Das böse Kind

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Oktober 2015
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97138-6 (ISBN)
 
Eine junge Frau gerät scheinbar aus dem Nichts in Panik, rennt vor ein Auto und stirbt - ein tragisches Unglück, und doch kommt Nachlassverwalterin Kristina Mahlo der Fall seltsam vor. Was kann die freie Lektorin von einem Moment auf den anderen so sehr in Schrecken versetzt haben? Im Nachlass der Toten entdeckt Kristina Hinweise auf ein Ereignis, das jede Sekunde im Leben der jungen Frau bestimmt hatte. Und auf einen erbarmungslosen Täter, der allgegenwärtig scheint.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 1,77 MB
978-3-492-97138-6 (9783492971386)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Sabine Kornbichler, geboren 1957, wuchs an der Nordsee auf und arbeitete in einer Frankfurter PR-Agentur, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Schon ihr Debüt »Klaras Haus« war ein großer Erfolg, ihr Kriminalroman »Das Verstummen der Krähe« wurde für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Sabine Kornbichler lebt und arbeitet als Autorin in der Nähe von München.

1Im Schein der Straßenlaterne tanzten bizarre Schatten über die Wand. Sie folgten dem Rhythmus, den der Wind ihnen vorgab. Spätestens in einer halben Stunde würde die Morgendämmerung sie verschluckt haben. Leise glitt ich unter der Decke hervor und suchte auf dem Boden meine Sachen zusammen. Einer meiner Stiefel fehlte. Ich kniete mich hin und tastete unters Bett. Zwischen Staubflusen bekam ich ihn zu fassen. Nachdem ich ihn hervorgezogen hatte, lauschte ich auf Martins gleichmäßigen Atem. Dann wandte ich mich auf Zehenspitzen zur Tür. Gedanklich war ich bereits im Flur, als ich gegen etwas stieß, das mit einem Klirren umfiel. Das Geräusch war unverwechselbar: Ein Glas war zu Bruch gegangen. Ich versuchte, mich zu erinnern, wie es dorthin gekommen war. Wir hatten Rotwein getrunken und die Gläser mit ins Schlafzimmer genommen. Und dann hatten wir sie irgendwo abgestellt. Nein, nicht irgendwo, sondern auf dem Boden. Weil die Fensterbank einen Umweg bedeutet hätte.

Ich machte einen großen Schritt, um den Scherben auszuweichen, und trat doch mitten hinein. »Au!«, schrie ich und biss mir auf die Unterlippe.

Sekunden später war das Zimmer in Licht getaucht. »Was ist passiert?«, fragte Martin verschlafen.

Nackt, wie ich war, hüpfte ich auf dem unversehrten Fuß zurück zum Bett und ließ mich darauf fallen. »Ich bin in Scherben getreten.« Ich setzte mich so, dass Licht auf meine Fußsohle fiel. Mehrere Splitter hatten sich in die Haut gebohrt, an den Wundrändern bildeten sich Blutstropfen.

»Scherben?«

»Ich habe ein Glas umgeworfen. Hast du eine Pinzette und ein paar Pflaster?«

Allmählich wurde er wach. »Wolltest du dich heimlich davonstehlen?«

»Ich wollte dich nicht wecken. Und jetzt hilf mir bitte!« Während Martin den Scherbenteppich auf dem Weg ins Bad geschickt umrundete, schlüpfte ich in mein Jeanshemd und knöpfte es zu.

Als er zurückkam, trug er Boxershorts und Turnschuhe mit offenen Schnürsenkeln. Er setzte sich neben mich und nahm meinen Fuß in beide Hände. »Lass mal sehen!« In Nullkommanichts hatte er den ersten Splitter mit der Pinzette herausgezogen.

»Au!« Vergeblich versuchte ich, ihm meinen Fuß zu entwinden.

»Halt still, sonst tut es noch mehr weh!«

Bei den restlichen Splittern biss ich die Zähne zusammen. Erst als das Desinfektionsspray in den Wunden brannte, schrie ich wieder auf.

