Der Erste Weltkrieg

Neue Wege der Forschung
 
 
wbg Academic in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Oktober 2014
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-534-73870-0 (ISBN)
 
Im Sommer 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Mit seiner ganzen Zerstörungskraft prägte er nicht nur die Zeitgenossen, sondern wirkte noch weit in das 20. Jahrhundert hinein. Bis heute ist er deshalb eines der wichtigsten Themen der Zeitgeschichte.
Anlässlich des 100jährigen Jahrestages des Kriegsausbruchs versammelt Wolfgang Kruse zentrale Aufsätze der letzten Jahrzehnte mit aktuellen Beurteilungen zu zentralen heute in der Lehre relevanten Aspekten des Themas. Dabei finden Aspekte wie militärische Kriegspolitik und Kriegserfahrung der Soldaten ebenso Berücksichtigung wie die Sozialgeschichte der wilhelminischen Klassengesellschaft im Krieg und die Kulturgeschichte des Krieges. Von der Kriegswirtschaft über die sozialen Verhältnisse, die Frauenarbeit und die Geschlechterverhältnisse über den militärischen Zusammenbruch des Deutschen Reiches bis zu Kriegsbegeisterung, Kriegspropaganda und der zivilisationsgeschichtlichen Bedeutung der Erfahrung des modernen industrialisierten Krieges diskutiert der Band die zentralen Forschungsfragen. Für den akademischen Unterricht wie für die Prüfungsvorbereitung ist er unverzichtbar.

Mit Beiträgen von Ute Daniel, Wilhelm Deist, Gerald D. Feldman, Uta Hinz, Bernd Hüppauf, Jürgen Kocka, Eberhard Kolb, Wolfgang Kruse, Susanne Rouette, Reinhard Rürup, Anne Schmidt und Bernd Ulrich.
  • Deutsch
  • Darmstadt
  • |
  • Deutschland
  • 9
  • |
  • 9 s/w Abbildungen
  • 2,67 MB
978-3-534-73870-0 (9783534738700)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Wolfgang Kruse, geb. 1957, ist Apl. Professor an der Fern-Universität Hagen. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt, einschlägig v.a. zur Französischen Revolution, zum modernen Militarismus und zum Ersten Weltkrieg.

Aus: Jay Winter u.a. (Hg.), Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert, Hamburg 2002, S. 167-86.
© HIS-Verlag, Hamburg

Gerald Feldman

Die Mobilisierung der Volkswirtschaften für den Krieg


Als ich die Aufgabe übernahm, über die wirtschaftliche Mobilmachung der großen kriegführenden Mächte im Ersten Weltkrieg zu schreiben, fiel mir ein, daß dies das Thema des ersten Proseminars gewesen war, das ich 1963 in Berkeley mit Studenten im ersten Semester durchgeführt hatte. Ich hatte gerade meine Dissertation beendet, die drei Jahre später mit dem Titel »Army, Industry and Labor in Germany, 1914-1918« veröffentlicht werden sollte.1 Nach Fertigstellung dieser Arbeit war ich ein echter Fachidiot, der das meiste, das er im Studium gelernt hatte, vergessen hatte und unsicher in dem wissenschaftlichen Schützengraben kauerte, in dem er sich in den letzten Jahren verschanzt hatte. Mit dem Proseminar bot sich mir eine Gelegenheit, die Kenntnisse anzubringen, die ich im Übermaß besaß, und mich freier auf dem Terrain zu bewegen, das mir vertraut war. Sein Thema war die komparative nationale Geschichte des Ersten Weltkrieges unter dem Aspekt der Innenpolitik der beteiligten Länder. Ich habe nun freilich nicht vor, für meine Mitarbeit an dem vorliegenden Buch erneut eine nostalgische Reise anzutreten. Vielmehr möchte ich eine Bestandsaufnahme von drei Jahrzehnten historischer Forschung machen und mir über neue Perspektiven klarwerden, wobei diese Forschung und diese Perspektiven zwangsläufig durch wichtige Ereignisse der jüngeren Vergangenheit beeinflußt sind.

