Im Angesicht der Schuld

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2015
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96971-0 (ISBN)
 
Für Helen bricht eine Welt zusammen, als eines Abends die Polizei vor ihrer Tür steht: Ihr Mann Gregor, ein angesehener Anwalt für Familienrecht, ist vom Balkon seiner Kanzlei in die Tiefe gestürzt. Die Ermittler gehen von Selbstmord aus, doch Helen kann das nicht glauben. Sie beginnt im Nachlass ihres Mannes nach Spuren zu suchen - und stößt auf ein verstörendes Geheimnis. Immer tiefer dringt sie vor in ein Dickicht aus schuldhaften Verstrickungen und falsch verstandener Loyalität.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 1,02 MB
978-3-492-96971-0 (9783492969710)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Sabine Kornbichler, geboren 1957, wuchs an der Nordsee auf und arbeitete in einer Frankfurter PR-Agentur, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Schon ihr Debüt »Klaras Haus« war ein großer Erfolg, ihr Kriminalroman »Das Verstummen der Krähe« wurde für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Sabine Kornbichler lebt und arbeitet als Autorin in der Nähe von München.

1

Der Anker lag in meiner geöffneten Hand. Winzige, in Gold gefasste Brillanten glitzerten um die Wette und trieben mir Tränen in die Augen. Mein Blick wanderte von dem kleinen Schmuckstück, das an einer Halskette hing, zu meinem Mann.

»Herzlichen Glückwunsch zum Sechsunddreißigsten«, sagte Gregor und küsste mich.

Ich legte die Kette, die ebenso stabil war wie der Karabinerhaken, der sie umschloss, um meinen Hals. Für einen Moment schloss ich die Augen und spürte den Anker auf meiner Haut. Er war ein Symbol für den Halt, den Gregor mir in der schwierigen Phase, die hinter mir lag, gegeben hatte und den er mir immer wieder geben würde.

»Wenn jetzt eine Fee käme und ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, steinalt mit dir zu werden«, sagte ich. »Danke für dieses besondere Geschenk. Ich werde gut darauf aufpassen!«

»Ich weiß.«

»Weißt du auch, dass ich dich liebe?«

»Vom ersten Tag an.«

»Unverbesserlicher Träumer!«

»Ich träume nicht, ich rede von unumstößlichen Tatsachen!«

»Tatsache ist«, dozierte ich mit einem überlegenen Lächeln, »dass kein Mensch einen anderen vom ersten Tag an liebt. Liebe ist nichts Statisches, sie wächst.«

»Vom ersten Tag an, sage ich doch. Und dann jeden Tag ein Stückchen mehr. Gib zu, dass du mich heute weit mehr liebst als an unserem ersten Tag!«

Ich lachte. »Zugegeben .«

Gregor küsste mich mit einer Leidenschaft, die mich atemlos einen Schritt zurücktreten ließ.

»In einer halben Stunde er warten Annette und Joost uns in der Brücke

»Sollen sie warten .«

»Außerdem kommt Nelli jeden Moment zum Babysitten.«

»Sie ist zweiundzwanzig und hat zweifellos längst eine Ahnung davon, was es heißt, von purer Lust übermannt zu werden.« Gregors Fingerspitzen strichen seitlich an meinem Körper entlang.

»Wie schön, dass du so denkst. Wenn Jana erst einmal zweiundzwanzig ist .«

»Jana ist meine Tochter, für sie gelten andere Gesetze!« Er umfasste meinen Nacken und zog mich zu sich heran. Zwischen unseren Körpern hatte nicht einmal mehr ein Millimeter Platz. Betörend langsam glitten seine Hände unter meine Bluse.

Das durchdringende Geräusch der Klingel riss uns unsanft aus unseren Fantasien, die uns vorausgeeilt waren. Benommen lösten wir uns voneinander. Meine Enttäuschung spiegelte sich in Gregors Gesicht wider.

»Warum muss Nelli nur immer so schrecklich pünktlich sein?«, fragte er.

