Der Mann aus Babadag

Wie ein türkischer Janitschar1683 nach München verschleppt und dort fürstlicher Sänftenträger wurde
 
 
wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Oktober 2014
  • |
  • 216 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8062-3013-0 (ISBN)
 
Als muslimischer Krieger zog er mit dem Heer des Sultans gegen Wien, als christlicher Maultierknecht arbeitete er für den bayerischen Kurfürsten - die Lebensreise des Anton Achmet, von der dieses Buch berichtet, dürfte selbst für die an Abenteuern überreiche Zeit des Barock ohne Beispiel gewesen sein. Der Janitschar vom Schwarzen Meer gelangte über Belgrad, Wien und München tief ins Abendland, das zu seiner neuen Heimat wurde. Er begleitete den bayerischen Kurfürsten ins Exil bis nach Paris - an den Hof des Sonnenkönigs. Wie der Grenzgänger zwischen den Weltreichen und Religionen lebte, welche Menschen er kannte, unter welchen Bedingungen er arbeitete - all dies lässt sich in dieser historischen Expedition ins >Eiserne Zeitalter< nacherleben.
  • Deutsch
  • Darmstadt
  • |
  • Deutschland
  • 2
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  • 20 s/w Abbildungen, 2 Karten
  • 5,83 MB
978-3-8062-3013-0 (9783806230130)
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Markus Krischer ist Journalist und seit 20 Jahren beim Nachrichtenmagazin Focus, seit 2011 als stellvertretender Chefredakteur. Bei der DVA veröffentlichte er 2006 unter dem Titel "Kinderhaus Leben und Ermordung des Mädchens Edith Hecht" ein Buch über die Euthanasie-Verbrechen in Bayern.
  • [Titelinformationen]
  • [Impressum]
  • Widmung
  • [Menü]
  • Dank
  • Ein Blick ins Eiserne Zeitalter
  • Ein Auftrag für den Corporal
  • Der Mann vom Schwarzen Meer
  • Eine Flut von schwarzem Pech
  • Zehn Fragen an die Fremden
  • Ein Bittbrief aus dem Kerker
  • Die Verwandlung der Osmanen
  • Die Verschleppten von Buda
  • 303 Türken in München
  • Der Fürst als Menschenhändler
  • Mahomet bei den Maultieren
  • Die Abenteuer des Dolmetschers
  • Die Sänfte der Fürstin
  • Zwei Weggefährten von Anton Achmet
  • Ein Leben für St. Peter
  • Im Exil mit dem Herrscher
  • Schicksale der Verschleppten
  • Letzte Spuren der Achmets
  • Anmerkungen
  • Quellen- und Literaturverzeichnis
  • Bildnachweis
  • Karten
  • [Informationen zum Buch]
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Ein Blick ins Eiserne Zeitalter


Ob er ein glückloses Leben führte? Weil er die ledige Tochter ei nes Büchsenmachers geschwängert hatte, floh er aus dem lutherischen Nürnberg. In München konvertierte er zum katholischen Glauben, um seinem Handwerk nachgehen zu können. Immer wieder richtete er Bettelbriefe an den Hof, klagte Honorare ein, neue Aufträge, den Schutz des Landesherrn. Der Sohn blieb kinderlos, die Tochter unversorgt. Vom Erbe des vermögenden Stiefbruders bekam er nicht einen Kreuzer. Der Tod ereilte seine Gattin so rasch, dass nicht einmal Zeit für die Sakramente blieb. Er ließ sie auf dem Friedhof bei St. Stephan außerhalb der Stadtmauern begraben, dort, wo er selbst 21 Jahre später, 1718, zur letzten Ruhe gebettet werden sollte. Er starb verarmt, beinahe erblindet, und ausweislich eines von ihm zwei Jahre zuvor verfassten Schreibens in tiefer Verbitterung. Mit "herzenlaid" habe er ansehen müssen, wie ihn sein Lebenswerk in den Ruin getrieben habe. Über 6000 Gulden habe er dadurch verloren, "brodloß" sei er geworden und habe manches Mal "schier krepieren" müssen.1

Ob Michael Wening ein glückloses Leben führte? Die arg verwitterte biografische Spur, die aus einigen Briefen, Protokollen und Matrikelbüchern herauszulesen ist, erlaubt keine eindeutige Antwort. Und wer würde sie schon haben wollen? Nach dem Glück der Büchsenmacherstochter fragt schließlich auch niemand. Catharina Recknagel hieß sie. Der Rat der Stadt Nürnberg hatte die Schwangere mit der "Unzuchtstraff" belegt und wollte ihr die Weibereisen (also die Haft im Frauengefängnis der Stadt) nur dann ersparen, wenn es ihr gelänge, den flüchtigen Kindsvater aufzutreiben. Das gelang ihr nicht. Sie brachte eine Tochter, Regina, zur Welt, die im Alter von fünf Jahren verstarb. So berichtet der Grabstein der Kindsmutter auf dem Nürnberger Rochusfriedhof. Die Recknaglin selbst verschied im hohen Alter. Unverheiratet.

