Das Berghotel 179 - Heimatroman

Glückliche Novembertage
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. November 2018
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-7298-4 (ISBN)
 
Glückliche Novembertage - Ein vom Schicksal schwer geprüftes Ehepaar wagt einen Neuanfang


Lotti Auhofer hat eine Mission: Sie will das Geheimnis ihres Mannes lüften. Denn dieser verschwindet jedes Jahr im November für zwei Wochen ins Zillertal - angeblich aus geschäftlichen Gründen - und kehrt daraufhin übellaunig und verschlossen nach Hause zurück. Alljährlich fragt sie sich, was in St. Christoph vor sich geht, und nun will sie der Sache endlich auf den Grund gehen. Es ist ein letzter Versuch, ihre Ehe zu retten.
So nimmt sie kurzerhand Reißaus, verlässt ihren Mann vorerst und bewirbt sich im Berghotel als Zimmermadel. Wie es das Schicksal so will, wird sie eingestellt. Und nach wenigen Wochen checkt tatsächlich ihr Mann Simon im Berghotel ein.

Lotti nutzt jede Gelegenheit, um seine Sachen zu durchsuchen oder ihm heimlich zu folgen. Zu ihrer Erleichterung findet sie keinen Hinweis auf eine Affäre. Allerdings ist das, was sie dann entdeckt, weitaus tragischer ...


1. Aufl. 2018
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 0,93 MB
978-3-7325-7298-4 (9783732572984)

Andi Kastler, der Besitzer des Tiroler Sporthotels »Am Sonnenhang«, musste sich zurückhalten, nicht erleichtert aufzuseufzen, als er den erfreuten Gesichtsausdruck seiner Frau Hedi sah. So, wie ihre Augen im Licht der tief stehenden Oktobersonne funkelten, würde das Vorstellungsgespräch mit dem neuen Zimmermadel ein schnelles Ende finden, und er konnte sich anderen, ebenso wichtigen Dingen widmen.

Schließlich musste er noch die neue Weinbestellung machen, nachdem beim Weinfest ein Großteil ihrer Bestände weggegangen war. Außerdem musste er sicherstellen, dass auf dem Gelände ums Hotel herum - im Garten, auf den Tennisplätzen, auf der Terrasse - alles winterfest gemacht wurde.

Freilich erledigten das normalerweise der Gärtner Franz Kroneder und sein Kollege Kilian Garnreiter, der einsprang, wo gerade Not am Mann war. Aber Andi behielt gerne den Überblick.

Apropos: Er musste noch den Dachdecker bestellen, damit er die Dachrinnen auf liegengebliebenes Laub kontrollierte und den undichten Übergang zum Fallrohr an der Hinterseite des Hotels ausbesserte .

»Gell, Anderl? Das muss eine Fügung des Schicksals gewesen sein, dass die Lotti sich bei uns beworben hat.«

Erschrocken zuckte Andi zusammen, als er bemerkte, dass er in den letzten Minuten kaum zugehört hatte. Er mochte Vorstellungsgespräche nicht besonders, auch wenn sie selten vorkamen und dann meistens ziemlich nett und unkompliziert abliefen. Nur dann und wann benötigten er und seine Frau Hedi eine neue Hilfskraft, weil das Hotel ausgebucht war und die Festangestellten den Ansturm der Gäste nicht allein bewältigen konnten.

Die Mitarbeiter des Berghotels - die Köche Leo Hofbacher und Rosi Stadler, die Hausdame Gerda Stahmer und ihre Schar Zimmermadeln, die Serviermadeln, Kilian Garnreiter, Franz Kroneder, der Sportlehrer Lukas Einrieder und die Kosmetikerin Gerti Wachter - sie alle waren ein eingespieltes Team, das gut funktionierte. Fast wie eine kleine Familie waren sie füreinander. Man passte aufeinander auf, nahm sich gegenseitig Arbeit ab und trank auch einmal ein Stamperl oder ein Glaserl Wein miteinander, wenn sich eine Gelegenheit ergab.

Und das war auch der Grund, warum alle gern hier arbeiteten - er selbst, Andi, eingeschlossen. Er mochte es, mit den Gästen immer wieder neue, fremde Menschen kennenzulernen. Doch sein direktes Umfeld, seine Mitarbeiter, kannte er gern richtig gut, und darum war es ihm lieb, wenn sie lange blieben.

