Solange die Bombe schläft: Novelle

 
 
Verlagshaus Hernals
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Juni 2020
  • |
  • 116 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-902975-76-8 (ISBN)
 

Das ist die Geschichte des Felix Heger, der aus Liebe zu einer schönen Frau und aus Angst vor einer Bombe im Keller eine gute Tat vollbringen wollte, die aber zur Untat mit fatalen Folgen wurde. Alles wegen einer alten Fliegerbombe! Ja, auch Bomben können eine Weile schlafen; werden sie aber geweckt, na dann gute Nacht! Emil Honauer gab mir einen Tag Zeit, mich zurechtzufinden, dann zeigte er mir die Bombe. Sie war im Jahre neunzehnhundertvierundvierzig, sagte er, vom Himmel gefallen und hatte sich neben der Kellermauer in das Erdreich gebohrt, war aber nicht explodiert, sondern als Blindgängerin stecken geblieben. Seine Stimme klang zärtlich, als er das Wort Blindgängerin aussprach.

1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,09 MB
978-3-902975-76-8 (9783902975768)
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Ich habe schon oft den Satz gehört: Dieser Mensch hat eine Leiche im Keller. Und ich glaube, diese Aussage braucht keine nähere Erklärung, jeder weiß, was damit gemeint ist. Trotzdem: Wenn ein Mensch mit diesem Ausspruch bedacht wird, heißt das, er hat etwas Böses angestellt, das nicht ans Tageslicht kommen soll.

Für mich hatte einmal dieser Satz Gültigkeit: Er hat eine Bombe im Keller. Nur diese Aussage war keineswegs bildlich gemeint ... nein, sie entsprach einer Tatsache. Es lag wirklich eine Bombe im Keller ... oder genauer beschrieben, sie lag gleich neben dem Keller. Eine Fliegerbombe ...

Aber zu dem Zeitpunkt, an dem meine Geschichte beginnt, war von keiner Leiche und keiner Bombe im Keller die Rede. Ich hatte nämlich ganz andere Gedanken, ganz andere Sorgen. Wird der nächste Zug auf diesem Gleis kommen, auf dem mein Kopf liegt? Werde ich spüren, wie mein Haupt durch das Rad der Lokomotive vom Hals getrennt wird? Werden meine Augen noch für einen kurzen Moment den Schotter auf dem Bahnkörper erblicken und wird mein Gehirn wissen, dass diese Steine der Eisenbahn gehören, die mit meinem Blut getränkt werden?

Ich spürte das Vibrieren des herannahenden Zuges mit allen Fasern meines Halses, der auf dem kalten Stahl der Schiene ruhte. Langsam drehte ich den Kopf nach links, um meinem Henker in die Scheinwerfer zu schauen. Es war eine bitterkalte, finstere Nacht, in der ich beschlossen hatte, mein Leben zu beenden. Mein Leben wollte ich weit außerhalb des beleuchteten Bahnhofs beenden, dort wo eben Dunkelheit herrschte. Und wenn der Lokführer meinen flach auf den beinharten Boden gepressten Körper bemerken sollte, wird es zu spät sein, um die ratternde Zugsgarnitur abzubremsen. Die Nacht war meine Verbündete für das letzte Unterfangen eines verzweifelten Menschen, der keinen anderen Ausweg mehr wusste, als, wie er es ... natürlich ich ... nannte, mit dem "Zug zu verreisen".

Und trotz der prekären Lage, in der ich mich befand, musste ich lächeln, als ich daran dachte, wie die Finder meiner Leiche rätseln werden, wer dieser kopflose Torso wohl sein mag. Denn die Taschen meiner Kleidung waren leer; kein Hinweis auf meine Person war zu finden. Dieser Umstand sollte meine Rache an diejenigen sein, die mich in den Tod getrieben hatten. So reimte ich mir jedenfalls den Beweggrund zusammen, ohne persönliche Papiere in den Taschen unter die Eisenbahn zu kommen. Alle, die mich kannten, sollten sich so lange den Kopf zerbrechen, wo ich, Felix Heger, fünfundvierzig Jahre alt, geschieden, kinderlos, ehemaliger Besitzer einer Autowerkstätte, abgeblieben war. So kitschig blumig dachte ich zu dem Zeitpunkt, als der Zug immer näher und näher kam. Heute weiß ich, dass ich mich kindisch und dumm benahm und geprägt war von einem zerstörerischen Selbstmitleid, damals als ich zu den Schienen auf den Bahndamm kletterte.

