Gedächtniswelten, Bertas Entscheidung

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Februar 2019
  • |
  • 232 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7481-2302-6 (ISBN)
 
Nach einem überstandenen Schlaganfall zieht Mathilde zu Lotti und Jakob in die Seniorenresidenz. Das gemeinsame Leben der drei Freunde könnte so harmonisch verlaufen, wäre da nicht Berta Wesselhausen, Lottis exzentrische Zimmernachbarin. Diese hatte sich in den letzten Monaten voller Hingabe um Mathildes kleine Hündin gekümmert und fühlt sich jetzt, wo Ernas Frauchen wieder gesund ist, ihrer wichtigsten Aufgabe beraubt. Mit ihrer Eifersucht und Besserwisserei in Sachen Hundeerziehung sägt sie gehörig am Nervenkostüm der Mitbewohner. Lotti und Jakob beschließen, dass Berta, um des lieben Friedens willen, dringend eine neue Beschäftigung braucht und gehen hinter ihrem Rücken für sie auf Männerfang.
2. Auflage
  • Deutsch
  • 2,18 MB
978-3-7481-2302-6 (9783748123026)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Nach ihrer Berufslaufbahn als Ergotherapeutin, Erzieherin und Medienpädagogin sowie nebenberuflicher Tätigkeit als Sängerin und Autorin machte Claudia Krüger ihr Hobby zum Beruf und studierte Journalismus.
Seit 2009 arbeitet sie als freie Journalistin und Redakteurin für Technik-Magazine. Als Autorin veröffentlichte sie in den vergangenen Jahren Bücher und Texte im belletristischen und lyrischen Genre.
Eine schöne Bescherung, April 1957

Leicht torkelnd trug Anton seine Berta die Verandatreppe hinauf, grad so, wie er es an ihrem Hochzeitstag vor fünf Jahren gemacht hatte. Da nur der Mond ein mattes Licht auf die Stufen warf, stellte dieses eine echte Herausforderung dar.

Als Berta kicherte, rief Anton in gespielter Empörung: »Weib, lach nicht, dein Göttergatte stellt sich doch gar nicht so ungeschickt an!«

Das Kichern ging in Glucksen über.

»Nein, zum Glück bist du nicht so tollpatschig wie der junge Mann auf dem Ball heute Abend!«

Bei dem Gedanken an den armen Tropf, der bei dem Versuch, vor seiner Angebeteten eine gute Figur zu machen, vor Übereifer ausgeglitten und quer über das Parkett bis vor die Füße der jungen Frau geschlittert war, musste auch Anton lachen.

Schwungvoll drehte er sich um die eigene Achse, wobei er ordentlich ins Schwanken kam. Berta kreischte und klammerte sich an Antons Hals fest. Aus dem Haus drang ihnen lautes Bellen entgegen.

»Bist du denn des Wahnsinns«, schalt sie ihren Mann, »wir wecken noch alle auf!«

»Ach was«, antwortete Anton. »Wen sollen wir schon wecken? Joschi schläft bei seinem Freund Michael, und unsere nächsten Nachbarn wohnen fünfzig Meter entfernt, schon vergessen?«

Anton schaute in Bertas filigran geschnittenes Gesicht mit den tiefblauen Augen, die ihn bereits bei ihrer ersten Begegnung in ihren Bann gezogen hatten, und nun im Mondlicht funkelten. Manchmal konnte er sein Glück kaum fassen, das ihm diese wundervolle Frau bescherte, die ihm Geliebte und beste Freundin zugleich war und die ihm vor vier Jahren den kleinen Joschi geschenkt hatte.

Seitdem Berta nach ihrer Hochzeit zu Anton auf den Hof gezogen war, fielen ihm die tägliche Plackerei auf den Feldern und die mühevolle Arbeit mit den Tieren nur noch halb so schwer, wusste er doch nun, für wen er das alles machte. Denn zu Berta und Joschi heimzukommen, bedeutete eine herzliche Umarmung, fröhliches Kinderlachen und den Duft einer leckeren Mahlzeit, die seine geliebte Frau für ihn gezaubert hatte. Sie brachte Sonne in sein Leben und dafür trug er sie auf Händen, nicht nur jetzt auf der schummerigen Veranda.

