Kritik der auseinanderdriftenden Gesellschaft

 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. September 2020
  • |
  • 257 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-44553-3 (ISBN)
 
In den 1970er-Jahren begann in Westeuropa und den USA der politische Gegenschlag gegen die Ausweitung der sozialen Rechte, die bis dahin hatten durchgesetzt werden können. Im »Krieg zwischen Bürgerrechten und kapitalistischem Klassensystem« (Thomas H. Marshall) gewannen die Verfechter des Klassensystems seither wieder die Oberhand. Auseinanderdriftende Gesellschaften sind die Folge. Sie fordern Kritik in zweierlei Weise heraus: Zum einen gilt es, die Triebkräfte der Spaltungsbewegung aufzuzeigen, zum anderen, die Frage aufzuwerfen, in welcher Gesellschaft man leben will. Diese lässt sich nur aus den Widersprüchen und Konflikten der Gesellschaft heraus beantworten. Um beide Formen der Kritik geht es im vorliegenden Buch. Sie sind besonders dringlich angesichts des Aufstiegs einer internationalen Rechten, die das Auseinanderdriften nutzen will, um Gesellschaft durch das exklusive »Wir« nationalistischer und völkischer Gemeinschaften zu ersetzen.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Martin Kronauer, Soziologe, Politikwissenschaftler und Philosoph, war nach Stationen an der New School for Social Research New York und am SOFI Göttingen bis 2014 Professor für Gesellschaftswissenschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

Einleitung: Warum Kritik der auseinanderdriftenden Gesellschaft?


Der Ausgangspunkt: Eine Kriegserklärung gegen die Gesellschaft


In den 1970er Jahren begann in Westeuropa und den USA ein politischer Krieg gegen die Gesellschaft. Die Kriegserklärung lieferte die Premierministerin von Großbritannien, Margaret Thatcher, 1987 in einem viel zitierten Interview nach:

»[.] too many children and people [.] are casting their problems on society and who is society? There is no such thing! There are individual men and women and there are families and no government can do anything except through people and people look to themselves first. It is our duty to look after ourselves and then also to help look after our neighbours [.]« (Thatcher 1987).1

Um eine veritable Kriegserklärung handelte es sich deshalb, weil es nicht ausreicht, Gesellschaft zu leugnen, wie Thatcher es im Interview tut, um sie zum Verschwinden zu bringen. Um aus vergesellschafteten Individuen die vereinzelten Einzelnen (und vereinzelten Familien) zu machen, von denen Thatcher hier spricht, muss erst das Wissen um die Abhängigkeit von Anderen und die Verantwortung für Andere über den Kreis von Familie und Nachbarschaft hinaus getilgt werden, müssen erst die Institutionen, die Menschen erkämpft haben, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu schützen, zerstört werden, muss erst die Macht, die ohnmächtige Einzelne durch ihren Zusammenschluss gegen die Mächtigen gewonnen haben, gebrochen werden. Und darauf zielte in der Tat die Politik der Thatcher-Regierung seit dem Ende der 1970er Jahre ab, vor allem ihr Krieg gegen die Gewerkschaften. Von den streikenden Bergarbeitern sprach sie 1984 »als dem >inneren Feind<« (Schröder 2010: 91).

Ihr Vorgehen hat Vorbildcharakter. Noch am 9. Juli 2003 schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung: »Margaret Thatcher ist etwas gelungen, wovon andere Regierungen nur träumen, und sei es insgeheim: die Gewerkschaften in die Knie zu zwingen«. Richtungsweisend wurde bis heute auch ihre Politik der Privatisierungen von Staatsunternehmen und Unternehmen der lokalen Daseinsvorsorge.2

Um sich die Tragweite des hier proklamierten Angriffs auf die Gesellschaft zu vergegenwärtigen, muss er als Gegenrevolution gegen die »geistig-moralische Revolution« verstanden werden, die am Ende des 19. Jahrhunderts eingesetzt hatte. Wie Pierre Rosanvallon in seiner Ideengeschichte der Gleichheit ausführt, wurde »die Aufwertung von Gleichheit und Solidarität gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch durch ein neues Verständnis vom Wesen der Gesellschaft befördert« (Rosanvallon 2013: 224). Dieses neue Verständnis entstand als Antwort auf die neue Realität des industriellen Kapitalismus und die neue gesellschaftspolitische Kraft, die er hervorbrachte, die Arbeiterbewegung. Es breitete sich in verschiedenen geistigen und politischen Strömungen in Frankreich, Deutschland und Großbritannien aus,3 schloss eine Auffassung des Menschen als genuin gesellschaftliches Wesen ein, das in wechselseitiger Abhängigkeit und somit auch wechselseitiger Verantwortung lebt, gründete das Postulat sozialer Gerechtigkeit nicht mehr auf dem Gebot der Nächstenliebe, sondern auf »der Struktur des Sozialen selbst« (ebd.: 229)4 und wies dem Staat eine neue Rolle zu: »Es war sogar möglich, die Ausdehnung seiner Tätigkeit zur Voraussetzung für die Verwirklichung der Grundrechte und der Solidarität zu erklären«.5 Auf diese Weise, schreibt Rosanvallon, »vollzog sich eine regelrechte Neuformulierung des republikanischen Gedankens« (ebd.).

