Mörderfrauen

Drei authentische Kriminalfälle aus der DDR
 
 
Bild und Heimat Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2021
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95958-809-6 (ISBN)
 
Berlin-Treptow, 24. April 1968, später Abend: Katrin H. steckt die Wohnung ihres Lebensgefährten Alfred M. in Brand, in der sein 13-jähriger Sohn schläft. Um sicherzugehen, dass der Junge in den Flammen umkommt, zertrümmert sie ihm mit einem Hammer den Schädel. Was hat die 24 Jahre junge Frau zu dieser grausamen Tat bewogen? - Am 18. Juli 1969 verlässt Gabriele G. gegen 13 Uhr nach einem offenbar wichtigen Telefonanruf ihre Arbeitsstelle in der Leipziger Straße in Berlin-Mitte. Sie kehrt nicht an ihren Arbeitsplatz zurück und trifft auch am Abend nicht in der elterlichen Wohnung in Pankow ein. Ist der 19-Jährigen, die im sechsten Monat schwanger ist, etwas Schreckliches zugestoßen? - Ralf S. wird am 17. März 1975 von seiner Gattin auf einer Polizeiwache in Wolmirstedt als vermisst gemeldet. Seit dem 8. März sei der 37-Jährige verschwunden.
Er bleibt es. Monatelang. Bis am 22. November durch drei Zoolehrlinge am Barleber See in Magdeburg im Buschwerk eine verstümmelte Leiche entdeckt wird .
Was lässt Frauen im Zustand des Hasses zu brutalen Mörderinnen werden? Dieser
Frage geht das erfolgreiche Autorenduo Remo Kroll und Frank-Rainer Schurich nach
und schlägt damit ein weithin unterbeleuchtetes Kapitel der DDR-Kriminalgeschichte
auf. Die True-Crime-Experten schildern auf Basis der originalen Akten drei von Frauen
verübte skrupellose Verbrechen und deren aufwühlende Aufklärung
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 11,66 MB
978-3-95958-809-6 (9783959588096)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Remo Kroll ist Angehöriger der Berliner Polizei und widmet sich publizistisch der Historie der Kriminalpolizei und der Morduntersuchung in der DDR. Er ist Mitherausgeber der Schriftenreihe Polizei. Studien zur Geschichte der Verbrechensbekämpfung. Darüber hinaus hat er vielfach publiziert, u. a. bei Bild und Heimat gemeinsam mit Frank-Rainer Schurich: Polizistenmorde. Vier authentische Kriminalfälle aus der DDR (Blutiger Osten, 2020) und Frauenmorde. Vier authentische Kriminalfälle aus der DDR (2020).
Frank-Rainer Schurich lehrte als ordentlicher Professor für Kriminalistik an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist seit 2015 ebenfalls Mitherausgeber der Schriftenreihe Polizei. Studien zur Geschichte der Verbrechensbekämpfung. Er arbeitete regelmäßig bei der Berliner Kriminalpolizei. Seit 1994 ist er als freier Autor tätig. Er legte zahlreiche Publikationen vor, zuletzt bei Bild und Heimat: Der Schülermord von Steglitz und 22 weitere Verbrechen (Blutiger Osten, 2020).

Der rote Gürtel

Berlin-Lichtenberg.
Freitag, 18. Juli 1969

Die Mutter von Gabriele Gubisch, Verkäuferin im CENTRUM-Warenhaus am Alexanderplatz, hatte am Freitag, dem 18. Juli 1969, um 21.30 Uhr eine Vermisstenanzeige gestellt - beim Kriminaldienst der VP-­Inspektion Pankow, denn die ganze Familie wohnte in diesem Stadtbezirk. Leutnant der K Hübner vom Kommissariat III der VPI Pankow war schlank und sportlich, er trug einen grauen Anzug, ein weißes Hemd und einen passenden Binder, und er hatte eine angestrengte Falte zwischen den Augen, so dass er zunächst unnahbar und ein wenig bürokratisch wirkte. Doch sein Gesicht öffnete sich zu einem breiten und zugleich zuversichtlichen Lächeln, was Anneliese Gubisch trotz ihrer schwierigen Situation guttat.

Sie gab zu Protokoll, dass ihre Tochter wie gewohnt um 6.15 Uhr die Wohnung verließ, um in der Zweigstelle 03 der Sparkasse der Stadt Berlin, Leipziger Straße 60 in Berlin-Mitte, ihre Arbeit aufzunehmen. Ihre Arbeitszeit sei von 7 bis 16 Uhr, so dass sie bis 16.30 Uhr eigentlich immer wieder zu Hause war. Sie hatte auch nicht erzählt, dass sie nach der Arbeit noch etwas vorhatte. Die Nachfrage der Mutter bei einer Kollegin der Tochter in der Zweigstelle ergab, dass Gabriele gegen 13 Uhr einen Telefonanruf erhielt und kurz darauf das Büro verlassen hatte. Sie sei dann nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt, obwohl sie sich nur eine Stunde freinahm. Die Kollegin hatte Gabriele dann noch kurz mit einer weiblichen Person vor dem Verwaltungsgebäude gesehen, mit der sie sich unterhielt und dann in ein Taxi einstieg.

