Das Haus des tauben Mannes

 
 
Braumüller Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Februar 2020
  • |
  • 544 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-99200-253-5 (ISBN)
 
Die Auflösung seines Elternhauses ist für Adam Trnovský Anlass, sich an seine Kindheit, seine Eltern, sein Leben in der Slowakei zwischen den 1930er- und 1990er-Jahren zu erinnern. In umfangreichen Rückblenden wird so nicht nur eine Familiengeschichte erzählt, sondern auch vieles über den Alltag in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit, im faschistischen slowakischen Staat, in der realsozialistischen .SSR und während und nach der Samtenen Revolution vom November 1989. Im Zentrum steht Adams Vater: Alfonz ist Allgemeinmediziner und versucht sein ganzes Leben lang, den Eindruck zu wahren, ein glücklicher, erfolgreicher und zufriedener Mensch zu sein, dem die Realität mit all ihren Abgründen nichts anhaben kann. Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Zwar ist er immer bestrebt, Entscheidungen mit halbwegs reinem Gewissen zu treffen, doch klappt das nicht immer, und leicht ist es auch nicht, zum Beispiel im Umgang mit der jüdischen Familie seiner Frau. Alfonz' moralischer Fehltritt führt zu Erpressung und Ausnutzung durch die kommunistische Geheimpolizei. Um keine Vorwürfe mehr hören zu müssen - nicht von seinen Kindern, nicht einmal von seinem eigenen Gewissen -, verliert Alfonz Trnovský allmählich sein Gehör, was letztlich auch seinen Charakter verändert.
Peter Kristúfek hat mit leichter Hand einen großen Roman über ein Haus in einer slowakischen Kleinstadt geschrieben. Eine Geschichte von Vätern und Söhnen und von Freundschaft und Vertrauen in den turbulenten Zeiten des mitteleuropäischen 20. Jahrhunderts.
  • Deutsch
  • Wien
  • |
  • Österreich
  • 3,36 MB
978-3-99200-253-5 (9783992002535)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Peter Kristúfek (1973-2018) war Schriftsteller, Dichter und Regisseur. Er studierte Film- und Fernsehregie an der Akademie für Darstellende Kunst in Bratislava, schrieb elf Romane und eine Gedichtsammlung, arbeitete als Radiomoderator, führte Fernsehdokumentationen über Literatur, Bücher und Kunst und drehte den Spielfilm Die lange kurze Nacht. 2002 gewann er den Ivan-Krasko-Preis für sein literarisches Debüt The Inexact Place. Zu seinen bekanntesten Werken gehören: The Prompter (2008), Outside of Time (2009), Twins and Antipodes (2010), The House of the Deaf Man (2012), The Atlas of Forgetting (2013), Ema and the Hawkmoth (2014), Bodies (2016) und sein letztes Werk, Lady Xanax, Mr. Snow White, and Me (2018).

VORBEMERKUNG DES AUTORS


Diese Geschichte ist nie passiert, hätte allerdings durchaus so geschehen können.

Am Anfang jedoch standen zwei Geschichten, die sich tatsächlich zugetragen haben.

Ahnenforschung ist eine seltsame Sache. Wenn man Menschen kennenlernt, die vor einem hier gelebt haben, lernt man auch allerlei über sich selbst. Man erkennt sich in den Gesichtern auf den Fotos wieder, entdeckt (erfreut oder beschämt) Denk- und Handlungsweisen, die einem selbst zu eigen sind.

Eine der Geschichten hatte mich bereits 1984 kaum merklich gestreift. Mein Großvater mütterlicherseits, Vladimír Krisko, war Elitepilot beim Militär gewesen. Jagdflieger. Er hatte im Zweiten Weltkrieg eine Unzahl von Luftzweikämpfen überlebt, hatte sich 1944 am Slowakischen Nationalaufstand beteiligt und war Kommandeur des Aufständischen-Flugplatzes Tri Duby gewesen. Nach dem Krieg war er bei der Armee geblieben, hatte im Verteidigungsministerium gearbeitet - und war 1952 im Rang eines Oberstleutnants unerwartet entlassen worden, angeblich, weil meine Großmutter darauf bestanden hatte, dass ihr gerade geborener Sohn, mein Onkel, getauft werden müsse. Und das war damals nicht besonders opportun. Mein Großvater wurde also Lagerarbeiter (schöner gesagt: Versorgungsreferent), danach Buchhalter bei den Staatsforsten, bis er 1988 starb. Anfang der Neunzigerjahre wurde er in memoriam rehabilitiert und zum Oberst befördert. Ein klassischer Fall, den man sich sowohl von der einen als auch von der anderen Seite ausmalen kann und damit dem Ganzen nicht weiter nachzugehen braucht.