Ob also der Kupferstecher Michael Wening, der bayerische Merian, wie er genannt wird, in seinen 72 Lebensjahren Glück fand oder selbiges verbreitete, tut nichts zur Sache. Er fertigte Kupferstiche an. Hunderte und Aberhunderte. In seine Platten ritzte er den Gekreuzigten, die Madonna, Engel, Heilige, Honoratioren, Bürger, Soldaten und einmal gar einen Elefanten. Seine Leidenschaft galt jedoch nicht der Figur, sondern dem Ort. Genauer: dem vom Menschen geschaffenen Ort, dem Bauwerk. Wening bildete Kirchen ab, Klöster, Residenzen, Schlösser, Bürgerhäuser, Manufakturen und einmal gar ein Zuchthaus. Er schuf Städteansichten, zeigte Marktplätze und Gartenanlagen.

Michael Wening; das einzige Porträt des bayerischen Kupferstechers fertigte sein Sohn Balthasar. Kupferstich von 1698

Sich selbst ließ Wening von seinem Sohn Balthasar abbilden, der in der Werkstatt seines Vaters arbeitete - und in dessen Schatten er blieb. Das Schriftband um das ovale Porträt (das einzige, das wir von Michael Wening kennen, und wohl auch das einzige, das je von ihm angefertigt wurde) vermerkt zwei Titel, die ihn als Mitarbeiter des Hofes ausweisen. Demnach durfte er sich Portier und Kupferstecher des Kurfürsten nennen. Das Amt eines Portiers, eines Türhüters also, mag kein sonderlich bedeutendes gewesen sein. Immerhin aber honorierte das Hofzahlamt die Tätigkeit mit neunzig Gulden im Jahr und genehmigte Wening jeden Tag zwei Brotlaibe und zwei Maß Bier; Gaben allerdings, die das Hofküchenamt schon mal über Monate verweigerte. Stolz wird Michael Wening auf den Titel des kurfürstlichen Kupferstechers gewesen sein, womit der Hof wohl auch den damaligen Erfolg des Künstlers würdigte.

Wenings Porträt entstand im Jahr 1698. Zwei Jahre zuvor hatte er den Kontrakt seines Lebens geschlossen. Kurfürst Max Emanuel hatte ihm den Auftrag erteilt, eine umfassende Landesbeschreibung zu erstellen und dafür die wichtigsten Orte und Bauwerke Kurbayerns in Kupferstichen zu erfassen. Dass er mit seiner Historico-Topographia Descriptio ein gewaltiges Werk schaffen würde, muss Wening, als er sich im Alter von 52 Jahren von seinem Sohn abbilden ließ, bewusst gewesen sein. Aber ahnte er damals schon, welche Bürde dieser Auftrag bedeutete? Bis zu seinem Lebensende sollte Wening an der Historico-Topographia arbeiten und leiden. Und mehr als einmal klagte er darüber, dass ihn dieses große, womöglich größenwahnsinnige Projekt finanziell überfordere.

Zweifel allerdings sind in den Gesichtszügen des Michael Wening nicht zu erkennen. Mit einer leichten Drehung nach rechts zeigt er sein volles, von schulterlangem, gelocktem Haar umrahmtes Gesicht. Die mächtige Nase, die schmalen Bartlinien über den Flügeln der Oberlippe und die amüsierten, leicht verrutschten Augen erzählen vom Stolz und der Gelassenheit eines Mannes, der annehmen durfte, sich ein Auskommen und einen Namen erarbeitet zu haben.

Denn darauf kam es an: sich einen Namen zu machen. Die Welt war eine Bühne, auf deren Brettern die Sterblichen zu spielen hatten, eingeengt von Standesgrenzen, bedrängt von Seuchen, Krieg und Armut, ausgeliefert dem Glauben und der Allmacht des Fürsten. Dass das Diesseits nur Tand und Nichtigkeiten bereithielt - dies war den Menschen des Zeitalters, das sie selbst das eiserne nannten und das viel später den Spottnamen Barock erhalten sollte, quälend bewusst. Trotzdem gierten sie nach diesem bedrohten, jämmerlichen Dasein.

