Dunkle Tage

Ein Kriminalroman aus dem Berlin der Weimarer Republik
 
 
neobooks Self-Publishing
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. Januar 2018
  • |
  • 252 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7427-5389-2 (ISBN)
 
Berlin, 1920. Soziales Elend, politische Richtungskämpfe, Ungewissheit. Inmitten der Nachkriegswirren wird Philosophieprofessor Hendrik Lilienthal zu den Ermittlungen zum Mord an Max Unger hinzugezogen, einem Industriellen und Kriegsgewinnler, der für seine rabiaten Methoden bekannt war. Sein Tod lässt denn auch mehr Sektkorken knallen als Tränen fließen. Verdächtige gibt es zuhauf: Die Brüder des Opfers, die eigene Pläne mit dem Unger'schen Konzern verfolgen. Eine Arbeiterfamilie, der Max Unger das Leben zur Hölle gemacht hat. Freikorps und reaktionäre Militärkreise, die einen Putsch gegen die junge Republik planen. Oder besteht gar eine Verbindung zu den jüngst verübten Morden an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht? Gegen seinen Willen lässt sich Hendrik immer tiefer in die Ermittlungen hineinziehen. Eine Verbündete findet er in der Physikstudentin Diana Escher, der Nichte des Toten. Bewaffnet mit dem Witz der Philosophie und den Gesetzen der Naturwissenschaft stellen sie auf eigene Faust Nachforschungen an, die sie in die barbarischen Wohnverhältnisse der Mietskasernen Berlins, in unternehmerische Intrigen und in die Schusslinie der Putschisten führen.
  • Deutsch
  • 0,88 MB
978-3-7427-5389-2 (9783742753892)
3742753894 (3742753894)
Nach vierzehn Jahren an deutschen Theatern, überwiegend als Regieassistent, arbeitet Gunnar Kunz heute als freiberuflicher Autor, ein Ziel, das er seit seinem zehnten Lebensjahr verfolgt. Seine Veröffentlichungen umfassen Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Musicals, Hörspiele und Liedertexte. Ein zweijähriger Aufenthalt in Schottland hat sein Liebe für dieses Land geweckt, das seither seine zweite Heimat geworden ist. 2010 wurde er für den Literaturpreis Wartholz nominiert.

II



Freitag, 12. - Montag, 15. März 1920


Noch niemals haben die Vorkämpfer des Geistes so inbrünstig die gepanzerte Faust geküsst.

Georg Friedrich Nicolai



12


Jemand rief seinen Namen, was Hendrik veranlasste, sich umzudrehen. Überrascht erkannte er, wer ihm da in den Ehrenhof der Universität folgte. »Anton! Musst du nicht in der Schule sein?«

Der Junge war vom Laufen außer Atem. »Da geh' ick nich' hin, solange meine Mutter im Gefängnis is'«, stieß er hervor. »Sie is' unschuldig. Bitte, helfen Sie uns.«

»Du überschätzt meine Möglichkeiten. Ich bin kein Kriminalist.«

»Ihr Bruder is' Polizist. Bitte, Sie glauben doch, dass meine Mutter unschuldig is', nich' wahr?«

Es fiel Hendrik schwer, dem Jungen in die Augen zu sehen. »Ich muss zugeben, es gibt eine Menge Dinge, die mir seltsam vorkommen. Aber man hat ihre Fingerabdrücke auf dem Messer gefunden, das ist ein schwerwiegendes Indiz.«

»Sie is' unschuldig«, beharrte Anton. »Wenn sie wütend is', sagt sie manchmal so Sachen, dass sie wen umbringt und so, aber sie würde das nie tun. Bitte!«

Der Appell verfehlte seine Wirkung nicht, zumal Hendrik überzeugt war, dass sein Bruder die falsche Person festgenommen hatte. Auch wenn er sich nicht erklären konnte, wie die Fingerabdrücke auf die Tatwaffe gekommen waren; es gab zu viele Ungereimtheiten in dem Fall.

Da war einmal die offenkundige Frage: Wer war der mysteriöse Absender des Päckchens, und was für ein Ziel verfolgte er damit? Warum verbarg er seine Identität? Natürlich war es denkbar, dass der Unbekannte mit den Broschecks auf vertrautem Fuß stand und fürchtete, für seine Tat geächtet zu werden. Aber würde ein mittelloser Arbeiter die Belohnung ausschlagen?