In der Stunde des Todes läuft das gesamte Leben des Delinquenten wie in einem Film ab! Diesen Satz hatte ich oft gehört, aber nie so recht daran geglaubt. Wieder so ein Klischee, wie so vieles, was von harmlosen Wesen dahergebrabbelt wird, dachte ich. Doch nun, da der Zug näher kam und mein Tod Gestalt annahm, begann mein Leben tatsächlich in meinem Kopf zu laufen. Wie in einem Film? Nun, das kann ich behaupten, weil ich imstande bin, davon zu berichten. Doch es war wirklich so, als würde ich im Kino oder vor dem Fernseher sitzen; ich lag aber auf den Gleisen der Westbahn in Wien und zitterte vor Kälte, bevor ich in das wahrscheinlich noch kältere Nirwana abfuhr. Zumindest meine Seele sollte dorthin reisen. Ja ... meine Seele! Was wird mit ihr passieren?, fuhr es mir durch den noch auf dem Körper thronenden Kopf. Wird meine Seele irgendwann wieder in einen Menschen schlüpfen, der gerade das heimelige warme Nest in seiner Mutter verlassen hat? Oder wird sie bis in alle Ewigkeit - wie lange kann das nur sein? - in den Weiten des Universums herumirren? Es waren simple Gedanken in Anbetracht dessen, dass der Zug, mein letzter Zug, immer näher und näher kam.

Der Film in meinem Kopf, der lief nicht chronologisch ab, nein, er begann damit, als ich um elf in der Nacht von der schmalen Straße unterhalb des Bahndammes keuchend, den schweren Wintermantel mit beiden Händen an den Körper gedrückt, als möchte ich vermeiden, dass er schmutzig wird, zu den Schienen hinaufkletterte, um Selbstmord zu begehen. Und der Film lief viel zu schnell ... viel zu schnell. Ich bekam nicht jede Szene mit, die er zeigte. Er legte das Tempo eines Zeitraffers vor, aber in kunterbunter Reihenfolge, als hätte der Cutter gestreikt.

