für blöd? Außerdem habe ich die Drachen erst jetzt entdeckt.«

Meg konnte rasch zornig werden, wenn sie etwas aus der Fassung brachte. Nun ließ sie ihre Wut an dem Sandwich aus: »Wann kauft Mom endlich ordentlichen Käse? Dieses harte Zeug lässt sich beim besten Willen nicht aufs Brot streichen. - Wo ist sie eigentlich?«

»Im Labor. Sie hat ein Experiment laufen; ich soll dir sagen, dass sie bald kommt.«

»Und Dad?«

»L. A. hat angerufen und daraufhin musste Dad für ein paar Tage nach Washington.«

Dass er so oft ins Weiße Haus gerufen wurde, blieb in der Schule am besten ebenso unerwähnt wie die Drachen im Garten. Der einzige Unterschied war, dass Dads Dienstreisen nicht auf reiner Einbildung beruhten.

Charles Wallace spürte Megs Zweifel. »Wenn ich die Drachen aber doch gesehen habe!«, beharrte er. »Sobald du gegessen hast, kannst du dich selbst davon überzeugen.«

»Wo sind Sandy und Dennys?«

»Beim Fußballtraining. Außer dir habe ich noch keinem etwas davon erzählt.« Auf einmal wirkte er hilflos wie ein kleines Kind: »Warum kommt dein Schulbus erst so spät? Ich habe ewig auf dich gewartet.«

Meg holte nun doch den Salat aus dem Kühlschrank. Genau genommen wollte sie nur Zeit zum Überlegen gewinnen - obwohl Charles Wallace ihre Gedanken jetzt ebenso erriet wie zuvor ihre Zweifel an der Existenz der Drachen.

Was hatte er da draußen bloß gesehen? Äußerst ungewöhnlich musste es jedenfalls gewesen sein, so viel stand fest.

Charles Wallace sah schweigend zu, wie sie die Brote strich, beide Scheiben exakt Kante an Kante aufeinanderlegte und sie in genau gleiche Streifen schnitt. »Ich frage mich, ob Herr Jenkins jemals Drachen sehen könnte.«

Jenkins war der Leiter der örtlichen Grundschule und Meg hatte ihre Schwierigkeiten mit ihm. Von Jenkins war kaum zu erwarten, dass ihn die Leiden von Charles Wallace kümmerten oder dass er bereit war, in eine Entwicklung einzugreifen, die seiner Meinung nach nur »ein gesunder demokratischer Prozess« war.

»Jenkins glaubt an das Gesetz des Dschungels«, sagte sie mit vollem Mund. »Gibt es eigentlich Drachen im Dschungel?«

Charles Wallace trank seine Milch aus. »Kein Wunder, dass du in Naturkunde so schwach bist! Jetzt iss endlich und hör auf, herumzutrödeln. Wir wollen doch nachsehen, ob die Drachen noch da sind.«

Sie gingen über die Wiese. Fortinbras, der große schwarze Hund, kam mit und schnüffelte und scharrte genüsslich an den herbstlichen Überresten im Rhabarberbeet herum. Meg stolperte über ein Krockettor und schnaubte ärgerlich, denn sie selbst hatte nach dem letzten Match die Schläger und Tore weggeräumt und dieses eine offenbar übersehen.

Eine Reihe Berberitzen trennte den Krocketrasen vom Gemüsegarten der Zwillinge Sandy und Dennys.

Fortinbras sprang über die Hecke. Meg rief automatisch: »Nicht in den Garten, Fort!«, und der große Hund trat zwischen Kohlköpfen und Brokkoli vorsichtig den Rückzug an. Die Zwillinge waren mit Recht stolz auf ihr Grünzeug, das sie im Dorf verkauften, um sich ihr Taschengeld aufzubessern.

»Ein Drache könnte hier gewaltigen Schaden anrichten«, stellte Charles Wallace fest und ging voran durch die Gemüsebeete. »Ich glaube, das wurde ihm auch bewusst, denn auf einmal war er irgendwie fort.«

»Was heißt, er war irgendwie fort? Entweder war er da oder er war nicht da.«

»Er war da; aber als ich näher kam, verschwand er. Also ging ich ihm nach - vielmehr: Ich folgte ihm dorthin, wo er sich verzogen hatte, zu den beiden Felsen auf der oberen Wiese.«

Meg blickte sich misstrauisch im Garten um. Noch nie hatte Charles Wallace derart Unglaubliches behauptet.

»Komm!«, forderte er sie auf und zwängte sich an den Maisstauden vorbei, die schon ziemlich zerrupft dastanden. Dahinter reckten die Sonnenblumen ihre braungoldenen Blütenkränze der tief stehenden Nachmittagssonne entgegen.

