Das Berghotel 222 - Heimatroman

Unzertrennlich
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Juli 2020
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-9887-8 (ISBN)
 
Die alleinerziehende Marie fährt mit Töchterchen ins Berghotel. Esther ist ein Sorgenkind. Die Fünfjährige ist sehr scheu und in sich gekehrt. Marie hofft, dass die Natur und die Tiere einen guten Einfluss auf das Mädchen haben und ihm helfen, sein Schneckenhaus zu verlassen. Hedi Kastler mit ihrem feinen Gespür für die Sorgen ihrer Gäste, empfiehlt Mutter und Tochter den kleinen Streichelzoo auf dem Gaismair-Hof. Die süßen Schafe und Ziegen haben noch jedes so traurige Herz im Sturm erobert. Und tatsächlich: Die kleine Esther taut endlich auf, ist wie ausgewechselt. Als sie bei einer Ziegengeburt dabei sein darf, da ist es vollends geschehen um das kleine Mädchen. Fortan verbringt Esther jeden Tag auf dem Gaismair-Hof, um Zicklein Wölkchen die Flasche zu geben oder um gemeinsam mit ihm um die Wette zu springen. Am liebsten möchte sie sich gar nicht mehr von ihrer geliebten neuen Freundin trennen. Doch die Abreise rückt immer näher, und eines Morgens liegt Esther nicht in ihrem Bett ...
1. Aufl. 2020
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 1,23 MB
978-3-7325-9887-8 (9783732598878)

Unzertrennlich

Heimatroman um eine tierisch starke Freundschaft

Von Verena Kufsteiner

Die alleinerziehende Marie fährt mit Töchterchen ins Berghotel. Esther ist ein Sorgenkind. Die Fünfjährige ist sehr scheu und in sich gekehrt. Marie hofft, dass die Natur und die Tiere einen guten Einfluss auf das Mädchen haben und ihm helfen, sein Schneckenhaus zu verlassen.

Hedi Kastler, mit ihrem feinen Gespür für die Sorgen ihrer Gäste, empfiehlt Mutter und Tochter den kleinen Streichelzoo auf dem Gaismair-Hof. Die süßen Schafe und Ziegen haben noch jedes so traurige Herz im Sturm erobert.

Und tatsächlich: Die kleine Esther taut endlich auf, ist wie ausgewechselt. Als sie bei einer Ziegengeburt dabei sein darf, da ist es vollends geschehen um das kleine Mädchen. Fortan verbringt Esther jeden Tag auf dem Gaismair-Hof, um Zicklein Wölkchen die Flasche zu geben oder um gemeinsam mit ihm um die Wette zu springen. Am liebsten möchte sie sich gar nicht mehr von ihrer geliebten neuen Freundin trennen. Doch die Abreise rückt immer näher, und eines Morgens liegt Esther nicht in ihrem Bett .

"Es ist nicht das, wonach es aussieht", murmelte Marie schniefend und beugte sich vor, um noch ein weiteres Taschentuch aus dem Spender auf dem Couchtisch zu zupfen. "Ich dachte immer, dass man solche Sprüche nur in schlechten Filmen hört."

"Wahrscheinlich hat Adrian zu viele schlechte Filme angeschaut", mutmaßte Maries Mutter Tina. Es hatte ein kleiner Scherz sein sollen. Doch statt zu lächeln, flossen die Tränen nur noch schneller. "Komm schon, Hasi", fuhr Tina unglücklich fort. "Andere Mütter haben auch schöne Söhne. So lange wart ihr ja noch nicht zusammen. Und mit Esther hat Adrian sich auch nicht gut verstanden." Beim Gedanken an ihre fünfjährige Enkeltochter musste Tina lächeln.

"Esther versteht sich mit kaum jemandem auf Anhieb. Das weißt du so gut wie ich", widersprach Marie mit einem Anflug von Trotz. "Deshalb habe ich ja den Urlaub in St. Christoph gebucht. Dort hätten die beiden endlich einmal die Gelegenheit gehabt, sich besser kennenzulernen. Vielleicht hätten sie sogar Freundschaft geschlossen."