Er findet sich im Kern bereits bei Rousseau, im politischen Charakter des Gesellschaftsvertrags:

»Jene öffentliche Person, formiert aus der Assoziation aller, hieß früher polis und heißt heute Republik oder Gemeinwesen; wir benutzen die Bezeichnungen politische Körperschaft oder schlicht politischer Körper« (Rousseau [1762] 2012: 29).

Gesellschaft, die Assoziation aller, ist mehr als die Summe vereinzelter Einzelner. Sie muss sich politisch als Gemeinwesen konstituieren, um das Allgemeine der Assoziation zur Geltung zu bringen, ohne die Besonderheit der Einzelnen auszulöschen. Gegen Gesellschaft als politisches Gemeinwesen richtete sich Thatchers Kriegserklärung. Mit politischen Mitteln führte sie ihren Kampf.

Bürgerrechte und kapitalistisches Klassensystem


Wem die Kriegsmetapher zu weit hergeholt erscheint, den möchte ich an einen Autor erinnern, der sich ihrer 1947 ebenfalls in England bediente. Damals schienen allerdings diejenigen Kräfte die Oberhand zu gewinnen, die das Allgemeine, nämlich Gesellschaft und Demokratie, durch soziale Rechte politisch stärken wollten. In den für die Soziologie des Sozialstaats bahnbrechenden Vorlesungen von Thomas Humphrey Marshall zum Thema »Bürgerrechte und soziale Klassen« heißt es:

»Ich habe bereits gesagt, dass im zwanzigsten Jahrhundert Staatsbürgerrechte und kapitalistisches Klassensystem miteinander im Krieg liegen. Vielleicht ist die Wortwahl etwas zu stark, aber es ist ohne weiteres einzusehen, dass die ersteren dem zweiten Beschränkungen auferlegt haben« (Marshall 1992: 81).

Das kapitalistische Klassensystem musste bekämpft werden, es mussten ihm politisch »Beschränkungen auferlegt« werden, damit im westlichen Europa (und in gewissem Umfang auch in den USA, dort jedoch unter Ausschluss der indigenen und afroamerikanischen Bevölkerungsgruppen) der Bürgerstatus ausgeweitet und die Lohnabhängigen und die Frauen im Rahmen nationalstaatlicher Verfassungen gleichberechtigt (wenn auch noch immer nicht als Gleiche) einbezogen werden konnten. Allerdings blieb der Bürgerstatus in einer wesentlichen Hinsicht eingeschränkt: Er schloss die demokratische Kontrolle über Unternehmen und kapitalistische Marktwirtschaft aus.

In der Phase der verminderten Einkommensungleichheit und der relativen Vollbeschäftigung nach dem Zweiten Weltkrieg, des Ausbaus der sozialen Sicherungssysteme und der sozialen Dienstleistungen, der engeren Einbindung von kapitalistischen Unternehmen in nationalstaatliche Regeln haben sich die Gesellschaften weitreichend verändert. Sie wurden zu »Lohnarbeitsgesellschaften« (Castel 2000a: 283), in denen Erwerbsarbeit für immer mehr Menschen (insbesondere die Frauen) eine zentrale Bedeutung erlangte und sich zugleich immer stärker differenzierte; in denen sich auf der Grundlage einer vorübergehenden Annäherung in den Lebensverhältnissen die Spielräume für individuelle Entscheidungen erweiterten.

Es ist ein bedrückender historischer Befund, dass seit der französischen Revolution Schübe in die Richtung größerer sozialer Gleichheit in Europa und den USA fast ausschließlich erst nach großen politischen und wirtschaftlichen Katastrophen durchgesetzt wurden, nach dem Ersten Weltkrieg, nach der Weltwirtschaftskrise und nach dem Zweiten Weltkrieg (Piketty 2014: 627; Scheidel 2017).6 In den drei Jahrzehnten nach Marshalls Vorlesungen schien der Krieg zwischen Bürgerrechten und Klassensystem in einen, wenn auch prekären, Frieden gemündet zu sein. Umso heftiger brach er danach wieder aus, nun jedoch mit umgekehrten Vorzeichen, diesmal mit den Verfechtern des Klassensystems auf dem Vormarsch.7

Die Verfechter des Klassensystems sind nicht ihrerseits vereinzelte Einzelne. Es sind sozial bestens vernetzte, in ihrer Klasse vergesellschaftete Individuen und deren Familien. Sie verfügen über Mittel, die sie nie jemals aus eigener Kraft hätten schaffen können, sondern die genuin gesellschaftlich erzeugt wurden und die sie sich angeeignet haben, als Kapital in seinen verschiedenen Formen und daraus abgeleitete Macht.8

Zwei im letzten Jahr in deutscher Übersetzung erschienene Studien werfen ein neues Licht auf die Ziele und strategischen Überlegungen der Protagonisten des »Neoliberalismus«, die in besagtem Krieg federführend werden sollten. Die Autoren betonen den ausgesprochen politischen Charakter des neoliberalen Denkens. Und sie zeigen, dass es in der Tat auf die Zerstörung von Gesellschaft als politischem Gemeinwesen angelegt ist.

In »Die unregierbare Gesellschaft. Eine...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

29,99 €
inkl. 5% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen