Nur mal schnell das Faultier wecken

 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. April 2018
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43369-3 (ISBN)
 

Alle lieben Fred, das Faultier.

Finn, Zoe und Henry staunen nicht schlecht, als sich eines Tages ein Faultier zu ihnen in die Küche schwingt. Und was für ein Faultier das ist! Fred hängt nicht nur freundlich-lässig an der Deckenlampe, sondern futtert ihnen bald die Schoko-Pops weg und ist ausgesprochen anhänglich. Als er auch noch anfängt, einzelne Wörter nachzusprechen, ist allen klar: Fred gehört zur Familie. Doch im Gebüsch lauert bereits Faultierforscher Stockmann. Vor ihm müssen die Kinder ihren Fred unbedingt beschützen ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Mit Illustrationen von Verena Körting
  • 1,20 MB
978-3-423-43369-3 (9783423433693)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Knut Krüger, geboren 1966, arbeitete nach seinem Germanistik-Studium im Buchhandel und Verlagswesen. Er ist heute freier Autor, Lektor und Übersetzer für englische und skandinavische Literatur. Knut Krüger lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in München.

Geht das jetzt immer so weiter?


In der Schule lernt man viele unnütze Sachen über Tiere. Zum Beispiel, wie viele Zähne ein Eichhörnchen hat. Oder dass es in Österreich 54 Arten von Regenwürmern gibt, in Deutschland aber nur 46. Ich meine, wer will denn so was wissen? Aber wie man ein Faultier aus der Küchenspüle rauskriegt, ohne sich an seinen Krallen wehzutun, das lernt man natürlich nicht. Mia ist sich zu hundert Prozent sicher, dass es ein Faultier ist. Und ich bin mir noch sicherer, dass sie recht hat. Denn erstens ist Mia schon siebzehn und sollte sich ein klein bisschen mit Tieren auskennen. Und zweitens hab ich neulich im Kino einen Film mit Faultieren gesehen. Die waren zwar gezeichnet und nicht echt, sahen aber genauso aus wie Fred und waren auch genauso langsam.

Was so ein Tier ausgerechnet in unserer Küche zu suchen hat, ist natürlich eine andere Frage.

Norbert steht immer noch auf seinen Hinterbeinen und glotzt Fred an. Und Fred badet seine Füße weiterhin im Abwaschwasser und glotzt Norbert an. Als würden die beiden ein Spiel spielen - wer zuerst blinzelt, hat verloren. Aber Norbert, der blinzelt nicht, da kann Fred lange drauf warten. Norbert ist sozusagen Weltmeister im Gucken und Nichtstun. Der schaut dich mit seinen gemütlichen braunen Kulleraugen an, ohne eine Miene zu verziehen, und wenn du dich gerade fragst, was bloß in seinem dicken Mammutschädel vor sich geht, dann klatscht er dir eine mit dem Rüssel oder macht irgendeinen anderen Blödsinn.

Wir drängen uns alle hinter Norberts breitem Rücken zusammen, sicher ist sicher. Könnte ja sein, dass dieses Dauerlächeln nur Tarnung ist und dir so ein Tier plötzlich mit breitem Grinsen die Nase abbeißt.

Zoe wickelt sich eine blonde Locke um ihren Zeigefinger und schiebt sich die Spitzen zwischen die Lippen.

Knabber, knacks, knabber, knacks.

»Meint ihr, es lässt sich anfassen?«, fragt sie mit den Haaren in Mund.

»Glaub schon«, murmelt Henry. Aber seine Stimme klingt so, als würde er das mit dem Anfassen lieber uns überlassen.

»Hast du Mama und Papa geschrieben?«, will ich von Mia wissen.

Sie schüttelt ganz leicht den Kopf. Es ist nur eine winzige Bewegung. Das macht sie immer, wenn sie mit ihren Gedanken woanders ist. Es kann also Nein oder Nicht jetzt oder Halt die Klappe bedeuten.

Eine Weile stehen wir unschlüssig da und warten darauf, dass von selbst was passiert. Aber von selbst passiert nichts. Nur Mias Handy macht dreimal nacheinander pling.

