Erwin, Mord & Ente

Kriminalroman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Oktober 2013
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11389-6 (ISBN)
 
Der Auftakt einer neuen fantastischen Krimiserie mit Erwin Düsedieker und seiner Laufente Lothar

Erwin Düsedieker ist ein herzensguter Mensch, doch er gilt als beschränkt: Der Sohn des ehemaligen westfälischen Dorfpolizisten Friedhelm Düsedieker stapft gern mit Gummistiefeln an den Füßen und Papas alter Dienstmütze auf dem Kopf über Äcker und Wiesen. Begleitet von Lothar, seiner treuen Laufente. Ein Polizist könnte Erwin nie sein. Eines Tages aber strauchelt er in einen Kriminalfall mit geradezu höllischen Dimensionen und muss ihn lösen - zusammen mit Lothar, der sich im Zuge des Abenteuers als wahre Ermittlungsente entpuppt .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,76 MB
978-3-641-11389-6 (9783641113896)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Alle meine Entchen …

Erwin Düsedieker verbrachte einen sonnigen Nachmittag in seiner vergoldeten Luxus-Badewanne. Zum Farbton der Wanne passten die Fruchtwassertemperatur des Schaumbades und die Ruhe im Haus. Sie hatten eine Abmachung für solche Nachmittage: Lothar, Erwins treue Laufente, gründelte draußen im Gartenteich, Schwänzchen in die Höh, während Erwin, die Arme auf den Wannenrand gestützt, im Badewasser lag und sinnierte. Zum Beispiel über die Ermordung Jean-Paul Marats – in einem Tempus ohne Fugit.

Schwänzchen in die Höh…

Es war April. Anfang April. Die alte Wache von Versloh-Bramschebeck wirkte in ihrer Ziegeldüsternis nicht ganz so grüblerisch wie in den vergangenen, regenverhangenen Märzwochen. Das von knorrigen Bäumen umstellte und auf der Garten-Rückseite mit einer hohen Buchsbaumhecke von Blicken gänzlich abgeschirmte ehemalige Zollhaus war einst das Pastorat von Bramschebeck gewesen. In den späten 60ern wurde es umfunktioniert zur Polizeiwache. Nun war es ein Privathaus mit Wintergarten, und es schien in den schütteren Grünschleiern der aufkommenden Frühlingsblüte zu erröten. Niemand mit Sinn für die Abgründe der Literatur hätte sich gewundert, die englische Dichterin Emily Brontë das Haus betreten oder verlassen zu sehen. Da niemand im Ort je ein literarisches Werk jenseits von Landmaschinenkatalogen und Zuchtbroschüren in der Hand gehalten hatte, hätte Emily auf alle Tarnung verzichten können. Niemand hätte sie erkannt – mit der Ausnahme vielleicht von Erwin Düsedieker.

Die Sonne glühte im spätblauen Himmel, stand schräg über dem Wintergarten und griff mit kräftigem Licht in den Schaum. So wenig Emily Brontë in Versloh-Bramschebeck bekannt war, so wenig waren es Erwins Wintergarten und die Wanne. Ein mit Kunstsinn ausgestatteter Mensch hätte die Position der Wanne im Raum vielleicht mit Worten wie Wanne im Begriff das Haus zu verlassen oder Wanne im Begriff ins Haus einzudringen umschrieben. Solche Formulierungen allerdings waren Erwin fremd.

Nach und nach fühlte sich Erwin wohlig entspannt. Sogar der sterbende Marat, den er vor seinem inneren Auge sah, strahlte Wärme aus. Erwin spürte wieder, wie wichtig es war, dass sich ein Ermittler in die Gedankenwelten von Täter und Opfer einfühlte. Diese Welten waren benachbarte Schaumblasen, die sich plötzlich vereinigten. Die eine Schaumblase blies die andere auf.

Plopp!

Aber welche schwoll an und welche verschwand?