Martin tupfte alles fein säuberlich ab, bedeckte die Schnitte mit Pflastern und besah sich sein Werk. »Abergläubige könnten jetzt meinen, das sei die Strafe für deinen Versuch, dich davonzuschleichen.«

»Wie gut, dass wir beide Realisten sind.«

»Also ich bin Romantiker. Deshalb habe ich auch extra Kakao für dich besorgt. Den trinkst du doch nachts immer, wenn du nicht schlafen kannst, oder?«

»Hast du etwa ein Dossier über mich angelegt?«

»Auch Detektive haben Berufskrankheiten.«

»Und was steht drin?«

»Dass du mit einer Krähe redest .«

»Die Krähe heißt Alfred.«

Er nickte, als würde er es im Geiste vermerken. »Dass du zur Entspannung gerne auf Bäume kletterst, dass du dir für deine Toten ein Bein ausreißt, dabei aber manchmal unkalkulierbare Risiken eingehst .«

»Ich kalkuliere sie, nur liege ich hin und wieder falsch. Noch mehr?«

»Dass du immer allem auf den Grund gehen musst .«

»Was soll daran negativ sein?«

»Die Aufzählung ist wertfrei.« Er musterte mich. »Du bist dickköpfig, und ich vermute, du lügst, wenn du dich in die Enge gedrängt fühlst.«

»Lügen kann sehr viel zeitsparender sein als lange Erklärungsversuche oder Rechtfertigungen. Was noch?«

Er gähnte und tat so, als müsse er überlegen. »Ach ja, du bist deinen Eltern eine liebevolle Tochter, du bist eine verlässliche Freundin und du wirst panisch, wenn jemand unpünktlich ist.«

»Das würdest du auch, wenn du die Erfahrung gemacht hättest, dass Menschen spurlos verschwinden. Und damit meine ich nicht deine berufliche Erfahrung als Detektiv, sondern meine ganz persönliche.« Ich dachte an meinen Bruder Ben und spürte plötzlich die Schnitte in meiner Fußsohle, als seien es tiefe Wunden. Ich legte eine Hand darauf und drückte leicht dagegen.

»Tut's weh?«

»Ziemlich.«

»Warum kuschelst du dich nicht einfach wieder ins Bett und ich bringe dir einen Kakao?«

»Weil der Kakao dann kalt würde.« Ich streifte seine Lippen mit einem Kuss und entzog mich seinen tastenden Händen.

»Habe ich übrigens schon erwähnt, was dick und fett über dem Dossier steht?« Er strich mir eine Strähne hinters Ohr.

»Dass du besser die Finger von mir lässt?« Ich stand auf und schlüpfte in meine Jeans.

»Dort steht: Wenn du dich in sie verliebst .«

Blitzschnell legte ich ihm einen Finger auf die Lippen. »Scht! Ich will das nicht hören. Wir haben eine Nacht zusammen verbracht, mehr .«

»Eine halbe«, unterbrach er mich, »und die war wunderschön.«

»Zugegeben. Das mit der halben, meine ich.« Ich ließ meinen Blick über sein Gesicht gleiten, über die breite Stirn unter den dunkelblonden Haaren, über seine wachen Augen und die hohen Wangenknochen.

Martin hob eine Augenbraue.

»Okay, das mit dem wunderschön stimmt auch. Aber .«

»Das Aber heißt Simon, ich weiß.« Er stand auf und wandte den Blick ab.

»Martin?«

»Keine Sorge, es ist alles okay. Während du dich anziehst, mache ich dir den versprochenen Kakao. Ich will schließlich, dass du wiederkommst.«

Vorsichtig trat ich auf und zog mich fertig an. Aus der Hosentasche zog ich eine Spange und fasste meine Haare damit zusammen. Dann sah ich mich im Schlafzimmer um, ob ich etwas vergessen hatte. Bislang hatte ich den Raum gar nicht richtig wahrgenommen. Jetzt ließ ich meinen Blick über das gemütliche Bett wandern, auf dessen Ablage am Kopfende sich Bücher und Zeitungen stapelten. Gegenüber vom Bett stand ein großer Biedermeierschrank, dessen Tür ein wenig schief in den Angeln hing und einen Spalt offen stand. Vor dem Fenster befand sich ein Rennrad in einer Halterung, die es zum Hometrainer umfunktionierte. Auf dem Boden daneben lagen Hanteln.