Das zerknüllte Taschentuch landete auf dem Haufen, der auf dem Boden vor dem Sofa langsam aber beständig wuchs.

"Statt mit dem Schicksal zu hadern, solltest du Adrian lieber dankbar sein. Stell dir mal vor, die beiden wären wirklich Freunde geworden und du hättest erst später erfahren, dass er ein Lügner und Betrüger ist. So ein Vertrauensbruch wäre nur schwer zu verkraften für meinen kleinen, sensiblen Schatz."

Tief in ihrem Inneren wusste Marie natürlich, dass ihre Mutter recht hatte. Doch noch war die Erinnerung zu frisch. Noch taumelte das Bild durch ihren Kopf, das sich ihr am Nachmittag geboten hatte.

Zur Feier des Tages war sie an diesem Freitag früher aus dem Büro gekommen. Esther war bei einer Freundin und die Gelegenheit günstig, ein, zwei ungestörte Stunden mit ihrem neuen Freund zu verbringen. Nachdem Esthers Vater noch in der Schwangerschaft davongelaufen war, war Marie allein mit ihrem kleinen Sorgenkind geblieben, bis sie vor ein paar Monaten Adrian kennengelernt hatte.

Vor ihrem Mietshaus war sie gestolpert und ihm sprichwörtlich vor die Füße gefallen. Das strahlende Lächeln des Versicherungsvertreters und seine Zuvorkommenheit hatten sie nachhaltig geblendet, so dass sie nur zu gerne über seine Unzulänglichkeiten hinwegsah. Oder lag es an ihrer mangelnden Erfahrung, dass sie geliehenes Geld nicht zurückforderte, Einkäufe und Restaurantbesuche aus eigener Tasche bezahlte und ihm jeden Wunsch von den Augen ablas?

Doch nach all den Jahren der Einsamkeit überwog die Freude über die Zweisamkeit, die starken Arme eines Mannes und das Gefühl, nicht mehr allein zu sein, dass Marie alles andere beiseiteschob. Bis zu diesem Freitagnachmittag, als sie Adrian auf dem Nachhauseweg in den Armen einer anderen entdeckt hatte. Direkt vor dem Haus! Als wäre das nicht schon schlimm genug gewesen, hatte er ihr auch noch die Schuld in die Schuhe geschoben, weil sie unangekündigt früher von der Arbeit gekommen war. Der Gedanke an diese Unverschämtheit raubte Marie noch immer den Atem und ließ die Tränen wieder fließen.

"Aber wir wollten doch nächste Woche verreisen", heulte sie auf. "Es sollte alles so schön werden da oben in dem verträumten Bergdorf."

"Moment mal!" Tina stutzte. "Hast du mir nicht erzählt, Adrian wäre lieber in ein Luxus-Resort ans Meer gefahren statt in die Berge?"

"Ja, na ja, schon", gab Marie zögernd zu.

Zornesfalten kräuselten Tinas Stirn.

"Wahrscheinlich hat er nur zugestimmt, weil du den Urlaub bezahlen wolltest."

Das stimmte, und insgeheim ärgerte sich Marie, ihrer Mutter in einer schwachen Stunde ihr Leid geklagt zu haben. Andererseits hatte Tina schon immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer einzigen Tochter gehabt. Sie hatte immer eine Lösung parat, auch wenn es nicht die beste war, und war stets um das Wohl ihrer beiden Lieben bemüht. So war es auch diesmal. Tina legte den Arm um Maries Schultern und zog sie an sich.

"Ach, meine Süße", seufzte sie und streichelte mitfühlend ihren Rücken. "Wenn ich diesen Kerl in die Finger bekomme, zerquetsche ich ihn wie einen Floh." Eine Idee kam ihr in den Sinn und ihre Miene hellte sich auf. "Aber vorher machen wir drei Hübschen etwas anderes."

Marie horchte auf. Sie kannte diesen Tonfall.

"Und was?"

"Was hältst du davon, wenn einfach ich zusammen mit euch in den Urlaub fahre? Ganz wie früher, als Papa noch gelebt hat."