Schließlich wird Norbert die Warterei zu blöde. Er schiebt seinen Rüssel über die Kante der Spüle. Seine Nasenlöcher, die aussehen wie eine Steckdose, plustern sich auf und fangen an zu zucken.

Bestimmt müssen sich Tiere, die sich noch nie gesehen haben, erst mal beschnuppern, denke ich. Doch statt zu schnuppern, greift dieses Faultier mit einer Hand um Norberts Rüssel und zieht sich wie in Zeitlupe nach vorne. Ein kleiner nasser Fuß patscht auf den schmalen Streifen vor dem Spülbecken. Und erst jetzt kapiere ich, warum Norbert ihm seinen Rüssel entgegengestreckt hat. Er hat Fred eine Brücke gebaut.

Ich bin total baff, wie er da nur draufgekommen ist. Norbert überrascht uns wirklich immer wieder.

Fred hat inzwischen einen Faultierzahn zugelegt und die Rüsselbrücke erklommen. Dann klettert er über einen Stoßzahn und das rechte Schlappohr hinweg auf Norberts Rücken und macht es sich dort gemütlich. Das heißt, er klammert sich fest wie ein kleiner Koalabär und sieht total zufrieden aus, als wäre Norbert seine Mama, ach was, sein Papa, den er nach langer Suche endlich wiedergefunden hat.

Norbert ist nun auf allen vieren und trabt im Chaos der Küche ein bisschen hin und her. Die Reste meines Marshmallow-Burgers stampft er zu Brei, aber egal. Den hätte ich sowieso nicht mehr gegessen. Fred schaukelt auf seinem Rücken und pfeift leise vor sich hin.

Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass von diesem Eindringling irgendeine Gefahr ausgeht. Nur vor den spitzen Krallen, da sollte man sich echt in Acht nehmen. Die sehen aus wie gebogene Kuchengabeln mit jeweils drei Zinken, obwohl sie bestimmt nicht zum Kuchenessen da sind. Aber wozu dann?

Zoe krault Norbert den Hals und lässt ihre Hand wie nebenbei über Freds haarigen Arm gleiten. Und Fred scheint die Berührung zu gefallen, denn als Zoes Hand seinen Arm streift, schnurrt er wie eine Katze und drückt kurz die Augen zu.

»Mich wundert echt gar nichts mehr«, sage ich kopfschüttelnd.

Was man eben so sagt, wenn man sich total wundert.

»Da buddeln wir erst ein halb erfrorenes Mammut im Wald aus und dann will man nur ein bisschen frische Luft reinlassen und, schwuppdiwupp, hockt hier ein Faultier in der Spüle.«

»Und reißt eure Küchenlampe runter«, ergänzt Henry.

»Ähm, na ja .« Ich werfe einen missmutigen Blick auf den zerknautschten Lampenschirm und die zersplitterte Glühbirne, die vor der Kühlschranktür liegen. »Ich frag mich nur, ob das jetzt immer so weitergeht.«

»Womit?«

»Na, mit diesen Tierbesuchen. Wahrscheinlich latscht hier bald noch ein Einhorn zur Tür rein.«

»Einhörner gibt's nur aber nur im Märchen«, sagt Henry mit Besserwisserstimme.

»Ha! Und Mammuts nur in der Steinzeit, oder wie?«

Henry guckt zu Norbert rüber und zuckt die Schultern. »Leben Faultiere nicht eigentlich, äh . irgendwo im Urwald?«

»Mia«, rufe ich, »wo leben Faultiere?«

Keine Reaktion.

»Mia?« Aber meine Schwester ist verschwunden, einfach so, ohne ein Wort zu sagen.

»Ich glaube, die leben eigentlich in Südamerika«, fährt Zoe nachdenklich fort.

»Und wie ist Fred dann hierhergekommen?«, frage ich.

»Keine Ahnung.« Zoe zieht sich ein ganzes Haarbüschel vor den Mund und streicht sich damit über die Lippen. »Ich kann mir aber nicht vorstellen .«, knabber, knister, »dass Fred zufällig hier ist.«

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut für die Haare ist, denke ich.