Ich bin im Kindergarten, ein Christbaum steht in dem für kleine Menschen riesigen Zimmer. Ich küsse ein dunkelhaariges Mädchen. Es ist Vera. Meine spätere Frau. Ich prügle mich mit einem fetten Buben in der Schule, der Professor für Deutsch kommt dazu und trennt uns Kampfhähne. Mit Vera bin ich in Griechenland, auf der Insel Samos, und wir liegen auf einem Kiesstrand, nachdem wir im ruhigen Meer geschwommen sind. Dann purzelten viele Szenen, Begebenheiten, wie Mikadostäbe durcheinander. Ich konnte nicht erkennen, was genau geschah. Ich sah kurz das Gesicht meiner Mutter, das von Tränen überströmt war, beim Begräbnis meines Vaters. Ich sah Vater im Spitalsbett liegen, mühsam lächelte er mir zu, krank und ausgemergelt sah er aus. Ich sitze im Büro einer Autowerkstätte. Es ist meine Autowerkstätte. Es riecht nach Benzin und Öl und Auspuffgasen. Zwei Polizisten kommen in das Büro und nehmen mich mit auf das Kommissariat. Ein von meinem Mechaniker gewarteter Wagen hat auf der Autobahn beide Vorderräder verloren. Der Fahrer und seine Frau liegen schwer verletzt im Spital, höre ich. Dann wird ein Protokoll verfasst, das ich unterschreiben muss. Ein Gerichtssaal. Eine hohe Geldstrafe und Gefängnis auf Bewährung, verkündet der Richter. Mit dem Fahrrad strample ich auf den Großglockner hinauf, hinter mir quälen sich meine Freunde Karl, Max und Ivo durch die steilen Kurven im Schein der Junisonne. Wir sind zwanzigjährige Burschen, die der Welt ein Loch in die Kruste hauen. Wieder ein Gerichtssaal. Eine Richterin. Vera hat die Scheidung verlangt. Ich ziehe in das Haus meiner Mutter. Aber nicht für lange, weil ich zu viel Trost im Alkohol suche und Frauen mit in mein Zimmer im ersten Stock bringe, die meiner Mutter "widerlich" sind. Sie wirft mich kurzerhand auf die Straße und schimpft mich einen Versager. Sie sei froh, dass Vater nicht mehr erleben muss, welch untüchtiger, Fusel saufender Mensch sein Sohn geworden ist. Und ich werde verurteilt, den halbwegs genesenen, aber noch immer leidenden ehemaligen Kunden meiner Werkstätte ein enormes Schmerzensgeld zu bezahlen, was mich in den Ruin treibt. Die Versicherung findet einen Passus im Kleingedruckten, der sie von jeglicher Verpflichtung befreit. Ich stehe auf der Straße vor dem Glaspalast des Institutes und wäre von Herzen gern ein Terrorist, der die mich verhöhnende Pracht in die Luft sprengt. Von dem Mechaniker, der die Misere verschuldet hatte, ist nichts zu holen; er hat sich irgendwohin nach Südamerika abgesetzt. Ich sehe noch sein grinsendes Gesicht, als er wie ein ertappter Hühnerdieb die Tür zur Werkstätte für immer hinter sich zuwirft und aus meinen Augen verschwindet und mich die gesamte Verantwortung, hervorgerufen durch seine Schlamperei, tragen lässt. Meine Werkstätte hatte bald einen anderen Besitzer. Mit der Kaufsumme bezahlte ich die Opfer des Unfalls. Dann war ich arm wie die sprichwörtliche Kirchenmaus. Ich wanke betrunken durch das nächtliche Wien und versuche das Haus von einer der "widerlichen" Frauen zu finden, um für einige Zeit unterzukommen. Immer wieder sehe ich mich als Automechaniker arbeiten, aber in verschiedenen Werkstätten; die Bilder vermitteln nicht die Gründe des oftmaligen Wechselns. Eine der Frauen saust durch meinen Film, aber ich weiß bis heute nicht, welche es war oder wie sie geheißen hat. Dann sehe ich Vera wieder. Zufällig in einem Café. Ich bin nüchtern und gewaschen, weil ich zwei Nächte in einem Heim für Obdachlose gewohnt habe. Mit einer Frau, die ich nur flüchtig von früher her kenne, einer Arbeitskollegen von ihr, sitzt Vera an einem der kleinen runde Tische und unterbricht abrupt ihre Rede, als sie mich bemerkt.

Ja, sie unterbricht ihre Plauderei, sieht mich an, schaut aber drein, als wäre ich ein Fremder. Ich strecke die Hand aus, um sie zu begrüßen, da verzieht sie zornig ihr hübsches Gesicht und fragt ihre Kollegin, ob sie diesen Menschen kenne. Die blickt kurz zu Vera hin, schüttelt dann den Kopf und sagt nein. Der schwarz und weiß gekleidete Kellner kommt und bedeutet mir, ich möge rasch das Lokal verlassen, sonst gäbe es Ärger.

So verlasse ich das Café und wem renne ich in die Arme - bildlich gesprochen? Meiner Mutter und einem Mann an ihrer Seite, den ich nicht kenne. Die beiden sind gerade dabei, das von mir verlassene Café zu betreten. Als ich durch die noch offene Tür in das Lokal hineinschaue, winkt Vera den beiden fröhlich lächelnd zu. Meine Vera und ihre Kollegin treffen sich in dem Café, wo ich oft bei einem Mokka gesessen bin, mit meiner Mutter und einem mir fremden Mann. Meine Mutter stutzt, als sie mich endlich bemerkt, greift nach dem Oberarm ihres Begleiters, wirft ihren frisch frisierten Kopf in die Höhe und sagt, komm endlich, die zwei warten schon.

Plötzlich war der Film in meinem Kopf zu Ende. Die Bilder, die nur Äußerlichkeiten zeigten, ohne deren Hintergrund zu erklären, endeten wie mit einem Schlag.

Jetzt noch, als ich meinen Hals auf die pochende Schiene gelegt hatte, spürte ich rückwirkend die unbändige Traurigkeit, die mich nach den Begegnungen mit den zwei Frauen erfasste. Ich fühlte mich...

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