»Weil du ihr, bevor wir sie eingestellt haben, unmissverständlich klargemacht hast, dass Pünktlichkeit eine der Voraussetzungen ist, um bei uns eine Dauerstellung zu bekommen.«

»Seit wann hält Nelli sich an das, was ich sage?«

»Gute Frage.« Mit einem Lachen lief ich zur Tür und öffnete unserem Hausfaktotum.

»Hi.« Der Blick, den Kornelia Karstensen, genannt Nelli, mir zuwarf, bedurfte eigentlich keiner Kommentierung, aber sie ging gerne auf Nummer Sicher. »Störe ich?« Ihr anzüglicher Tonfall hätte zweifellos die meisten Arbeitgeber dazu bewogen, eine fristlose Kündigung in Betracht zu ziehen. Gregor und mir dagegen gefiel ihre unverblümte Art.

»Und wenn?«, fragte ich.

»Dann liegt das ausschließlich an Ihrem miserablen Timing, Frau Gaspary. Meines ist wie immer perfekt.«

»Solltest du dich eines Tages wider Er warten dazu durchringen, einem anspruchsvolleren Job nachzugehen, schlage ich vor, du versuchst es mal als Selbstbewusstseinstrainerin. Ich bin sicher, darin wärst du spitzenmäßig.«

»Ich bin auch als Putzfrau und Babysitterin spitzenmäßig.«

»Spitzenmäßig unterfordert«, er widerte ich trocken und griff damit unsere Diskussion über Nellis anscheinend nicht existenten Ehrgeiz auf, was ihre Berufsausbildung betraf.

Kurz nach Janas Geburt hatte sie angefangen, dreimal in der Woche unser Haus zu putzen, den Garten zu pflegen und die Wäsche zu bügeln. Darüber hinaus passte sie auf Jana auf, wenn Gregor und ich ausgingen oder ich einen beruflichen Termin hatte. Ihre restliche Zeit verteilte sie auf zwei weitere Haushalte. Eigentlich ging es mich nichts an, was sie aus ihrem Leben machte, aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht kommentarlos dabei zusehen, wie eine intelligente junge Frau ihr Potenzial nicht ausschöpfte. Es täte mir sehr Leid, eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages auf sie verzichten zu müssen, aber ich würde alles daransetzen, dass sie eine Ausbildung machte. Noch verweigerte Nelli sich beharrlich, wenn ich das Thema anschnitt, aber wir wussten beide, dass ich nicht locker lassen würde.

»Warum können Sie sich nicht darauf beschränken, mich hübsch zu finden, wie alle anderen auch?« Den genervten Unterton schien sie speziell für dieses Thema reser viert zu haben.

O ja, sie war nicht nur hübsch, sie war eine Augenweide mit einem Gesicht, das an die junge Romy Schneider erinnerte. Außerdem hatte sie die schönsten Haare, die ich jemals gesehen hatte. Sie waren von einem satten Braun und glänzten, als sei jedes einzelne handpoliert. Ungebändigt reichten sie ihr bis weit über die Schultern. Ich holte tief Luft. »Weil nette Komplimente deinem Geist keine Nahrung geben!«

»Erstens geht es bei meinem Aussehen nicht um nette Komplimente, sondern um Tatsachen. Und außerdem: Wer sagt, dass mein Geist Hunger hat?«

»Helen sagt das«, ertönte hinter mir Gregors Stimme.

»Und sie hat Recht. Guten Abend, Nelli.«

Sie er widerte seinen Gruß mit einem knappen Nicken. »Wenn Sie mich loswerden wollen, brauchen Sie das nur zu sagen und sich nicht hinter so fadenscheinigen Argumenten zu verschanzen.«

Gregor schenkte ihr ein wissendes Lächeln. »Fragt sich nur, wer von uns dreien sich hinter etwas verschanzt.«

»Wissen Sie, was Ihr Problem ist?«, wetterte sie. »Sie haben beide eine ausgeprägte Akademiker-Macke, Jana kann einem jetzt schon Leid tun. Was, wenn sie eines Tages ihr Glück darin sehen sollte, Croupière im Spielcasino zu werden?«

»Dann werden wir dafür sorgen, dass sie die bestmögliche Ausbildung erhält«, sagte ich.