Erwin hatte Frieden geschlossen mit seiner Rolle als Polizist. Er hob den Kopf und sah durch die Glasfront des Wintergartens zum Teich hinüber. Dort drüben, in der ihm zugewandten Öffnung eines Hufeisens von Teichrandpflanzen, ereigneten sich in diesem Moment wahrscheinlich Abertausende Kriminalfälle. Motivlose Morde, denn das Leben war ohne große Kunst.

Namen und Bilder schwebten in Erwins Kopf. Der Teich mit seiner Umpflanzung verwandelte sich in eine Art kokardengeschmückten Zuber, in dem ein Jean-Paul Marat, der nach Blut schreiende Demagoge der Französischen Revolution, tatsächlich hätte sterben können. Erstochen von einer Frau, die gekommen war, um die Mordlust des Fortschritts zu stoppen.

Was ließ die Revolution auch Frauen in ihr Badezimmer?

Es war nicht so, dass Erwin Düsedieker diese Gedanken wirklich dachte. Er wusste von Jean-Paul Marat nicht allzu viel. Manches hatte er gelesen, aber vor allem gab es da ein Bild: ein Bild in einem Buch, das den sterbenden Marat in der Badewanne zeigte. Erwins Gedanken waren Wesen mit einem Zuhause in Bildern. Diese Bilder flüsterten ihm zu …

Lothar hatte das Wasser verlassen und verfolgte Spuren im Gras. Dann horchte er.

Erwin lächelte. Da ihm kalt wurde und er jetzt darauf verzichtete, heißes Wasser nachlaufen zu lassen, tauchte er beide Arme einmal unter. Die Illusion von Wärme kehrte zurück. Nach zwei Minuten zog er die Arme wieder hervor, wartete, bis sie getrocknet waren, und richtete die Polizeimütze neu. Sie war ihm leicht in die Stirn gerutscht.

Lothar stieß mit dem Schnabel ans Glas des Wintergartens. Er konnte vermutlich kaum etwas erkennen hier drinnen, aber er spürte, wenn es Zeit war, mit Erwin in Kontakt zu treten.

Lothar war eine gute Ermittlungsente.

Also horchte Erwin und vermied jedes störende Gluckern und Planschen.

Eine halbe Minute verging. Dann klingelte es: schrill, wie der alte Wecker von Erwins Mutter, den Erwin immer noch benutzte.

Das Geräusch verklang mit der Schleppe seines Nachhalls. Erwin ließ noch einige weitere Sekunden verstreichen. Er spürte förmlich die Zuckungen des Zeigefingers dort draußen. Dann meldete er sich:

»Jaaaa!?«

»Äwinn?!«

»Jaaaa!?«

»Ich komm rein, nä?!«

»Jaa, kanns reinkomm, is offn! Ich sitz inner Wanne!«

»Is gut, weißich Bescheid!«

Arno Wimmelböcker.

Erwin stellte sich vor, wie Arno Wimmelböcker, leicht gebeugt wie immer, den speckigen alten Filzmantel offen, die Flecktarn-Feldmütze ein bisschen zu weit nach hinten geschoben, an der Haustür gehorcht hatte. Den Zeigefinger eingefangen und angezogen vom Transporterstrahl des Klingelknopfes.

Arno Wimmelböcker hatte den Finger eine Zeit lang Widerstand leisten lassen. Doch dann …

Die Ermittlungsente Lothar besaß ein Gespür für Menschen wie Arno. Lothar schien fest davon überzeugt, dass Arno in einer Ente wie ihm lediglich eine zukünftige Mahlzeit sah, nicht jedoch ein Wesen von besonderem Verstand. Also achtete Lothar darauf, dass immer genügend Abstand blieb zwischen Menschen wie Arno und ihm, oder dass Erwin in der Nähe war, wenn Arno sich blicken ließ. Obwohl Arno im Grunde harmlos war. Arnos Fantasie wurde in der Regel das Opfer seines Phlegmas.