Spitzbübisch hielt Berta ihrem Anton die Haustürschlüssel vor die Nase.

»Meinst du nicht, du solltest mich langsam mal über die Schwelle tragen, bevor die Sonne wieder aufgeht? Schließlich haben wir nicht jeden Tag kinderfrei!«

Ohne seine Frau dabei abzusetzen, angelte Anton nach den Schlüsseln und tastete nach dem Türschloss. Berta hatte die Kraft ihres Mannes schon immer bewundert. Seinen breiten Schultern sah man deutlich an, dass er von klein auf an auf dem Hof seiner Eltern hatte zupacken müssen.

Als sein Vater verstorben und seine Mutter zu ihrer Schwester in die Stadt gezogen war, hatte Anton das Gut jahrelang nur mithilfe eines einzelnen Stallburschen bewirtschaftet, bis er eines Tages seine Berta getroffen und lieben gelernt hatte.

Sie griff ihm bei der Arbeit unter die Arme und hatte erst kürzlich in der großen Küche eine Ecke für die Lagerung frischer Eier, Milch, Gemüse, Obst und Marmelade aus ihrer eigenen Produktion eingerichtet. Eine Schiefertafel an der Hofeinfahrt wies die Bewohner des Fünfzig-Seelen-Dorfes sowie Durchreisende darauf hin, was sie gerade im Angebot hatten.

Da die junge Landwirtin immer zu einem Plausch aufgelegt war, galt Bertas Ecke, wie ihre Küchennische gerne bei den Nachbarn genannt wurde, nicht nur als willkommene Möglichkeit, sich günstig mit Nahrungsmitteln zu versorgen, sondern auch als bester Umschlagplatz für den neuesten Dorftratsch.

Bertas Ecke brachte der Familie ein gutes Beibrot ein. Dieser Zusatzverdienst ermöglichte ihnen, sich manchen Luxus, wie den heutigen Ausflug zum Tanz in den Mai, zu gönnen.

Als Anton endlich die Tür aufstieß und Berta hinter der Schwelle absetzte, glitt diese prompt auf etwas aus und konnte sich gerade noch am Arm ihres Mannes festhalten. Von den Hunden, die sich eben noch lautstark bemerkbar gemacht hatten, keine Spur.

Anton zog sein Feuerzeug aus der Hemdentasche, leuchtete damit die Diele aus und griff nach dem fünfarmigen Kerzenständer auf der Fensterbank. Als eine Flamme nach der anderen aufflackerte, kam hinter der Küchentür zutage, was das Ehepaar, ob der plötzlichen Stille, bereits insgeheim befürchtet hatte.

Der Fliesenboden vor ihnen war mit zerrissenem Stoff und Federn gepflastert. Von der Küche aus ließ sich die Daunenspur den Flur entlang bis ins obere Stockwerk verfolgen, aus dem ein schuldbewusstes Winseln zu vernehmen war.

»Dotti, Harras, was habt ihr da wieder angerichtet?!«, rief Anton den armen Sündern entgegen, als er, Berta hinter sich, die knarrenden Holzstufen hinaufstieg.

Im Schlafzimmer ragte Harras' buschiger Schwanz unter dem Bett hervor. Die braun gefleckte Dotti machte sich in einer vermeintlich sicheren Ecke ganz klein und hielt reumütig den Blick gesenkt. Auf ihrer Nase hatte sich eine gelbliche Daune festgesetzt, die sanft im Luftzug ihres Atems bebte.