Ich möchte dies anhand eines der Bücher deutlich machen, das ich meinen Studenten (und mir) 1963 zur Lektüre empfahl, nämlich Michael T. Florinskis Buch »End of the Russian Empire«.2 Das 1931 erschienene Buch war die Zusammenfassung der zwölf Bände füllenden russischen Beiträge zu der »Social and Economic History of the World War«, das vom Carnegie Endowment for International Peace veröffentlicht wurde. Dieses große Projekt, das Arbeiten über die verschiedenen kriegführenden Nationen enthielt, bleibt eine der wichtigsten und zuwenig genutzten Quellen über den Ersten Weltkrieg. Florinskis Band, der »zu erklären suchte, warum und wie die Monarchie scheiterte und durch eine kommunistische Diktatur ersetzt wurde«, wurde 1961 in einer Paperback-Ausgabe neu herausgegeben, denn, wie Florinski in seinem Vorwort sagte, »angesichts der Stellung der Sowjetunion in der Weltpolitik ist dieses Buch heute vielleicht noch aktueller als in der Zeit, in der es geschrieben wurde«.3 Liest man Florinskis Beschreibung der russischen Kriegsanstrengungen und seine Schlußfolgerung, gewinnt man den Eindruck, eine weitere Neuausgabe könnte abermals aktuell sein:

»Die Ursache der Katastrophe, die über das Zarenreich hereinbrach, läßt sich bis weit in die Geschichte des russischen Volkes zurückverfolgen. Solange von diesem Land nicht verlangt wurde, die ihm durch den Krieg auferlegten heroischen Anstrengungen zu machen, konnte es mit Abstand, aber nicht ohne einen gewissen Erfolg, den anderen europäischen Ländern auf dem Weg der wirtschaftlichen Entwicklung und des Fortschritts folgen. Durch den Ersten Weltkrieg wurde die gesamte Ordnung des Reiches auf eine harte Probe gestellt. Die Überholtheit und Unzulänglichkeit seiner politischen, sozialen und wirtschaftlichen Struktur konnte nicht länger übersehen und vertuscht werden. Nach dem Beispiel Englands, Frankreichs und Deutschlands, die auf die Schläge, die sie erhielten, mit geradezu übermenschlichen Anstrengungen zur Bewältigung dieser Ausnahmesituation reagierten, versuchte auch Rußland, beziehungsweise seine gebildeten Schichten, das Land für den Krieg zu organisieren; doch diese Bemühungen waren unsystematisch, unkoordiniert und in ihrer Hilflosigkeit schon fast mitleiderregend.«4

Die Mobilisierung der russischen Ressourcen für den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg unter dem kommunistischen Regime war zweifellos eine eindrucksvolle Leistung, aber das Ende der Sowjetunion und die derzeitigen Lebensbedingungen in ihren Nachfolgestaaten deuten darauf hin, daß Rußlands sozioökonomische Schwächen und politische Strukturen nach wie vor nicht seinen internationalen Bestrebungen entsprechen und daß es starke Kontinuitätslinien vom zaristischen Rußland bis zur Gegenwart gibt.

Wie aus Florinskis Schlußfolgerung hervorgeht, unternahm auch das Russische Reich Anstrengungen zur Mobilisierung der gesellschaftlichen Ressourcen, eine Aufgabe, die die europäischen Großmächte und schließlich die Vereinigten Staaten ebenfalls auf eine harte Probe stellte. Welche Unterschiede es auch zwischen den kriegführenden Nationen gab - darauf werde ich später eingehen -, sie reagierten alle in gleicher Weise auf die Kriegserfordernisse. Das Ergebnis waren tiefgreifende Veränderungen in allen bedeutenden wirtschaftlichen und sozialen Bereichen, und zwar auf nationaler wie auf internationaler Ebene. Während es schwierig ist, eine so umfassende kontrafaktische Frage zu beantworten wie die, was geschehen wäre, wenn es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben hätte, kann man mit Bestimmtheit sagen, daß das wirtschaftliche und finanzielle Wachstum der Vereinigten Staaten, die Globalisierung der internationalen Wirtschaft, die Verschiebungen im relativen Gewicht der verschiedenen Industriezweige, der Ausbau des Sozialstaats und die Einführung von Tarifverträgen in jedem Fall stattgefunden hätten. Der Krieg veränderte lediglich die Art und Weise, wie diese Prozesse stattfanden, und schuf die Bedingungen, unter denen sie zustande kamen.