Die Haustür ging auf, stieß an die alte Kramladen-Glocke, die Erwins Mutter Gertrude mal angebracht hatte, als die Polizeiwache für kurze Zeit und nebenbei Lebensmittel und sonstiges Tante-Emma-Zeugs anbot. Das hatte aber nicht lange funktioniert, denn auch die anständigen Frauen des Ortes zeigten eine gewisse Scheu, bei der Polizei einzukaufen. Außerdem kamen schnell behördliche Unvereinbarkeiten ins Spiel, die man auf der Wache von Versloh-Bramschebeck akzeptierte, bevor man sich bemühen musste, sie zu verstehen. Zu guter Letzt gab es im Dorf den Laden von Anni Twassbrake. Der war zwar kaum größer, aber besser sortiert, und er lag zentral.

Die Türglocke allerdings war geblieben, und Erwin beglückwünschte sich immer mal wieder zu der Entscheidung, sie nicht abmontiert zu haben. Meist vergaß er, die Haustür zu verriegeln, bevor er in die Wanne stieg. Und wahrscheinlich achtete nicht jeder die Privatsphäre Erwins so wie Arno. Gottlob bekam Erwin selten unangekündigt Besuch.

»Ich komm abba nich rein, nä!?«, rief Arno Wimmelböcker jetzt, was bei geöffneter Haustür bedeutete, dass er das, was er für Erwins Badezimmer hielt – gradeaus, hinter der Tür am Ende des dunklen Flurs –, nicht betreten würde. Badezimmer waren auf Arno Wimmelböckers geistiger Landkarte rot markierte Orte. Sollte Erwin tatsächlich in der Wanne sitzen, wollte Arno das lieber nicht sehen. Er blieb also im Hauseingang stehen, linste ins Dunkel und dachte darüber nach, ob er die Mütze abnehmen und in der Hand kneten sollte. Bei Beerdigungen war das eine natürliche Bewegung. Alles, was Arno halbwegs unangenehm war, fiel irgendwie in die Kategorie Beerdigung.

Schließlich ging es ja auch um einen Toten.

»Wie geht’s denn, Arno?!«, rief Erwin. Arno betrat die Wege der Kommunikation ungern als Erster, und Erwin musste sicherstellen, dass Arno tatsächlich vor der Tür blieb. Lothar klopfte sacht an die Scheibe des Wintergartens. Ein Zeichen von Aufregung.

»Och, muss ja, nä!?«

»Und sonst?!«

»Pollezei is da. Die ham was gefundn!«

»Aufm Hof bei Hilde?!«

»Nee. Bei Jasper. Da issn Toter!«

Erwin warf einen fragenden Blick hinüber zu Lothar.

»’n Toter? Bei Jasper?!«

»Jau. So Knochen und so!«

»So Knochen und so?!«

»Jau.«

So Knochen und so bei Jasper. Jasper war Jasper Thiesbrummel. Großbauer und Schweinezüchter einen knappen Kilometer östlich von Bramschebeck. Statt nachzufragen, setzte Erwin Düsedieker auf die bewährte Methode, neue Informationen erst einmal mit in die Badewanne zu nehmen. Er lehnte sich in der Wanne zurück, justierte die Mütze neu und beobachtete Lothar, dessen Blick vermuten ließ, dass auch die Ente über Arnos Worte nachdachte.

So Knochen und so.

»Kanns ja ma kuckn kommn!«

»Ja, ich komm dann mal!«

»Is gut! Ich geh dann!«

»Ja, is gut!«

Das zweite Klingeln der Türglocke verriet Erwin, dass Arno die Haustür ordnungsgemäß schloss. Arno würde nun wahrscheinlich nicht zurück zu Hilde Gerkensmeier gehen, wo er dann und...

»Mit Erwin, Mord und Ente hält ein skurriler Tatort Ostwestfalen Einzug in die erste Liga der Regionalkrimis - ein fantastisch verrücktes Buch!«
 
»Diese wunderbare westfälische Humoreske hat zwei heimliche Hauptdarsteller: Eine charakterstarke Ente und eine charakterstarke Sprache. Zwei bedrohte Arten, die Thomas Krüger so gekonnt wiederbelebt, dass Jean Paul und Charles Dickens in ihren Gräbern jubeln.«
 
»Besser als Thomas Krügers Krimi sind höchstens noch seine Sonette!«

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