Die Mutter sagte zudem aus, dass ihre Tochter im sechsten Monat schwanger war. Sie war noch ledig, wollte aber ihren Verlobten Marien Ubangi heiraten, der aus politischen Gründen aus dem Kongo in die DDR gekommen war und auch seit vier Monaten bei ihnen wohnte. Er war auch der Vater des Kindes, und Gabrieles Eltern pflegten ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Na klar, anfangs war es schwierig, denn Marien kam aus einer ganz anderen Kultur. »Er ist aber ein hilfsbereiter, feiner Kerl, unser zukünftiger Schwieger­sohn.«

Etwaige Verhaltensveränderungen der Tochter seien der Mutter nicht aufgefallen, sie handle in jeder Beziehung überlegt. Sie rauche nicht und trinke auch keinen Alkohol. Sie hätte feste persönliche und berufliche Pläne, denn im nächsten Jahr wollte sie ein Fernstudium an der Finanzfachschule in Gotha aufnehmen.

Bei ihrer Großmutter sei Gabriele auch nicht erschienen. Andere Verwandte wohnten nicht in Berlin, und zu Freundinnen aus der Schulzeit habe sie keinen Kontakt mehr. Auch andere Männerbekanntschaften seien der Mutter nicht bekannt. Anneliese Gubisch erklärte, dass sie keinen Garten und kein Wochenendgrundstück besitzen, wo sich die Tochter aufhalten könnte. Sie gab ihre Zustimmung, dass die Kriminalisten sich das Zimmer ihrer Tochter ansehen, um vielleicht noch Hinweise auf den Aufenthaltsort zu finden.

Dann hatte sie in der Aufregung eine Sache ganz vergessen, die aber wichtig war, um ihre Sorgen zu verstehen. Mutter und Tochter wollten an diesem Tage ins Theater gehen, ins Metropol-Theater in der Friedrichstraße. Gabriele war in solchen Fällen natürlich immer erst nach Hause gekommen, um sich umzuziehen. Dennoch wartete Anneliese Gubisch von 18.45 bis 19.15 Uhr vor dem Theater, aber sie kam nicht. Gabriele liebte Theaterbesuche, und auf keinen Fall hätte sie das vergessen. Sie hatte sich ja so gefreut, dass die Mutter von einer Kollegin die Theaterkarten bekommen hatte! Anneliese Gubisch war die Lust auf Kultur vergangen, und sorgenvoll kehrte sie wieder nach Pankow zurück.

Der die Vermisstenmeldung entgegennehmende Kriminalist versprach intensive Ermittlungen, aber erst ab Montag. Er machte der Mutter natürlich auch Hoffnung. »Wissen Sie«, sagte er, »die allermeisten Vermissten finden sich wieder an, glauben Sie mir!« Und er versprach, ab Samstag zu ermitteln, wer der Taxifahrer war, der ihre Tochter vor der Filiale in der Leipziger Straße abgeholt hatte. Wer war diese Frau? Und wohin fuhren sie? Außerdem bat er Anneliese Gubisch, dem Verlobten auszurichten, dass er bitte am morgigen Tag, also am Samstag, um 10 Uhr zu einer Befragung in die VPI kommen möchte.

Als »Abgangszeit« war in der Anzeige notiert: »Freitag, ??.??.1969, 13.00 Uhr.« Eigentlich ein furchteinflößender Begriff, der mehr verwundet als heilt. Dennoch hatte Annelise Gubisch ein gutes Gefühl, als sie nach Hause fuhr. Der Kriminalist war sehr sympathisch, und die allermeisten vermissten Personen kehren ja wieder nach Hause zurück .

Nachdem alle Formulare ausgefüllt und alle Fernschreiben abgesetzt waren, lief in ganz Ostberlin die Suche nach Gabriele Gubisch auf Hochtouren.

Leutnant der K Hübner machte jedenfalls alles richtig, als er zunächst nach dem Taxifahrer fahndete. Der Kollege in der Zentrale des VEB Taxi versprach, sich um die Sache sofort zu kümmern, was aber dauern könnte. Und Zeugen zu suchen mit einer Pressenotiz, war eine sehr effektive Form der Öffentlichkeitsfahndung, die bereits am 19. Juli 1969 in der BZ am Abend, in der Berliner Zeitung und auf der Lokalseite des Neuen Deutschland erschien - mit einem Foto der Vermissten:

Vermisste weibliche Person gesucht -
Wer kann Angaben machen?