»Das Deckbett ist dann wohl mal hin«, sagte Berta resigniert und hielt Anton einen zerrissenen Bezug entgegen. »Oh, warte, ein heiles Kissen ist noch da, das müssen wir uns dann wohl heute Nacht teilen«, fügte sie hinzu und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

Nachdem er den ersten Schrecken verdaut hatte, nahm Anton seine Frau in die Arme und sagte neckend: »Dann müssen wir uns eben gegenseitig wärmen.«

Streit darüber, wer von ihnen es versäumt haben könnte, vor dem Weggehen die Schlafzimmertüre zu schließen, gab es nicht, und darüber war Berta sehr froh. Sie kannten ihre tierischen Pappenheimer und deren Hang zum groben Schabernack nur zu gut und hätten beide gleichermaßen darauf achtgeben können.

Die Hunde draußen an der Kette zu halten, wie es bei benachbarten Höfen Gang und Gäbe war, lehnte das Ehepaar strickt ab. Dotti und Harras gehörten zur Familie.

Berta spähte über Antons Schulter auf das Tohuwabohu in ihrem Schlafzimmer. Ein weißer Faden spannte sich vom Stummen Diener, an dem einst ihre selbstgehäkelten Lochstrümpfe mit einer Klammer befestigt gewesen waren, bis zum Kleiderschrank.

Die Strümpfe. Nein, bitte nicht ihre Strümpfe! Berta hatte sich doch so viel Mühe mit deren Fertigstellung gegeben. Hierfür hatte sie den Faden aus den weißen Säcken, in denen die nahegelegene Zuckerfabrik ihre Ware verkaufte und von denen auch Berta stets einen für die Zubereitung ihrer Marmeladen in der Vorratskammer stehen hatte, in mühsamer Kleinarbeit herausgeribbelt und daraus die feinen Beinkleidern gehäkelt. Diese kratzten zwar furchtbar, waren aber einfach todschick! Die ganze Arbeit - alles umsonst. Na ja, nicht ganz, denn ein Paar trug sie ja noch. Aber trotzdem.

»Harras, Dotti, pfui!«, schalt sie, was zur Folge hatte, dass Dotti mit eingezogenem Kopf und steifen Beinen aus dem Schlafzimmer schlich und Harras sich noch ein Stückchen tiefer unter das niedrige Bett quetschte.

Anton lachte, hob Berta hoch und ließ sie in den Berg aus Federn fallen, der ihre Schlafstätte bedeckte.

»Ich hole uns jetzt Wolldecken aus der Stube, aufräumen können wir morgen in Ruhe«, bestimmte er.

Harras, dem es unter den quietschenden Stahlfedern der Matratze nun doch zu unbehaglich und eng wurde, kam knurrend heraus und trollte sich zu seiner Komplizin in den Flur.

Berta streckte sich inmitten der Daunen aus, lächelte und dachte, als Anton mit den Decken zurückkam und die Kerzen am Leuchter löschte, wie gut sie es doch mit diesem wundervollen Mann getroffen hatte. Ihrem Mann!

Mathildes Einzug, Mai 2015

»Ein bisschen weiter nach rechts!«

»Wau wau wau!«

»Was?«

»Weiter nach rechts!«

»Wauuu wau wau!«

»Herrjeh, hier versteht man ja sein eigenes Wort nicht!« Ulla hielt sich die Ohren zu und ging zum Fenster, um den Lärm auszusperren, den die Arbeiter auf dem Fassadengerüst verursachten.

Erna, ganz auf Kriegsfuß mit all den fremden Männern, die dort vor der Wohnung ihres Frauchens Mathilde rumwerkelten, setzte dem Radau ihr ganz eigenes akustisches Krönchen auf.

»Du hältst jetzt mal die Schnüss, Erna!« Erneut griff Ulla zum Wandspiegel und rückte ihn nach Anweisung ihrer Tante in Position, die neben ihr, einen Werkzeugkasten auf dem Schoß, auf der Sitzfläche ihres Rollators thronte.

»Gibst du mir bitte den Bleistift, Tante Tilda, damit ich die Bohrlöcher anzeichnen kann?«

»Ich verstehe überhaupt nicht, warum dein Armin das nicht macht, schließlich ist das doch Männerarbeit!«, warf Mathilde ein, während sie ihrer Nichte das gewünschte Schreibutensil reichte.

»Tantchen, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Und überhaupt, wer hat denn bei dir immer die Nägel in die Wand...

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