Umso trauriger eigentlich, dass die Anni Breitling, eines ihrer Zimmermadeln, nun vorerst einmal nicht mehr zur Arbeit kommen würde.

Nein, »traurig« war eigentlich nicht das richtige Wort, denn der Grund war ja ein glücklicher: Die Anni würde in wenigen Wochen ihr erstes Kind bekommen, und Hedi und Andi freuten sich freilich mit ihr. Aber das hieß eben, dass sie jemand Neues einstellen mussten, der die Anni ersetzte, solange sie sich um ihr Baby kümmerte.

Und dieses neue Zimmermadel, eine gewisse Lotti Ambach aus St. Pölten, saß ihm gerade gegenüber und schaute ihn erwartungsvoll an, als warte sie auf eine Antwort von ihm.

Hoppla! Andis Gedanken waren schon wieder abgeschweift.

»Verzeiht's, Madeln. Ich hab grad so viel anderes im Kopf.«

Er kratzte sich verlegen im Nacken, doch Hedi lächelte warm.

»Die Lotti kennt das sicher noch vom Hotel ihrer Eltern, dass man als Inhaber ständig zu tun hat, gell?«

Sie wandte sich der Bewerberin zu, die ebenfalls lächelte.

»Freilich. Ich bin damit aufgewachsen. Obwohl unser Familienhotel viel kleiner war als eures. Trotzdem war immer irgendwas zu reparieren, ein Gast hatte einen Wunsch, oder das Außengelände musste gepflegt werden. Für lange Gespräche mit neuen Mitarbeitern war wenig Platz. Deshalb dank ich euch schön, dass ihr euch für mich Zeit genommen habt.«

Fast fühlte Andi sich ein bisserl ertappt, dass er eigentlich lieber woanders hatte sein wollen. Doch dann blickte er in das freundliche Gesicht der jungen Frau und entspannte sich.

Lotti war eine hübsche Person, das konnte man nicht anders sagen. Ihr Haar war so dunkel, dass es beinahe schwarz wirkte. Es fiel ihr in langen Wellen über die Schulter und verdeckte dabei nur halb die großen, goldenen Reifen ihrer Creol-Ohrringe. Auch Lottis Augen waren tiefdunkel, und trotz des hellblauen, offensichtlich niederösterreichischen Dirndls konnte sie ihre Südtiroler Herkunft nicht verleugnen.

Die offen dreinblickenden Augen funkelten in einem fröhlichen Gesicht, das bei ihren dreißig Jahren nichts Kindliches, aber noch genug jugendliche Frische hatte, um sie attraktiv zu machen. Man konnte sehen, dass sie gern neue Menschen traf. Das war im Umgang mit den Gästen natürlich Gold wert. Aber Andi hatte darüber hinaus das Gefühl, dass sie sich ganz gut in ihre kleine Berghotel-Familie einfügen würde.

»Haben Sie irgendwelche Hobbys oder Interessen?«, stellte er die einzige Standardfrage für ein Vorstellungsgespräch, die ihm gerade einfallen wollte. Sie entstammte dem Handbuch für Mitarbeiterführung, das Hedi und er vor Jahren einmal angeschafft hatten.

Überrascht blickte Hedi ihn an. »Das hat die Lotti aber doch eben erzählt? Und außerdem waren wir schon beim Du. Mei, Anderl, wo bist denn die ganze Zeit mit deinen Gedanken gewesen?«

Verlegen zuckte Andi mit den Schultern.

Lotti lächelte. »Ich les gern Kriminalromane. Das ist meine Leidenschaft. Ich geh nirgends hin, ohne einen Krimi dabei zu haben. Bei der Arbeit les ich freilich net, aber in meiner Freizeit mach ich fast nix anderes.«

»Ach, wirklich?« Andi mochte ganz gern einmal einen Krimi im Fernsehen schauen und kannte sich deshalb ein bisserl aus. »Eher nordisch-düster oder eher Miss Marple?«

»Eher Miss Marple. Ich mag's net zu blutig, aber ich rätsel halt gern mit, wer der Täter ist. Inzwischen bin ich schon ganz gut darin, die Hinweise richtig zu deuten.«

»Oh, das ist freilich praktisch, so ein Gendarm im Haus. Wenn also einmal was passiert, dann rufen wir einfach dich.«

Darauf musste sie lachen. Sie tippte sich spielerisch an die Stirn.