Wie ich an anderer Stelle unter spezieller Bezugnahme auf Deutschland dargelegt habe - was sich aber durchaus verallgemeinern läßt -, brachte der Erste Weltkrieg große Umgestaltungen mit sich, die dazu führten, daß die Geschichte durch neue Kräfteverhältnisse bestimmt und in andere Bahnen gelenkt wurde.5 Damit meine ich jedoch nicht, daß die Ergebnisse in irgendeiner Weise besser waren als das von Frankenstein geschaffene Geschöpf. Nach dem Krieg gab es bei Kritikern, Historikern und anderen Beobachtern lange die starke Tendenz, in der Organisation der Kriegswirtschaft und ihren gesellschaftspolitischen Tendenzen das vielversprechende Modell einer zukünftigen Wirtschaftsordnung zu sehen, die auf Planung, rationeller Organisation sowie auf der Zusammenarbeit zwischen den gesellschaftlichen Gruppen und dem Staat basieren sollte, und die Fehler und Schwächen der Zwischenkriegszeit als soziale und wirtschaftliche Konsequenzen des Friedens und der Bemühungen um die Wiederherstellung der Vorkriegsordnung zu verstehen. Eine solche Kritik spiegelte die enttäuschten Hoffnungen und Erwartungen von Männern wie Walther Rathenau, Albert Thomas und Etienne Clemental, die die Kriegswirtschaft geplant und organisiert hatten, sowie die Phantasien sozialistischer Theoretiker wie Rudolf Hilferding.

Meiner Ansicht nach ist die Zeit gekommen, um derartige Illusionen aufzugeben und anzuerkennen, daß die Folgen des Friedens die Folgen des Krieges waren. Die gleichen Bedingungen, die eine Rückkehr zur Vorkriegszeit unmöglich machten, machten es auch unmöglich, die Wirtschaft so effektiv wiederaufzubauen, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Basis der kapitalistischen Marktwirtschaft und der internationalen Zusammenarbeit geschah, und wie es auch heute in Mittel- und Osteuropa möglich sein könnte, nachdem die »real existierenden« sozialistischen Systeme zusammengebrochen sind und der Kalte Krieg beendet ist. Das heißt, die wirtschaftliche Mobilmachung im Ersten Weltkrieg war nicht das potentielle Vorspiel zu einer neuen Wirtschaftsordnung, sondern stellte eine massive Störung und Verzerrung der hoffnungsvollen Ansätze dar, die das internationale kapitalistische System vor 1914 enthalten hatte.

Erinnern wir zunächst daran, daß die wirtschaftliche Mobilmachung - von einigen wenigen Fanatikern abgesehen - der Alptraum der Militärs und Staatsmänner der Vorkriegszeit war. Sie waren sich der großen Gefahren eines langen Krieges sehr bewußt, und dies war einer der Gründe für die Illusion von einem kurzen Krieg sowie für die Überzeugung mancher Leute - wie Norman Angell -, daß moderner Industriekapitalismus und große Kriege unvereinbar seien.6 Interessanterweise war es Graf von Schlieffen, der Urheber des berühmten Schlieffen-Plans, der am nachdrücklichsten die Möglichkeit langer Kriege unter modernen Bedingungen verneinte. Er sagte 1909: »Solche Kriege sind aber zu einer Zeit unmöglich, wo die Existenz der Nation auf einen ununterbrochenen Fortgang des Handels und der Industrie begründet ist. [.] Eine Ermattungsstrategie läßt sich nicht treiben, wenn der Unterhalt von Millionen den Aufwand von Milliarden erfordert.«7 In letzter Zeit wurde die Auffassung vertreten, Schlieffens Nachfolger, Helmuth von Moltke, hätte einen langen Krieg vorausgesehen und darauf gedrängt, die Wirtschaft besser darauf vorzubereiten. In weiser Voraussicht nahm Moltke die Niederlande...

»Wissenschaftlich solide und gründlich ist [...] das von Wolfgang Kruse [...] herausgegebene Buch.« Die Tagespost

»Dieses Buch ist gleichzeitig eine Materialsammlung für Studenten und Lehre und bietet einen repräsentativen Überblick über die neuere Forschung.« Pallasch

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