Und dann: Wenn Frau Broscheck die Tat begangen hatte, warum hatte sie das Messer auf eine Weise fortgeworfen, dass jedermann es finden konnte? Panik? Reue? Sie hätte es nur im Kanal verschwinden lassen müssen, und es wäre nie entdeckt worden.

Schließlich war da noch die Frage des Blutes. Wer immer Max Unger getötet hatte, musste bis zur Halskrause voll Blut gewesen sein. Wie hatte Barbara Broscheck bis nach Neukölln gelangen können, ohne dass jemand auf sie aufmerksam wurde? Andersherum gefragt: Woher hätte sie, die kaum mehr besaß als das, was sie auf dem Leibe trug, Kleidung zum Wechseln haben sollen?

Nein, die augenblickliche Lösung des Falles befriedigte ihn keineswegs. Und es wurmte ihn, dass Gregor anscheinend keine Anstalten machte, andere Spuren zu verfolgen.

Um Zeit zu gewinnen, ging er mit Anton zum Ginkgobaum am Westflügel der Universität, wo etwas weniger Betrieb herrschte, und erkundigte sich: »Wie hast du mich gefunden?«

»Sie ham gesagt, Sie arbeiten an der Universität.«

»Wusstest du denn, wo die ist?«

»Ick . ich war noch nie so weit in Berlin, jedenfalls nich' richtig. Nur mit der Schule, im Museum. Und einmal ham wir 'n Ausflug in den Grunewald jemacht. Ich hab' Leute auf der Straße jefragt.«

Wenn Hendrik später daran zurückdachte, erkannte er, dass dies der Augenblick gewesen war, in dem er sich entschied. Letzten Endes waren es nicht die Ungereimtheiten des Mordfalls, die ihn dazu brachten, sich einzumischen. So interessant das Problem auch vom intellektuellen Standpunkt her sein mochte, die Aufklärung von Verbrechen war nicht sein Metier. Es war die Erkenntnis, dass dieser achtjährige Junge, der zeit seines Lebens kaum aus seinem Kietz herausgekommen war, einen langen Fußmarsch durch unbekanntes Terrain auf sich genommen hatte, weil er darauf vertraute, dass ein fremder Mann, der ein paar freundliche Worte über Bücher und Filme mit ihm gewechselt hatte, ihm helfen würde. Vor diesem kindlichen Glauben kapitulierte Hendriks Sarkasmus.

»Ich will dir keine Hoffnungen machen, die womöglich später enttäuscht werden«, sagte er, »du musst verstehen, dass ich in dieser Angelegenheit nicht viel zu sagen habe. Aber ich verspreche dir, nicht untätig zuzusehen, wie deine Mutter für etwas büßen muss, das sie nicht begangen hat.«

Anton strahlte, als wäre der Fall damit gelöst. Hendrik hoffte, dass er ihm nicht eines Tages ein böses Erwachen bescheren musste. »Na schön«, meinte er. »Wenn du schon mal hier bist, möchte ich dich jemandem vorstellen. Komm mit!«

Sie gingen durch die Säulenhalle des Südeingangs und den Gartenhof. Hendrik bemühte sich, dem Jungen die Befangenheit zu nehmen, indem er ihm erklärte, wie die neuen Flügelbauten dem alten Universitätsgebäude angeglichen worden waren. Anton stellte kluge Fragen. Es war ein Verbrechen, ein solches Potential brachliegen zu lassen, ein Verbrechen, das einem Mord in nichts nachstand.

»Wer is' eigentlich der Mann mit dem spitzen Bart?«, fragte der Junge unvermittelt. »Auch ein Polizist?«

»Welcher Mann?«

»Na, der Ihnen immer folgt. Soll er Sie beschützen?«

Wie angewurzelt blieb Hendrik stehen. »Ein Mann, der mir folgt? Bist du sicher?«

Anton nickte.

»Wo hast du ihn gesehen?«

»Vorhin stand er hinterm Denkmal. Und gestern hat er in eim Hauseingang jewartet, bis wir aufgehört ham zu reden, und is' Ihnen nachgegangen.«

»Wie sah er aus?«

»Wie 'n Arbeiter. Aber man konnte gleich sehen, dass er keiner war. Eher 'n Soldat.«

Hendrik fluchte innerlich. Er hatte sich gestern also nicht getäuscht! Er erinnerte sich wieder an den Mann, den der Junge beschrieb, und mit seinen schlichten Worten hatte Anton ihm zugleich klargemacht, was ihm selbst so verdächtig vorgekommen war: Die Diskrepanz zwischen der Person, als die der Mann erscheinen wollte, und der, die er offensichtlich war. Aus welchem Grund verfolgte ihn der Kerl? »Ist er noch in der Nähe?«

Suchend sah sich Anton um. »Nee.«

Hendrik bemühte sich um einen gelassenen Gesichtsausdruck. »Na ja, spielt keine Rolle. Lass uns weitergehen.« Er konnte jedoch ein unbehagliches Gefühl nicht unterdrücken, und ein Ziehen zwischen den Schulterblättern veranlasste ihn, sich ständig wachsam umzusehen.