Weil aber just 1984 der Nationalaufstand genau vierzig Jahre zurücklag, bekamen wir in der Schule die Aufgabe, Verwandte, die daran teilgenommen hatten, danach zu befragen und darüber einen Hausaufsatz zu schreiben. Meine Großmutter, die Lehrerin gewesen war, beorderte meinen Großvater umgehend ins Wohnzimmer, ich legte mir Füller und Papier für Notizen zurecht, wir setzten uns auf die Couch und ich begann mit einer Frage zum Aufwärmen:

"Wie viele faschistische deutsche Flugzeuge hast du eigentlich abgeschossen?"

Mein Großvater schwieg betreten, als wüsste er nicht, was er sagen sollte. Ich schrieb das seiner Bescheidenheit zu und der Unlust, zu den alten Zeiten zurückzukehren. Die Situation rettete damals meine Großmutter, die ein paar typische Anekdoten aus dem Hut zauberte, die sie sich geschickt bei zeitgenössischen Büchern und Filmen abgeguckt hatte, und ich schrieb das Ganze auf, bekam in der Schule eine Eins und ein Lob, und alle waren zufrieden.

2008, zwanzig Jahre nach Opas Tod, fand ich im Briefkasten eine Ansichtskarte, die die Schönheit des Rheins zeigte und ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff, das auf ihm entlangfuhr. Sie war an meine Großmutter adressiert, die aber damals auch schon nicht mehr lebte. Auf die Rückseite waren ein paar Sätze gekritzelt: Der Verfasser, ein Slowake, der übrigens als Steward auf dem abgebildeten Flusskreuzfahrtschiff namens River Symphony arbeitete, interessiere sich für die Geschichte der Militärflieger in den Vierzigerjahren und habe Interesse an Fotos aus jener Zeit, gegebenenfalls auch aus späteren Jahren, auf denen mein Großvater sein sollte. Weil mir gerade danach war, schrieb ich zurück. Etwa zwei Monate später, als der Turnus des Matrosen vorbei war, trafen wir uns vor der Franziskanerkirche in Bratislava, kehrten in ein Kellerlokal ein, und beim Bier stellte er mir meinen Großvater in ganzer Pracht und zum ersten Mal in strahlend hellem Licht vor.

Als Erstes holte er eine Kopie der Todesanzeige hervor, die ihm damals offenbar meine Großmutter geschickt hatte - ich erkannte meine Kinderhandschrift wieder, . unser geliebter Ehemann, Vater, Schwiegervater . Natürlich lief es mir kalt den Rücken herunter. Und dann lauschte ich dem Mann, etwas abgelenkt vom dichten Rauch und dem Lärm alkoholisierter Stimmen.

Mein Großvater hatte in den Dreißigerjahren an der Militärakademie studiert und Abfangjäger geflogen, aber erst nachdem im März 1939 die "Rest-Tschechei" von Nazi-Deutschland annektiert und parallel dazu der Slowakische Staat gegründet worden war, hatte er eine steile Karriere hingelegt. 1941 verbrachte er im Rang eines Leutnants mehrere Monate in Dänemark, auf dem Fliegerhorst Grove bei der 5. Jagdgruppe Drontheim, einer extra für das Training slowakischer Piloten gegründeten Fliegerstaffel, wo er Messerschmitts bedienen lernte - das erklärte, warum ich im Keller unseres Hauses immer wieder dänische Münzen aus jener Zeit fand. Kaum war er zurück, wurde er als Staffelkommandeur an die Ostfront abkommandiert. Mit andern Worten: nach Russland, denn die Slowakei hatte sich stolz an der Seite des Großdeutschen Reiches in den Kampf um ein Neues Europa eingereiht. Die trockenen Fakten sagen, dass er an 156 Kampfeinsätzen teilgenommen und neun sowjetische Flugzeuge abgeschossen hatte, was ihm die Bezeichnung Fliegerass einbrachte, die außer ihm nur noch zwei weitere slowakische Offiziere errungen hatten. Mein Großvater hatte Buch über all seine Abschüsse geführt und musste für jeden von ihnen Zeugen beibringen, offiziell wurde ihm aber kaum die Hälfte anerkannt, also jene erwähnten neun Stück. Nach einem Luftzweikampf am 3. Februar 1943 kehrte er nach Krasnodar zurück, und zwar mit einer völlig zerschossenen Messerschmitt Bf 109 F-4, die sich nur wie durch ein Wunder in der Luft hielt. Für diese großartigen Erfolge bekam er das Slowakische Gedenkabzeichen für den Russland-Feldzug, das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse und noch eine Unmenge kleinerer Auszeichnungen, eine sogar vom faschistischen Rumänien, sie trug den entzückenden Namen Virtutea aeronautica - Cruce de Aur.

