Irrsinn

Roman
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Dezember 2011
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-07849-2 (ISBN)
 
Der Meister unserer dunkelsten Träume!
Als Billy Wiles in einer obskuren Nachricht vor die Wahl gestellt wird, welcher von zwei Menschen ermordet werden soll, hält er das für einen makabren Scherz. In Wirklichkeit ist es der Auftakt zu dem irrsinnigen Feldzug eines psychopathischen Mörders.


Dean Koontz wurde 1945 in Pennsylvania geboren und lebt heute mit seiner Frau in Kalifornien. Seine zahlreichen Romane - Thriller und Horrorromane - wurden in 38 Sprachen übersetzt und sämtlich zu internationalen Bestsellern. Weltweit wurden bislang über 400 Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft. Zuletzt bei Heyne erschienen: 'Abgrundtief'.
  • Deutsch
  • 0,56 MB
978-3-641-07849-2 (9783641078492)
3641078490 (3641078490)
weitere Ausgaben werden ermittelt
DRITTER TEIL (S. 255-256)

Wie du lebst, ist alles, was du hast

52


Schmerz und Furcht trübten die Vernunft und vernebelten alle Gedanken. Der durch sein Fleisch gebohrte Nagel entlockte Billy einen Schrei. Lähmender Schrecken verlangsamte seine Gedanken, als er merkte, dass er an den Boden geheftet war und sich in Gegenwart des Irren nicht mehr wehren konnte. Schmerzen kann man nur aushalten und besiegen, wenn man sie annimmt. Leugnet oder fürchtet man sie, nimmt man sie nur noch stärker wahr. Die beste Reaktion auf Terror ist rechtschaffener Zorn, Vertrauen auf eine höhere Gerechtigkeit und die Weigerung, sich einschüchtern zu lassen.

Diese Gedanken marschierten ihm nicht ordentlich aufgereiht durch den Kopf. Es waren Wahrheiten, die sich durch harte Erfahrungen in seinem Unterbewusstsein festgesetzt hatten, und er handelte danach, als wären es in Fleisch und Blut übergegangene Instinkte gewesen. Im Fallen hatte er den Revolver losgelassen. Den hatte der Irre offenbar nicht. Womöglich war die Waffe in Reichweite. Suchend drehte Billy den Kopf zu beiden Seiten. Mit der freien Hand tastete er auf dem Boden umher. Der Irre warf ihm etwas ins Gesicht. Billy zuckte zusammen, weil er neue Schmerzen erwartete, doch es war nur eine Fotografie. Was sie darstellte, konnte er nicht erkennen. Er schüttelte den Kopf, um sich davon zu befreien.

Das Foto glitt auf seine Brust. Einen Moment lang dachte er, der Irre würde es dort festnageln. Nein. Die Nagelpistole in den Händen, ging der Mann mit der Skimaske durch den Flur zur Küche. Ein gut gezielter Nagel. Sein Werk hier war getan. Billy musste sich ein Bild von ihm machen und es im Gedächtnis verankern. Die Körpergröße, das ungefähre Gewicht. Breite Schultern oder nicht? Schmale oder breite Hüften? Irgendetwas Auffälliges in der Art und Weise, wie er sich bewegte – tat er das geschmeidig oder nicht? Schmerz, Angst, Schlieren vor den Augen, vor allem jedoch der extreme Blickwinkel dadurch, dass Billy flach auf dem Rücken lag, sabotierten den Versuch, in den wenigen Sekunden, die der Mörder im Blick war, seine physischen Merkmale zu bestimmen.

Dann war der Mann in der Küche verschwunden. Dort ging er herum und machte Lärm. Suchte nach irgendetwas. Tat irgendetwas. Billy sah ein mattes, stählernes Glänzen auf dem dunklen Holzboden des Flurs – der Revolver. Die Waffe lag so weit hinter ihm, dass sie sich außer Reichweite befand. Als Billy draußen an der Schädelstätte gewesen war, um Lanny dem Vulkanschlot zu übergeben, hatte er seine Fähigkeit, Grauen zu empfinden, bereits erschöpft.

Jedenfalls hatte er das gedacht, bis ihm klar wurde, dass er den Nagel untersuchen musste, um festzustellen, wie fest ihn dieser am Boden fixierte. Es graute ihn davor, seine Hand zu bewegen. Die Schmerzen waren konstant, aber erträglich und nicht so schlimm, wie vorstellbar gewesen wäre. Wenn er jedoch die Hand bewegte, um den Nagel zu lockern, dann war das wahrscheinlich so, wie mit einem vereiterten Zahn ein Sahnebonbon zu kauen.

Es graute ihn nicht nur davor, die Hand zu bewegen, sondern auch davor, sie bloß anzuschauen. Obwohl er wusste, dass das Bild, das er sich davon machte, sicher schlimmer war als die Wirklichkeit, krampfte sich ihm der Magen zusammen, als er den Kopf drehte und den Blick auf die Hand richtete. Abgesehen davon, dass sie einen zusätzlichen Finger besaß, sah seine Hand in dem weißen Latexhandschuh aus wie die von Micky Maus und damit auch wie die weißen Cartoonhände an den Wänden, die den Weg nach oben zeigten, wo ihn der tote Lanny mit einem Buch seiner Mutter auf dem Schoß erwartet hatte.

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