Ich kniete mich hin, sammelte vorsichtig die größten Scherben auf und brachte sie humpelnd in die Küche. Als Martin mich kommen sah, öffnete er den Mülleimer.

»Der Kakao ist fertig.« Er stellte den Becher auf eine Glasplatte, die auf Bücherstapeln ruhte, und ließ sich auf das mit dunkelblauem, verblichenem Samt bezogene Biedermeiersofa fallen. Nachdem er einen Packen mit Schnellheftern und Laptop unters Sofa geschoben hatte, klopfte er auf die frei gewordene Fläche neben sich.

Ich setzte mich und sah einen Moment lang durch das geöffnete Fenster hinaus in die Dämmerung. Vogelstimmen begrüßten den Morgen und mischten sich mit dem Geräusch raschelnder Blätter, die der Wind vor sich hertrieb. Während ich einen Schluck Kakao probierte, spürte ich Martins Blick auf mir ruhen. Vielleicht lief vor seinem inneren Auge auch gerade der vergangene Abend wie ein Film ab. Wir waren im Kino gewesen, hatten auf einer Parkbank im Englischen Garten Döner gegessen und uns schließlich auf den Heimweg gemacht. Anstatt nach Obermenzing waren wir nach Pasing gefahren und in Martins Wohnung in der rosa gestrichenen, etwas heruntergekommenen Gründerzeitvilla gelandet, die er samt Mobiliar vor einigen Jahren von seiner Großmutter geerbt hatte.

»Warum hat Simon eure Beziehung eigentlich auf Eis gelegt?«, fragte er.

»Das weißt du doch. Weil er mit angehört hat, wie ich am Telefon mit dir geflirtet habe.«

»Und was ist der wirkliche Grund?«

Ich stöhnte leise. »Simon möchte mit mir zusammenziehen, während ich an meiner Wohnung hänge.«

»Warum zieht ihr dann nicht einfach in deine?«

»Weil ich mich in der auch alleine ganz wohlfühle. Außerdem möchte ich Kinder, während Simon sich schon vor langer Zeit für ein Leben ohne entschieden hat.«

»Für mich klingt das nach unüberbrückbaren Differenzen.«

»Mach dir keine falschen Hoffnungen. Bitte . Ich möchte dich nicht auch noch verlieren.«

»Erstens weiß ich nicht, was an Hoffnungen falsch sein könnte. Und zweitens verlierst du mich nicht. Wir sind Freunde, schon vergessen?«

Ich stellte den Becher ab, rutschte näher an ihn heran und lehnte meinen Kopf an seine Schulter. »Freunde gehen nicht miteinander ins Bett.«

»O doch, das tun sie. Meine Großmutter hat über ihre große Liebe immer gesagt, er sei ihr bester Freund gewesen. Sie waren fünfundfünfzig Jahre miteinander verheiratet.«

»Du bist wirklich ein Romantiker.«

»In meinen Ohren klingt das wie ein Kompliment.« Er beugte sich zur Seite und küsste mich.

Einen wunderbaren Moment lang ließ ich es geschehen. »Martin, ich muss gehen.«

»Solange du wiederkommst, ist alles gut.«

»Ich .«

Dieses Mal verschloss er meinen Mund mit einem Finger. »Lassen wir es einfach auf uns zukommen, okay?«

Auf dem Heimweg hatte ich mich über mich selbst gewundert. Ich hatte mit einem schlechten Gewissen gerechnet, mit einem Kater, der mich die vergangene Nacht bereuen ließ. Aber nichts dergleichen geschah. Die Gedanken daran, was es für Simon bedeuten würde, wenn er davon erfuhr, schob ich beiseite. Seitdem er sich eine Pause ausbedungen hatte, behandelte er mich wie eine gute Bekannte. Ich hatte ein paarmal versucht, mit ihm zu reden, nur um mir...

»Es gelingt Kornbichler ausgesprochen gut, trotz nur dreier Verdächtiger die Spannung bis zum Schluss hoch zu halten und den Charakter ihrer Figuren differenziert und glaubwürdig darzustellen.«, ver.di publik

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