Seit dem 18.07.1969, 13.00 Uhr, wird die 20-jährige Gabriele Gubisch, wohnhaft in Berlin-Pankow, vermisst.

Sie ist 1,60 m groß, trägt langes schwarzes Haar, ist bekleidet mit einem Sommerkleid, das mit grauen und roten Karos gemustert ist. Die Betreffende ist im sechsten Monat schwanger.

Bürger, die mit der Vermissten zusammengetroffen sind, sie gesehen haben oder andere Hinweise geben können, werden gebeten, die Volkspolizeiinspektion Berlin-Pankow, 110 Berlin, Berliner Straße 16, Tel. 4 70 10, zu informieren.

Hinweise, die auf Wunsch vertraulich behandelt werden, nimmt auch jede andere Volkspolizei-Dienststelle entgegen.

Zu den Routinemaßnahmen in einem solchen Vermisstenfall gehörten auch die Information an alle operativen Kräfte der Volkspolizei über den ODH des VP-Präsidiums und eine Nachfrage in allen Krankenhäusern beziehungsweise Kliniken in Berlin, Potsdam, Frankfurt (Oder) und in den an Berlin angrenzenden Kreisen. Gabriele Gubisch wurde aber weder stationär aufgenommen noch ambulant behandelt. Eine Überprüfung der Hotelmeldescheine verlief ebenfalls ergebnislos, wie auch eine Nachfrage im Institut für Gerichtliche Medizin in der Hannoverschen Straße. Dort wurde keine unbekannte weibliche Leiche eingeliefert. Selbst die Transportpolizei wurde in die Spur geschickt, die die Bahnhofswartesäle überprüfte, ohne aber Gabriele Gubisch aufzufinden.

Die Vernehmung des Verlobten Marien Ubangi, siebenundzwanzig Jahre alt, am Samstag, dem 19. Juli 1969, brachte einige neue Erkenntnisse. Er war 1962 aus dem Kongo in die DDR gekommen. Sein Vater hatte für die kongolesische Nationalbewegung und für den Ministerpräsidenten Patrice Lumumba gekämpft, und damit für die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonie Belgisch-Kongo. Nach einem Militärputsch wurde Lumumba wegen seiner konsequenten antiimperialistischen Haltung 1960 verhaftet und im Januar 1961 ermordet. Auch den Vater von Marien Ubangi verhaftete man, über sein Schicksal wusste der Sohn nichts. Der floh aus dem Land und fand in der DDR eine neue Heimat.

Leutnant der K Hübner hörte gespannt zu, denn die Meldungen über die Ermordung Lumumbas gingen ja um die Welt, und auch in der DDR wurde er als Held gefeiert. Und der Vater des Vernommenen war wohl auch ein Held. Und der Sohn? War er ein Held oder ein Mörder?

Marien Ubangi erzählte, dass er in Berlin in den Elektro-Apparate-Werken (EAW) Treptow zum Schlosser ausgebildet worden war. Er arbeitete einige Jahre dort in seinem Beruf, jetzt sei er Student an der Gewerkschaftshochschule »Fritz Heckert« in Bernau, denn er bereite sich auf eine wichtige Funktion im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) vor. Er hätte dort auch einen Platz im Studentenwohnheim der Hochschule. Die DDR hätte keine rassistischen Vorurteile, er könne auch als »Schwarzer« seinen Beitrag zur Stärkung des Landes leisten. Überhaupt wäre er nie rassistischen Beleidigungen oder gar Übergriffen ausgesetzt gewesen; man hätte ihn einfach als Mensch behandelt.

Der Zeuge Ubangi machte einen sehr besorgten Eindruck, denn auch er wusste nicht, wo sich seine Verlobte aufhielt. Er war gestern in der Hochschule, dann mit der S-Bahn nach Berlin gefahren. Zu Hause traf er ohne weitere Umwege gegen 18 Uhr ein; der Vater von Gabriele Gubisch sei zu Hause gewesen und auch voller Sorge, weil sich ihre Eltern nicht erklären konnten, war­um sie sich vor dem Theaterbesuch nicht noch umgezogen hat. Seit 13 Uhr fehle jede Spur von ihr.

Weiter sagte er aus, dass er seine Verlobte sehr liebe, und es sei weder in jüngster Zeit noch in der Vergangenheit zu Streitereien gekommen. Heute wollten sie eigentlich einen Ausflug mit der Bahn nach Bad Saarow machen. Seine Verlobte hätte ihm aber vor kurzem erzählt, dass sie von seiner ehemaligen Freundin Hannelore Böddiker, wohnhaft in Berlin-Lichtenberg, mehrmals durch Telefonanrufe belästigt worden sei. Frau Böddiker forderte seine Verlobte mit Nachdruck mehrmals auf, sich von ihm zu trennen - weil er sie sowieso bald verlassen würde.

Marien Ubangi hatte daraufhin seiner Verlobten...

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