»Ach, darum geht es!« Nelli hatte blitzschnell ihr Pokerface aufgesetzt. »Sie wollen, dass ich Ihnen schwarz auf weiß dokumentiere, dass ich das Putzen an den besten Schulen gelernt habe.«

»Wir wollen, dass du etwas aus dir machst«, sagte Gregor.

»Nur weil Sie beide unerträgliche Snobs sind, soll ich mein Leben ändern?« Sie blies verächtlich Luft durch die Nase.

»Es ist uns schnurzpiepegal, warum du es änderst, Hauptsache, du tust es.«

»Schnurzpiepegal .« Nelli schien jede einzelne Silbe zu genießen. »Ist das nicht übelste Umgangssprache? Ziemt sich so etwas für einen angesehenen Anwalt?«

»Du hast mich noch nicht erlebt, wenn ich die Gegenseite attackiere.«

»Ich dachte, ich wäre die Gegenseite.« Sie drängelte sich zwischen uns hindurch und ließ im Flur geräuschvoll ihre Tasche fallen. »Haben Sie nicht gesagt, Sie seien um acht Uhr zum Essen verabredet? Jetzt ist es acht. Lernt man nicht im Rahmen der bestmöglichen Ausbildung, dass es unhöflich ist, zu spät zu kommen?« Sie hatte meinen Tonfall täuschend echt nachgeahmt.

»Geburtstagskinder haben einen Bonus«, entgegnete ich.

»Sie haben heute Geburtstag?« Ich nickte.

»Frau Gaspary .« Ihrem ungehemmten Quietschen folgte eine Umarmung, an der ich fast erstickte.

»Wann nennst du mich endlich Helen?«, fragte ich, nachdem ich wieder zu Atem gekommen war.

»Wenn ich den Umgang mit Respektspersonen hinreichend studiert habe.«

»Du meinst, wenn du Respekt gelernt hast. Da das aller Voraussicht nach nie geschehen wird, kannst du mich auch gleich Helen nennen. Und er hier«, damit klopfte ich meinem Mann, der immer noch neben mir stand, sanft auf die Schulter, »heißt Gregor.«

»Ich werd's mir überlegen. Und jetzt machen Sie beide sich bitte vom Acker, damit ich endlich in Ruhe fernsehen kann. Ich gehe mal davon aus, dass Jana schläft?«

»Tief und fest«, antworteten wir wie aus einem Munde.

»Lassen Sie sich Zeit beim Essen!«

»Denkst du dabei an unsere Mägen oder an deinen Geldbeutel?«, fragte Gregor mit einem Schmunzeln.

»Ausschließlich an meinen Geldbeutel. Sie beide sind mir schnurzpiepegal!«

»Entschuldige, Annette, dass wir dich haben warten lassen«, sagte ich zur Begrüßung, während Gregor unsere Mäntel zur Garderobe brachte.

»Kein Problem. Ich bin auch gerade erst gekommen.« Gregor und ich setzten uns ihr gegenüber.

»Alles Gute zu deinem Geburtstag, Helen! Du weißt, was ich dir wünsche .« Annettes prüfender Blick schien sich keine meiner Regungen entgehen lassen zu wollen. Sie nahm meine Hand in ihre und drückte sie fest.

»Nein. Sag es mir!«

Ihr Befremden dauerte nur Sekunden. Anstatt mir zu antworten, entschied sie sich für ein Lächeln, das meinen Einwurf als Scherz abtat, wohl wissend, dass er das nicht war.

Ich spürte meinen alten Groll hochsteigen und schluckte entschlossen gegen ihn an. Annette war eine der wenigen gewesen, die während der schwierigen Lebensphase, die hinter mir lag, zumindest versucht hatten, mich zu verstehen, obwohl es ihr häufig nicht gelungen war und auch sie Salz in meine Wunden gestreut hatte. Aber ich wollte sie nicht verprellen, deshalb gab ich mir Mühe, eine gewisse Leichtigkeit an den Tag zu legen. »Also«, begann...

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