»Kommissar Lotti stets zu Diensten!«

»Na, dann ist ja alles klar«, fasste Hedi zusammen und legte mit zufriedener Miene die Hände aneinander. »Wann kannst du anfangen, Lotti?«

»So bald wie möglich, wenn's euch recht ist. Ich hab mir schon ein Kammerl bei einem der Bauern in St. Christoph organisiert.«

»Prima. Von uns aus kann's direkt losgehen. Je eher wir die Anni in den Mutterschutz schicken, desto besser«, befand Hedi.

»Sie hat sich ein bisserl geziert«, fügte Andi hinzu. »Meinte, eine Schwangerschaft sei doch keine Krankheit. Aber in letzter Zeit muss auch sie zugeben, dass ihr der Bauch ziemlich im Weg ist.«

». und just in dem Moment kommt deine Bewerbung rein. Als wir grade eine Anzeige in der Tiroler Presse aufgeben wollten. Was für ein Zufall!«

Hedi stand auf, was offensichtlich das Ende des zugegebenermaßen kurzen und lockeren Vorstellungsgesprächs bedeutete.

Erleichtert erhob auch Andi sich.

»Wir freuen uns sehr. Du hast uns eine Menge lästiger Bewerbungsgespräche erspart.« Er grinste, als Hedi ihm einen Stubs versetzte.

»Sei net so unhöflich, Anderl. Wir freuen uns freilich noch viel mehr, dass du jetzt für uns arbeitest.«

Lotti war ebenfalls aufgestanden und ergriff Andis ausgestreckte Hand. Ihre Augen funkelten lustig.

»Ich freu mich auch, dass ich mich net woanders vorstellen muss.«

Hedi lachte. »Und es macht dir wirklich nix aus, dass die Stelle befristet ist, bis die Anni aus der Babypause zurückkommt?«

Lotti schüttelte den Kopf. »Ganz und gar net. Das ist mir ganz recht so.«

Bevor Andi den Grund dafür erfragen konnte, flog die Bürotür auf und Kilian Garnreiter stürmte herein. Atemlos berichtete er, dass die undichte Stelle am Fallrohr sich als schadhafte Schweißnaht entpuppt und jetzt vollends abgelöst habe.

»So ein Schmarrn. - Tut mir leid, Lotti, das kann leider net warten«, entschuldigte sich Andi.

Sie nickte verständnisvoll. »Arbeit geht vor.«

»Wenn der Andi jetzt eh los muss«, sagte Hedi aufgeräumt, »dann stell ich dir mal unsere Hausdame, die Gerda Stahmer, vor. Sie kümmert sich um unsere Zimmermadeln und wird dir sicher alles zeigen.«

»Schau dir das Hotel in Ruhe an. Und wenn du einmal eine Frage hast, sind die Hedi und ich jederzeit für dich da«, ergänzte Andi.

Dann eilte er hinter Kilian her, um sich den Schaden anzusehen. Ein schadhaftes Fallrohr konnte im Herbst äußerst unangenehm werden, wenn der nächste Regenguss kam.

***

Schon eine Woche später feierten sie im »Kücheneckerl« Anni Breitlings Verabschiedung.

Das »Kücheneckerl« bestand aus einem Tisch, einem Bankerl und einigen rustikalen Stühlen, die - wie der Name schon verriet - in einer Ecke der geräumigen Hotelküche standen und eigentlich dem geschäftigen Küchenpersonal als Platzerl für kleine Verschnaufpausen dienten. Doch auch die anderen Mitarbeiter des Berghotels waren hier gern zu Gast, weil Rosi Stadler ihnen stets eine Kleinigkeit zurechtmachte.

Am heutigen Nachmittag nutzten sie die ruhigere Zeit zwischen Mittagessen und Abendbrot, um sich auf einen leckeren Zwetschgenkuchen zu treffen und Anni bis auf Weiteres Adieu zu sagen. Alle Mitarbeiter des Hotels hatten sich in dem...

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