"Und was ist mit deiner Arbeit?"

"Momentan ist nicht so viel los und die Abteilung ist gut besetzt." Je länger Tina über diese Idee nachdachte, umso besser gefiel sie ihr. "Ich rede mal mit meinem Chef. Bestimmt kann Eduard mich entbehren. Dann kommst du gar nicht erst in die Versuchung, deinen Urlaub als Trauerkloß zu verbringen."

Verglichen mit dem ursprünglichen Plan fand Marie dieses Angebot nett, aber nicht besonders reizvoll. Aber recht hatte ihre Mutter schon. Schon die Vorstellung, die Abende alleine auf dem Zimmer zu verbringen, trieb wieder Tränen in Maries Augen.

"Also gut." Schniefend fügte sie sich in ihr Schicksal. "Gleich morgen rufe ich im Hotel an und buche die Zimmer um."

Tina lächelte zufrieden.

"Wir drei machen uns eine richtig schöne Zeit", versprach sie innig. "Und am Ende des Urlaubs wirst du dich gar nicht mehr daran erinnern, dass es diesen Adrian überhaupt in deinem Leben gegeben hat."

***

Am nächsten Morgen stand die Hotelchefin Hedi Kastler schon früh an der Rezeption ihres geliebten Sporthotels "Am Sonnenhang". Um diese Uhrzeit war noch nicht viel los, so dass sie ein wenig Zeit für Träumereien hatte.

Sie ließ den Blick durch die Lobby schweifen, die wie die Zimmer im alpenländischen Stil eingerichtet war. Sie atmete tief ein und saugte den Duft des Zirbelholzes auf. Obwohl Hedi und ihr Mann Andi ein gemütlich eingerichtetes Haus etwa fünfhundert Meter aufwärts im Grünen bewohnten, war das Hotel ihr eigentliches Zuhause. Hier lebten und arbeiteten sie und kümmerten sich um das Wohl ihrer zahlreichen Gäste, häufig Stammgäste, die immer wieder den Weg hinauf ins idyllische St. Christoph fanden. Kein Wunder, bot das Hotel doch alle Annehmlichkeiten, die man sich wünschen konnte.

Neben vielfältigen Sportmöglichkeiten sorgten Pool, Hallenbad und Saunalandschaft für Entspannung. In der kleinen Beauty-Farm bot die Kosmetikerin und Physiotherapeutin Gerti Wachter Massagen und Verdampfungen mit dem beliebten Wildrosenöl an. Natürlich war auch für das leibliche Wohl gesorgt. Nach einem ereignisreichen Tag konnten sich die Besucher im hoteleigenen Restaurant nach Strich und Faden verwöhnen und den Abend im gemütlichen Weinstüberl oder der kleinen Bar im Souterrain ausklingen lassen.

Doch noch lag der Tag verheißungsvoll vor Hedi. Ihr Blick fiel durch die Glastür nach draußen auf den sonnenüberfluteten Vorplatz. Trotz der frühen Stunde hatte Kilian Garnreiter schon ganze Arbeit geleistet. Der Kies war frisch geharkt, ihre Lieblingsrose im Rosengarten streckte der Sonne die pastellfarbenen Blüten entgegen. Im Hintergrund leuchteten die grünen Almwiesen, über denen sechs steinerne Gipfel aufragten.

"Du träumst ja mit offenen Augen, Spatzl."

Die zärtliche Stimme ihres Mannes riss Hedi aus ihren Betrachtungen. Ohne dass sie es bemerkt hatte, war Andi zu ihr hinter den Tresen getreten. Sein Atem kitzelte sie am Ohr. Lächelnd drehte sie sich zu ihm um.

"Dabei habe ich das gar net nötig. Mein Leben fühlt sich an wie ein einziger, schöner Traum."

Sie streckte die Hand aus und streichelte ihrem Mann über die Wange. Worte der Liebe lagen ihr auf den Lippen. Bevor sie sie aber aussprechen konnte, klingelte das Telefon.

"Hotel "Am...

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