Die Frage ist: Hätte Vladimír Krisko 1984 seinem gerade elfjährigen Enkel, der außerdem einen Hausaufsatz zum Thema schreiben musste, sagen können, dass die abgeschossenen Flugzeuge keine faschistischen deutschen, sondern sowjetische waren?

Nach seiner Heimkehr befehligte mein Großvater im Rang eines Oberleutnants die 13. Fliegerstaffel, die auf dem Flugplatz Vajnory und später in Piestany stationiert war und die Westslowakei vor amerikanischen Bombardements schützen sollte. Fast wie durch ein Wunder verbrachte er den Tag, als die Staffel komplett aufgerieben wurde und nahezu alle Piloten umkamen, bei einer ärztlichen Untersuchung in Bratislava. Wäre damals auch er gestartet, würde es dieses Buch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht geben. Natürlich hatte er bei Luftkämpfen mehrere amerikanische Flugzeuge abgeschossen. Die Amerikaner betätigten meist den Schleudersitz, und wenn sie am Boden gefasst wurden, internierte man sie im Kriegsgefangenenlager Grinava bei Pezinok.

Cut. Die Bühne betritt ein zweiter Mann, der Großvater meines Vaters, mein Urgroßvater Frantisek Tuma, angesehener Bürger von Pezinok und Besitzer eines Steinbruchs und eines Transportunternehmens mit einem ordentlichen Fuhrpark.

Nach Ausbruch des Nationalaufstands bereiteten die Deutschen die Evakuierung des Kriegsgefangenenlagers Grinava vor, denn die amerikanischen Piloten waren für sie zu einer Belastung geworden. Mit anderen Worten: Sie wollten ihnen eine "Spezialbehandlung" zuteil werden lassen, was in der Regel ihre "Liquidierung" bedeutete. Uropa Frantisek lud im Schutz der Nacht 29 mit slowakischen Uniformen bekleidete amerikanische Piloten in einen Transporter (sie waren bewaffnet, auf dem Dach lag ein Maschinengewehr bereit) und brachte sie auf aufständisches Territorium. Sie schafften es bis zum Flugplatz Tri Duby (sogar ein Foto vom 7. Oktober 1944 ist erhalten), von wo aus sie eine alliierte Maschine zur Basis im italienischen Bari ausflog.

Anfang der Neunzigerjahre bekam mein Vater einen offiziellen Brief von der amerikanischen Botschaft, der mit dem Satz endete: "Gestatten Sie mir, Ihnen meine aufrichtige Bewunderung für die mutige Tat Ihres verstorbenen Großvaters auszudrücken. Wir werden uns in tiefstem Dank an ihn erinnern. Hochachtungsvoll, Theodore E. Russell, Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika."

Befehlshaber auf dem Flugplatz Tri Duby war nun just zu jener Zeit, im Oktober 1944, mein bereits erwähnter Großvater mütterlicherseits, Hauptmann Vladimír Krisko, der bereits einen Tag nach Ausbruch des Nationalaufstands am 29. August auf die Seite der Aufständischen übergewechselt war. Seine Aufgaben waren Luftaufklärung, Luftangriffe auf feindliche (nun deutsche) Positionen, und eine Zeit lang kümmerte er sich auch um den provisorischen Flugplatz Donovaly, wo ein Verbindungsflugzeug für die Generäle Robert Viest und Ján Golian wartete, um sie nach Moskau zu bringen. Die allerdings gaben den Bergen den Vorzug, sodass beim Rückzug mein Großvater mit seinen Kollegen die Maschine anzündete.

Aber zurück zu den amerikanischen Piloten: Sehr wahrscheinlich waren einige von ihnen durch Hauptmann Krisko persönlich abgeschossen worden. Und wenn...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

21,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen