Zorniger alter Mann auf seinem Fahrrad bergab rollend

Eine Zukunft von gestern
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Januar 2018
  • |
  • 572 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7460-0448-8 (ISBN)
 
In einer nicht allzu fernen Zukunft taucht ein alter Mann auf.
Seine verbalen Wutausbrüche sind schwer nachzuvollziehen.
Er wird erforscht. Ihm wird nachspioniert. Einige seiner Geheimnisse werden gelüftet. - Geschichten, Kunstwerke ...
Man freundet sich an.
Der alte Mann gibt weitere Geheimnisse preis, darunter sein größter Schatz. Und dann verschwindet er wieder.
So geht, kurz zusammengefasst, die Geschichte.
Es geht aber auch um Lebensentwürfe. Um Träume und Utopien des späten 20. Jahrhunderts. Es geht um ihre Begründungen und Verwirklichungen, um ihr Scheitern und um Untergänge in der sich über so vieles hinweg wälzenden Weltgeschichte.
Dies ist ein SF-Roman. Weniger im Sinne von Sience Fiction - Sience kommt tatsächlich wenig drin vor - als vielmehr im Sinne von Social Fiction. Ein Social Fiction-Roman.
Wer sich entscheidet dieses Buch zu lesen bekommt auf jeden Fall viel geboten: Abenteuer, Intrigen, Lieben, Hassen, Suaden, Sinnsuche ...
Aber das alles findet nicht in der Mitte der Gesellschaften statt, sondern immer an ihren Rändern.
Das Buch ist also voll von Außenseitern, Außenseiterinnen, Aussteigern, Aussteigerinnen, extremen Meinungen, romantischer Weltuntergangssehnsucht, bitterböser Satire ...
Wer sich von den radikalen Ansichten randständiger Menschen Aufschlüsse über den Zustand unserer Welt erwartet, wird hier fündig.
Wem sie vor allem lästig sind, der wird sich vor allem ärgern.
Aber auch das muss ja nicht vergeblich sein.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,97 MB
978-3-7460-0448-8 (9783746004488)
3746004489 (3746004489)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Andreas Kothe, geb. 1963 in Bemen, aufgewachsen in Bergen (Kreis Celle), seit 1988 in Braunschweig, Studium an der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, Fachbereich Sozialwesen, Schwerpunkt: Alternative Lebensformen.
Arbeitet als Marktverkäufer für eine Bioland-Hofgemeinschaft, als Putzmann und 'Mädchen für alles Mögliche' in einer Vollkornbäckerei. Außerdem als Thekenkraft in einem Jazzlokal und als freier Künstler.

1.


Ich schwebe aus der Höhe herab, hinein in diese mir noch unbekannte Geschichte. Die Gebirgslandschaft da unten sieht aus wie runzelige Haut mit Sommersprossen. Ich sinke tiefer. Die Runzeln werden zu scharfkantigen Graten, hellere Flecken sind Geröllfelder. Die vielen, fast regelmäßig verteilten Punkte scheinen Baumstümpfe zu sein. Ja. Und da, das graue gewundene Band der Straße. Da, da fährt er, der Alte. Ein schmaler, kaum sichtbarer Schatten. Das Einzige, was sich bewegt.

Jetzt entdecke ich noch etwas. Dort weiter unten, zwischen den Felsen. Ein knotiger Kreis, von dem geschwungene Linien ausgehen. Wie eine archaische Zeichnung der Sonne sieht das aus. In der Mitte ein Punkt. Ich gehe näher ran.

Es ist ein junger Mann. Er sitzt, umgeben von elektronischen Geräten, auf einem Baumstumpf. Die Geräte sind miteinander verbunden, und orangefarbene Kabel mit rot und grün blinkenden Verdickungen sind von dem Kreis aus im Gelände verlegt. Den Mann schätze ich auf etwa dreißig. Er ist hager, hat hellgelbes, sonnengebleichtes Haar und ledrige Haut von einem schwärzlichen Braun. Er dreht sich sitzend von einem Apparat zum nächsten, drückt Tasten, betrachtet Displays, drückt wieder Tasten. Es gluckst, piepst und rasselt in den Verdickungen der Kabel. Jetzt klappt er ein Notebook auf, schließt es an und ruft Grafiken und Zahlenkolonnen auf. Er betrachtet das Ganze eine Weile und speichert es ab. In der linken oberen Ecke des Bildschirmes steht:

Benedikt Hottmann / Reg.-Nr. 002a/ Bereich 10-Z / 16:49 (MESZ) / 25.04.2069.

Aha! 2069!

Der junge Mann hält plötzlich inne. Er richtet sich auf, die Stirn gerunzelt. Er lauscht. A ja! Der Alte kommt. Er ist nahe und ruft wieder. Der Mann mit der Registrierung 002a klappt seinen Computer zu, legt ihn behutsam ab, greift zwischen die Wurzeln des Baumstumpfes, und mit einem Feldstecher in der Hand rutscht er auf dem Hosenboden herum, bis er die Straße sehen kann. In einiger Entfernung links von ihm kommt der Alte gerade hinter einem Felsbrocken hervor geschossen. Benedikt Hottmann beobachtet ihn durch sein Fernglas und murmelt vor sich hin:

"Ein alter Mann. Auf einem Fahrrad. Ein zorniger alter, ui, ein sehr zorniger alter Mann. Hey, was bist du denn für einer?"

Ohne das Fernglas abzusetzen, steht er auf. Murmelt weiter vor sich hin.

"Ah, er ruft etwas. Zu leise. Versteh' nichts. Hey Alter, ein bisschen lauter bitte! Mann, der ist lecker. Wie er rumzappelt, jetzt sogar freihändig. Na los, Alter! Schrei! Schrei lauter! Komm ...!"

Leise kichernd denkt er:

Ist das zu glauben? Sitze hier auf einem dieser gottverdammten Baumstümpfe, in dieser gottverdammt einsamen Gegend. Latsche seit Wochen herum - Statist beim 28. Wiederaufforstungsversuch - Scheißfilm! - wie üblich davor alles hinzuschmeißen, da kommst du mir vor die Linse. Endlich mal was - was für 'ne Erscheinung. So ein Fossil, hier, mitten in der Steinwüste. Ein weißmähniger, dürrer Ziegenbock mit kreuz und quer zerfurchter Stirn. Und was für ein Maul! Ein heulendes, zahnloses Loch. Er is' braun wie ich. Muss oft draußen sein. Witzig, die bunten Hosenträger auf der knochigen Brust. Und die viel zu weite Anzughose, grau, voller bunter Flicken. Wie die um seine Knorpelbeine flattert. Kreisende Ellenbogen. Tanzende Schultern. Auf und ab. Glänzende Kugelknäufe. Und der Kopf baumelt herum, wie an einem losen Faden. - Da! Er hat mich entdeckt. Reißt die Augen auf.

"Hallo Alter! Winke, winke!"

Ho ho! Er wird wütend. Schreit schrill. Droht mit den Fäusten. Mann, ich verneige mich. Tief verneige ich mich vor deiner Wut. Demütig senke ich mein Haupt vor dir Zorniger alter Mann auf deinem Fahrrad bergab rollend.

Die Erscheinung verschwindet. Benedikt Hottmann steht noch eine Weile benommen da. Dann setzt er sich, reibt sein Gesicht, trinkt einen großen Schluck Wasser. Schaut sich um. Nur trockenes Gestein und totes Holz.

Baumstumpfpickeliges Land, denkt er.

Die blasse, unscharf umrissene Scheibe der Nachmittagssonne wandert darüber hinweg, zieht träge ihre Bahn durch einen trüben, orangegrauen Himmel. Der einsame junge Mann mit der Lederhaut stiert vor sich hin, ratlos befingert er seine Geräte. Minuten vergehen. Da hellt sich sein Gesicht plötzlich auf. Er reckt sich und sagt laut: "Schluss für heute. Feierabend!" Er rollt die Kabel zusammen und steckt die Geräte ineinander. Sein Maschinenpark schrumpft zu einem kastenartigen Rucksack zusammen. Der Arbeitende brummelt die ganze Zeit vor sich hin. Am meisten freut er sich auf das kühle Bier, das er bald trinken wird, und er fantasiert von Löschflugzeugen voller Gerstensaft. Mit ausgebreiteten Armen simuliert er brummend und zischend den Abwurf dieser Ladung über der Bergwüste und wünscht wirklich, dem Land wäre so einfach zu helfen wie ihm. Aber die einzigen Räusche, die diese Hänge seiner Meinung nach noch zu erwarten haben, sind Sonnenstiche und Sturzregen. Rauschende Wälder? Ach, daraus wird nichts mehr. Mit geseufztem "Almen ade." schultert er den Rucksack, klemmt sich die Kabeltasche vor die Brust und klettert vorsichtig zur Straße hinunter.

Dort steht ein staubiger, graublauer VW-Käfer älterer Bauart. Bei näherer Betrachtung stelle ich fest, dass es eine sehr moderne Imitation eines solchen Wagens ist, ein Elektro-Auto. Die ganze geschwungene Karosserie besteht aus Solarzellen, und der Innenraum erinnert an das Cockpit einer fliegenden Untertasse. Aber dieses Gefährt fliegt nicht. Nach einigen Knopfdrücken rollt es los. Das leise Surren des Motors übertönt der Fahrer mit gelegentlichem "brrrmbrrrm" und mit dem Gesang improvisierter Lieder wie "Ich fahre jetzt nach Hause - tralalaaa. Da mach' ich eine Sause - tralalaaa." oder "Anneliese, zapf' mein Bier, ich bin, mein Schatz, schon gleich bei dir." Er beschleunigt, um den Alten vielleicht noch einzuholen, erreicht aber vorher schon sein Ziel, die Hotel-Raststätte Kronach am Rande des kleinen Städtchens Pfürzingen.

Hottmann parkt dicht am Haus, springt aus dem Wagen und läuft mit langen Schritten über den Kies. Er setzt eins, zwei, drei die Treppe hinauf, stürmt durch den Eingang, dann durch eine hölzerne Seitentür in die Gaststube, wo er, nachdem die Tür hinter ihm knallend wieder ins Schloss gefallen ist, ruft:

"Guten Abend, Frau Wirtin! Ein großes Helles bitte und das Tagesgericht!"

Eine kleine, füllige Frau, die gerade den riesigen Bildschirm an der gegenüberliegenden Wand eingeschaltet hat, dreht sich lachend um.

"Grüß Gott, Herr Hottmann. So früh? Aber nehmen sie an ihrem Tisch Platz. Hab' ihn freigehalten, obwohl, wie sie sehen, heute Andrang ist. Es gibt unseren berühmt-berüchtigten Linseneintopf.(Aus einer Ecke wird applaudiert.) Ich hoffe sie mögen so was auch?"

"Liebe Frau Wirtin, und noch einmal, damit sie es nicht wieder vergessen: Ich mag alles, alles, alles! Und jetzt, noch vor der Suppe, am allerliebsten eine frisch gezapfte, goldene, schaumgekrönte und vor allem wunderbar kühle Maß Bier. Ich habe einen gottverdammt trockenen Job da oben."

"Kommt sofort!"

Die kleine, runde Frau huscht hinter die Theke, wo sie unter der Obhut ihres ausladenden Busens zu zapfen beginnt. Benedikt beugt sich etwas zu ihr hinüber und raunt:

"Lecker, lecker. Wirklich - lecker."

Begleitet vom koketten Lachen seiner Gastgeberin und den mürrischen Blicken eines Mannes, der mit einer dampfenden Terrine durch die Schwingtür neben der Theke tritt, begibt Hottmann sich zu einem Tisch im hintersten Winkel der Gaststube. Dort hängt in einem einfachen Glasrahmen ein beeindruckendes Bild. Seinen Stammplatz hat er bewusst hier gewählt. Hinter sich das Schmatzen und Schwatzen der anderen Gäste zieht er aus einem Silberetui eine Zigarette, leckt kurz am Mundstück und steckt sie an. Genüsslich lässt er den Qualm aus seinem Mund steigen und atmet ihn durch die Nase ein. Dann ruft er plötzlich zur Theke hinüber:

"Und einen Kaffee! Ja? Gleich jetzt bitte, noch vor allem anderen!"

Die Wirtin bestätigt mit einer Handbewegung, und wenig später genießt Hottmann zum herben Qualm der Zigarette die köstlichen Röstaromen des Kaffees. Wenn er nicht gerade seufzend die Augen geschlossen hat, betrachtet er das gerahmte Poster an der Wand.

Es zeigt jene Gegend, in der er gerade arbeitet, so, wie sie lange vor der Zerstörung des Waldes durch Bodenversauerung, Klimastress und Erosion ausgesehen hat. Eine Wange in die Hand geschmiegt lässt er seinen Blick versonnen über Wipfel und durch vielfarbiges Grün schweifen. Er dringt in den Schatten zwischen den Stämmen ein, verliert sich in der kühlen Weite dieses einst so prächtigen, von Tannen dominierten Bergmischwaldes.

Natürlich entgehen seinem geschulten Auge die bereits sichtbaren Schäden nicht. Angsttriebe und stellenweise zu viele Zapfen in den Wipfeln. Das Nadelkleid vieler Bäume ist sichtbar ausgedünnt, die Rinde verfärbt. Und...

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