»Das könnte doch irgendwas mit Norbert zu tun haben«, fährt sie fort, »ich meine, die beiden sehen sich irgendwie .«, knister, »ziemlich ähnlich, findet ihr nicht?« Knacks.

»Ich sehe hier aber keine Stoßzähne«, widerspricht Henry. »Und nicht mal den Ansatz zu einem Rüssel.« Er schiebt sein Gesicht näher an das kleine Faultiergesicht heran und tut so, als würde er darin wirklich nach Rüssel und Stoßzähnen suchen.

»Aber guckt euch doch mal das Fell an.« Zoe hebt mit der einen Hand ein paar Mammutzotteln und mit der anderen ein paar Faultierzotteln hoch.

Meine Augen flitzen zwischen den beiden Fellbüscheln hin und her. Und tatsächlich - wenn man Fred und Norbert mal zusammen anguckt, dann sieht es fast so aus, als hätten die beiden ein gemeinsames Fell. Die Faultierhaare sind nur ein bisschen dünner und struppiger als Norberts Zotteln. Außerdem schimmern sie graubraun, während Norberts braune Haare einen rötlichen Stich haben. Und während ich darüber nachdenke, wie das denn sein kann, macht's plötzlich klick: »Vielleicht sind die beiden ja irgendwie verwandt

»Wie . verwandt?« Henry macht ein skeptisches Gesicht. »Meinst du, das ist Norberts Bruder oder Cousin, der mal eben zu Besuch gekommen ist?«

»Nein, nein, doch nicht so .«

»Oder dass es ein Kreta-Zwergfaultier ist?«

»Quatsch, Kreta-Zwergfaultier.« Irgendwie habe ich das Gefühl, Henry nimmt mich nicht richtig ernst. »Vielleicht gibt es ja irgendeine besondere Verbindung zwischen den beiden Tieren.«

Knabber, knister, knacks. Zoes Nachdenkgeräusch.

»Das würde auch erklären«, sagt sie langsam, »warum sich die beiden auf Anhieb so gut verstehen und sofort Freundschaft schließen.«

»Pah, Freundschaft.« Henry winkt ab. »Ihr wisst doch selber, wie hilfsbereit Norbert ist. Der trägt dieses andere Tier .«

»Fred. Das andere Tier heißt Fred«, unterbricht ihn Zoe wie eine strenge Lehrerin und streicht Fred mit zwei Fingern über die Nase.

Ich frag mich echt, woher sie den Mut nimmt, Fred im Gesicht rumzutatschen. Also, wenn der mal seine Krallen ausfährt, wird's bestimmt ungemütlich. Kennt man doch von schlecht gelaunten Katzen.

»Er trägt Fred eben ein bisschen herum«, beendet Henry seinen Satz. »Aus reiner Gutmütigkeit. Mit Freundschaft hat das nichts . Zoe, pass auf!«

Aber Zoe ist schon auf Tuchfühlung gegangen und hat das runde Faultiergesicht in beide Hände genommen. »Ja, du süßer kleiner Fratz«, säuselt sie mit Schmusestimme. »Du süßer kleiner Fred.« Sie spitzt den Mund, als wolle sie ihm einen Schmatzer auf die feuchte Nase drücken. Dann packt sie beide Ohren und rubbelt sie hin und her. »Na, gefällt dir das? Ja, das gefällt dir!«

Oh Mann, Zoe, das muss doch jetzt nicht .

»Ja, dutzi, dutzi, du«, brabbelt sie, als wäre Fred ein Schnullerbaby.

Fred kneift genüsslich die Augen zu und stößt ein abgehacktes Glucksen aus. Es klingt fast wie ein Lachen.

Henry und ich schauen uns sprachlos an, ehe auch wir zu lachen anfangen. Anscheinend gibt es nicht nur eine geheime Verbindung zwischen Mammut und Faultier, sondern auch zwischen Zoe und diesen beiden Tieren. Und das Gute daran ist, dass wir gerade dabei sind, jede Angst vor diesem fremden Tier in unserer Küche zu verlieren.

Bei Norbert war das nämlich ganz genauso. Der hat am Anfang auch gemacht,...

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