Die Leidenschaften, Ängste und Wünsche jener Zeit sind kaum noch zu erahnen. Vielleicht lassen sie sich erspüren in den Predigten von Abraham a Sancta Clara, in den Versen von Andreas Gryphius und in den Geschichten von Grimmelshausen. Wer aber in diese entschwundene Welt hineinblicken will, der wird sie in den Bildwerken Wenings entdecken. Den Münchner Markt etwa, den heutigen Marienplatz, präsentiert der Kupferstecher als heiteres In- und Gegeneinander reich verzierter Häuserfronten. All die Arkaden, Giebel, Halbgiebel und Erker scheinen sich versammelt zu haben, um den zentralen Ort der Residenzstadt zu schmücken und zu feiern. Dabei kündet das wohl bekannteste Bild Wenings von einer Heiterkeit, die schon bald der Trauer weichen sollte.

Der Stich entstand um das Jahr 1700. Kurfürst Max Emanuel weilte seit Jahren nicht mehr in München, sondern residierte als Statthalter in Brüssel, der Hauptstadt der Spanischen Niederlande. Der Traum seines Lebens, für das Geschlecht der Wittelsbacher die Herrschaft über das spanische Reich zu erlangen, hatte sich bereits zerschlagen. Sein Sohn Joseph Ferdinand, durchaus ein Kandidat für den Königsthron in Madrid, war 1699 im Alter von sechs Jahren verstorben.

Der Münchner Markt; das Panorama von Michael Wening zeigt den zentralen Ort der bayerischen Residenzstadt, den heutigen Marienplatz. In der Bildmitte ist die Mariensäule zu sehen, rechts der Fischerbrunnen. Am unteren rechten Bildrand sind zwei Sänftenträger zu erkennen. Kupferstich, um 1700

Max Emanuel selbst zehrte zwar noch vom Ruhm, den er sich als junger Herrscher in den Kriegen gegen das Osmanische Reich erworben hatte. Doch seit Längerem spielte der Kurfürst - Frauen, Festlichkeiten und hohem Einsatz leidenschaftlich zugetan - die falschen Karten aus. Max Emanuel hatte sich vom Kaiser in Wien ab- und dem Sonnenkönig in Paris zugewandt. Für den Bourbonen Ludwig XIV. sollte er schließlich gegen den Habsburger in den Krieg ziehen. In Höchstädt verlor er 1704 die entscheidende Schlacht, flüchtete, wurde vom Kaiser verbannt und Bayern geriet unter jahrelange Besatzung. So tief wie Max Emanuel, so zumindest urteilt sein Biograf Lud wig Hüttl, sei kein anderer bayerischer Fürst gesunken.2

Zwar konnte Max Emanuel 1715 wieder in das Kurfürstentum zurückkehren. Doch das Land war ruiniert, über schuldet und geplündert. Der Wittelsbacher hatte seine Fähigkeiten über schätzt und die Kräfte Bayerns überspannt. Michael Wening ahnte davon nichts, als er den Münchner Marktplatz in seine Kupferplatte ritzte. Und doch ist es so gekommen. Der Betrachter weiß, dass die Szene, die jener Stich festhält, zu einem Bühnenstück mit düsterem Ausgang gehört.

Ob demnach die Patrizierhäuser, Gasthöfe und Weinschenken, all die stolzen Gebäude nur vom baldigen Untergang erzählen? Denn untergegangen sind sie. Vom Markt, den Wening gesehen und gezeichnet hatte, überdauerte einzig der Platz als solcher, der Raum zwischen den immer wieder neu errichteten Fassaden, und mittendrin die Mariensäule. Irgendwann im Lauf der Jahrhunderte brannten die Mauern nieder, wurden eingerissen oder durch Bomben zerstört. Jene von Wening gezeigten Häuser hatten, so scheint es, einfach kein Glück. Aber das tut nichts zur Sache. Nach dem Glück der namenlosen Gestalten, die der Kupferstecher auf dem Platz versammelte, fragt schließlich auch niemand.

Der betende Mann etwa vor der Mariensäule, nein, nicht der stehende und auch nicht der vor ihm, der in der Hocke verharrt, sondern der hintere, der auf die Knie gegangen ist, fleht vielleicht gerade um das Seelenheil seiner Frau, die der Pest zum Opfer gefallen sein könnte, einer Plage, von der berichtet wird, sie habe...

»Historisch verbürgtes Abenteuer, mitreißend erzählt.« Focus Spezial - Die besten Bücher 2014

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