Sie betraten die Universitätsbibliothek. Die vielen Bücher und die ehrwürdige Aura schüchterten den Jungen ein. Sein Gesicht nahm einen stumpfen Ausdruck an, ein automatischer Schutzmechanismus, der sich vermutlich schon in manch schwieriger Situation bewährt hatte.

Noah begrüßte die beiden und deutete auf einen Artikel in der Morgenausgabe des Berliner Tageblattes, in dem Minister Haenisch seiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass der Fall Nicolai nur ein Glied in einer Kette ähnlicher Vorfälle sei und höhere Lehranstalten und Universitäten die gefährlichsten Herde der gegenrevolutionären Bewegung waren. »Hast du schon gesehen?«

Hendrik nickte. Er konnte der Aussage nur zustimmen. Und wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er sich Sorgen um seinen eigenen Arbeitsplatz machte. Die gestrige Vorlesung würde nicht ohne Wirkung bleiben, so viel war sicher. Der Pedell hatte ihm bereits ausgerichtet, dass der Rektor ihn am Nachmittag zu sprechen wünschte.

Hendrik schüttelte die unangenehmen Gedanken ab und stellte seinen jungen Begleiter und den alten Mann einander vor. »Anton, das ist Noah Rosenthal, der belesenste Bibliothekar von Berlin. Er hat mehr Bücher im Kopf als andere im Regal. Noah, das ist Anton Broscheck, ein junger Mann mit viel freiem Platz im Kopf für Bücher. Ich dachte, du zeigst ihm mal ein paar unserer Schätze.«

»So, dachtest du.« Noah musterte den Jungen, auf dessen Wangen sich vor Aufregung rote Flecke abzeichneten, und zwinkerte ihm zu. »Na, dann komm mal mit, jingl! Weißt du, dass wir hier die Bibliothek der Brüder Grimm haben? Oder bist du schon zu alt für Märchen? Aber die Grimms haben ja auch Sagen herausgebracht, nicht wahr?«

In ihr Gespräch vertieft gingen die beiden durch die Regalreihen, und Hendrik stellte schmunzelnd fest, dass der Junge ihn vollkommen vergessen hatte.

Während er zurück zum Universitätsgebäude ging, arbeitete sein Hirn bereits wieder an dem Mordfall. Antons Bitte hatte im Grunde nur etwas aufgeschreckt, das die ganze Zeit unter der Oberfläche seines Verstandes geschlafen hatte.

Der Absender des Päckchens musste jemand sein, der Barbara Broscheck mit der Tatwaffe in Verbindung bringen konnte. Aber auf welche Weise? War es jemand, der sie kannte, das blutbefleckte Messer in ihrer Wohnung entdeckt und seine Schlüsse gezogen hatte? Oder wusste er gar nicht, wer sie war, sondern hatte sie in der Nähe des Tatorts beim Wegwerfen des Messers gesehen? Hatte er den Mord beobachtet? Wie man es auch drehte und wendete: Der geheimnisvolle Absender des Päckchens war eine äußerst mysteriöse Figur. Hendrik nahm sich vor, seinen Bruder bei ihrem Treffen heute Abend nachdrücklich darauf hinzuweisen.

Trotz allem ließ sich allerdings eine Tatsache nicht wegdiskutieren: Falls Barbara Broscheck unschuldig war, wie kam dann Max Ungers Blut auf ein Messer mit ihren Fingerabdrücken?

Ein Plakat am hinteren Eingang zum Universitätsgarten nahm Hendriks Aufmerksamkeit in Anspruch. Es rief zu einer Anti-Einstein-Versammlung auf, zum Boykott jüdischer Physik. Was für Dummheiten ließen sich Menschen, die einen akademischen Grad anstrebten, als nächstes einfallen? Die Bewahrung deutschen Fußpilzes vor nichtarischen Einflüssen? Zornig riss Hendrik das Plakat herunter.

Mit Wut im Bauch erreichte er das Kastanienwäldchen im Innenhof der Universität und blieb abrupt im Schatten eines Baumes...

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