»Charles, ist etwas mit dir nicht in Ordnung?«, fragte Meg. Dass er die seltsamsten Dinge erkennen konnte, wusste sie; aber noch nie hatte er die Grenzen zwischen Wirklichkeit und reiner Einbildung verkannt. Auch bemerkte sie erst jetzt, wie schwer und stoßweise er atmete, als sei er gelaufen - dabei waren sie doch eher geschlendert. Sein Gesicht wirkte blass, auf seiner Stirn standen Schweißtropfen, wie nach übermäßiger Anstrengung. Sein Aussehen gefiel ihr gar nicht. Aber zunächst war diese seltsame Geschichte zu klären.

»Charles, wann hast du die vermeintlichen Drachen gesehen?«

»Es war eine ganze Herde. Oder sagt man: eine Schar? Ein Rudel?« Er keuchte heftig. »Als ich von der Schule kam. Mom war einigermaßen nervös, weil ich so ramponiert aussah. Außerdem blutete ich stark aus der Nase.«

»Mich machst du auch einigermaßen nervös.«

»Ja, Meg, aber Mom geht es dabei nicht nur um die Großen, die mich verdreschen.«

»Sondern?«

Charles Wallace hatte Mühe, über die Steinmauer zu klettern, die den Obstgarten umgab; er wirkte geradezu ungeschickt.

»Sie macht sich Sorgen, weil ich so schnell außer Atem komme.«

»Und worauf führt sie das zurück?«, fragte Meg ängstlich.

Charles schlurfte langsam durch das hohe Gras. »Sie spricht mit mir nicht darüber. Ich nehme bloß ihre - ihre unbewussten Signale auf.«

Sie gingen jetzt Seite an Seite. Meg war groß für ihr Alter, er klein für das seine; sie gaben ein ungleiches Paar ab.

»Manchmal glaube ich, es wäre besser, du würdest nicht so empfänglich für diese Signale sein.«

»Das klappt nicht. Ich tu's doch nicht mit Absicht, Meg. Es kommt ganz von selbst. Mom meint, irgendetwas ist mit mir nicht in Ordnung.«

»Aber was?«, rief sie.

»Das weiß ich nicht.« Charles sprach ganz leise. »Jedenfalls ist es so arg, dass ihre Angstsignale voll zu mir herüberkommen. Und ich spüre ja selbst, dass mit mir etwas nicht stimmt. Es ist schon anstrengend, so wie jetzt durch den Garten zu gehen, und das ist bedenklich. Diese Beschwerden hatte ich noch nie.«

»Seit wann spürst du sie?«, wollte Meg wissen. »Bei unserer Wanderung am Wochenende warst du doch noch ganz fit.«

»Stimmt. Also, ich bin schon den ganzen Herbst irgendwie - müde; aber wirklich schlimm wurde das erst im Lauf der Woche; und heute geht es mir wesentlich schlechter als gestern . He, Meg, hör auf, dir Vorwürfe zu machen, weil du bisher nichts bemerkt hast!«

Wieder hatte er ihre Gedanken erraten! Plötzlich wurde ihr ganz kalt vor Angst, und rasch versuchte sie, dieses Gefühl wieder abzuschütteln, denn Charles konnte in ihren Empfindungen noch deutlicher lesen als in Moms Sorgen.

Er hob einen Apfel auf, der im Gras lag, versicherte sich, dass er nicht wurmig war, und biss herzhaft hinein.

Die Sonnenbräune täuschte; sein Teint war fahl. Warum waren ihr auch nie die Schatten unter seinen Augen aufgefallen? Weil sie alle Symptome absichtlich übersehen hatte! Es war bequemer gewesen, seine Blässe und die Lethargie den Problemen zuzuschreiben, die er seit dem Schuleintritt hatte.

»Warum fragt Mom nicht einen Arzt?«

»Hat sie doch schon.«

»Wann?«

»Heute.«

»Und das sagst du mir erst jetzt?«

»Die Drachen waren mir wichtiger.«

»Charles!«

»Bevor du von der Schule gekommen bist, war Dr. Louise Colubra bei uns und aß mit Mom zu Mittag. Sie taucht in letzter Zeit übrigens häufig auf .«

»Weiß ich doch. Weiter!«

»Tja, sie nahm mich von Kopf bis Fuß unter die Lupe.«

»Und was sagt sie?«

»Nicht viel. Ich kann sie nämlich nicht so ohne Weiteres durchschauen wie Mom. Sie ist wie ein kleiner Vogel: Ständig...

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